Terror und Zeitgeist Die RAF ist radical chic


Film, Literatur, Kunst und Mode machen aus der RAF eine virile Desperado-Gang, aus Andreas Baader einen Fahndungsposterboy und aus dem Deutschen Herbst einen Pop-Mythos für besserverdienende Konsumterroristen der Globalisierung.
Von Markus Götting

Eine Landstraße, ein kleiner See. Baader lehnt an dem geklauten BMW, er macht ffft, wenn er den Zigarettenqualm ausbläst. Er sieht überhaupt sehr lässig aus, wie er über die Stadtguerilla doziert und seine Knarre aus der Manteltasche holt; und die Kleine da in ihrem Ringel-T-shirt, die schaut ihn an, als wäre er Jimmy Morrison. "Du bist der Baader, stimmt's?" Er zieht noch mal an seiner Kippe, ffft, die Ray Ban verdeckt seine Augen. "Ich bin der Baader." Und da bekommt sie ganz leuchtende Augen und sagt: "Wow". Mehr nicht, mehr müssen Groupies auch nicht sagen in solchen Momenten. Hauptsache, sie tragen keinen BH.

Baader, der Fahndungsposterboy

Christopher Roth, der mit seinem Film "Baader" 2002 an der Berlinale teilgenommen hat, sagt, Baader sei ja echt ein Rocker gewesen, und so sieht sein Film dann auch aus: bisschen Rock'n'Roll, ein paar hübsche junge Leute sagen Sätzchen über die Revolution auf. Drogen, schnelle Autos, geklautes Geld - wild, wild life. Retro-Style und in der Ästhtetik ein Crossover aus Derrick und MTV, so hat Roth diesen Film inszeniert. Seinem Hero gönnt er statt des quälend langatmigen Endes in einer Stammheimer Knastzelle den Heldentod im Kugelhagel der Bullen. Quasi Showdown auf der Main Street. Nur in den Kulissen des sozialen Wohnungsbaus der Siebziger.

Wer sich das fast zwei Stunden angesehen hat, fragt sich, ob Andreas Baader tatsächlich zur Ikone des 21. Jahrhunderts taugt. Ob Kids irgendwann Shirts mit seinem Gesicht vorne drauf tragen; vielleicht wird er noch zum Posterboy im Kinderzimmer, "ein Fahndungsposterboy" (Robert Misik), weil der gute alte Che Guevara irgendwie zu mainstreamig geworden ist. In den letzten zehn Jahren hat die Popkultur ja auf erstaunliche Weise zur Mythenbildung um den deutschen Terrorismus beigetragen - vor allem zu einem massiven Merchandising.

Mythos RAF

Film, Literatur, Kunst und Mode machen aus der RAF eine virile Desperado-Gang, vor allem aber steht Andreas Baader dabei im Fokus der Verklärung, weil Personalisierung natürlich den Zugang erleichtert. Und wahrscheinlich auch, weil sein Machismo getriebenes Outlawtum einfacher zu greifen scheint als die vielschichtigen, widersprüchlichen Charaktere der Gruppe. Für Zuspätgeborene ist Baader die ideale Projektionsfläche für militante Machtfantasien und Revolutionsromantik. Rein biografisch ein verwöhntes Muttersöhnchen, wird Baader in Retrospektive zu einem abgründigen Beau wie Marlon Brando stilisiert, der seine James-Dean-hafte Todessehnsucht mit Höchstgeschwindigkeit dem vorherbestimmten Ende entgegen trieb. Die Popkultur löst das Morden der RAF aus ihrem eigentlichen Kontext heraus und leitet daraus einen reinen Gestus des Rebellischen ab. Mythos RAF.

Es gibt seit der Jahrtausendwende so etwas wie eine Boomphase des RAF-Films, und es waren auch wunderbare Werke darunter. Volker Schlöndorffs "Stille nach dem Schuss", Christian Petzolds "Innere Sicherheit" oder "Black Box BRD" von Andreas Veiel setzen sich psychologisierend mit ihrem Sujet auseinander; sie beschreiben die Lebenswege in den militanten Untergrund oder den Versuch, der Vergangenheit zu entkommen; sie bemühen sich, den Figuren nahe zu kommen, um das Morden begreifbar, begreifbarer zu machen. Und dies gelingt eben nur durch die bewusste Ablehnung des ahistorischen Ästhetisierens.

Geschichte längst nicht aufgearbeitet

Die Geschichte der RAF ist noch längst nicht die Geschichte der Deutschen. Sie ist fern davon, so etwas wie aufgearbeitet zu sein. Sie ist unverdaut. Zu viele Zeitzeugen, zu viele Emotionen. Ist es deshalb legitim, dass die Kinder der 68er sie als Spielwiese ihrer Fantasie betrachten und instrumentalisieren? Kunst, die sich politischer oder historischer Sujets bedient, braucht vielleicht so etwas wie den Tabubruch. Und insofern war es keineswegs erstaunlich, dass Leander Scholz von einer Lawine der Verrisse begraben wurde, als er seinen Roman "Das Rosenfest" vorlegte. Abgesehen davon, dass seine erzählerische Begabung nicht gerade so weit ausgeprägt ist, einen Verlag zu finden, wirkt seine Bonnie-und-Clyde-Story ("Die Ballade von Gudrun und Andreas", wie die Süddeutsche schrieb) verstörend und gaga. Baader und Ensslin unterwegs als niedliches Verbrecher- und Liebespaar - Hans und Grete, wie sie sich nannten, im Märchenwald. Das ist Stadtguerilla fürs Poesie-Album.

Aber ganz offensichtlich besteht in Zeiten politischer Agonie, in denen Studenten nicht mal mehr gegen Studiengebühren aufbegehren, offenbar der Bedarf nach historischen Referenzen, nach mythischen Figuren des Widerstands. Nicht anders ist es jedenfalls zu verstehen, wenn der Hamburger Hip-Hoper Jan Delay in seinem Song "Söhne Stammheims" singt: "Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin/ folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin". Die RAF als Gegenprogramm zu "Big Brother"?

"Verbrechen ist schön, Verbrechen ist sexy"

Die Rezeption des deutschen Terrorismus in der aktuellen Pokultur wird geprägt von den Mechanismen der Dekonstruktion. Ideen, Zitate, Embleme werden aus ihren Kontexten gelöst und in neue Zusammenhänge gesetzt. In der Mode hat die banale Assoziationskettenlogik zu einer Einheit von Revolte und Avantgarde geführt. Radical chic gilt nicht erst seit der Allgegenwart der Camouflagehose als hip. Und nachdem 1999 die Macher der Londoner Kunstausstellung "Crash!" einen Begleittext mit dem Titel "Prada-Meinhof" überschrieben, dauerte es nicht mehr lang, bis ein inzwischen eingestelltes Lifestyle-Heftchen namens "Tussi Deluxe" eine Modestrecke inszenierte - als Remake alter Pressefotos aus dem Deutschen Herbst. Die wiederauferstandene Punkband DAF hat ein Lied wie als Soundtrack dazu geliefert - es heißt "Moschino, Heckler und Koch", und Gabi Delgado-Lopez singt: "Verbrechen ist schön, Verbrechen ist sexy".

Das Hamburger Label Maegde&Knechte druckte den Prada-Meinhof-Schriftzug auf Feinripp-Unterhemden, das RAF-Emblem verlieh besserverdienenden Konsumterroristen Anarcho-Glamour. So lustig war das damals in jener fröhlichen Zeit der Vor-9/11-Ära, als es noch die Spaßgesellschaft gab. Knapp 30 Jahre nach dem Brand auf der Frankfurter Zeil sind Baader und Ensslin wieder da angekommen, wo alles anfing: im Kaufhaus.

Stringente corporate identity

Im Prinzip hatte die RAF selbst, was ihre stilistische Haltung betrifft, einen sehr innovativen Charakter. Sie schuf sich schon in den früheren Siebzigern eine stringente corporate identity, als viele Großkonzerne marketingstrategisch noch nicht so weit gedacht haben. Der Grafikdesigner Holm von Czettritz, ein alter Schwabinger Gefährte von Baader, erzählte vor ein paar Jahren, wie eines Tages Deutschlands meist gesuchter Terrorist vor seiner Tür stand und fragte, ob man das Logo der RAF nicht grafisch überarbeiten könne. Von Czettritz sagt: "Heute würde man Relaunch dazu sagen. Weil ich dazu aber keine Lust hatte und ich das irgendwie so naiv fand, hab ich ihm damals gesagt: 'In seiner Rustikalität hat das eine Originalität, die würde ich nicht verändern. Das muss diesen rauen Ursprungscharakter behalten. Das sag ich dir als Markenartikler.'"


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