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Andreas Petzold: #DasMemo: Der Twitter-Krieger, oder: Einfach mal die Klappe halten

Donald Trump twittert auch kurz vor seiner offiziellen Ernennung zum US-Präsidenten munter weiter. Kaum ein Thema scheint ihm zu banal. Doch damit untergräbt er die Macht seines künftigen Amtes.

Von Andreas Petzold

Der künftige US-Präsident Donald Trump

Der künftige US-Präsident Donald Trump twittert zu sehr vielen Themen

Immer zwischen 13 und 14 Uhr deutscher Zeit, also zwischen sieben und acht Uhr in New York, kommt Spannung auf bei mehr als 20 Millionen Followern von @realDonaldTrump. Dann ist der Twitter-Krieger wach und geduscht und macht sich daran, die Welt an seinen erratischen Gedanken teilhaben zu lassen. Als erstes nagelt er seine Kritiker mit 140 Zeichen an die Wand, seine Fans dagegen werden mit warmen Worten geadelt. Die Welt ist eben schwarz und weiß, gut und böse. Für die richtig Guten gibt es mitunter sogar kostenlose Werbung wie zum Beispiel für einen großen US-Versandhändler, weil dessen Inhaberin, Parteifreundin Linda Lorraine Bean, großartig findet. "Buy L.L.Bean", twitterte Trump. Wer bekommt schon Gratis-PR vom angehenden Präsidenten der Vereinigten Staaten?

 

Natürlich ist es für einen Narzissten wie Trump reizvoll, seine 46-Millionen-Gemeinde auf , Facebook und Instagram zu bedienen. Und noch reizvoller ist es, die Medien, von denen er sich so oft unverstanden und gedemütigt fühlt, via Social Media in die Schranken zu weisen. Deshalb verwandelt er sich morgens in seinen eigenen Pressesprecher, mit Neigung zur infantilen Selbstbespiegelung. Vielleicht ist es das Gefühl der Unangreifbarkeit in seinem vergoldeten Übergangs-Oval-Office im Trump-Tower, hoch über den Dächern New Yorks, das Trump dazu verführt, aufwallende Emotion gleich nach dem Aufstehen in knackige Tweets zu gießen. Inzwischen jedoch sind die meistens erwartbar, mitunter unfreiwillig komisch, aber auch brandgefährlich. Nicht unbedingt für die Adressaten seiner Tweets, sondern für ihn selbst. Man möchte ihm zurufen: Einfach mal die Klappe halten! Aber da ist niemand, der ihn vor sich selber schützen kann.

Donald Trump untergräbt seine amtsgebundene Macht

Donald Trump fehlt offensichtlich das Bewusstsein dafür, dass er mit dem permanenten Twittern die Selbstverstümmelung seiner amtsgebundenen Macht betreibt. Keine Kontroverse erscheint ihm zu unbedeutend. Durch das inflationäre Kommentieren, Schelten und Ankündigen stumpft er die schärfste Waffe ab, über die ein US-Präsident verfügt – das gesprochene oder geschriebene Wort! Seine Glaubwürdigkeit, soweit sie überhaupt vorhanden ist, wird künftig auch bei seinen Unterstützern Schaden nehmen. Weil nicht jeder seiner Tweets der Wahrheit entspricht, weil er nicht alle Versprechen, die er twittert, halten kann und weil ihm die Denunziationen und Beleidigungen im 140-Zeichen-Format das politische Handeln sehr schwer machen werden. Da wird ihn noch manches auf die Füße fallen. Noch ist ihm das egal. Im Bild-Interview sagte Trump, er mache die Erfahrung, dass alles, was er über Twitter absetze, "Breaking News" sei.

Das Problem ist: Zu viele "Breaking News" schleifen sich mit der Zeit ab. Vor ein paar Wochen hatte Trump mit einem Polter-Tweet die Toyota-Aktie noch um drei Prozent abwärts geschickt. Nach seiner Ankündigung diese Woche in Bild, BMW und andere Autobauer, die von Mexiko aus Richtung exportieren wollen, mit 35 Prozent Strafzoll zu belegen, reagierten die Märkte schon deutlich gelassener. Bereits einen Tag später schwenkte die BMW-Aktie wieder auf Erholungskurs. Denn natürlich kann auch ein Trump keine isolierte "Lex BMW" erlassen, sondern müsste branchenweite Handelsschranken mühsam durch den Kongress verhandeln. Seine Partei, die Republikaner, galten immer als die Missionare des globalen Freihandels, weshalb es völlig unklar ist, wann und ob überhaupt am Ende etwas dabei heraus käme. Und einseitige Zölle könnten für Amerika schlimmstenfalls bedeuten, die Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation WTO zu verlieren.  Und dass, nebenbei bemerkt, der mexikanische Peso erst durch Trumps Tiraden dramatisch an Wert verliert, macht das Schwellenland für ausländische Produzenten erst recht attraktiv.

Schlechte Zustimmungsraten

Der ungebremste Twitter-Schwall des bizarren Neu-Politikers dürfte auch Ursache dafür sein, dass er mit der schlechtesten Zustimmungsrate aller US-Präsidenten ins Weiße Haus einziehen wird. Sie liegt bei nur noch 40 Prozent, laut einer repräsentativen Umfrage von . Obama hatte 2009 satte 84 Prozent aller Befragten im Rücken, 67 Prozent waren es bei Clintons Amtseinführung 1992. Und gleich am Morgen nach der CNN-Veröffentlichung, um elf Minuten nach acht, twitterte sich Trump seinen Frust aus dem Tower: "Dieselben Leute, die falsche Wahl-Umfragen erhoben haben, machen jetzt Zustimmungsraten. Die sind genauso manipuliert."

Die Adressaten, in diesem Fall CNN, nehmen diese Ergüsse oft nur noch zur Kenntnis. Man kennt das ja inzwischen: Mittels Twitter schwingt sich Trump zu einem Rechthaber-Ideologen auf, der andere Wahrheiten ausblendet. Souveränität und durchdachte Wortwahl werden als geschätzte politische Charakterzüge abgelöst durch Testosteron-strotzende Überlegenheitsrhetorik. Dieses Kommunikationsverhalten wird das politisch-diplomatische Geschäft des Präsidenten nicht einfacher machen. Politische Gesprächspartner gewähren einem Neuling im Weißen Haus üblicherweise einen großen Vertrauensvorschuss. Man geht davon aus, dass Vertrauliches vertraulich bleibt. Im Falle von Donald Trump könnte es dagegen sein, dass ihm vor allem ausländische Politiker mit einem Misstrauensvorschuss entgegentreten. Was nützt ein abhörsicheres Oval Office, wenn der Amtsinhaber am nächsten Morgen seine Erkenntnisse in die Welt twittert?

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