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Krieg in der Ukraine Russischer Durchbruch – Kiew taumelt dem Endkampf im Donbass entgegen

Der ukrainische Soldat deckt seinen Panzer bei Lyssytschansk ab.
Der ukrainische Soldat deckt seinen Panzer bei Lyssytschansk ab.
© Anatolii Stepanov / AFP
Südlich von Lyssytschansk sind russische Truppen durchgebrochen. Nun droht der Einschluss der letzten Stadt im Donbass unter Kiewer Kontrolle. Russlands Zermürbungsstrategie scheint aufzugehen.

Am Donnerstag beherrschte eine Botschaft die Nachrichten. Der Ukraine wurde der Kandidaten-Status für die EU zugebilligt. Ein großer Erfolg für die Regierung und gedacht als Mut machendes Signal. Und das ist auch schwer nötig. Denn fast in der gleichen Zeit sind ganze Frontabschnitte im Donbass ins Rutschen geraten. Der Widerstand der ukrainischen Streitkräfte geht in die letzte Phase, nachdem sie über 100 Tage lang sehr langsam, aber unaufhaltsam zurückgedrängt wurden.

Hoffnung auf den Fluss

Wie sah das Bild aus? Der östliche Teil der Doppelstadt Sewerodonezk und Lyssytschansk wurde schon vor Wochen von den Russen erobert. Ein letzter Versuch, sie mit einem größeren Gegenangriff aus der Stadt zu drängen, scheiterte unter Verlusten. Nur im Industriegebiet am Fluss hielten und halten Kiews Soldaten aus. Die Anlage ist mir Bunkern aus der Sowjetzeit versehen und die Verteidiger können aus der Nachbarstadt mit Artilleriefeuer unterstützt werden. Eine Eroberung ist schwer und sinnlos, weil Sewerodonezk keine Sprungschanze für die Eroberung der Nachbarstadt darstellt. In Sewerodonezk erlitt die Ukraine also eine Niederlage, aber man konnte die Hoffnung haben, dass Fluss und Anhöhen die Russen aufhalten.

Umfassung aus dem Süden

Doch dafür brachen Moskaus Truppen etwas weiter im Süden durch. Dort hatten sie sich kontinuierlich vorgearbeitet. Die ukrainischen Verteidiger hielten zuletzt noch einen Zipfel, der wie ein Strumpf zwischen den russischen Zonen hervorragte. Dieser Zipfel wurde abgeschnitten. Noch wird in der Zone gekämpft. Doch ist es unwahrscheinlich, dass die Truppen in Masse ausbrechen können oder gar entsetzt werden können. Russland konnte nämlich die Durchbruchstelle verbreitern und von hier aus in den Rücken von Lyssytschansk vorstoßen. Aus dem Durchbruch wurde eine "Blüte" – so der russische Begriff für das Ausnutzen der Lücke mit Bewegungen in mehrere Richtungen. Damit sind nicht nur die Truppen im Mini-Kessel akut gefährdet, es droht die Gefahr, dass alle Truppen in Lyssytschansk abgeschnitten werden.

Bildet sich ein Kessel?

Die ukrainische Ankündigung, die restlichen Truppen aus Sewerodonezk herauszuziehen, hat nur symbolischen Wert. Ohne Brücken und unter dem Feuer des Gegners können nur einzelne Gruppen versuchen, über den Fluss zu gelangen. Um sich dort im nächsten "Pocket" wiederzufinden, denn auch wenn die Stadt noch nicht komplett eingeschlossen ist, sind doch alle Straßen verloren. Kiew wird keine Munition mehr hineinbekommen und keine Truppen heraus. Wenn keine großen mechanisierten Reserven für einen Entsatzangriff herangeführt werden, ist damit der Großteil der Truppen auf Dauer verloren, auch wenn sie noch weiter in der Stadt ausharren und sich einzelne Gruppen durchschlagen können.

Die Verluste entscheiden diesen Krieg

Nach den Verlusten des Krieges, der Katastrophe von Mariupol, steht damit das nächste Desaster vor der Tür. So wie es jetzt aussieht, ist der Donbass verloren. Eine weitere Verteidigung wird immer schwerer. Allmählich hat Kiew die Zone verloren, die seit 2015 mit Bunkern und Stellungen befestigt wurde. Es wird für die zurückweichenden Truppen schwerer, sich irgendwo festzukrallen. Befestigungen sind in dieser Form des Krieges enorm wichtig. Echte Bunker, die tief in den Boden getrieben wurden, bieten auch vor schwerer Artillerie Schutz. Nur spezielle Munition und ein direkter Treffer können sie aufbrechen. Improvisierte Feldpositionen aus Gräben und mit Brettern abgedeckten Unterständen schützen vor leichten Waffen, aber nicht vor Raketen und schwerer Artillerie.

Ein weiterer Schock: Bisher kann Russland offenbar Verluste ersetzten und stets neue Soldaten und Material zuführen. Der Verlust eines großen Munitionslagers hat diese Offensive nicht aufgehalten. Im Westen wird berichtet, dass die Streitkräfte der Seperatisten-Republiken 50 Prozent ihrer Kämpfer eingebüßt haben. Am Boden zeigt sich das nicht. Doch Kiew werden die Soldaten fehlen. Es sind menschlichen Tragödien und es sind die besten Truppen Kiews. Im Donbass stehen Berufssoldaten und die motivierten Freiwilligen, die sich nach der Invasion den Streitkräften angeschlossen haben. Diese Truppen kann man nicht mit frisch ausgehobenen Einheiten aus Wehrpflichtigen ersetzen. Die Strategie von Putins General Dwornikow scheint aufzugehen (Alexander Dwornikow – der Schlächter von Syrien). Unter den unablässigen Schlägen der russischen Artillerie werden Kiews Truppen und Bastionen langsam zermahlen.

Wo liegt die Haltelinie

Die große Frage jetzt ist: Wie kann Kiew das weitere Aufblühen der russischen Streitkräfte aufhalten? In der Region selbst können kaum Truppen aus der Front gezogen werden. Insbesondere die Achse zwischen Slowjansk und Bachmut steht massiv unter Druck. Hier wollen die Russen einen weiteren einen weiter westlich gelegenen Schnitt durch ukrainsiches Gebiet ansetzen. Die letzten Tage im Donbass waren ein Desaster, jetzt fragt sich nur noch, wie sehr sich die Katastrophe ausweitet oder ob der russische Vormarsch noch einmal gestoppt werden kann.

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