Weizsäcker-Rede vom 8. Mai 1985 Als der Bundespräsident Deutschland befreite


Heute vor 25 Jahren gedachte der Bundestag des 40. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkrieges. Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde eine kleine Sensation - sie veränderte das Geschichtsbild der Deutschen.
Von Sebastian Huld

Das Amt des deutschen Bundespräsidenten ist ein Kuriosum: Er ist der erste Mann im Staat, doch er hat nur sehr wenig zu sagen. Deshalb muss der Präsident viel Reden, um aufzufallen: zu Sylvester im Fernsehen, auf Staatsbesuchen in der ganzen Welt und sehr oft auch auf den unterschiedlichsten Gedenkveranstaltungen. Nur selten sagt er dabei etwas Überraschendes, fast nie fallen Worte, die man so von noch keinem Politiker gehört hätte. Wenn ein Bundespräsident eine Rede hält, bleibt so gut wie immer alles im Rahmen des Erwartbaren. Aber es gibt Ausnahmen. Momente, in denen der Amtsinhaber die Autorität seines Amtes nutzt und Dinge sagt, die etwas verändern.

So einen Moment gab es am 8. Mai 1985.

Die Bundestag steht damals noch in Bonn, der Bundeskanzler heißt Helmut Kohl und im Amtssitz des Bundespräsidenten, der Villa Hammerschmidt, sitzt seit einem Jahr ein neuer Bundespräsident: Der Christdemokrat Richard von Weizsäcker, ehemals Regierender Bürgermeister von (West-)Berlin. In vielen Ländern der Welt wird an jenem Tag der vierzigste Jahrestag der Niederlage Hitler-Deutschlands gefeiert. Auch im Bundestag wird an diesem Tag eine Gedenkstunde abgehalten. Doch das Land der Täter hat keinen Anlass zu feiern. Mit dem 8. Mai 1945 verbinden die Deutschen ihre Niederlage, die bitterarme Nachkriegszeit, die Teilung Deutschlands und Jahre der Besatzung durch die Truppen der Alliierten. Bis zu jener Rede des damals 65-jährigen Bundespräsidenten. Sie stellt das Geschichtsbild der Bundesrepublik Deutschland grundsätzlich in Frage.

Kein Zweifel an Verantwortung der Deutschen

Mit gleich drei Thesen provoziert Weizsäcker vor allem seine konservativen Zuhörer. Der Bundespräsident sagt, dass die Mehrheit der Deutschen für die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich war, nicht allein Hitler, nicht der Friedensvertrag von Versailles 1918. Die Ursache des Leids der Nachkriegszeit sei auch nicht die Eroberung Deutschlands durch die Alliierten gewesen, betont der Präsident: "Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen." Der 30. Januar 1933 war der Tag, an dem die Nationalsozialisten unter der Führung Adolf Hitlers die Macht ergriffen.

Weizsäcker redet in der etwa 10 Seiten langen Ansprache auch gegen die gängige Behauptung an, die Deutschen hätten vom Holocaust nichts gewusst: "Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten." Dass ein christdemokratischer Politiker, zumal noch der Bundespräsident, die Kollektivschuld der Deutschen an den Naziverbrechen derart deutlich ausspricht, das hat es noch nicht gegeben. Die Rechtskonservativen, Männer wie der hessische CDU-Politiker Alfred Dregger oder der CSU-Abgeordnete Lorenz Niegel, toben in den Wochen darauf vor Empörung.

Eine neue Erinnerungskultur

Doch Weizsäcker geht noch weiter: Mitten in jenen Jahren, in denen sich Deutschland nach Normalität sehnt, ein ganz normaler Staat unter vielen sein will, fordert der Bundespräsident eine aktive Kultur der Erinnerung. "Würden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann wäre dies nicht nur unmenschlich. Sondern wir würden den Ansatz zur Versöhnung (mit den Juden; der Autor) zerstören.", so Richard von Weizsäcker. Josef Strauß, Ministerpräsident von Bayern und CDU-Chef wütete daraufhin, "Die ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe lähmt ein Volk. Deshalb ist es auch falsch, wenn die Deutschen sich immer als Prügelknaben der Welt betrachten müssen", so der beliebte Spitzenpolitiker.

Weizsäcker dagegen war überzeugt, dass Deutschland nur mit der bewussten Erinnerung an seine schwierige Geschichte zu sich selbst finden kann. Dass nicht Verdrängung der Weg zur Normalität sein kann, sondern nur das aktive Erinnern, Nachdenken und sich besinnen auf den wirklichen Hergang der Geschichte. Weizsäcker predigte der deutschen Erinnerungskultur an die Verbrechen der Nazis den Weg, längst ist sie Konsens über alle politischen Lager hinweg. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist dafür nur der augenfälligste Beleg.

"Deutschland wurde befreit"

Es war aber die dritte These, die Weizsäckers Ansprache endgültig zu einer historischen Rede werden ließ. Der Bundespräsident nannte den 8. Mai auch für Deutschland einen "Tag der Befreiung". "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft", erklärte Weizsäcker. So wurde aus der schmerzhaften Niederlage, mit all dem Leid und Elend, das auf sie folgte, im deutschen Gedächtnis auch ein Tag des Neubeginns. Die "Stunde Null" zur notwendigen Bedingung eines neuen, freien Deutschlands, das mit den Völkern der Welt im Frieden lebt.

Deutschland hat diese Deutung der Geschichte angenommen. Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes 2005 dankt Bundespräsident Horst Köhler den Völkern, "die Deutschland besiegt und vom Nationalsozialismus befreit haben". Sie seien es gewesen, die Deutschland nach dem Krieg eine Chance gegeben hätten. Als Konsequenz daraus sei Deutschland "heute ein anderes Land als vor 60 Jahren". Der Aufschrei, den es noch 1985 im konservativen Lager gab, blieb aus. Er ist zwar kein Anlass zum Feiern, doch der 8. Mai ist auch in Deutschland der Tag der Befreiung.

Richard von Weizsäcker hat am 15. April seinen 90. Geburtstag gefeiert.


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