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Qumran-Rollen: Erleuchtung aus der Höhle

Ein Beduine entdeckt 1946 in den Felsen von Qumran ein paar Schriftenrollen. Sie sind 2000 Jahre alt und verändern das Wissen um die Religionen zur Zeit Jesu.

"Zu verkaufen: biblische Handschriften, die bis mindestens 200 v. Chr. zurück- datieren. Hervorragend geeignet als Schenkung einer Privatperson oder einer Gruppe an ein wissenschaftliches oder religiöses Institut. Chiffre F 206."

Diese Anzeige des "Wall Street Journal" vom 1. Juni 1954, zwischen Annoncen für Schweißgeräte und Wohnungsofferten, interessierte kaum einen Leser. Und doch ist das Angebot etwa so spektakulär, als fände man auf einem Flohmarkt die Totenmaske des Tut-ench-Amun zwischen Spitzenblusen und einer gesprungenen Suppenschüssel. Denn die zum Verkauf stehenden Schriften sind Urtexte der Bibel, geschrieben zu einer Zeit, als es das Neue Testament, wie wir es kennen, noch gar nicht gab. Geschichten, die als nicht geeignet befunden wurden und in Vergessenheit gerieten.

Entstehungszeit zwischen 200 v. Chr. und 70 n. Chr.

Aufgeschrieben wurden die Texte zwischen 200 v. Chr. und der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem im Jahr 70 unserer Zeitrechnung. In diesen Jahren gab es viele kleine und große Kulte in der Gegend um das Tote Meer. Einige verehrten die griechischen Götter. Etwa Dionysos, für den sich Frauen in Ekstase tanzten, um dann im Rausch ein Menschenopfer in kleine, blutige Stücke zu reißen. Andere glaubten an Jahwe, den Gott des Volkes Israel, der von seinen Anhängern schon mal forderte, den eigenen Sohn auf dem Opferaltar darzubringen.

Und dann war da noch ein kleiner, relativ junger Kult, der einem gewissen Jesus von Nazareth huldigte. Dieser Jesus hatte sich selbst zum Opfer auserkoren und seine Jünger angewiesen, in Erinnerung an sein Martyrium einmal in der Woche, symbolisch in Form von Wein und Brot, sein Blut zu trinken und sein Fleisch zu essen.

Die Texte, die im "Wall Street Journal" zum Verkauf standen, gehörten zur Bibliothek einer religiösen Gemeinschaft und wurden - wahrscheinlich zum Schutz vor den Römern - in einem Höhlensystem aufbewahrt. In den Wirren der Eroberungen um das Jahr 70 kamen diejenigen, die von diesen Schriftrollen wussten, ums Leben.

Schatz in Lederrollen

Fast 2000 Jahre lang hatte kein Mensch die Höhlen betreten. Bis im Winter 1946 der Beduine Muhammad adh-Dhib auf der Suche nach einer verirrten Ziege über die Felsen von Qumran kletterte und den Eingang zu einer Höhle entdeckte. Ängstlich warf er einen Stein ins Dunkel, um die Ziege aufzuscheuchen. Was er hörte, war kein verschrecktes Gemecker, sondern das Klirren zerbrechenden Tons. Der Mann hatte einen Schatz gefunden. Die uralten Lederrollen mit den kleinen Schriftzeichen würden sich zu Gold machen lassen.

Eigentlich musste jeder archäologische Fund im Rockefeller-Museum im arabischen Teil Jerusalems abgegeben werden. Doch in den Wirren von 1947, als Juden und Palästinenser um die Herrschaft im Heiligen Land kämpften, hatten die Behörden Wichtigeres zu tun. So begann die Odyssee der Schriftrollen, von Hand zu Hand, von Arabern zu Juden zu Christen zu Atheisten. Und alle schrieben über die Funde vom Toten Meer.

Brodelnde Gerüchte

Jesus stand dem Judentum viel näher als dem Christentum, sagen die einen. Er war nicht selbst der Messias, sondern nur der Jünger eines Vorgängers, sagen die anderen. Bis heute sind die Qumran-Texte nicht vollständig wissenschaftlich ausgewertet. Gerüchte brodeln, dass die Bibel neu datiert oder gar umgeschrieben werden müsse.

Angelika Franz / print