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Analyse

Designierter US-Präsident: Die Psycho-Tricks des Donald Trump - wie er mit jedem von uns spielt

Als absoluter Außenseiter schaffte es Donald Trump, mit einem polarisierenden Wahlkampf an das mächtigste Amt der Welt zu gelangen. Die Mittel, die er einsetzte, sind fragwürdig. Experten stellen nun die Frage: Bedient sich Trump sogar psychologischer Gewalt?

Donald Trump, ein Mann mit Maske? Eine Psychologin berichtet dem stern, wie er mit der Öffentlichkeit seine Spielchen treibt

Donald Trump, ein Mann mit vielen Masken? Eine Psychologin berichtet dem stern, wie er mit der Öffentlichkeit seine Spielchen treibt

"Wenn ihr jemanden seht, der eine Tomate werfen will, könnt ihr die Scheiße aus ihm rausprügeln? Ernsthaft, prügelt ihn - ich verspreche, ich übernehme eure Anwaltskosten". Das Zitat stammt (natürlich) von Donald Trump. Dem designierten US-Präsidenten. Er rief das einst seinen Anhängern bei einer Wahlkampveranstaltung zu. Aber Trump wäre nicht Trump, wenn er später nicht gegenüber dem US-Sender ABC gesagt hätte: "Ich unterstütze keine Gewalt (…) ich habe nie gesagt, ich würde irgendwelche Kosten übernehmen."

Von kaum einem Politiker der heutigen Zeit  gibt es eine solche Fülle umstrittener Zitate - und ebenso viele Dementis. Dahinter steckt eine perfide Strategie. In seinen mittlerweile berüchtigten Twitter-Tiraden knöpft er sich gleichermaßen Megakonzerne wie Hollywood-Stars vor. Eben jeden, der es wagt, den Mann zu kritisieren, der es geschafft hat, entgegen aller Widrigkeiten das mächtigste Amt der Welt zu ergattern: er selbst.

Bei der psychologischen Analyse von Trumps Charakter wird ein Vorwurf immer wieder laut: Trump, so heißt es, ist ein typischer Narzisst. In diesem Zusammenhang kursiert in den US-Medien in den vergangenen Monaten ein weiterer Begriff, der nach Trumps Amtsübernahme dieses Jahr an Bedeutung gewinnen könnte - und den jeder nun kennen sollte: Gaslighting. Denn das, so scheint es, ist Trumps Methode, um Psycho-Spielchen mit Wählern, Bürgern, kurz: uns allen zu treiben.

Bärbel Wardetzki, Psychologin und Expertin für narzisstisches Verhalten, erklärt dem stern, "beim Gaslighting handelt es sich um eine psychologische Gewalttat bei der man die Realität von jemandem als falsch definiert und ihn dadurch so in Not bringt, dass dieser Mensch überhaupt nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist."

Missverständnisse, Überempfindlichkeit, Scherze

Eigentlich leitet sich das Wort von dem mehrfach verfilmten Theaterstück "Gas Light" aus dem Jahr 1938 ab. In dem Stück wird die Wahrnehmung einer Frau von dem Protagonisten gezielt manipuliert, indem er immer wieder eine Gaslaterne anschaltet und behauptet, dies nicht sehen zu können. Die Frau beginnt, zunehmend an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln, solange bis sie glaubt, verrückt zu werden. Setzt Trump nun eben diese Technik gezielt ein, um die Bevölkerung bewusst zu manipulieren? Im  schien es so, als würden die gängigen politischen Regeln auf ihn nicht anwendbar sein, als würde man ihm jede Entgleisung verzeihen. Er konnte fast alles behaupten, weil viele Menschen seinen Geschichten vom Einreisestopp für Muslime oder einer Verhaftung von Hillary Clinton schlichtweg glauben wollten.

Im Wahlkampf entpuppte sich Trump als wahrer Meister der bewussten Manipulation, des ewigen Vorpreschens und Dementierens. Auch deshalb hat die Fact-Checking-Webseite "Politifact" eine Liste mit 17 Statements veröffentlicht, in denen Trump etwas behauptete und es später dementierte. Die CNN-Kolumnistin Frida Ghitis sieht in diesem Verhalten ein klares Indiz für Gaslighting. "Die Technik funktioniert, Dinge zu sagen und auch danach zu handeln und diese daraufhin zu Leugnen." Auch beinhalte Gaslighting, "andere des Missverständnisses zu beschuldigen, ihre Sorgen als Überempfindlichkeit herabzuwürdigen, zu behaupten, empörende Aussagen seien Scherze oder Missverständnisse gewesen, sowie weitere Arten, die Wahrheit zu verzerren." Viele Psychologen sind der Ansicht, dass Gaslighting eine Praktik ist, die besonders gerne von Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit angewandt wird.

Trump-Biographie solle Titel "Der Soziopath" tragen

Und es gibt viele Psychologen, die solche Verhaltensmuster beim designierten US-Präsidenten zu erkennen glauben: In einem Artikel des US-Magazins Vanity Fair bezeichnete der renommierte Harvard-Psychologe Howard Gardner Trump als "ausgeprägt narzisstisch". Auch der Psychologe Alan Lipman, Professor an der Georgetown University schrieb in einem Beitrag für CNN, "ich arbeite seit über 30 Jahren mit Narzissten und habe gelernt, wie ich ein solches Verhalten erkenne und behandle. Deswegen fällt es mir nicht schwer, einige Anzeichen dafür, auch aus der Distanz, bei Donald Trump zu erkennen." Der ehemalige Ghostwriter Trumps, Tony Schwartz, der für ihn das Buch "The Art oft the Deal" schrieb, ging in einem Interview mit dem "New Yorker"vergangenes Jahr noch einen Schritt weiter: Würde er das Buch heute noch einmal schreiben, würde es den Titel "Der Soziopath" tragen, sagte er dem Magazin. Zwar ist Schwartz kein Psychologe, für seine Recherchen folgte er Trump jedoch über eineinhalb Jahre auf Schritt und Tritt.

Auch bei Trumps Verhalten in den sozialen Medien, insbesondere auf Twitter, seinem direkten Kanal zum Volk, ließen sich in der Vergangenheit narzisstische Tendenzen erkennen. Ein gutes Beispiel hierfür: Als Arnold Schwarzenegger Trumps frühere Hit-Show "The Apprentice" übernahm und mit wenig beeindruckenden Einschaltquoten aufwartete, schrieb der designierte US-Präsident auf Twitter: "Wow, die Einschaltquoten sind raus und Arnold Schwarzenegger hat es vermasselt im Vergleich zur Rating-Maschine, DJT (Donald J. Trump) (…)" Schwarzenegger ist im Übrigen ein ausgesprochener Gegner Trumps. Für Wardetzki sind die sozialen Medien auch in gewissem Maße ein "narzisstisches Spielfeld". "Trump hat natürlich diese ganze Klaviatur drauf. Er hat natürlich die ganzen Manipulationstechniken, die wir auch im Zusammenhang mit Narzissmus finden, perfekt drauf", so die Psychologin zum stern.


Willkommen im postfaktischen Zeitalter

2016 wird wohl als das Jahr in Erinnerung bleiben, indem der Populismus zu neuer Stärke gelangte. Mit einer manipulativen Rhetorik sicherten sich populistische Bewegungen den Zuspruch vieler Menschen, indem sie unabhängig von Fakten gezielt versuchten, die Emotionen und das Weltbild ihrer Unterstützer anzusprechen. Mit welchen Behauptungen dieses Ziel erreicht wird, ist eigentlich nebensächlich - Hauptsache es nützt der eigenen Agenda. Die sozialen Medien spielten dabei natürlich eine wichtige Rolle. Laut Wardetzki seien besonders Menschen für Gaslighting anfällig, die an hohen Selbstzweifeln leiden, andere würden solche Manipulationen gar nicht erst zulassen.

Handelt es sich bei den Anhängern von Trump oder den Befürwortern des Brexits um Opfer von Gaslighting? Im Zuge des Referendums in Großbritannien fuhr das "Leave"-Lager, angeführt von Nigel Farage und Boris Johnson, mit einem Bus durch das Land, auf dem stand, "wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche". Schon während der Kampagne wurde diese Behauptung mehrfach faktisch wiederlegt - doch die erfundene Zahl blieb bei den Menschen hängen. Viele Briten wollten eben auch glauben, dass die von vielen gehassten Brüsseler Politiker das eigene Land seit Jahren über den Tisch ziehen. Großbritannien verabschiedete sich aus dem Staatenverbund. Und auch die AfD hat im Zuge der Flüchtlingskrise geschickt unter Beweis gestellt, wie die Ängste ihrer Zielgruppe auszunutzen und gängige Klischees zu bedienen sind. Nicht umsonst wurde "Postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016 erkoren.

"Er hält Putin für einen starken Mann"

Durch Trumps aggressive Reaktionen auf jegliche Form von Kritik fühlt sich so mancher auch an Verhaltensmuster von Autokraten erinnert - auch die setzen bekanntermaßen auf unbedingte Loyalität und die gezielte Beeinflussung der Massen. Unwiderlegbare Fakten sind ihnen oft ein Dorn im Auge, wohl auch deshalb ist ihre Beziehung zu unabhängigen Medien überaus kritisch. Und es ist eben diese zuvor angesprochene Loyalität, die Trump auch an schätzt. Laut "Spiegel" war Putin "der erste Staatschef, der Trump Beachtung schenkte und lobende Worte für ihn fand." Sieht Trump in Putin also eine Art Vorbild? Im Spiegel-Interview mit dem Trump-Vertrauten Newt Gingrich sagte dieser zwar, er glaube dies nicht, räumte aber ein: "Er hält Putin für einen starken Mann - und so sieht er sich selbst auch." 

Auch Putin könnte man wohl zuschreiben, auf der internationalen Bühne eine Art des Gaslightings zu betreiben: Bestes Beispiel hierfür ist die Annektierung der Krim. Zu Beginn hatte Putin wiederholt abgestritten, dass es sich bei den "kleinen grünen Männchen" auf der Halbinsel um russische Soldaten handelte. Später räumte er dies jedoch ein. Auch hatte er die Präsenz russischer Truppen in der Ostukraine lange abgestritten, bis er dies Ende 2015 doch bestätigte. Die vielzitierten russischen "Troll-Farmen", die Kreml-Propaganda in sozialen Medien verbreiten, sowie die gezielte Einflussnahme auf die US-Wahlen sind zweifelsfrei Zeichen einer manipulativen Strategie. Denn wenn Populisten, auch mit der Unterstützung des Kremls, es schaffen, den Westen, die Nato, die EU zu spalten - dann profitiert vor allem einer, Wladimir Putin.

Wie es "Der Spiegel" treffend formuliert: "Wo ein Abwägen von Argumenten, eine Prüfung von Behauptungen unmöglich werden, kann sich eine Demokratie nicht mehr verständigen." Bleibt abzuwarten, wie Trump es in Zukunft halten wird, mit der Demokratie.

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