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Interview

Ende des Dreißigährigen Kriegs: Wie ein 369 Jahre alter Vertrag zur Blaupause für einen Frieden in Syrien werden kann

Der Westfälische Friede ist ein Meilenstein in der Diplomatie. Historiker Christoph Kampmann erklärt im Interview mit P.M. HISTORY, warum der Vertrag so innovativ war und wie er heute Vorbild für Friedensverhandlungen sein kann - auch im Nahen Osten.

Von Martin Scheufens und Jens Schröder

Zu sehen ist ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert: eine Versammlung von Diplomaten zur Vertragsunterzeichung.

Nach dreißig Jahren Krieg: Dieses Gemälde aus dem 17. Jahrhundert zeigt die Anerkennung der Vereinigten Niederlande durch Spanien am 15. Mai 1648, eine der vielen Einigungen im Friedensvertrag.

Herr Kampmann, warum soll uns der Westfälische Frieden heute noch interessieren?

Weil die modernen Kriege ganz erstaunlich den Kriegen der Frühen Neuzeit ähneln, etwa dem Dreißigjährigen Krieg. Das waren damals asymmetrische Konflikte, im Gegensatz zu den klassischen Staatenkonflikten des 19. Jahrhunderts, bei denen festgefügte, zentral organisierte Staaten miteinander Krieg führen. Dies prägt unser Bild vom Krieg noch immer - obwohl diese Art von symmetrischen Kriegen auf lange Sicht eher die Ausnahme war.

Heißt das, der Dreißigjährige Krieg hat Gemeinsamkeiten etwa mit dem heutigen Konflikt in Syrien?

Es gibt drei große Parallelen: In beiden Fällen kämpfen nicht in erster Linie Staaten gegeneinander, sondern es kämpfen etliche Akteure jenseits einer staatlichen Ebene um die Struktur eines Staates, der bereits fragil ist. Im Dreißigjährigen Krieg rebellierten die Böhmen und dann die Reichsfürsten gegen ihren Kaiser, in Syrien kämpfen Rebellen bzw. guerillaartige Gruppen um die Absetzung Assads und um die Frage, was für ein Staat danach entstehen soll. Zweitens: In beiden Fällen intervenieren Großmächte von außen, ohne dabei direkt in den Kampf einzugreifen. Im Dreißigjährigen Krieg mischten sich Frankreich und Schweden quasi in einen deutschen Bürgerkrieg ein. In Syrien sind es Iran und Saudi-Arabien sowie Russland und die USA, die ihre Interessen durchzusetzen versuchen und dazu ausgewählte Akteure mehr oder weniger heimlich unterstützen.

Und die dritte Gemeinsamkeit?

Die Rolle der Religion. Im Dreißigjährigen Krieg kämpften Katholiken und Protestanten. In Syrien stehen Schiiten gegen Sunniten. Bis in die 1970er-Jahre dachte man, wegen Religionen würden keine Kriege mehr geführt, nur noch wegen Ideologien oder um Ressourcen. Das war ein vorschneller Schluss.

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Wie kann man solche asymmetrischen Konflikte befrieden?

Das geht eben nicht, indem zwei verfeindete Regierungen einfach verhandeln und Frieden schließen. Die aktuellen Konflikte sind viel komplizierter: Sollten sich etwa Russland, Iran und die Türkei hinsetzen und sich über Syrien einigen, dann würde dort ja nicht automatisch Frieden einkehren. Denn da sind noch die Kurden, die geschwächte syrische Regierung, der Islamische Staat, 20 verschiedene Rebellengruppen. Wenn sich nur einer von denen übergangen fühlt, führt der einfach weiter Krieg. Das war bei den Kriegen vor 350 Jahren ähnlich.

Kommt es nicht ohnehin erst zum Frieden, wenn alle Seiten erschöpft sind vom Krieg?

Der Westfälische Friede war kein Erschöpfungsfrieden - auch wenn das oft behauptet wird. Ja, manche Parteien, etwa die deutschen Fürstentümer, waren kriegsmüde. Aber Spanien und Frankreich waren das nicht, sie kämpften im Anschluss sogar noch elf Jahre weiter gegeneinander! Aber in weiten Teilen Europas war schlicht der Wille zum Frieden da. Frieden ist auch ohne vollständige Erschöpfung möglich! Diplomatie führte zum Ziel - das war die Lektion! Und übrigens können Friedensverhandlungen auch ohne vorherigen Waffenstillstand erfolgreich sein - auch das ist eine Lehre aus dem Westfälischen Frieden.

Warum taugt gerade dieser Frieden als Vorbild?

Dieser Friedenskongress ist spannend, weil sein Anspruch so unglaublich groß war: einen universellen, dauerhaften Frieden für ganz Europa zu schaffen. Alle Parteien sollten miteinander Frieden schließen. Das erschien als fast unmögliche Aufgabe, die ja auch nicht vollständig gelungen ist, aber sie hat die Beteiligten zu innovativen Lösungen gezwungen. Nach 30 Jahren Krieg schufen sie eine Friedensordnung, die fast 150 Jahre lang Bestand hatte.

Warum wurde das Ziel denn überhaupt so hoch gesteckt, dass es fast unmöglich scheinen musste?

Weil Frankreich darauf bestand. Die französische Regierung fürchtete, dass sie ohne universale Vereinbarung aller Parteien irgendwann den Habsburgern in Spanien und in Deutschland allein, ohne Bündnispartner, gegenüberstehen würde. Bedroht also von zwei Seiten. Daher verlangte sie einen Friedenskongress, auf dem alle Konflikte zugleich auf den Tisch kamen. Das hatte es noch nie gegeben. Da sollte das Papsttum teilnehmen und die Protestanten. Da verhandelten Staaten miteinander, die einander nie zuvor diplomatisch anerkannt hatten. Da sollte der Kaiser mit den Reichsständen, die ja eigentlich Vasallen und Untertanen waren, genauso verhandeln wie mit fremden Monarchen. Das konnte nur mit Innovationen in Hinblick auf Verhandlungsmodus und Friedensvertrag gelingen.

Was für Innovationen gab es denn?

Eine war schon im Vorfeld nötig: Wie sollten die Vertreter des Papstes und der protestantischen Mächte an ein und derselben Verhandlung teilnehmen?

Die Lösung: ein Friedenskongress an zwei Orten. In Osnabrück saßen die Protestanten, in Münster die Katholiken. So mussten sie einander nicht offiziell zur Kenntnis nehmen, obwohl sie Teilnehmer EINES Kongresses waren. Heute geht man ähnliche Wege, etwa bei den Syrienverhandlungen, um direkte Begegnungen der Delegationen zu vermeiden und doch Meinungsaustausch zu bekommen.

Welche praktischen Probleme gibt es, wenn Staaten noch nie miteinander verhandelt haben?

Nehmen wir den Streit zwischen Venedig und den Kurfürsten: Venedig sah sich als Souverän, und zwar als ein besonders ranghoher, direkt hinter den Monarchen. Die Kurfürsten waren überzeugt, Teil der kaiserlichen Majestät des Reichs zu sein und über einer kleinen Republik zu stehen. Beide hatten gute Argumente für einen Vorrang. Der Streit eskalierte, als der Herzog von Longueville anreiste, das Oberhaupt der französischen Delegation. Das Protokoll schrieb vor, dass er vor den Stadtmauern von allen Delegationen abzuholen war.

Doch jetzt stritten sich Venedig und die Kurfürsten, wer vorn fährt. Eine Frage, an der der Kongress ernsthaft zu scheitern drohte! Darüber wurde noch gestritten, während vor der Stadt der Herzog wartete. Am Ende einigte man sich: Auf das feierliche Abholen wurde verzichtet, nur die eigenen französischen Diplomaten fuhren ihm entgegen. Das war für die Zeitgenossen ein unerhörter Vorgang - Longueville gehörte zum Königshaus! -, aber um des Friedens willen einigte man sich auf den Kompromiss.

So ein Streit wirkt lächerlich.

Aber das war er nicht! In der zeremoniellen Frage offenbaren sich faustdicke politische Konflikte, nämlich ob die Souveränität eines Staates anerkannt wird. Das war existenziell.

Wie lief die Verhandlung konkret ab?

Kompliziert, gerade in Münster, wo durch die Mediatoren verhandelt wurde. In einem Raum saßen die Franzosen, im nächsten die päpstlichen Vermittler, im dritten die Spanier. Die Spanier reichten Forderungen schriftlich ein, diese wurde vom Spanischen ins Italienische und dann ins Französische übersetzt. Offiziell sprachen die Unterhändler nie direkt miteinander. Die Diplomaten waren alle Profis: Aber sie merkten sehr bald, dass vieles, was in der Theorie gut klingt, in der Praxis nicht funktioniert.

Können Sie ein Beispiel geben?

Als das katholische Frankreich und das katholische Spanien miteinander verhandelten, galt der Papst zunächst als perfekter Vermittler. Bald aber merkten beide Seiten: Der päpstliche Mediator bringt die Sache nicht weiter.Da wählten Spanien und Frankreich einen neuen Vermittler. Und wen wählten sie? Ausgerechnet die Niederlande! Protestanten! Und dazu mit Frankreich verbündet und im Krieg mit Spanien!
Ein parteiischer Vermittler - in der Theorie ist das absurd. In der Praxis lief das aber gut: Die Niederlande waren im Gegensatz zum Papst selbst vom Konflikt betroffen, sie brauchten den Frieden und waren daher engagierte Mediatoren. Außerdem konnten sie als Verbündete Frankreichs die Franzosen gut unter Druck setzen, kompromissbereit zu sein. Wenn die Großmacht zu hart auftrat, sagten die Niederländer: Genug jetzt, unsere Geduld ist am Ende, wir wollen für Euch nicht alle Kastanien aus dem Feuer holen.

Woher wussten die Diplomaten, wie weit sie gehen durften?

Sie waren mit Vollmachten ausgestattet, konnten für ihre Regierung verbindlich reden. Zugleich bekamen sie vorab genaue Instruktionen, welche Zugeständnisse sie im äußersten Fall machen durften. Diese Dokumente waren die am sorgsamsten gehüteten Geheimnisse. Die Gegenseite durfte sie nicht kennen - ein wenig wie beim Pokerspiel.

Warum wurde die Konferenz am Ende so erfolgreich?

Die Verhandlungen dauerten fünf Jahre. Fünf Jahre, in denen die Diplomaten sich im kleinen Münster ständig auf der Pelle hockten und der Kontakt mit der Heimat kompliziert war. Wenn etwa die Spanier in einem kritischen Punkt Rücksprache mit Madrid halten wollten, dann dauerte es Monate, bis sie eine Antwort hatten. Also vermieden die Diplomaten das, so gut es ging.

Und so bildeten sie irgendwann eine Art Schicksalsgemeinschaft. Sie redeten untereinander, informell, und loteten neue Ideen aus. Dabei zeigt sich ein wichtiger Effekt: Man erkennt erst in solch intensiver Begegnung, was dem anderen wirklich wichtig ist und was nicht. Oft glaubt man ja zu wissen, was der andere will, manche Standpunkte hält man für unverrückbar. Aber dann merkt man: Bewegung ist möglich, denn eigentlich ist dem Gegenüber etwas anderes doch viel wichtiger - und dieses andere kann ich ihm vielleicht sogar anbieten.

In welcher Frage lief das so?

Zu Beginn galt der Kaiser bei Religionsfragen im Reich als kompromisslos. Er hatte im Krieg den konfessionellen Streit angeheizt, indem er einen extrem katholischen Standpunkt eingenommen hatte. Während der Verhandlungen zeigte sich aber: Entscheidend für ihn war eigentlich nur, dass er seine eigenen habsburgischen Gebiete, die sogenannten Erblande, streng katholisch hielt. Dafür war er bereit, den Protestanten im restlichen Reich viel stärker entgegenzukommen, als seine Gegner das je für möglich gehalten hätten. Und so wurde das Reich am Ende ein konfessionell buntes Gebilde.

Lässt sich das auf Syrien übertragen?

Iran und Saudi-Arabien streiten in Syrien um die Vormachtstellung im arabischen Raum. Hinter dem hegemonialen steckt auch ein Sicherheitsinteresse: Beide Seiten fürchten, eingekreist zu werden. Die Sunniten fürchten etwa eine übermächtige Achse iranisch-schiitischer Allianz. Solche Sicherheitsbedürfnisse müssen transparent gemacht werden, und zwar im Detail. Dann ist es auch möglich, eine Gesamtlösung auszuloten, mit der alle leben können.

In Münster ist Frankreich 1648 aber an dem Vorhaben gescheitert, einen universellen Frieden durchzusetzen: Nach dem Westfälischen Frieden kämpfte es elf weitere Jahre gegen Spanien. Warum ließen sich die Franzosen trotzdem auf den Vertrag ein?

Ja, Frankreich konnte sich nicht mit Spanien einigen, der universelle Frieden war damit unmöglich. Aber der Westfälische Friede konnte dadurch gerettet werden, dass der Kaiser versprach, in Zukunft seinen habsburgischen Verwandten in Spanien nicht mehr im Konflikt mit Frankreich zu unterstützen. Damit hatte Frankreich sein eigentliches Interesse durchgesetzt. Mit einer kreativen Lösung.

Aber der Kaiser hätte dieses Versprechen doch leicht brechen können.

Hier kommen wir zur Kernidee dieses ganz besonderen Vertrags: Jede Partei garantiert darin alles, selbst die Beschlüsse, von denen sie gar nicht direkt betroffen ist. Wer aus dem Vertrag auch nur an einem Punkt ausschert, bekommt es mit allen zu tun, weil er den fein austarierten Frieden gefährdet. Als die protestantischen Fürsten mit dem Kaiser Frieden schlossen, wussten sie natürlich nicht, ob sich der Kaiser in Friedenszeiten daran halten würde. Also versprachen Frankreich und Schweden: Wenn er sein Versprechen bricht, dann werden wir euch schützen.

Zu sehen ist ein schwarz-weißes Gemälde mit wildem Schlachtengetümmel vor einer Stadt.

Es war ein Krieg, in den ganz Europa verwickelt war: diese historische Grafik von M. Merian zeigt die Belagerung von Frankfurt an der Order durch die Schweden 1631.

Das wurde so festgeschrieben. Der Kaiser musste quasi unterschreiben: Sollte ich die Protestanten unterdrücken, hat Frankreich das Recht, in Deutschland einzumarschieren, und ich kann mich nicht beschweren. Im Gegenzug garantierten die Fürsten Frankreich: Sollte sich der Kaiser entgegen der Absprache mit Spanien gegen Frankreich verbünden, verweigern wir Fürsten ihm die Treue. Der Kaiser stünde dann ohne Vasallen da. „Checks and Balances“ nennt man das heute.

Statt des Versprechens des Kaisers müssen die Parteien nun dem Versprechen anderer vertrauen …

Das geht, weil diese andere Gruppe immer selbst ein Interesse daran hat. Frankreich hilft den Protestanten nicht aus Protestanten-Freundlichkeit - es ist ja selbst katholisch -, sondern weil es keinen zu starken Kaiser wollte. Und die Fürsten haben kein Interesse an einem schwachen Frankreich, weil Frankreich ihnen im Fall des Falles Schutz gegen den Kaiser verspricht. Die Garantien waren also sorgfältig ausgeklügelt und sehr wirkungsvoll. Der Beistands-Fall trat nie in Kraft, aber allein die Tatsache, dass es diese Klauseln gab, hat die Bereitschaft erhöht, Frieden zu schließen und zu halten.

Damit war aber der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten noch nicht gelöst.

Der Streit der Konfessionen war eine eigene Dimension des Dreißigjährigen Kriegs. Nach dem Augsburger Konfessionsfrieden 1555 war die Situation in Deutschland zunächst eigentlich friedlich gewesen. Aber dann wurden die religiösen Konflikte neu angefacht und instrumentalisiert. Radikale Prediger hetzten gegen die jeweils andere Seite - und die Fürsten feuerten diese Prediger auch noch an. Ein Beispiel ist die Feier des Fronleichnamsfestes. Dieses war weitgehend verschwunden, erlebte dann aber im Zuge des neuen Konfessionsstreits einen Wiederaufschwung, auch wegen der provokativen Wirkung von katholischen Prozessionen durch evangelische Wohnviertel. Vergleichbare Provokationen gab es im 20. Jahrhundert im Nordirland-Konflikt. Die Fürsten gossen damals also noch Öl ins Feuer. Doch dann entwickelten die religiösen Streitigkeiten eine zerstörerische Eigendynamik.

Wie konnte der Westfälische Friede die Religionen bändigen?

Die Unterhändler beschlossen, all die heiklen religiösen Streitpunkte gar nicht theologisch zu diskutieren, sondern nur sehr pragmatische, weltliche Lösungen für das Zusammenleben der Konfessionen zu suchen. Die Angst beider Seiten war, dass es später wieder zu Machtverschiebungen kommen könnte. So entstand die Idee des „Normaljahrs“: Für alle Zukunft wurde im Vertrag die Konfessionsverteilung in den Territorien und Städten festgeschrieben - sie sollte genauso bleiben, wie sie im Vergleichsjahr 1624 gewesen war. Heute wirkt das kurios, aber es war erfolgreich, weil keine Seite fürchten musste, dass die andere später an Einfluss gewinnt.

Langfristig ergaben sich aber daraus auch Probleme …

Ja, weil die Regelungen kleinteilig bis zur Absurdität waren: Zum Beispiel wurde festgeschrieben, dass in kleinen Städten wie Dinkelsbühl im Stadtschreiberamt immer ein Katholik einen Protestanten ablösen soll. Aber was passiert, wenn man keinen Katholiken findet, der geeignet ist? Da wählte man lieber einen Ungeeigneten als den Westfälischen Frieden zu brechen.

Oder im Bistum Osnabrück: Hier war nicht eindeutig, ob die Stadt im Normaljahr 1624 katholisch oder evangelisch war. Also wurde festgelegt: Auf einen katholischen Bischof folge ein evangelischer und andersherum. Wenn dann ein katholischer Bischof starb, wählten die Protestanten ein Kleinkind zum Bischof, damit es möglichst lange den Posten besetze. Geregelt war auch, dass sich die Konfession eines Landes nicht ändern durfte, selbst wenn der Landesherr persönlich konvertierte.

So wenig Änderung wie möglich! Als August der Starke, Kurfürst von Sachsen und Oberhaupt der evangelischen Reichsstände zum Katholizismus übertrat, blieb sein Land demnach auch protestantisch. Da sich die protestantischen Fürsten nicht auf einen neuen Vorsitzenden einigen konnten, behielt der Kurfürst von Sachsen diesen Posten. Der vorsitzende deutsche Protestant war damit fortan ein Katholik, so verrückt das auch erscheint!

Aber immerhin hat die Friedensordnung 150 Jahre gehalten.

Ja, der Vertrag hat trotz solcher Kuriosa den Wiederausbruch des Religionskriegs verhindert. Obwohl die Idee einer aufgeklärten religiösen Toleranz damals noch völlig unbekannt war. Ich würde sogar behaupten: Die Erfahrung dieses für viele überraschend friedlichen Zusammenlebens, das allein auf der Basis von festen Regeln beruhte, schuf die Grundlage für die Durchsetzung der Toleranz als abstraktes Ideal.

Die Haltbarkeit des Friedens hatte auch mit einigen recht radikalen Vorkehrungen zu tun…

Ja, man verständigte sich tatsächlich, dass ALLES Unrecht aus dem Krieg nicht mehr eingeklagt werden kann. Das muss man sich mal vor Augen führen: Im Krieg wurden furchtbare Grausamkeiten begangen, ein Drittel der deutschen Bevölkerung starb. Bayern wurde noch im Friedensjahr 1648 völlig von den Schweden verheert. Und dann wird angeordnet: Alles vergeben und vergessen. Das ist hart. Alles wurde dem Frieden untergeordnet, auch die Wahrheit und die Gerechtigkeit.

Welche ist für Sie die wichtigste Lektion aus dem Erfolg dieses Friedens?

Der Schrecken des Kriegs war damals tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Er hat die Menschen jahrzehntelang dazu gebracht, auch die seltsamsten Regelungen des Friedensvertrags einzuhalten. Sie fürchteten: Wenn wir den Vertrag an einer Stelle brechen, fällt das ganze Konstrukt auseinander und wir haben wieder Krieg. Die Erinnerung an die Schrecken des Kriegs ist entscheidend, um Frieden zu bewahren. Erfahrungsgemäß allerdings beginnt die nach zwei bis drei Generationen zu verschwinden.

Dann setzt wieder eine gewisse Lockerheit im Umgang mit dem Thema Krieg ein. Heutzutage macht mir genau das Sorgen, ebenso wie eine wachsende Leichtfertigkeit mit dem Nationalismus. In den ersten 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Konsens, dass nationalistische Hetze zu Krieg, zu furchtbarem Krieg führen kann. Als eine Aufgabe von uns Historikern sehe ich es daher, stets die Schrecken des Kriegs im Bewusstsein der Menschen lebendig zu halten.

Das Interview mit Christoph Kampmann ist zuerst in PM HISTORY erschienen. Die neueste Ausgabe des Geschichtsmagazins ist ab Donnerstag, 13. April im Handel erhältlich. Hier geht es zum Abo-Shop

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Interview: Martin Scheufens und Jens Schröder