Stalingrad Ein deutsches Drama


Der Name Stalingrad löst in Russland wie in Deutschland bis heute Schaudern aus. Die Stadt an der Wolga wurde zum Grab für die deutsche 6. Armee - und zum Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg.

Die Schlacht um Stalingrad vor 60 Jahren bedeutete für Deutsche und Russen den Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Die Eroberung der Rüstungsstadt an der Wolga galt nur als Etappenziel für Hitlers erfolgsverwöhnte Truppen. Doch unerwartet heftiger Widerstand der Roten Armee, eigene Fehler und der erbarmungslose Winter führten Anfang 1943 in die Niederlage der eingekesselten 6. Armee. Der schrecklichste Krieg des 20. Jahrhunderts endete zwei Jahre später mit der Kapitulation Hitler- Deutschlands im 2000 Kilometer entfernten Berlin.

Der Name Stalingrad löst in Russland wie in Deutschland bis heute Schaudern aus. In den 200 Tagen und Nächten der Schlacht starben nach deutschen Schätzungen etwa 250 000 Wehrmachtsangehörige und deren Verbündete sowie etwa eine halbe Millionen Rotarmisten. Jüngste russische Zahlen gehen sogar noch von viel höheren Opferzahlen aus. Als deutlich wurde, dass die siegreiche Rote Armee viel mehr Soldaten verlor als die Wehrmacht, ließ Stalin die Dokumente im Archiv verschließen.

Lehren aus der Geschichte

«Die wichtigste Lehre, die wir aus Stalingrad ziehen, ist die Erkenntnis, es nie wieder so weit kommen zu lassen», urteilt der Militärhistoriker Boris Usik. Der Direktor des Kriegsmuseums im heutigen Wolgograd stellt sogar die These auf, an den Folgen der Schlacht seien auf sowjetischer Seite mehr als 2,5 Millionen Menschen - Soldaten und Zivilisten - gestorben.

Im Sommer 1942 war die Heeresgruppe Süd bis an die Wolga vorgerückt. Im Zangengriff sollte die 6. Armee im Norden Stalingrad mit ihren Panzerwerken und Rüstungsbetrieben einnehmen und im Süden zu den Ölquellen des Kaukasus vordringen. Eine Woche gab Hitler seinem General Friedrich Paulus für die Einnahme der Stadt, bis zum 25. Juli 1942 sollte sie in deutscher Hand sein.

Doch die Stadt an der Wolga wurde zum Grab für die 6. Armee und Einheiten der verbündeten Rumänen, Italiener und Ungarn. Im Kessel von Stalingrad wurde um jedes Haus, jede Fabrikruine und jeden Keller gekämpft. Bis Ende 1942 wäre ein Ausbruch der 6. Armee aus dem Kessel von Stalingrad auch nach Ansicht von russischen Militärexperten noch möglich gewesen. Doch Paulus hielt sich an den Führerbefehl, nicht aufzugeben. «Die elende Pedanterie von Paulus kostete Zehntausenden Deutschen das Leben», urteilt Militärhistoriker Usik heute.

Am 31. Januar 1943, einem Sonntag, ergab sich Paulus im Keller des Zentralen Kaufhauses von Stalingrad Offizieren der 38. sowjetischen Panzergrenadier-Brigade. Zwei Tage später, am 2. Februar, endeten alle Kampfhandlungen. Mehr als 90 000 Landser gerieten in die Kriegsgefangenschaft. Nur etwa 5000 von ihnen kehrten Jahre später in ihre Heimat zurück. Dass so viele Deutsche noch in Kriegsgefangenschaft starben, lag nach Ansicht von Historikern vor allem an Erschöpfung, Krankheiten und katastrophalen Zuständen in den Lagern. Racheakte der Russen an den feindlichen Soldaten seien eher die Ausnahme gewesen.

Unter den heute noch lebenden russischen Veteranen haben viele ihren Frieden mit den Deutschen geschlossen. «Auch sie handelten nur auf Befehl», sagt der heute 83-jährige Michail Grigorjewitsch in Wolgograd. Beinahe jede Nacht durchlebt er im Traum, wie er als 23- Jähriger im eisigen Winter völlig durchnässt im Schützengraben lag und neben ihm die Kameraden getroffen wurden. «Diese Bilder werden mich bis an mein Lebensende verfolgen», klagt Grigorjewitsch, der sich nach dem Krieg als Zugbegleiter durchs Leben schlug.

Viele Veteranen wünschen eine Rückbenennung der Stadt Wolgograd in den «guten alten Namen» Stalingrad. Präsident Wladimir Putin erteilte dem Projekt kürzliche eine Absage mit der Begründung, damit käme im Ausland der falsche Verdacht auf, man wolle zum Stalinismus zurückkehren.

Stefan Voß DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker