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Serie Teil 1: Operation "Walküre"

Beinahe wäre es gelungen. Doch das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 scheitert. Viele der Verschwörer um Graf Stauffenberg haben den Krieg zunächst unterstützt - jetzt sterben sie für ihre Ehre und ihr Gewissen.

Jetzt muss es wirklich schnell gehen, er hat keine Zeit mehr. Wo ist sein Adjutant? Wo die Aktentasche? Er muss zu Hitler, eine halbe Stunde früher als geplant. Er wolle noch rasch sein Hemd wechseln, ruft er und verschwindet in einem Zimmer. Her mit der Aktentasche, darin die beiden Bomben aus Plastiksprengstoff. Er müsse es jetzt tun, hatte er einem Freund gesagt. "Für die Ehre." An diesem 20. Juli 1944 will Claus Schenk Graf von Stauffenberg Deutschland erlösen.

Es muss schnell gehen. Doch der Kriegsversehrte hat nur noch drei Finger seiner linken Hand, er kann nur noch mit dem rechten Auge sehen. Zunächst steht die Tür offen. Beim Vorbeigehen bemerkt ein Offizier, dass Stauffenberg hastig an einem Gegenstand hantiert. Doch niemand schöpft Verdacht. Schließlich war er in den vergangenen Tagen schon einmal hier in der "Wolfschanze", dem Führerhauptquartier in Ostpreußen.

"Generalstabsoffizier mit Fantasie und Verstand"

Jeder kennt den aufstrebenden Oberst. Hatte ihn nicht Hitler selbst als einen "Generalstabsoffizier mit Fantasie und Verstand" gelobt? Auch mit seiner schwarzen Stoffklappe über dem entfernten linken Auge sieht er immer noch verwegen gut aus, dieser hoch gewachsene Karriereoffizier, gerade 36 Jahre alt. Ein Muster an Charme und Tatkraft. Einer, dem man aber auch "dämonischen Machtwillen" zuschreibt. Heute Morgen wird Claus Schenk Graf von Stauffenberg die Welt erschüttern. Er wird Hitler töten.

Ist der chemische Zündmechanismus in Gang gesetzt, bleiben nur noch wenige Minuten. Er packt die Aktentasche, eilt hinaus auf den Flur. Als Claus Schenk Graf von Stauffenberg wenige Stunden später vor dem Erschießungskommando steht, der zweite von vier Männern in dieser Nacht, aufrecht, ein Muster an Haltung bis zuletzt, da ruft er etwas in die krachende Gewehrsalve. Es klingt wie: "Es lebe das heilige Deutschland."

Beinahe wäre es gelungen. Wären Millionen Menschen gerettet, der Krieg beendet worden. Doch auch dieses letzte Attentat auf Hitler scheiterte, der geplante Staatsstreich endete, bevor er begann. "Ich will, dass sie gehängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh", kreischte Hitler. Er ließ mindestens 110 Männer foltern, zum Tode verurteilen. Doch keiner brach zusammen, jeder stand zu seiner Tat. Ihre Abschiedsbriefe aus der Berliner Hinrichtungsanstalt Plötzensee sind ergreifend, voller Hoffnung und Liebe. Als sie halb nackt an Fleischerhaken gehängt wurden, lief eine Kamera. Die Filme sind verschollen.

Heute tragen in Deutschland eine Kaserne und 300 Straßen den Namen Stauffenberg. Sein Name fällt, wenn vom Widerstand gegen Hitler die Rede ist. Er liefert den Helden diverser TV-Dramen zum 60. Jahrestag in diesem Sommer. Dabei gehörte der Oberst gerade mal ein Jahr lang zum engeren Kreis der Verschwörer. Jahrelang hatte er Hitlers Vernichtungskrieg mitgeführt. Ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Ehrenmann? Ein Patriot? Kann er den Deutschen ein Vorbild sein?

Tresckow - der eigentliche Kopf der Verschwörung

Er hatte sich spät entschlossen. Stieß erst im Sommer 1943 zu den Männern, die bereits seit Jahren Attentate und Umsturz geplant hatten. Entscheidend dabei war ein preußischer Offizier mit melancholischem Blick, an den sich heute kaum jemand erinnert: Henning von Tresckow, der eigentliche Kopf der Verschwörung. Mehrmals hatte er versucht, Hitler umzubringen. Hatte Bomben gebastelt, einen Selbstmordattentäter rekrutiert und mitten im Krieg aus dem Stab einer Heeresgruppe ein Widerstandsnest gemacht. Wie Stauffenberg wusste auch er von den Massenmorden. Er zählte die Toten. Sah die Welt brennen. Und trug mit Schuld daran.

Darf man dennoch stolz sein auf die Männer des 20. Juli? "Kein Land hat viele Tage dieses Ranges", mahnt der Historiker Joachim Fest und klagt zugleich: "Der 20. Juli ist immer ein Gedenktag zweiter Klasse geblieben." Seit 50 Jahren wird dieser Tag im tristen Hof des Berliner Bendlerblocks, dem Hauptquartier der Verschwörer, zelebriert, meist pflichtschuldig, mittlerweile mit militärischem Zeremoniell. Zu runden Jahrestagen spricht der Kanzler über Zivilcourage und den "Aufstand des Gewissens". Von der Öffentlichkeit wird dieser Tag kaum wahrgenommen. Dabei bündeln die Männer des 20. Juli wie in einem Brennglas die Vergangenheit der Deutschen, die Widersprüche, die Lebenslügen. Sie gelten als selbstlose Helden ebenso wie als Mitläufer, gar Verbrecher. Sie suchten die Verantwortung, opferten ihr Leben und waren doch auch schuldig. "Wir sind subalterne Erfüllungsgehilfen, und zwar im Dienst eines Kapitalverbrechers", sagte Henning von Tresckow.

Unter den Verschwörern fanden sich feige Feldmarschälle ebenso wie junge Offiziere, die das Wissen über die Massenverbrechen nicht verdrängen wollten. Einige Nazi-Verbrecher gehörten ebenso zum 20. Juli wie brave Christen, weit gereiste Diplomaten und bodenständige Gutsbesitzer. Die meisten folgten einem Wertekodex, der heute fremd erscheint: Ehre und Eid, soldatischer Gehorsam und nationale Größe, dazu ein ausgeprägtes Elitebewusstsein. Demokratie stand nicht auf ihrem Merkzettel. Einige, wie Graf Stauffenberg, wollten eine Art Militärherrschaft. Viele wollten die so genannte Judenfrage lösen - wenn auch friedlich. Und hatten nicht auch sie Hitler als Retter Deutschlands begrüßt? Wollten nicht auch sie die Niederlage des Ersten Weltkrieges rückgängig machen und Deutschland zu neuer Größe führen? So gleicht der 20. Juli 1944 einem Lehrstück deutscher Geschichte - einem Lehrstück über Schuld und Sühne.

Kanonenfutter für die Front

An diesem 20. Juli 1944 startet gegen acht Uhr morgens ein Flugzeug vom Berliner Flugplatz Rangsdorf. An Bord zwei Offiziere: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 36, und sein Adjutant Werner von Haeften, 35. Schon wieder muss der Oberst zum "Führer", sein vierter Besuch innerhalb weniger Tage. Es geht um Neuaufstellungen an der Ostfront. Natürlich weiß auch Stauffenberg, was alle wissen: Dieser Krieg ist verloren. Im Westen rücken die Alliierten vor, im Osten steht die Rote Armee an der Reichsgrenze. Als Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres ist Stauffenberg nicht unmittelbar an den Kampfhandlungen beteiligt. Aber er ist zuständig für die Bereitstellung so genannter Ersatzdivisionen. Er muss junge Männer heranschaffen, Kanonenfutter für die Front im Osten. Dort beträgt die durchschnittliche Überlebensdauer eines Rekruten zurzeit 9,6 Monate. Außerdem ist Stauffenberg einer der verantwortlichen Offiziere für die Operation "Walküre". Mit dieser "Geheimen Kommandosache" wollen die Nazis "innere Unruhen" oder gar Aufstände von Zwangsarbeitern im deutschen Reich niederschlagen. Das soll mit Hilfe des Ersatzheeres geschehen, mit all den Wehrpflichtigen, die noch nicht an der Front sind. An der Ausarbeitung von "Walküre" ist vor allem General Friedrich Olbricht beteiligt, der Chef des Allgemeinen Heeresamtes, ein zurückhaltender Mann mit Nickelbrille.

Doch genau diesen Plan "Walküre" haben Stauffenberg, General Olbricht und andere ranghohe Militärs in monatelanger Konspiration in eine Gebrauchsanleitung für einen Staatsstreich umgearbeitet. Eine geniale Idee: Unter dem Vorwand, eine "gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer" habe den Führer ermordet, wollen die Verschwörer das Kommando über die Schaltstellen der Macht übernehmen. Die Kommandeure in den 21 Wehrkreisen, so ihr Kalkül, würden ja den "Walküre"-Befehlen gehorchen. Nur die wenigsten unter ihnen wüssten, dass diese Befehle manipuliert seien. So würde der Putsch quasi per Dienstweg verordnet. Doch der Tod Hitlers ist unbedingte Voraussetzung für den Erfolg der Operation "Walküre". Stauffenberg ist einer der wenigen Verschwörer, die Zugang zu Hitler haben. Vor allem aber ist er entschlossen genug, das Attentat auszuführen. Schon seit zwei Wochen schleppt er Sprengstoff in seiner Aktentasche mit sich herum.

Gegen 10.15 Uhr landet die Maschine auf dem kleinen Flugplatz nahe Rastenburg. Hier in Ostpreußen steht die "Wolfschanze", eines von Hitlers monströsen Hauptquartieren. Mitten im Wald liegen die gigantischen Bunkeranlagen, zum Teil noch im Bau, bewacht von einem Sonderbataillon. Ein Wagen wartet, Stauffenberg passiert die westliche Wache, steigt aus im Sperrkreis II. Schon wieder muss er zu Hitler. Wie sehr Stauffenberg ihn hasst, diesen Emporkömmling, diesen Verbrecher. Wie sehr er an ihn geglaubt hat.

Einsturz der braven Adelswelt

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird am 15. November 1907 in den württembergischen Dienstadel geboren. Sein Vater betätigt sich als Oberhofmarschall, seine Mutter ist Hofdame bei der Königin. Drei Söhne, mit langen, blonden Locken, nett herausgeputzt. Ausritte, Teegesellschaften, man parliert Französisch, Claus spielt Cello. Der Erste Weltkrieg bleibt zunächst ein fernes Grollen. Mit der Niederlage aber und der Revolution von 1918 stürzt die brave Adelswelt ein. Die neue Regierung sei ein "Lumpenpack", erklärt der Vater. In Claus' Gymnasium hisst man weiterhin die Flagge zum Jahrestag der Reichsgründung 1871, nicht zur Gründung der Weimarer Republik 1918.

Es sind die Jahre des politischen Chaos und der wirtschaftlichen Katastrophen, es herrscht das "Diktat des Versailler Friedens". Millionen Männer sind von den Schlachtfeldern nach Hause gekommen, gleichgültig gegenüber dem Tod. Viele von ihnen suchen einen neuen Krieg, als Revanche, als letzte Verheißung. Und niemand versteht es, die Wiederherstellung der angeblichen Ehre und Größe der deutschen Nation so fanatisch zu beschwören wie der Postkartenmaler Adolf Hitler. Er wolle sich dem "erhabenen Kampf für das Volk opfern", schreibt Claus 1923 in seinem Schulaufsatz zum Thema: "Was willst du werden?" Als Architekt werde er jeden Bau zu einem "Tempel" machen, "der dem deutschen Volk geweiht" sei.

Wie seine Brüder gehört auch der 16-Jährige zum pseudo-elitären Kreis um den rheinischen Dichter Stefan George und glaubt dessen schwülstigem Gerede vom "geheimen Deutschland": Das deutsche Volk werde bald erwachen. Im Krieg werde es seine "Vergöttlichung" erhalten. Alle anderen Völker seien dann nur noch Völker zweiten Grades. Diesem zweifelhaften Weltbild seines Idols wird sich Stauffenberg verpflichtet fühlen - 1944, als er das "heilige Deutschland" retten will.

Er tritt in die Reichswehr der von ihm so verpönten Republik ein. Der junge Rittmeister gibt sich lässig, seine Zensuren sind nicht die besten. Im Hörsaal aber brilliert "Stauff", er ist temperamentvoll und selbstbewusst. Markige Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, blaue Augen. Einer wie er zitiert die "Ilias" - natürlich im griechischen Original. Außerdem küsst er den Damen korrekt die Hand. Er tanzt so gut, kichern die Mädchen. Sieht so gut aus mit dem gewellten Haar und dem Grübchen im Kinn. Als der aufstrebende Oberleutnant 1933 die 20-jährige Nina Freiin von Lerchenfeld heiratet, trägt er Uniform und Stahlhelm und erklärt: "Hochzeit ist Dienst." Die Hochzeitsreise geht nach Rom, zu einer Ausstellung zu Ehren Mussolinis zehnjähriger Regierung. Bald kommt der erste Sohn.

Er will Hitler als Reichskanzler

Die Nazis erobern die Macht. Schon vor 1933 ist Stauffenberg ein Anhänger der NS-Bewegung. Er will Hitler als Reichskanzler, begrüßt das Führerprinzip, die Idee der "gesunden Volksgemeinschaft", den Rassegedanken. Er befürwortet zunächst auch eine gewaltlose Lösung der "Judenfrage". Dieser Adolf Hitler ist für den jungen Grafen ein "Kleinbürger", schreibt Stauffenbergs Biograf Peter Hoffmann. Innerlich könne er dessen Untertan niemals sein, sagt Stauffenberg. Auch verachtet er den Nazi-Pöbel, der jetzt überall Karriere macht. Einmal steht er während einer Hetzrede des Nürnberger Gauleiters Julius Streicher auf und verlässt den voll besetzten Saal - für alle sichtbar durch den Mittelgang. Noch im Frühjahr 1939 - als alle Zeichen auf Weltkrieg stehen - behauptet er voll militärischem Dünkel: Im "völkischen Entscheidungskampf um Sein oder Nichtsein der Nation" werde dem Soldatentum die Verantwortung zufallen. Stauffenberg ist aufgestiegen in Hitlers hochgerüstetem Deutschland. Er hat an der Kriegsakademie in Berlin studiert, hat ein Dolmetscherdiplom in Englisch gemacht. Die Familie lebt am Wannsee. Das Leben meint es gut mit ihm. So wie es das Leben zunächst gut meint mit einem Offizier im benachbarten Potsdam.

Henning Hermann Robert Karl von Tresckow, geboren am 10. Januar 1901, entstammt preußischem Gutsadel. In der Neumark östlich der Oder lebt man bescheiden und gläubig, den Autoritäten gegenüber gehorsam, den Untergebenen verpflichtet. Henning von Tresckow ist 17-jähriger Leutnant, als der Erste Weltkrieg endet. Auch er empfindet den Frieden von Versailles als nationale Demütigung. Er studiert Jura, arbeitet in einer Berliner Bank. Mit einem Freund reist er um die Welt. 1926 wird er Berufsoffizier. Damit wird man nicht reich, aber es sichert der Familie ein regelmäßiges Einkommen. Auch Tresckow glaubt Hitlers nationalen Heilsversprechen. "Wenn du feurig bist, wählst du Hitler", will er 1932 eine Verwandte überzeugen.

Er ist verheiratet, hat vier Kinder. Bis heute erinnert sich seine Tochter Uta an seine starken, schönen Hände: "Er duftete nach englischer Seife." Jeden Sonntag geht es in Uniform zur Kirche, an den Feiertagen zur Parade auf dem Potsdamer Lustgarten, wo die Fahnen wehen. "Der Heilige" lautet sein Spitzname an der Kriegsakademie. Tresckow gilt als "ausgesprochene Führerpersönlichkeit". Doch im Sommer 1937 wacht der begabte Generalstabsoffizier auf aus seinem nationalen Traum. Da arbeitet er an "Plan Grün" - dem Angriff auf die Tschechoslowakei. Kurz überlegt er, die Armee zu verlassen. Doch jetzt schwirren Putschgerüchte. Ein erstes - und einziges - Mal wird sich in den folgenden Monaten die Heeresführung gegen Hitler verschwören. Sie wird scheitern.

"Der Narr macht Krieg"

Am 16. Juli 1939 offenbart sich Henning von Tresckow seinem Vetter, dem Juristen Fabian von Schlabrendorff. Tresckow arbeitet an "Plan Weiß", dem Angriff auf Polen. Ein Weltkrieg stehe bevor, fürchtet er. Man habe Hitler, "und zwar durch Tod", zu Fall zu bringen. Als leitender Offizier, so genannter "1a" der 228. Infanterie-Division, marschiert Henning von Tresckow am 1. September 1939 über die Grenzen Polens. Erhält nach einem Monat das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Dann wird er bei der Planung des Panzervormarsches nach Frankreich eingesetzt. Der Krieg muss zunächst gewonnen werden, erst dann könne man Hitler stürzen, glaubt Tresckow, der sich als Offizier verpflichtet fühlt, dem Vaterland zu dienen. "Der Narr macht Krieg", hat im Mai 1939 beiläufig der selbstbewusste Graf Stauffenberg erklärt. Dann marschiert auch er in Polen ein. Schreibt an seine Frau: "Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich sicher nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam."

Gegen den sofort beginnenden Massenmord der Einsatzgruppen von SS und Polizei an Polen und polnischen Juden protestieren nur wenige. Stauffenberg gehört nicht dazu. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt verfiel das Recht auf Irrtum über den Charakter des Regimes", schreibt Joachim Fest. "Doch Stauffenberg hatte keine Wahl", meint der Historiker Peter Hoffmann. "Offiziere wie er konnten nicht nach Belieben zurücktreten, wenn die bessere Einsicht mit dem Berufsethos in Konflikt geriet. Stauffenberg lehnte Hitlers Kriegspolitik ab. Doch zugleich liebte er seinen Beruf. Er vertraute darauf, dass die Heerführer protestieren würden. Denn ohne deren Zustimmung konnte Hitler keinen Krieg führen. Stauffenberg selbst konnte zunächst nicht mehr tun, als ihnen ungebetene Ratschläge zu erteilen."

Als Logistikoffizier nimmt der Hauptmann eine Schlüsselstellung während der Frankreich-Invasion ein. Der so genannte "1b" verantwortet den Nachschub seiner 10. Division an Treibstoff und Munition. Man reißt sich um ihn, er gilt als Organisationsgenie. Ein Teilnehmer erinnert sich an Stauffenbergs Abendbesprechungen: Der Hauptmann reißt Witze, erteilt Befehle quasi nebenbei, die linke Hand in der Hosentasche, in der rechten das Weinglas. Manchmal zitiert er George-Gedichte. Einigen erscheint er als "Liebling der Götter".

Bei einem Treffen in Paris berichtet ihm sein dort stationierter Vetter Cäsar von Hofacker: "Morgen werden wieder 100 Geiseln erschossen und 1500 Juden nach Osten transportiert. Es ist zum Verzweifeln." Über solche Verbrechen empört sich Claus von Stauffenberg. Doch der Krieg muss gewonnen werden, meint er. In jenen Tagen schreibt Stauffenberg seiner Frau: "Wenn wir unseren Kindern beibringen, dass nur der dauernde Kampf vor dem Untergang rettet, dann haben wir den größten Teil unserer nationalen Erziehungspflicht geleistet."

"Kein Krieg im 'normalen' Sinne"

Er macht seine Sache so gut, dass er noch im Mai 1940 in den Generalstab des Heeres versetzt wird. In der dortigen 2. Abteilung soll er "Organisation im Frieden" und die "Kriegsspitzengliederung" übernehmen. Zudem soll er die Zuständigkeiten zwischen Heerestruppen, Polizei und SS-Verbänden strukturieren und sich um die Aufstellung von Freiwilligen-Divisionen aus eroberten Gebieten kümmern. Und er arbeitet an der Nachschubplanung für ein geheimes Unternehmen: "Barbarossa". Die endlos weite Sowjetunion soll mit einem hochmobilen Angriffskrieg besiegt werden. Hitler verkündet der Wehrmacht: Dieser Krieg ist kein Krieg im "normalen" Sinne. Dieser Krieg zielt auf totale Ausbeutung und massenhafte Vernichtung. Nach drei Monaten, so die Planung, soll alles vorbei sein. Am 22. Juni 1941 um 3.15 Uhr beginnt der Überfall mit 3,3 Millionen Soldaten. Am Ende des "Unternehmens Barbarossa" werden 27 Millionen Sowjetbürger tot sein.

Von Anfang an sind die Stäbe der zwölf Armeen und der drei Heeresgruppen in das Vernichtungsprogramm integriert. Das Heer hat die Befehlsgewalt über die so genannten Rückwärtigen Heeresgebiete hinter der Ostfront. Hier liegen die Kriegsgefangenenlager, in denen Millionen elend verrecken. Hier werden echte und vermeintliche Partisanen bekämpft, ganze Landstriche von Menschen "gesäubert", Dörfer geplündert, Städte ausradiert, so genannte tote Zonen geschaffen, in denen niemand mehr lebt. Hier ermorden die Einsatzgruppen von SS und Polizei Hunderttausende von Juden - mit Unterstützung der Wehrmacht. Hier kann niemand mehr wegsehen.

Noch vor Kriegsbeginn hatte Hitler zwei Befehle erteilt: Aufgrund des "Kriegsgerichtsbarkeitserlasses" ist allein der Befehlshaber vor Ort für die Behandlung von Zivilisten verantwortlich. Ein Freibrief für den Terror: Militärgerichte können jetzt nicht mehr angerufen werden. Und dem "Kommissarbefehl" zufolge ist jeder angebliche "politische Kommissar" der Roten Armee "sofort mit der Waffe zu erledigen".

Oberstleutnant Henning von Tresckow ist zu dieser Zeit leitender Offizier im Generalstab der Heeresgruppe Mitte. Im wichtigsten Frontabschnitt untersteht ihm als "1a" die Führungsabteilung, damit die operative Kriegsführung für 1,3 Millionen Mann. Als er vom Kriegsgerichtsbarkeitserlass erfährt, bestürmt er seinen oberkommandierenden Feldmarschall von Bock. Der soll Hitler überzeugen, den Befehl zurückzunehmen, oder den Gehorsam aufkündigen. "Sonst wird dem deutschen Volk eine Schuld aufgeladen, die die Welt uns in Hunderten von Jahren nicht vergessen wird", sagt er einem Vertrauten. "Diese Schuld betrifft nicht nur Hitler, Himmler, Göring und Genossen, sondern ebenso Sie und mich, Ihre Frau und meine Frau, Ihre Kinder und meine Kinder."

"Preußische Feldmarschälle meutern nicht"

Der Feldmarschall geht nicht zu Hitler. Er lässt einen halbherzigen Protest übermitteln. Dabei bleibt es. So wird es Tresckow und Stauffenberg später mit allen aktiven Generälen und Feldmarschällen ergehen, die sie um Unterstützung anflehen. Der berühmte Panzergeneral Erich von Manstein etwa, Chef der Heeresgruppe Süd, will von den Massakern in der ihm unterstellten Ukraine zunächst angeblich nichts wissen. Als man ihn bittet, sich den Verschwörern anzuschließen, brüllt er: "Preußische Feldmarschälle meutern nicht." Und doch: Mitten im Krieg gelingt es Henning von Tresckow, den Stab der Heeresgruppe Mitte beim weißrussischen Borissow in ein Widerstandsnest zu verwandeln.

Er lässt sich seinen Vetter Fabian von Schlabrendorff überstellen. Der hält Kontakte zu Hitler-Gegnern in Berlin. Er gewinnt den Rittmeister Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff. Als "Feindlagenoffizier", genannt "1c", ist der Rittmeister zuständig für Informationen aus der Abwehr sowie für die Zusammenarbeit mit der Einsatzgruppe B der SS unter zeitweiliger Leitung des Reichskriminalpolizeichefs Arthur Nebe. Ab Sommer 1941 legt der seine wöchentlichen Berichte über Erschießungen auch Gersdorff vor. Bis Ende September ermordet allein die Einsatzgruppe B 30 094 sowjetische Juden. Tresckow pflegt ein freundliches Verhältnis zu Nebe - vielleicht, weil er ihn beim geplanten Umsturz nicht als Gegner haben will. Nebe wird am 2. März 1945 hingerichtet.

Anfang Dezember 1941 kehrt Gersdorff von einer Frontreise zurück. Im Kriegstagebuch der Heeresgruppe Mitte gibt er unter "Punkt III: Geistige Betreuung" zu Protokoll: "Bei allen längeren Gesprächen mit Offizieren wurde ich nach den Judenerschießungen gefragt. Sie werden fast allgemein abgelehnt. Die Erschießungen werden als Verletzung der Ehre der Deutschen Armee, in Sonderheit des Deutschen Offizierskorps betrachtet. Es ist hierzu festzustellen, dass die vorhandenen Tatsachen in vollem Umfang bekannt geworden sind." Solche Beobachtungen in einem offiziellen Dokument festzuhalten, konnte als Verrat ausgelegt werden.

In der Apokalypse versieht Tresckow sein militärisches Tagewerk. Er sieht die verhungernden Menschen. Wird Zeuge, wie Wachoffiziere wahllos Kriegsgefangene erschießen. Sieht die "Judenzüge" rollen. Als leitender Offizier weiß er natürlich auch von den als "Partisanenbekämpfung" nur notdürftig getarnten Mordaktionen, bei denen Tausende als "Banditenhelfer" erschossen werden. Ab 1942 ist er selbst für die Planung der Partisanenbekämpfung zuständig. Später muss er auch die Jagd auf Zwangsarbeiter organisieren. Dabei geht es auch um "Erfassung von 10- bis 13-jährigen" Kindern als Sklavenarbeiter für das Reich. Einmal unterstreicht jemand in seinem Stab mit dickem Stift einen dieser Berichte. Vielleicht ist es Tresckow selbst, der das große Fragezeichen daneben setzt: "2074 Banditen, 7344 Banditenhelfer und 3300 Juden erschossen", heißt es in der Meldung vom 1. März 1943 über einen Einsatz von Polizei mit Wehrmachtsunterstützung südlich der Stadt Sluzk. Zwei dicke Striche und ein großes Fragezeichen - als ob er zeigen wollte, er habe verstanden.

Wie schuldig machte sich Henning von Tresckow? "Ohne die Mitwirkung der Wehrmacht wäre der Völkermord im Osten niemals in dieser Form möglich gewesen", so der Münchner Historiker Christian Hartmann. "Einige dieser Männer hatten Massenverbrechen mit zu verantworten", sagt der Berliner Historiker Christian Gerlach. "Zugleich wollten sie Hitler töten und waren bereit, dafür zu sterben. Daher bleibt ihr politischer Verdienst zwar bestehen. Dennoch fällt es schwer, diese Gruppe als moralisches Vorbild zu akzeptieren."

Tresckows aberwitziges Doppelleben

Tresckow lebt ein aberwitziges Doppelleben: Tagsüber führt er die Befehle des Führers aus, nach 23 Uhr konspiriert er in der Baracke der 1a-Staffel. Etwa 15 Offiziere gehören dazu. Man berichtet von abgehörten Feindsendern, informiert über die Lage in Berlin. Manchmal schießt Tresckow mit der Pistole in die Wand. So will er Abhörgeräte ausschalten. Einmal lernt er einen gewissen Stauffenberg kennen. Der ist auf der Durchreise in die Ukraine. Ein Anti-Nazi, merkt sich Tresckow. Morgens reitet er über die Flusswiesen. Den Briefen an seine Frau legt er getrocknete Blumen bei. "Wir sind doch eigentlich keine Verbrecher", sagt er einmal. Heimlich macht er Schussversuche durch zusammengerollte Landkarten hindurch. Deren Schalldämpfung reiche aus, einen Menschen unauffällig zu töten, meint er. Im Sommer 1942 bittet er Gersdorff, bei einer Pionier-Einheit Sprengstoff und möglichst geräuschlose Zünder zu beschaffen. In den folgenden Monaten unternimmt Tresckow Hunderte Versuche in den Dnjepr-Wiesen. Er bevorzugt erbeuteten englischen Plastiksprengstoff mit englischen Säurezündern. Allerdings reagieren sie auf unterschiedliche Temperaturen. Tresckow führt eine Kladde mit genauen Temperatur- und Zeitangaben. Am besten klappt es mit den englischen Haftminen vom Typ "Clam", Muschel.

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Im Sommer 1942 offenbart sich General Friedrich Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes. Seit dem kläglich gescheiterten Putschversuch im September 1938 sympathisiert er mit den Gegnern Hitlers. Der zurückhaltende Mann will seine Schaltstelle in Berlin nutzen, um die Planung eines Staatsstreiches zu übernehmen. In der Nacht zum 21. Juli 1944 steht Friedrich Olbricht gefasst vor dem Exekutionskommando im Hof des Bendlerblocks. Er stirbt als Erster.

Im Laufe des Jahres 1942 gelingt es Tresckow, ein konspiratives Netz bis Berlin zu knüpfen. Er gewinnt Offiziere und Zivilisten, oft sind es Bekannte, Freunde, Verwandte, insgesamt mehrere Dutzend. Generaloberst a. D. Ludwig Beck gehört dazu, Generalmajor Hans Oster mit seinen Männern in der Abwehr, der ehemalige Leipziger Bürgermeister Carl Goerdeler und Mitglieder des oppositionellen Kreisauer Kreises wie Helmuth von Moltke und Adam von Trott zu Solz.

Bis März 1943 will Olbricht die Planungen abgeschlossen haben. Und Tresckow hat die Bombe. Ein kleines Päckchen, zwei Haftminen, geformt wie zwei Flaschen und gut verschnürt. Am frühen Morgen des 13. März 1943 legt Hitler auf einem Flug vom Führerhauptquartier "Wehrwolf" im ukrainischen Winniza einen Stopp in Smolensk ein, um die Heeresgruppe Mitte zu besuchen. Sein gewaltiger Stab und die SS-Begleitmannschaften sind dabei. Er will sich zeigen. Nach der Niederlage der 6. Armee in Stalingrad ist die Stimmung in der Truppe schlecht. Hitler bleibt zum Mittagessen, kaut lustlos an Gemüse, das vor seinen Augen von seinem Arzt vorgekostet wird. Tresckow fragt Hitlers Begleiter Heinz Brandt, ob er zwei Flaschen Cognac mitnehmen könne. Eine Wettschuld. Das Päckchen wird am Flugplatz übergeben. Der Säurezünder ist auf 30 Minuten eingestellt.

"Initialzündung in Gang gesetzt"

Hitler steigt ein, seine viermotorige "Führer-Condor" hebt ab, begleitet von Jagdflugzeugen. In Berlin werden die Verschwörer informiert: "Initialzündung in Gang gesetzt", lautet das Codewort. Nach zwei endlosen Stunden funkt das Führerhauptquartier: Hitler ist sicher gelandet. Tresckow bittet per Telefon, das Päckchen noch nicht auszuhändigen: "Eine Verwechslung", sagt er kaltblütig. Am nächsten Tag lässt er es gegen echte Flaschen austauschen. Offenbar war der kälteempfindliche Sprengstoff im Gepäckraum des Flugzeuges nicht detoniert.

Nur wenige Tage später ergibt sich eine zweite Chance. Zum Heldengedenktag am 21. März will Hitler im Berliner Zeughaus erbeutete Waffen besichtigen. Zufällig wird die Ausstellung von der Heeresgruppe Mitte ausgerichtet, und Rudolf-Christoph von Gersdorff soll teilnehmen. Tresckow bittet seinen Offizier um ein Selbstmordattentat: Er soll sich mit Hitler zusammen in die Luft sprengen. "Die Welt muss von dem größten Verbrecher aller Zeiten befreit werden", überzeugt Tresckow ihn während eines langen Spaziergangs. Gersdorff fühlt sich wie ein "Verurteilter vor der Hinrichtung". Doch er sagt zu.

Als Hitler an diesem Morgen des 21. März seinen Rundgang beginnt, hält sich Gersdorff dicht neben ihm. Er hebt den rechten Arm zum Führergruß. Mit der linken Hand zerdrückt er den Säurezünder der Haftmine in seiner Manteltasche. In etwa zehn Minuten muss alles vorbei sein. Doch schon nach zwei Minuten hastet Hitler zum Seitenausgang. Gersdorff schafft es gerade noch auf eine Toilette. Er reißt den Zünder heraus. Rudolf-Christoph von Gersdorff wird auch den 20. Juli überleben. Die Gestapo kommt ihm nicht auf die Spur. Er gerät in US-Kriegsgefangenschaft. Als die deutschen Lagerinsassen erfahren, dass er Hitler töten wollte, drohen sie, "den Verräter" umzubringen. Später wird er Zeuge und Sachverständiger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Er bittet um Wiederverwendung in der Bundeswehr - vergebens. Er züchtet Pferde, träumt von Preußen. Rudolf-Christoph von Gersdorff stirbt im Alter von 74 Jahren.

Im Sommer 1943 erhält Tresckow zwei Monate Heimaturlaub. Endlich ist er in Berlin. Fieberhaft organisiert er das nächste Attentat. Denn jetzt, im späten Sommer 1943, kommt ein junger, "feuriger" Oberst zu den konspirativen Treffen gehastet. Dieser Claus von Stauffenberg brennt regelrecht darauf, Hitler zu töten. Zunächst hatte auch er geglaubt, die Wehrmacht könne die Sowjetunion erobern. Sie werde dann das "Gesetz des Handelns" an sich reißen, werde mit Hitlers "brauner Pest" aufräumen. Doch als Nachschubplaner kennt er den erbärmlichen Zustand der deutschen Truppen genau. "Für Männer wie Stauffenberg stand die Erhaltung der Armee und die Abwendung einer vernichtenden Niederlage im Mittelpunkt ihrer Erwägungen", sagt der Historiker Hans Mommsen.

"Alles sammeln, was die SS belastet"

Doch Stauffenberg kennt auch die Berichte der SS-Einsatzgruppen und der Polizei. Im Mai 1942 haben ihm befreundete Offiziere berichtet, wie sie Augenzeugen einer Massenerschießung von Juden in einem ukrainischen Ort wurden. Er solle "alles sammeln, was die SS belastet", bittet er einen Reserveleutnant. Im September 1942 sagt er ungeschützt während einer Dienstbesprechung in Berlin: "Hitler ist der eigentlich Verantwortliche; eine grundsätzliche Änderung ist nur möglich, wenn er beseitigt wird. Ich bin bereit, es zu tun." Entsetzt informiert ein Zuhörer seine Vorgesetzten - doch die Meldung versickert in der militärischen Hierarchie.

Stauffenberg kommt an die Front. Im April 1943 wird er in Tunesien schwer verwundet. Man amputiert ihm die rechte Hand und zwei Finger der linken, entfernt das linke Auge. Wochenlang liegt er im Reservelazarett München I. Er bindet seine Schuhe mit den Zähnen zu. Er zitiert Verse griechischer Freiheitsdichter, diskutiert mit Freunden. Nach seiner Genesung tritt er einen Posten im Stab des Heeresamtes an. Immer wieder sagt er: "Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt etwas tun muss, um das Reich zu retten." Er spiele wohl "Verschwörerles", fürchtet seine Frau Nina.

"Es gibt nur eine Lösung", sagt er. "Sie heißt: Töten." Über Freunde stößt er in Berlin auf Henning von Tresckow, lernt die Mitglieder des Kreisauer Kreises kennen. Begeistert arbeitet er mit Tresckow an den "Walküre"-Befehlen. Doch die endlosen Debatten über eine Nachkriegsordnung nerven ihn. Er drängt, er überzeugt mehrere junge Offiziere, ein Selbstmordattentat zu wagen. Doch alle Versuche scheitern. So geht es über Monate. Am 1. Juli 1944 wird Stauffenberg Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres. Jetzt hat er endlich Zugang zu Hitler!

Alles läuft nach Plan

Um 10.30 Uhr an diesem strahlenden Sommermorgen des 20. Juli 1944 befindet sich Stauffenberg im Sperrkreis II der "Wolfschanze". Es gibt Frühstück im Freien, Eier werden serviert. Man plaudert, schlendert hinüber in den Sperrkreis I. Die Aktentasche ist bei seinem Adjutanten. Darin zwei Päckchen Sprengstoff vom Typ "Plastit W". Es sind insgesamt 1950 Gramm, eine deutsche Nachbildung englischen Sprengstoffs. Alles läuft nach Plan.

Hitlers "Mittagslage" ist auf 13 Uhr angesetzt. Wie immer soll sie in der "Lagebaracke" im "Führersperrkreis" stattfinden. Kurz vor 13 Uhr will Stauffenberg die chemischen Zünder aktivieren. Die Säure wird zwei Drähte zerfressen. Dann wird es ungefähr zehn bis 15 Minuten dauern, bis die Bomben hochgehen. Doch dann wird die "Mittagslage" eine halbe Stunde vorverlegt. Der Duce reist an in seinem gepanzerten Zug. Hitler will Benito Mussolini nicht warten lassen. Es ist kurz vor 12.30 Uhr. Jetzt bleibt keine Zeit mehr. Stauffenberg verlangt nach seinem Adjutanten und zieht sich unter dem Vorwand zurück, er müsse sein Hemd wechseln. Man mahnt zur Eile. Stauffenberg gelingt es nicht mehr, den Zündmechanismus der zweiten Bombe zu aktivieren. Er lässt das Päckchen zurück. Dann eilt er die 400 Meter hinüber zur Lagebaracke.

Er kommt, wie beabsichtigt, etwas zu spät. Wortlos reicht er Hitler seine Hand. Die Aktentasche schiebt er unter den rechten Tischsockel neben Hitler. Dann verlässt er den Raum. Er müsse telefonieren. Hitler beugt sich weit über die auf dem Tisch liegenden Karten, die Frontverläufe, Linien in Rot und Blau, Symbole für Millionen Tote. Im Adjutanturgebäude wartet der Mitverschwörer General Erich Fellgiebel: Der Chef der "Wehrmacht-Nachrichtenverbindungen" will den Erfolg nach Berlin melden und eine Nachrichtensperre verhängen. Dort, im Heeresamt im Bendlerblock, wollen andere Verschwörer unter General Olbricht dann "Walküre"-Alarm auslösen. So soll der Staatsstreich beginnen.

Verrußte Gestalten taumeln aus der Lagebaracke

Um 12.42 Uhr detoniert die Bombe. Stauffenberg steht draußen, gerade ist sein Wagen gekommen, er zuckt heftig zusammen. Er sieht verrußte Gestalten aus der Lagebaracke taumeln, fährt sofort ab, schafft es durch die Sperren an den Kontrollposten. Er sei zum Mittagessen verabredet, sagt er eiskalt. Als er an der südlichen Wache gestoppt wird, verschafft er sich mit einem tollkühnen Anruf in der Kommandantur Weiterfahrt - ein Zufall, dass ihn der wachhabende Offizier kennt und passieren lässt.

Auf dem Flughafen wartet eine Sondermaschine vom Typ "He 111". Die hat ihm Eduard Wagner zur Verfügung gestellt. Als Generalquartiermeister verantwortet Wagner den Tod Millionen sowjetischer Kriegsgefangener. Jetzt unterstützt er Stauffenberg - denn er hat fürchterliche Angst vor der Roten Armee. Am 23. Juli 1944 wird sich Wagner erschießen.

Die Maschine startet sofort. Gegen 16.30 Uhr hastet Stauffenberg die Stufen im Berliner Bendlerblock hinauf. Er ist sicher, Hitler ist tot.

Katja Gloger / print