Sowjetunion Der Irrtum des Michail Gorbatschow


Als Michail Gorbatschow am 11. März 1985 als Erneuerer im Kreml Platz nahm, feierte man das Ende der "sowjetischen Gerontokratie". Die Operation an dem siechen Patienten nahm jedoch einen unerwarteten Ausgang.

Als Michail Gorbatschow am 11. März 1985 zum mächtigsten Mann der Sowjetunion aufstieg, war das Aufsehen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs groß: Das greise Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hatte sein mit 54 Jahren jüngstes Mitglied zum Generalsekretär gewählt. Gorbatschow rief sich umgehend zum Erneuerer eines seit langem zum Stillstand gekommenen Systems aus, versprach eine in einer verknöcherten Bürokratie verloren gegangene Offenheit und die grundlegende Umgestaltung morscher Strukturen. Die russischen Begriffe dafür, "Glasnost" und "Perestroika", wurden zu Markenzeichen von Gorbatschows Regierungszeit.

Zusammenbruch nach einem dilettantischen Putsch

Allerdings hatte die Operation an dem unbestritten siechen Patienten Sowjetunion einen allseits unerwarteten Ausgang: Statt "in das neue Jahrtausend als eine große und gedeihende Macht" einzutreten, zerbrach die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bereits Ende 1991 nach einem dilettantischen Putsch der Apparatschiks und einem entschlossenen Gegenschlag der Reformer um den russischen Präsidenten Boris Jelzin, der sich dafür mit den nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der Republiken verbündete.

Gorbatschow wollte das in den Jahren unter Leonid Breschnew zum bleiernen Stillstand gekommene System von innen heraus reformieren. Er trat in einer auf Befehlsempfang geschalteten Gesellschaft mit dem Satz an, sein Land brauche die Demokratie "wie die Luft zum Atmen". Sein Irrtum war, dass dies nicht wie von ihm erwartet verschüttete Kräfte zur systemimmanenten Erneuerung frei setzte. Zwar fegte er mit seiner Außenpolitik die seit dem Zweiten Weltkrieg etablierte Weltordnung hinweg, in der neuen gab es aber tragischerweise keine Sowjetunion mehr.

Seine Entspannungspolitik machte ihn im Westen zum Politstar, der selbst den Hollywood-erfahrenen US-Präsidenten Ronald Reagan überstrahlte: Seine Initiativen beendeten das atomare Wettrüsten der Supermächte, er entließ die Warschauer-Pakt-Staaten einschließlich der DDR in die Freiheit und machte damit das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung möglich.

1990 wurde er für seine beispiellosen Initiativen mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Innenpolitisch erreichte er Ende desselben Jahres den Zenit seiner formellen Macht: In einer für sowjetische Verhältnisse revolutionären Trennung von Staat und Partei wurde er vom Volksdeputiertenkongress zum Präsidenten gewählt. Kein Staats- und Parteichef seit Josef Stalin hatte mehr Macht in seinen Händen gebündelt.

Zwischen Superstar und Schwätzer

Gorbatschows Superstar-Status im Westen wurde da allerdings schon im Inneren vom Murren der Enttäuschten übertönt: Die wirtschaftlichen Reformen brachten nicht allen Wohlstand, sondern ließen ehedem vom System kaschierte Armut offen zu Tage treten. Politische Widersacher nutzten die neuen Freiheiten, sich gegen die offizielle Linie zu formieren: Gorbatschow wurde schließlich von der um ihre Pfründe bangenden kommunistischen Nomenklatur und den Radikalreformern in die Zange genommen. Den einen ging seine Perestroika zu weit, den anderen nicht weit genug. Zwischen diesen Kräften wirkte der sonst so dynamische Gorbatschow unentschlossen, als Zauderer, der sich auch auf schlechte Kompromisse einließ. Das Volk nannte ihn respektlos einen "Boltun" - einen Schwätzer.

Doch das war im März 1985 noch nicht einmal in Ansätzen zu erahnen. Man feierte mit vagen Hoffnungen darauf, dass alles nur besser werden könne, das Ende der "sowjetischen Gerontokratie". In etwas mehr als zwei Jahren waren zuvor drei greise Führer des Sowjetreichs an der Kreml-Mauer begraben worden: Breschnew im November 1982, Juri Andropow im Februar 1984 und 13 Monate später Konstantin Tschernenko.

Gorbatschow, der am 2. März seinen 74. Geburtstag feierte, kann sich in der Rückschau damit trösten, dass sein Nachfolger Boris Jelzin beim Versuch, Russland zu modernisieren, noch größeren Schiffbruch erlitt als er. Und dass auch der heutige Präsident Wladimir Putin noch keines der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme entschieden besser in den Griff bekommen hat, als es ihm im Zenit seiner Macht beschieden war.

Uwe Käding/AP AP

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