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RAF-Terrorismus: Peinliche Pannen in der Provinz

Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum Zweifel bestehen, die GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Wie sich später herausstellen sollte, waren den Fahndern in Bad Kleinen unglaubliche Pannen unterlaufen.

Die Worte passten nicht so recht zueinander: RAF, GSG 9 - Bad Kleinen. Waren die Rote Armee Fraktion und die "Grenzschutzgruppe 9" spätestens seit dem blutigen "Deutschen Herbst" 1977 ein Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993: Vor zehn Jahren starben bei einer groß angelegten Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams.

Tod auf dem Gleis

Wie sich später herausstellen sollte, waren den Fahndern in Bad Kleinen kaum glaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld. Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch kaum beachtet. Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Topterroristen vor sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet hatte. In auswegloser Situation - so die spätere Darstellung - feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich selbst eine Kugel in den Kopf.

Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern des "antifaschistischen Widerstandskampfes" blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu "Kampfmaschinen" ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien. Gestützt auch durch Angaben einer Verkäuferin vom Bahnhofskiosk, die das Geschehen verfolgt hatte. In einem Interview behauptete sie, einen polizeilichen Mord beobachtet zu haben. Zudem meldete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", ihm habe sich ein GSG-9-Beamter offenbart, der die Aktion ähnlich schilderte.

Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler, quasi als unabhängige Instanz, hinzu. Die Zürcher Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten, ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.

Eltern hielten Exekutions-Theorie aufrecht

Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen blieben ohne Erfolg.

Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt. Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen: Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren, die der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler Kritiker verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei Tage später von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) entlassen.

Beispiellose Serie von Pannen

Der eigentliche Skandal war wohl nicht Grams Tod. Beispiellos war die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten trugen bei ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere Westen noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem die Spurensicherung das Gelände "abgegrast" hatte, fanden Passanten eine Patrone.

Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht. So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem 27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.

Späte Aufklärung

Als auf dem Bahnhof in Bad Kleinen zwei Menschen starben, war der letzte Mord der RAF zwei Jahre her. Am Ostermontag des Jahres 1991 hatten die selbst ernannten Kämpfer gegen den Kapitalismus Detlev Karsten Rohwedder erschossen. Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef konnte per Gen-Analyse der Täter ermittelt werden. Der war da schon acht Jahre tot: Wolfgang Grams.

Die Pannen vor, in und nach Bad Kleinen

Der GSG 9-Einsatz in Bad Kleinen war ebenso wie die anschließenden Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet. Ein Bericht des Bundesjustiz- und des Bundesinnenministeriums für den Bundestag listete knapp zwei Monate nach dem 27. Juni 17 "Schwachstellen" auf, unter anderem:

- Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen. Diese wären während der Observation aufgefallen, dünnere Westen standen nicht zur Verfügung.

- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen" kein Notarzt - die Verletzten wurden zunächst nur von Sanitätern betreut.

- Auf Grund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams vorbei.

- Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet.

- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.

- Ein Beamter, der verletzt worden war, gab seine Waffe erst eine Woche nach der Aktion an die Ermittler.

- Bei der als äußerst gefährlich geltenden Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.

- Grams Leiche wurde entgegen den Regeln des Bundeskriminalamtes nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Mögliche Spuren an der linken Hand wurden nicht gesichert.

- Zwischen den einzelnen Ermittlungsbehörden gab es "schwerwiegende Koordinierungsdefizite".

- Bei der Unterrichtung von Bundestag und Öffentlichkeit wurden "unvollständige und teilweise unzutreffende Informationen" verbreitet. Zum Teil erfuhren die Strafverfolger von neuen Erkenntnissen aus der Zeitung.

Die Rote Armee Fraktion

Die Rote Armee Fraktion (RAF) hat die Bundesrepublik zwei Jahrzehnte lang mit Terroraktionen überzogen. Sie entstand 1970 und löste sich im Frühjahr 1998 selbst auf. Drei Namen stehen vor allem für die RAF: Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Die RAF sagte «Imperialismus und Monopolkapitalismus» den Kampf an und wollte die Gesellschaftsordnung gewaltsam zerstören. Vorläufer der RAF war die Baader-Meinhof-Gruppe, die nach der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre die Polizei in Atem hielt.

Von 1971 bis 1993 kamen mindestens 30 Menschen bei RAF-Anschlägen ums Leben. Prominenteste Opfer waren der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der Bankier Jürgen Ponto, Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (alle 1977 ermordet) sowie Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts (1986), der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, (1989) und Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder (1991).

Verzicht auf Anschläge

Nachdem 1972 der «harte Kern» der RAF mit Meinhof, Ensslin, Raspe und Holger Meins gefasst worden war, trat die Befreiung der Gesinnungsgenossen in den Vordergrund. Im April 1992 kündigte die RAF den vorläufigen Verzicht auf Anschläge gegen führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat an. Mit einem Sprengstoffanschlag auf den Neubau der Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt bei Darmstadt im März 1993 zeigte die RAF-Kommandoebene allerdings noch einmal ihre Aktionsbereitschaft. Von den gefassten RAF-Terroristen wurden bislang fast 30 wegen Beteiligung an Morden und Mordversuchen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Chris Melzer / DPA