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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Pegida: Gabriel hört zu, Tillich dröhnt mit

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich, CDU, hat sich bei Pegida eingespeichelt. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat das bei seinem Besuch nicht getan. Das macht den Unterschied.

Von Axel Vornbäumen

Pegida verstehen oder auch nicht: SPD-Chef Sigmar Gabriel und der sächsiche Ministerpräsident Stanislaw Tillich

Pegida verstehen oder auch nicht: SPD-Chef Sigmar Gabriel und der sächsiche Ministerpräsident Stanislaw Tillich

Hier mal schnell ein paar Dinge, die zu Deutschland gehören: Regen im Januar, das Dschungelcamp, Pep Guardiola, der "Tatort", der Islam. Stimmt, die Liste ist unvollständig, was aber an ihrer Richtigkeit nichts ändert. Die entscheidende Frage ist deshalb vermutlich: Wird diese Liste umso präziser, je länger sie wird - oder ist das genaue Gegenteil der Fall? Wenn man, pardon, jeden Scheiß, aufzählen muss, um zu beschreiben, was dieses Land ausmacht, dann wird es furchtbar beliebig. Das aber kann keiner ernst meinen, der eine politische Debatte führt. Wer also Sätze verwendet, die ein "gehört zu" oder gehört nicht zu" in sich tragen, der will die besondere Bedeutung des beschriebenen Gegenstandes hervorheben.

Christian Wulff, als er noch Bundespräsident war, hat für den öffentlichen Diskurs in diesem Land eine Menge getan. Dass sein Satz - "Der Islam gehört zu Deutschland" - mit ein paar Jahren Verspätung - zu einem geflügelten Wort würde, an der sich der Toleranzpegel eines jeden Einzelnen vermeintlich mühelos ablesen lässt, hätte Wulff wahrscheinlich selbst nicht gedacht. Ist aber so. Oder?

Die Ostsee gehört nicht zu ...

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (sorbische Wurzeln, die Sorben gehören zu Sachsen), hat jetzt sein Bekenntnis in einem Interview mit der folgenden Satzkonstruktion abgeliefert: Muslime seien in Deutschland willkommen und könnten ihre Religion ausüben. "Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört." Die entsprechende Schlagzeile dazu lautet: Tillich widerspricht Merkel: "Der Islam gehört nicht zu Sachsen". Hier deshalb jetzt einmal schnell ein paar Dinge, die nicht zu Sachsen gehören: der Main, die Ostsee, der FC Köln, das Hofbräuhaus. Ja, wahrscheinlich gehört sogar der Islam nicht dazu, jedenfalls nicht als konstituierender Faktor der sächsischen Identität. Es gibt ja kaum Muslime dort unten. Warum eigentlich nicht?

Unanständig, sogar für einen Sachsen

In unaufgeregteren Zeiten könnte man also - wer ist eigentlich dieser Tillich? - darüber gelassen hinweg gehen. Tillich aber ist Ministerpräsident eines Landes, das gerade ein wenig das Antlitz des hässlichen Deutschlands poliert - meistens montags, gerne auch mal am Sonntag gehen dort islamophobe Menschen, die zu Sachsen gehören, auf die Straße und nennen sich Pegida. Tillichs Äußerung liest sich so, als ob er mit Pegida paktiere. Wer diesen Eindruck nicht hat, der muss schon sehr genau hinhören.

Man darf dem sächsischen Ministerpräsidenten deshalb getrost vorwerfen, dass sein Satz in etwa so klingt: Der Islam gehört nicht zu Sachsen - und das ist auch gut so! Er gießt damit Wasser auf die Mühlen von Pegida, er wertet die Bewegung auf. Und das ist unanständig, sogar für einen sächsischen Ministerpräsidenten.

Gabriel ist nirgends Privatmann

Apropos Aufwertung. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat in seiner immerwährenden Spontanität den Pegida-Anhängern in Dresden einen Besuch abgestattet. Das ist nicht unanständig. Das darf er. Er hat ihnen ja seine Meinung gesagt. Es wertet die Bewegung damit auch nicht auf. Nur, er hätte das alles in seiner Eigenschaft als SPD-Chef tun sollen - und nicht als vorgeblicher Privatmann, weil man im öffentlichen und politischen Raum als Vize-Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sich nun mal nicht einfach zum Privatmann machen kann. So etwas müsste man in seiner Position eigentlich kapiert haben. Immerhin: Eine Erkenntnis lässt sich nach seinem Dresden-Trip feststellen: Gabriels Spontanität gehört zu Deutschland.

Axel Vornbäumen gehört auch zu Deutschland. Man kann dem Autor unter Twitter folgen auf @avornbaeumen