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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Redet mit Opa über Nazis!

70 Jahre Kriegsende: Das ist ein idealer Tag, um sich zu erinnern. Gemeinsam. In der Familie. Sonst nehmen Opa und Oma ihre Geschichte mit ins Grab.

Von Thilo Mischke

Soldaten der Wehrmacht beim Kriegsende: War Opa einer von ihnen? Die Zeitzeugen sitzen bei uns am Küchentisch.

Soldaten der Wehrmacht beim Kriegsende: War Opa einer von ihnen? Die Zeitzeugen sitzen bei uns am Küchentisch.

In meiner Familie ist der 8. Mai ein Feiertag. Denn für meine beiden Großväter bedeutete der 8. Mai echte Freiheit. Der eine Armenier, der andere SPD-Mitglied. Der SPD-Opa verprügelte im Berlin der dreißiger Jahre SA-Leute, floh nach Holland und wurde dort, nach dem Einmarsch der Deutschen, geschnappt. Er kam nach Sachsenhausen.

Aber davon will ich nicht erzählen, viel mehr von meinen Freunden, Bekannten und auch Unbekannten, von meiner Generation. Enkelgeneration werden wir genannt. Und das stimmt auch. Wir sitzen zu Weihnachten mit unseren Opas und Omas am Esstisch, wir spazieren mit ihnen, wir borgen uns Geld von ihnen - aber kaum jemand fragt nach. Wir sehen Zeitzeugen auf ZDF-Info, dabei sitzen sie bei uns am Tisch.

Täter, das waren andere

Jetzt ist Frühling, es ist die Jahreszeit, in der die Opas und Omas sterben. Und sie nehmen ihre Geschichten mit. Ihre Geheimnisse, die so wichtig wären zu erfahren. Und wir? Wir sind müde. Erst kürzlich fragte ich einen entfernten Freund, ob er mit seinem Großvater über den Krieg geredet hat. "Oh, nee, das habe ich vergessen", sagte er. Nun ist Opa tot. Ob er Nazi war, wird der Enkel nie erfahren. Er ahnt es nur. Hier ein Foto von einem Mann in Polen, dort ein Bild aus dem Lazarett. Fragen dazu hat er nie gestellt. Weil er es nicht wissen wollte.

Wie geht man mit der Schuld um? Mit der Familienschuld? Wenn Opa ein Nazi war? Es ist kaum zu ertragen, sich vorzustellen, dass Opa im KZ gearbeitet hat, an der Ostfront Zivilisten erschossen oder Frauen in Frankreich vergewaltigt hat. Täter, das waren immer die anderen, die Nazis. Niemals die Deutschen, und schon gar nicht Opa. Selbst wenn er volltrunken mal einen deutschen Gruß macht und das Horst-Wessel-Lied summt.

Wir behaupten, alles zu wissen

Wir werfen den Alten Feigheit vor. Werfen ihnen vor, dass sie ihre Geschichten nicht erzählen. Dabei würden sie erzählen, wären wir nicht so bräsig. Feige - das sind wir, weil wir uns vor unserer eigenen Geschichte schämen und nicht nachfragen. Weil wir arrogant behaupten, schon alles zu wissen.

Der 8. Mai ist ein wichtiger Tag. Warum nutzen wir ihn nicht. Wir beschenken uns an bescheuerten Feiertagen wie Mutter- oder Vatertag, am Kindertag gibt's Schokolade. Am 3. Oktober schunkelt Deutschland besoffen vor dem Brandenburger Tor. Aber am 8. Mai, einem Tag, der nicht wichtiger für die deutsche Geschichte sein kann, beobachten wir den Bundestag bei einer Gedenkstunde. Erledigt. Nächstes Jahr ist es dann 71 Jahre her.

Die Geschichte weitertragen

Wir sollten den Tag nutzen, um mit unseren Großeltern zu reden. Eine feste Verabredung, ein Mal im Jahr, mit Notizblock und Stift. Und dann lassen wir uns erzählen, was damals passiert ist.

Natürlich habe ich leicht reden, natürlich hat mein SPD-Großvater freimütig gesprochen. Aber nicht mit mir, dafür starb er zu früh. Sondern nur mit meinem Vater. Er hat mir die Geschichten weiter erzählt. Und diese Aufgabe werden auch wir haben: unseren Kindern erzählen, wer ihre Vorfahren waren, was wir geschafft und wo wir versagt haben, was wir nicht verhindert konnten. Das aber funktioniert nicht, wenn wir die Geschichten unserer Großeltern nicht kennen.