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M. Streck: Last Call: Vorsicht! Dieser Text könnte Sie emotional beschädigen ...

An britischen Universitäten geht es verblüffend sensibel zu. Angehende Theologen werden vor Kreuzigungen in Vorlesungen gewarnt, Literatur-Studenten vor Shakespeare und Forensiker vor Blut. Wo soll das hinführen?

Kreuzigung

Überraschung: In Vorlesungen über Jesus können "explizite Inhalte bis hin zur Kreuzigung" auftauchen

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Wir gehören zur Spezies der in Großbritannien ziemlich verbreiteten "boomerang parents", weil die Kids, kaum sind sie aus dem Haus, zurückgeflogen kommen wie ein Bumerang. Das hat zuvorderst mit den verrückten, hiesigen Mieten zu tun. Vor zwei Jahren zog erst unsere ältere Tochter wieder bei uns ein, als sie in London studierte. Und als sie wieder auszog, zog die jüngere Tochter ein, weil sie auch in London studiert.

Meine zu groben Scherze vor jungen Leuten

Wir genießen es, Bumerang-Eltern zu sein, denn das macht unser Häuschen an den Wochenenden zu einer Jugendherberge. Junge Leute aus der ganzen Welt campieren dann bei uns. Es wird viel über Donald Trump und Theresa May geredet, über Brexit und Bekloppte und Bücher und manchmal – für meinen Geschmack etwas zu selten – auch über Fußball. Die jungen Leute kommen aus Kanada, Irland, Italien, Indien, Spanien, Schottland und natürlich aus England.

Manchmal muss ich etwas aufpassen, dass meine Scherze vor den jungen Menschen nicht zu grob und derb geraten. Ich neige selbst nach einigen Jahren in Amerika und Großbritannien nämlich noch immer zu etwas, dass die Angelsachsen "German bluntness" nennen, teutonische Stumpfheit. Das muss wohl in den Genen liegen. Ich meine es gar nicht böse, es rutscht einfach so raus. In Amerika gab es früher sogar Kurse für deutsche Geschäftsleute, die erst mal lernen mussten, ihre US-Angestellten auch dann zu loben, wenn sie den größten Mist verzapft haben. So weit ist es hier noch nicht.

Großer Wirbel um früherotische Literatur

Wahrscheinlich haben wir mit den Freunden unserer Töchter auch nur großes Glück.

Gerade war zu lesen, dass einige Universitäten des Landes vor bis dahin unverdächtigen Büchern warnen oder sie sogar aus dem Lehrplan streichen, weil sie die studentischen Seelen beschädigen könnten. Eine der inkriminierten Schriften, so hieß es zumindest, sei "Fanny Hill", ein Klassiker der englischen Literatur. Das sind die Erinnerungen einer Kurtisane, niedergeschrieben Mitte des 18. Jahrhunderts von John Cleland, einem Lebemann, der sie im Knast verfasste und sich zur Aufgabe gemacht hatte, ein möglichst schmutziges Buch zu verfassen, ohne dabei auch nur ein schmutziges Wort zu benutzen. Er erging sich lediglich in Andeutungen, erwähnte die beim Akt benötigten Organe aber mit keiner Silbe und nannte sie, offenbar nach Größe sortiert, "Maibaum", "Speer" oder "Spritze".


Der hellsichtige Autor fürchtete Zensur, und er fürchtete richtig. Der Aufschrei war gewaltig. Das Buch wurde mehr als 200 Jahre lang unterm Ladentisch gehandelt und ist gerade wieder in den Schlagzeilen. Clelands erotisches Werk sei aus dem Curriculum der Holloway-Universität in London verbannt worden wegen vermeintlich gefühlsverletzender Passagen. So stand es in fast jeder Zeitung. Allein, so stimmt es nicht. Die zuständige Professorin war falsch zitiert worden, "Fanny Hill" stand nämlich gar nicht erst auf dem Curriculum. Aber falls es drauf stünde, so viel stimmt, müsste man die jungen Menschen vor den Nebenwirkungen warnen mit einer sogenannten "trigger warning", "dieses Buch enthält explizite Schilderungen von…"

Auf jeden Fall haben wir nun eine Debatte über Warnungen und eine neue Verletzlichkeit angehender Akademiker, von denen sich einige tatsächlich über Shakespeares "King Lear" und die deftigen Metzelpassagen darin beschweren. Shakespeare würde wohl seinen "King Lear" bei einem Lektor heute nicht mehr durchkriegen, "Hamlet" und "Richard III" schon mal gar nicht. Zu viel Mord und Totschlag. Er müsste sich wohl vorsätzliche Gefühlsbeschädigung vorwerfen lassen. Zu meiner Zeit freuten wir uns noch über jede Messerstecherei bei Shakespeare und auch über jede Sex-Szene, selbst angedeuteten Sex. Wir müssen wohl sehr grobschlächtig und stumpf und sexistisch und pubertär gewesen sein damals.

Spötter nennen sie "Generation Snowflake"

Heute ist das Ganze jedenfalls ein sehr sensibles Thema, sogar in Fachbereichen, von denen man das am allerwenigsten vermutet. An einer Uni wurden angehende Forensiker darauf hingewiesen, dass der Lehrplan "Tatorte" gewisse Muster von Blut beinhalten könne. Und in Glasgow mussten sich Studenten vor einer Theologie-Vorlesung über Jesus anhören, "explizite Inhalte bis hin zur Kreuzigung" würden darin vorkommen. Ausgerechnet in Glasgow, meines Wissens nach nicht unbedingt ein Hort der Zartbesaiteten, dessen Bewohner zum Beispiel den "Glasgow Kiss" erfunden haben, eine schmerzhafte Kopfnuss, und dessen Straßen - auch unter Studenten im Übrigen - Beinamen wie "Stabby Alley" und "Rapist's Lane" tragen, etwa Messerstecher- und Vergewaltigungs-Gässchen. Das aber nur am Rande.

Spötter bezeichnen die emotional Empfindlichen etwas hämisch und despektierlich als "Generation Snowflake", Generation Schneeflocke. Leider haben die Rechten den Begriff gekapert, Breitbart und Fox-News. Trump-Anhänger verhöhnen damit Trump-Gegner, und Brexit-Fans damit EU-Sympathisanten. Insofern ist die pure Erwähnung moralisch auch schon wieder riskant und verwerflich, mindestens.

Übertriebene, neue Empfindsamkeit

Die Jugend der Welt bei uns zu Hause empfindet die neue Empfindsamkeit von Kommilitonen glücklicherweise auch als übertrieben. Andernfalls hätte ich wohl ein Problem. Neulich, zu Ostern, erzählte ich aus thematisch gegebenem Anlass einen, zugegeben, ziemlich blasphemischen Witz. Die Jugend der Welt hörte aufmerksam zu. Und lachte zu meiner großen Freude sehr und aufrichtig.

Ich bitte um Verständnis, dass ich den Witz an dieser Stelle aus Furcht vor Klagen von Kirchen und Schneeflocken nicht in Gänze wiederholen möchte. Nur so viel sei verraten: Kreuzigungen kommen vor, und er endet mit “Petrus, von hier oben kann ich dein Haus sehen".

Den Rest? Müssen Sie sich jetzt denken.