Neonazis "Exit" vor dem Ende?


Sechs Jahre nach seiner Gründung hat das renommierte Projekt "Exit", das erfolgreich Neonazis beim Ausstieg aus der Szene berät, kein Geld mehr. Und ausgerechnet jetzt werden die Schläger von einst salonfähig.
Von Uli Hauser

Deutschland im Herbst 2006. Rechte Fußballfans beschimpfen gegnerische Spieler als Juden, in Sachsen-Anhalt greifen Rechtsextreme Polizisten an. Und in Berlin steht ein Vorzeigeprojekt vor dem Aus. "Exit", das seit sechs Jahren Neonazis beim Ausstieg berät, hat kein Geld mehr.

"Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt "Exit"-Chef Bernd Wagner, 51. Der Kriminaloberrat a. D. hatte 2000 die Initiative gegründet, die der stern von Beginn an unterstützte. Seitdem hat "Exit" über 250 ehemalige Rechtsradikale betreut, Selbsthilfegruppen von Eltern gegründet. Fortbildungen organisiert. Und immer wieder sitzt Bernd Wagner in Talkshows - es gibt keinen besseren Experten zu diesem Thema.

Wer geht, gilt als Verräter

Wagner verfolgt die Entwicklung der Szene seit 1987, damals als Polizist in der DDR. Jetzt sei eingetreten, was er befürchtet habe: Neonazis und ihre Ansichten seien gesellschaftsfähig geworden. Die Schläger von einst sind die Parlamentarier von heute, sie sitzen als NPD-Abgeordnete in Landtagen, Stadträten und Gemeinden. Und entwickelten einen Korpsgeist, der es nachdenklichen Kameraden schwer macht, ihrer "völkischen Heimat" den Rücken zu kehren. Wer geht, gilt als Verräter.

Da setzt Wagner an: Hilfe zu bieten, Schutz, soweit möglich. Wagner und seine Leute haben kleine Mitläufer betreut - und prominente Kader. "Es ist verdammt anstrengend, sich von seiner Vergangenheit zu lösen", sagt Wagners bekannteste Aussteigerin Tanja Privenau, 35.

Kämpfte für die Vernichtung der Juden

Mit 13 Jahren war sie Mitglied der nachher verbotenen Wiking-Jugend, bildete später bundesweit Nachwuchs aus. Kämpfte für die Vernichtung der Juden und hatte Einblick in Listen über den politischen Feind, Menschen, die am "Tag der Abrechnung" vor ein "Reichsgericht" gestellt und standrechtlich erschossen werden sollen. Journalisten, Politiker, Richter, Staatsanwälte. Auch Leute wie Wagner. "Wenn ich darüber nachdenke, was ich getan habe", sagt Tanja Privenau, "bin ich geschockt."

Privenau hatte als Schulungsleiterin so viel Einfluss, dass Verfassungsschützer ihr jetzt rieten, sich in bestimmten Gegenden besser nicht aufzuhalten. Dreimal musste sie bereits mit ihren fünf Kindern umziehen, wurde von der Polizei geschützt: Immer wieder hatte ihr Mann, noch in der Szene aktiv und wegen rechtsextremer Delikte bald vor Gericht, ihre neue Adresse ausfindig gemacht. "Ohne Bernd Wagners Hilfe würde ich das kaum durchstehen", sagt Tanja Privenau.

Bettelbriefe an Politiker und Künstler

Jetzt kämpft auch sie um die Existenz von "Exit". Schreibt Bettelbriefe an Politiker und Künstler. Kann kaum glauben, dass Wagners Arbeit vom Staat nicht anerkannt wird. "Wenn wir damals in der Szene einen von der Gegenseite ernst nahmen, dann war es Bernd Wagner."

Der sitzt in seinem Berliner Büro und überlegt, wie es weitergeht. Seinen vier Mitarbeitern musste er zum Jahresende kündigen, vielleicht kann sein Projekt ab Mitte 2007 wieder gefördert werden, wenn jetzt doch noch Anträge formuliert werden für neue Förderprogramme mit neuem Namen.

"Jedes Jahr das gleiche Hauen und Stechen"

Das Familienministerium will nächstes Jahr 19 Millionen Euro zur Verfügung stellen, vor allem für kommunale, weniger für bundesweite Projekte. Gelder für Opferberatungsstellen oder Mitarbeiter mobiler Beratungsteams, in der Vergangenheit hochgelobt und für ihre Zivilcourage preisgekrönt, waren zunächst nicht vorgesehen. Erst nach massiven Protesten einiger SPD-Parlamentarier sollen weitere fünf Millionen Euro für kleinere Initiativen bewilligt werden. Aber auch diesmal erfüllt "Exit" nicht die komplizierten Antragsregeln.

Warum das so ist, kann sich Bernd Wagner kaum erklären. "Jedes Jahr das gleiche Hauen und Stechen um die Gelder." Er rechnet vor: "Ein Neonazi im Knast kostet den Staat pro Jahr um die 60 000 Euro. Wenn ich mal nur 100 Leute nehme, die nicht mehr rückfällig geworden sind durch meine Arbeit, habe ich bisher sechs Millionen Euro gespart."

Staatliche Gelder für rassistisch motivierte Stiftungen

Vom stern um eine Stellungnahme gebeten, haben sich die zuständigen Beamten im Familienministerium bisher nicht geäußert. Man wisse noch nicht genau, wann welche Gelder wofür bewilligt würden.

"Lächerlich", schimpft Schauspieler Hardy Krüger, 78, einer der ersten prominenten "Exit"-Unterstützer. "Wir haben früher immer gesagt: Wehret den Anfängen. Darüber sind wir längst hinaus." Krüger ärgert besonders, dass die NPD im Osten einen Landtag nach dem anderen erobert und als Parlamentspartei auch noch staatliche Gelder zur Finanzierung rassistisch motivierter Stiftungen beantragt, wie jetzt in Dresden.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker