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Mein Kriegsende - Zeitzeugen berichten: Kartoffelbrei und Buttermilch - das Essen meines Lebens!

70 Jahre liegen zwischen uns und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Noch gibt es Zeitzeugen, die berichten können. Drei von ihnen erzählen dem stern, wie sie die historischen Tage erlebten.

Zeitzeuge Hartmut Radebold - als 80-jähriger Mann und als kleiner Junge

Zeitzeuge Hartmut Radebold - als 80-jähriger Mann und als kleiner Junge

Hartmut Radebold hat den 8. Mai 1945 erlebt. Er war ein zehn Jahre alter Junge, als der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht endete. Die Kriegszeit hat ihn traumatisiert. Heute, als 80-jähriger Psychiater, kann er über seine Kriegserlebnisse weinen. 45 Jahre lang ging das nicht. Dem stern berichtet er, wie er das Kriegsende erlebt hat:

"Als am 8. Mai die Glocken läuteten, verstand ich erst gar nicht, was das bedeutete: Waffenstillstand. Zu Ende war der Krieg für mich noch lange nicht. Ich war damals zehn Jahre alt, und da war so viel Schreckliches: unsere Flucht vor den Russen, eine Erschießung, Hunger und panische Angst. Ich verlor in jenen Tagen meinen Vater und kam als schwer verstörtes Kind zurück in meine Heimat. Als eine Krankenschwester mir ein hart gekochtes Ei anbot, hatte ich keine Ahnung, was ich damit machen sollte – ich wusste nicht mehr, wie das ging: ein Ei aufschlagen.

Ich war in Berlin-Friedenau aufgewachsen. Mein Vater war Arzt, meine Mutter Lehrerin, keiner aus meiner Familie in der Partei. Nachdem mein Vater als Soldat eingezogen und unsere Wohnung von einer Bombe beschädigt worden war, fanden meine Mutter, mein älterer Bruder und ich bei Bekannten Unterschlupf – etwa 200 Kilometer entfernt, in einem Ort, der damals Berlinchen hieß und der heute in Polen liegt.

Wir sind augenblicklich erstarrt

Ende Januar 1945 versuchten wir, vor den heranrückenden Russen zu fliehen. Ich erinnere mich an die Kälte und an den zugefrorenen See, über den wir hasteten. Das Eis bekam Risse. Wir versteckten uns auf einer kleinen Insel. Am nächsten Tag flohen wir weiter, wir wollten zur Oder, kamen aber nur bis zu dem Dorf Wuckensee. Von dort wurden wir am 4. April vertrieben und gingen zurück nach Berlinchen, wo meine Mutter nun von den russischen und polnischen Soldaten zur Arbeit zwangsverpflichtet wurde: Da es keine Pferde und Kühe mehr gab, wurden die Frauen vor den Pflug gespannt. Und als die Russen auf einem Hof trotz Waffenverbots ein Jagdgewehr fanden, befahlen sie, dass alle Leute sich in Reihen aufstellen sollten. Wir sahen, wie die ersten drei Menschen erschossen wurden.

Am 8. Mai war für meine Mutter klar: Wir mussten zurück nach Berlin. Mein Bruder wurde von der russischen Armee für den Arbeitsdienst mitgenommen, meine Mutter und ich nahmen alle Fahrzeuge, auf denen wir mitfahren durften – und irgendwann waren wir da. Ich erinnere mich an einen endlosen Fußmarsch, an vollkommen zerstörte Häuser und Straßen. Unsere Wohnung war leer, die Wände waren voller Risse, die Fensterrahmen mit Pappe vernagelt, nur ein grünes Sofa stand im Mädchenzimmer. Wir kamen bei meiner Tante in Berlin-Lichtenrade unter, doch bald brachen meine Mutter und ich erneut nach Berlinchen auf, um nach meinem Bruder zu suchen. Wir fanden ihn nicht. Und als wir zurückkamen, öffnete meine Tante die Tür und war ganz in Schwarz gekleidet. Da war klar: Mein Vater war tot. Meine Mutter und ich sind in diesem Augenblick innerlich erstarrt. Meine Mutter hat nie wieder geweint; ich konnte das erst 45 Jahre später zulassen.

Patienten erzählen von Kriegserlebnissen

Mit 55 saß ich als Psychoanalytiker an der Couch, und mehrere Patienten erzählten von ihren traumatischen Erlebnissen als Kind im Krieg. Da kamen endlich auch meine Tränen zurück. Bis dahin hatte ich all' das fest weggeschlossen. Später wurde das Thema Traumatisierung von Kriegskindern und deren Therapie im Alter eines meiner Spezialgebiete. Heute weine ich häufiger, wenn ich bestimmte Szenen aus dem Krieg erzähle. Das ist in Ordnung. Und die Menschen, die meine Vorträge hören und das dann sehen, sagen: Wenn der Professor wegen seiner Kindheitserlebnisse weinen darf, dann dürfen wir das auch."

Zeitzeuge Dieter von Levetzow - der heute 89-jährige Bildhauer mit einem seiner Werke und als Soldat im Alter von 19 Jahren

Zeitzeuge Dieter von Levetzow - der heute 89-jährige Bildhauer mit einem seiner Werke und als Soldat im Alter von 19 Jahren

Dieter von Levetzow

... hat das Kriegsende als Soldat in russischer Gefangenschaft erlebt. Das Dauerfeuer seiner Bewacher sagte ihm, dass es vorbei war. Der heute 89 Jahre alte Bildhauer erinnert sich für den stern vor allem an die Strapazen der Flucht, die Ängste, die Ungewissheit, die unglaublichen Erlebnisse in der Gefangenschaft, eine einfache warme Mahlzeit, die ihm eine polnische Frau servierte, und den Hunger, der ihn fast das Leben gekostet hätte:

"Als der Krieg zu Ende ging, saß ich in Posen in Lagerhaft. Mit einem Mal schoss alles, was dort eine automatische Waffe hatte – die Russen also – minutenlang wie wild in die Luft. Ein Freudenakt. Das war für uns das Zeichen, es war vorbei.

Meine Füße, halb erfroren auf dem Rückzug, waren durch den Madenbefall schon etwas besser. Ja, die Maden machten es besser, sie fraßen den Eiter, das war gut. In irgendeinem polnischen Kaff war ich Wochen zuvor auf der Flucht gefangen genommen worden – meine Stiefel hatten mich verraten. Die deutsche Gebirgsjägerbesohlung war im Schnee aufgefallen. Ich hatte mich in einer Scheune versteckt, war 17 Tage gelaufen, am Ende allein, war schon etwas weggetreten und unterhielt mich mit Kameraden, die gar nicht da waren.

Plötzlich stellten alle Russen auf Dauerfeuer

Auch im Lager in Posen dämmerte ich vor mich hin, als plötzlich alle Russen auf Dauerfeuer stellten. Trotz des Kriegsendes war da kein Moment der Freude, denn wir waren in russischer Gefangenschaft und wussten nicht, wie lange.

Wir waren am 19. Januar in Kutnow südlich von Warschau von den Sowjets überrollt worden, von einer schweren Infanteriegeschützkompanie, die uns unter Direktbeschuss nahm, wobei wir das Weiße in den Augen der Russen sehen konnten. Es war brutal. Von meiner Einheit in der Division Brandenburg, die anfangs 200 zählte, habe ich später nie mehr als drei Mann wiedergesehen.

Schnee kroch in meine Schuhe

Nach dem Frontkollaps ging die Flucht zurück während der ersten Tage ganz gut, dann kroch Schnee in meine Schuhe, die – eigentlich, um damit Ski laufen zu können – knapp über den Knöcheln endeten. Der Schnee lag höher und kroch unter meine Fersen, die abzusterben begannen, das Fleisch wurde schwarz.

Wir liefen anfangs zu viert und nur nachts, hatten trotzdem ständig "Kontakt" mit den Russen, besonders mit Kosaken, deren Leuchtspurmunition wir rechts und links an uns vorbeipfeifen sahen. Wir versteckten uns auf den Strohmieten der Bauern, die die Ernte nicht hatten einfahren können. Auf der Suche nach flüchtigen Deutschen stachen die Kosaken mit den Lanzen immer nur unten in die Strohmieten, nie oben, und wenn sie fertig waren, sangen sie im Chor – wunderschön, aber es war gefährlich und vollkommen surreal.

Die Polen haben uns immer wieder geholfen

Natürlich mussten wir an Essen kommen, die Polen haben uns immer wieder sehr geholfen, obwohl darauf die Todesstrafe stand. Aber nicht immer waren wirklich auch Polen in den Häusern. Zu einem kamen wir, das war verdunkelt, nur am Schlüsselloch erkannten wir, in welchem Zimmer überhaupt jemand war. Wir rissen die Tür auf und gingen rein – ich war der letzte – da waren da Russen drin, beim Reinigen ihrer Gewehre. Einer von denen hätte draußen auf Wache stehen müssen, tat er aber nicht, weil ihm zu kalt war. Der Wachhabende machte nun Meldung – er hatte nicht kapiert, dass wir Deutsche waren, denn wir hatten Winterumhänge an und Kapuzen auf. Die Meldung des Russen war schnell vorbei, denn unser Unteroffizier sagte: "Dieter, mach die Tür auf…" Dann sind wir raus und rannten. Weil die Russen nicht wussten, wie viele Deutsche draußen waren, bleiben sie drin – das war unsere Rettung.

Ich habe mich dann von den anderen, die noch gern schossen, abgesetzt und floh lieber allein. Als es hell wurde, kam ich an ein Bauerhaus und ging hinein. Warme, schöne Küche, bildschöne Polin – "Was willst du, deutscher Soldat?" Ich zeigte auf meinen Bauch. Sie sagte: "Setz dich." Ich bekam Kartoffelbrei und Buttermilch – das Essen meines Lebens. Es war herrlich! Es war warm! In der Ecke saß ein Opa, der sagte nichts. Ich wäre am liebsten geblieben. "Deutscher Soldat", sagte die Frau, "du musst schneller essen. Gleich kommt mein Freund, das ist der Stadtkommandant." Typisch polnisch – menschlich. Das wäre in Deutschland anders gelaufen. Unter armen Polen ist es egal, wer du bist, wenn es dir dreckig geht.

"Sie holten tief Luft und bespuckten mich"

Nachdem ich in der Scheune umstellt und festgenommen war – inzwischen kämpften die Sowjets schon vor Berlin –, kam ich auf einen Leiterwagen in die nächste Kleinstadt. Rechts und links der Straße standen Polen, Bürger, die tief Luft holten und mich bespuckten. Von der Frau des Bürgermeisters bekam ich allerdings zu essen, was anständig war.

Dann kamen die russischen Vernehmer, die weniger freundlich waren, die schlugen mir erst ein paarmal ins Gesicht, dann ging es in den Kohlenkeller, wo ich erschossen zu werden glaubte. Ein Soldat hielt mir die Pistole von hinten an den Kopf und dirigierte mich nach unten. Im Keller sah ich einen Kopf liegen, das ließ mich fast durchdrehen, aber dann sah ich, dass es der Kopf einer Hitler-Büste war, aus Holz, für den Ofen bestimmt.

Ich kam in einen Bretterverschlag zu anderen deutschen Zivilgefangenen, darunter eine Frau, die bekam dann neben mir ein Kind. Von dieser Geburt erhielt ich die blutigen Verbandsbinden, die ich um meine schwarz- und faulfleischigen Füße wickelte.

Morgens und abends die Scheißkübel leeren

Später kam ich in ein deutsches Gefängnis aus der Kaiserzeit, gekachelt, Schloss, Riegel und alles. Da saß ich mehrere Wochen ein, wobei ich natürlich nicht wusste, wie lange es werden würde. Ein hochrangiger Nazi in Paradeuniform, das Hakenkreuz mit brokatiertem Eichenlaub umziert, hatte uns morgens und abends die Scheißkübel zu leeren, woran die Polen ihren Spaß hatten, umso mehr, als er das nicht einfach hinnahm, sondern fluchte und schimpfte, gerade bei mir, der ich ja nur ein junger Dachs war.

Jeden Morgen war Appell, danach Wassersuppe, wobei die Polen selber nichts zu essen hatten. Wenn wir Aufstellung nahmen, lagen rechts immer die Toten aus der Nacht, meistens alte deutsche Bauern, die verhungert waren.

Ich wurde dann nach Posen überführt, wo die deutschen Kriegsgefangenen in KZ-artigen Riesenlagern – von den deutschen noch selbst erbaut – zusammengefasst waren. Immerhin hab es dort einen medizinischen Dienst, der sich meine Füße ansah, und wo ich das mit den Maden lernte. Im Krankentrakt sagte die russische Lagerärztin, die Deutsch konnte: "Lass die Maden, sie sind gut, sie fressen nur, was eiterig ist." So war es auch, ich bekam kein Wildfleisch, alles ist relativ gut zugewachsen später.

Vor Hunger fast gestorben

Ich war aber so schwach vor Hunger, dass ich fast starb. Die Russen haben sich bemüht, den Menschen zu helfen, sie hatten aber zu wenig. Eines Morgens traten wir draußen an und bekamen nichts mehr zu essen. Unsere eigenen Offiziere, durch einen Zaun von uns getrennt, hatten in der Nacht Zugang zu dem wenigen Essen bekommen und alles aufgefressen. Unserer Offiziere! Vor denen wir vorher Respekt haben sollten! Deren Hunger nicht größer war als der unsere – aßen uns alles weg!

Ich war inzwischen so schwach, dass ich kaum noch aß und trank und delirierte. Abends kam der Sani und sagte: "Ich gebe dir eine Spritze, dann schläfst du." Ich ahnte nicht, was das sollte, aber am nächsten morgen sagte der "Was, du lebst noch?" Da war mir klar, dass das eine Beruhigungsspritze war, damit ich besser sterben konnte. Es passierte immer wieder, dass Sterbende einen letzten Schub bekaomen und dann nachts in den Baracken umher und vor die Wand liefen, immer wieder vor die Wand, bis sie endlich tot waren.

"Nur noch Haut und Knochen"

Es ist ein Unterschied, ob man an der Front einen Kameraden neben sich verliert – der ist frisch und gesund und dann plötzlich tot. Den kann man anfassen und beerdigen. Aber einer, der verhungert ist, der riecht nach Eiter, der ist vorher krank gewesen, ein KZler, nur noch Haut und Knochen.

Als die Russen Arbeiter für die Bleibergwerke brauchten und alle inspizierten, bin ich vor dem Arzt kollabiert. Erst da wurde ich nach Hause entlassen. Der Arzt war ein Jude, der Kollaps war mein Glück. Überhaupt habe ich mit Juden immer Glück gehabt."

Zeitzeuge Günter Jaffke - als 9-Jähriger im Jahr 1939 und heute im Alter von 85 Jahren

Zeitzeuge Günter Jaffke - als 9-Jähriger im Jahr 1939 und heute im Alter von 85 Jahren

Günter Jaffke

... befand sich mit seiner Mutter im Mai 1945 auf der Flucht aus Pommern. Für den damals 15-Jährigen war der Krieg zu Ende, als ein britischer Soldat ihm das Abzeichen der Hitlerjugend von der Kappe riss. Für den stern erinnert sich der heute 85 Jahre alte Journalist, wie er in Schleswig-Holstein den Beginn "der neuen Zeit" erlebte:

"Am 8. Mai 1945 war ich in Plön, ich war 15 Jahre alt, Hitlerjunge, mit Mutter im vierten Monat auf der Flucht und hatte sie vor Wochen noch geprügelt, weil sie mir verwehrt hatte, für den Führer zu kämpfen. Dass meine Schwester, kaum 18 Jahre alt, schon tot war, wussten wir noch nicht. Am 3. Mai hatten wir Plön erreicht, das Großadmiral Dönitz – nach Hitlers Selbstmord neuer Staatschef – Richtung Flensburg verlassen hatte. Am 4. Mai sahen wir Jungs einen britischen Spähtrupp mit einem kleinen Panzer, der erkundete, ob es da Widerstand gibt in der Stadt. Verwegen aussehende Soldaten waren das, mit hochgekrempelten Ärmeln, es war warm.

"Der Führer ist gefallen"

An dem Tag hatten die Plöner die Stadt noch dicht an dicht mit Hakenkreuzfahnen geflaggt – Dönitz hatte Staatstrauer befohlen: "Der Führer ist im Kampf um Berlin gefallen." Sobald die Briten da waren, kamen Franzosen mit ihrer Trikolore hervor, Zwangsarbeiter, und sangen die Marseillaise. Die Frauen unter ihnen küssten die britischen Soldaten. Kaum waren die Briten wieder abgezogen und die Franzosen zurück in ihren Baracken, holten die Plöner alle Nazi-Fahnen rein – sie hatten hinter ihren Gardinen gestanden und gesehen: Die neue Zeit war da.

Im Januar waren wir aus unserem pommerschen Wohnort Boschpol nach Neubrandenburg geflohen, denn die Russen stießen Richtung Ostsee vor. Wir fuhren mit einem Spediteur, der seine Wagen ausgebaut hatte, mit Fenstern drin, Kanonenofen, Kofferregalen und Pritschen. Meine Schwester Christiane war zu der Zeit Schwesternschülerin in Stolp. Unser Treck fuhr über Stolp und meine Mutter erreichte, dass Christel nach Mecklenburg versetzt würde. Aber sie warf meiner Mutter Verrat vor und wollte ihre Verwundeten nicht verlassen. Mutter und ich zogen weiter.

Der Bürgermeister überredete alle zum Selbstmord

Später wurde Hinterpommern eingekesselt und Christels Lazarett aufgelöst. Die Verwundeten kamen noch alle per Schiff aus dem Kessel nach Kopenhagen, aber das Personal aus der Gegend wurde nach Hause entlassen. Also ging Christel zurück nach Boschpol. Dort herrschte noch der NS-Bürgermeister Schröder. Als sich die Russen näherten, nahm er seine Familie und andere Deutsche – Christel war mit einer seiner Töchter befreundet – in den Wald in ein Haus. Sie hofften, die Russen würden Boschpol nehmen und weiter ziehen. Aber die Russen zündeten das Dorf an. Der Bürgermeister überredete dann alle zum Selbstmord. Er und sein ältester Sohn, sie erschossen erst alle anderen und zuletzt sich selbst, die Leichen lagen noch lange offen verwesend im Wald, ehe man sie auf Befehl der Russen in eine Kuhle warf und verscharrte. Wir lasen das später aus dem Brief einer Überlebenden, die den Selbstmord nicht mitmachte. "Am ersten Tag waren die Russen noch nett", schrieb sie, "dann ging das Theater hier los." Sie meinte die Vergewaltigungen. Sie schrieb uns: "Die Toten haben es besser als wir."

Als die Briten am Tag nach dem Spähtrupp in Kolonnen in Plön einzogen, hatten sie Probleme, all' die deutschen Soldaten gefangen zu nehmen, die da in Uniform und mit allen Orden und Ehrenzeichen unter den Zivilisten umher liefen, dazwischen freigelassene russische Kriegsgefangene und Frauen in KZ-Kleidung. Auch ich lief da herum und rauchte, ich wurde ja bald 16.

Der britische Kommandant hängte ein Plakat aus mit dem Befehl, alle Hieb-, Stich- und Schusswaffen seien abzugeben, auch die Jagdwaffen. Wer später noch angetroffen werde mit einer Waffe, der komme vors Standgericht. Ich hatte eine Damenpistole mit Perlmuttgriff.

"Ich wollte zur Marine"

Im März war ich als HJler in Neubrandenburg noch zur Musterung gekommen, die fand in einem Gasthaus statt, nach der "Schwanzparade" gingen wir angezogen zu einem großen Saal, und vor der Tür stand ein SS-Offizier, der sagte: Wer sich freiwillig meldet, kann sich seine Waffengattung aussuchen, wer sich für die SS entscheidet, bekommt besseren Sold, bessere Verpflegung, mehr Urlaub, und überhaupt ist die Waffen-SS für später im Leben sicher hilfreich, vor allem wegen der besseren Alterssicherung. Dann machte er die Tür auf, dahinter waren rechts drei Tische mit verschiedenen SS-Divisionen ("Das Reich", "Hermann Göring" usw.), mit jeweils drei Offizieren und vorbereiteten Eintragungslisten. Oben an der Stirnseite war die normale Wehrmacht. Die Tür ging auf und die Jungs stürzten rein und standen in Trauben vor den SS-Tischen und ließen sich eintragen. Ich wollte zur Marine.

Am 28. April holte uns der Krieg auch in Mecklenburg ein – und an dem Tag kam auch meine Einberufung, allerdings zum Volkssturm. Meine Mutter quittierte das Papier ganz brav und steckte es dann in den Ofen. Dann fuhr sie mit mir los, als Passagier in dem Funkwagen einer Luftwaffeneinheit, Ziel Kiel.

Ich hatte das mit dem Stellungsbefehl gar nicht mitgekriegt, denn hatte mich irgendwo in der Gegend rumgetrieben. Erst in Wismar hat meine Mutter mir das gesagt mit dem Volkssturm und was sie mit der Einberufung gemacht hatte. Da habe ich sie wild geschlagen, bin aus dem Flüchtlingswagen gestürzt und auf den Markt gerannt, wo ich mich noch melden wollte, für den Führer zu kämpfen. Mutter hat mich von zwei Luftwaffensoldaten einfangen und mit dem Arm auf dem Rücken in den Wagen zurückbringen lassen, und dann ging's weiter nach Westen.

"Ich rannte mit meiner HJ-Mütze rum"

In Plön rannte ich immer noch mit meiner HJ-Mütze rum. Da kam ein Brite auf mich zu, nahm freundlich meine Mütze vom Kopf, riss den HJ-Rhombus davon ab und zertrat ihn unter seiner Hacke. Dann setzte er mir die Mütze wieder auf. Ich schmiss sie aber weg, sie war entweiht, und rannte zu meiner Mutter. Ich warf mich neben sie aufs Stroh und weinte bitterlich – hier war für mich der Krieg vorbei. Sie umarmte und tröstete mich und erfühlte etwas Hartes in meinem Rücken – es war ein arabischer Dolch, den ich gegen die Perlmuttpistole eingetauscht hatte. "Idiot", flüsterte meine Mutter, "hätte der Brite dich abgetastet und den Dolch gefunden, wärst du vors Standgericht gekommen!" Am nächsten Tag tauschte ich den Dolch gegen ein englisches Wörterbuch und begann, die unregelmäßigen Verben zu lernen. Meine Zeit als Hitlerjunge war jetzt erst vorbei."

Weitere Zeitzeugenberichte lesen Sie ...

Die Reportage von Janis Vougioukas und Maciej Dakowicz aus den vergessenen Dörfern in Nepal finden Sie im neuen stern

Die Reportage von Janis Vougioukas und Maciej Dakowicz aus den vergessenen Dörfern in Nepal finden Sie im neuen stern

... in der stern-Ausgabe Nr. 20 vom 7.5.2015.

Protokolle: Anika Geisler und Bert Gamerschlag