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Mangelhafte Digitalisierung Für die Schulen fehlt der Plan D

Eine Lehrerin klebt Tische ab
Ups, die Ferien sind zu Ende! Seit März hat sich wenig getan, um das Unterrichten in der Corona-Pandemie sinnvoll und gerecht möglich zu machen.
© izusek / Getty Images
Die Schulöffnungen sind im Kern richtig, trotz aller Risiken. Problematisch ist, dass ein Plan D fehlt – für Digitalisierung, Lehrer-Fortbildung – und wirksamen Unterricht.

In Mecklenburg-Vorpommern läuft die Schule schon seit Montag wieder, in Hamburg geht sie am Donnerstag los, dann folgen weitere Bundesländer Schlag auf Schlag. Wie soll das gehen, trotz Pandemie? Überall sollen die Schüler jetzt Masken aufsetzen, in NRW sogar am Platz. Aber sonst klingt alles nach verdammt viel Normalität. Ist auch folgerichtig. In der Kultusministerkonferenz haben die Minister der Länder schon vor den Ferien verkündet: Wir wollen schnell wieder in den Regelbetrieb. Dieses Ziel ist auch gut. Zu schwer wiegen die Folgen, wenn Kinder nicht in den Präsenzunterricht dürfen, zu schlecht ist der Fernunterricht, zu mangelhaft ist das System und sind Lehrer auf das digitale Lehren vorbereitet.

Viel wird verpasst, vor allem von denen, die in bildungsfernen Haushalten aufwachsen, Ökonomen warnen schon jetzt vor den Folgen für die Schülergeneration Corona. Vielleicht wäre es schlau gewesen, den offiziellen Schulbeginn weitere zwei Wochen als eine Art Sonderquarantäne auszusetzen, weil dann die Heimkehrer noch hätten merken können, ob sie sich im Urlaub das Virus geholt haben oder nicht. Aber im Prinzip ist es richtig, die Schulen auf Sicht schnell zu öffnen – und sich zu überlegen, was geschieht, wenn die Infektionsraten hochschnellen.

Sind Sie Lehrer? Wovor haben Sie Angst beim Schulstart? Was wünschen Sie sich hinsichtlich Digitalisierung und Hygienekonzept? Schreiben Sie uns an: leseraufruf@stern.de 

Plan B aus Bayern

Vorausschauende Länder ­– die Bayern allen voran – haben Pläne aufgestellt, was an Schulen passieren soll, wenn das Infektionsgeschehen bestimmte Grenzen überschreitet. Diese Pläne sind sinnvoll und werden in den nächsten Tagen und Wochen vermutlich von allen Ländern präsentiert.

Aber nicht der Plan B ist das Problem, sondern der Plan D, der Plan für die Digitalisierung und damit für den Fernunterricht. Den Plan D gibt es nämlich nicht. Soweit erkennbar, ist seit März schlicht zu wenig geschehen, was technische Infrastruktur betrifft, Hardware, was die Auswahl von angemessener Software betrifft und vor allem, was die Fortbildung von Lehrern angeht. Die Schuld dafür lässt sich zwar leicht den Lehrern in die Schuhe schieben: im Schnitt zu alt, im Schnitt zu satt, im Schnitt auch zu versiert darin, sich in den tiefen Furchen des Beamtendaseins zu verstecken.

Die Politik hat versagt

Aber das trifft es nicht. Es ist die Politik, die hier seit März versagt hat. Sie hätte Standards einfordern und setzen müssen. Und zwar ganz konkret: Für die Glasfaser-Ausstattung von Schulen, für die Anschaffung von Geräten, aber auch für die Beschaffung von Lernsoftware. Konzepte, etwa den Flipped Classroom, in dem Wissen über Videos vermittelt wird und der Lehrer dafür da ist, das Verstehen und das Verständnis zu befördern, die gibt es ja, genauso wie Software-Angebote. Nur Schulen, Kommunen, mitunter sogar Länder sind überfordert, die Standards zu setzen.

Das ist alles nicht einfach, schon klar, man verliert sich traditionell schnell im Dickicht von Zuständigkeiten zwischen Kommunen und Ländern und ein bisschen dem Bund. Aber dass es einfach ist, hier endlich, endlich voranzukommen, hat auch keiner behauptet. Es hat an dem klaren Signal an die Lehrer gefehlt: Leute, ihr müsst im Sommer, in den Ferien, ran. Ihr müsst lernen, wie das im Herbst gehen soll, wenn es mit Masken nicht getan ist und die Schüler zu Hause unterrichtet werden müssen. Von Lehrern hätte man das erwarten können. Ihr Beamtenstatus gibt ihnen viele Privilegien. Jetzt, da ihr Dienstherr, der Staat, in Not ist, kann man von ihnen erwarten, dass sie sich in die Pflicht nehmen lassen. Und zwar nicht nur die Pioniere, von denen es zweifellos viele gibt. Sondern alle.

Es fehlt an politischer Führung

Aber genau diese bildungspolitische Führung hat gefehlt, fehlt bis heute. Das ist schlimm, weil die Frage, wie Schulpädagogik, die Rolle von Lehrern, sinnvoll mit den digitalen Möglichkeiten verwoben werden kann, seit Jahren schwelt. Eine Antwort fehlt bis heute – außer natürlich in Sonntagsreden. Die Beantwortung ist nicht einfach: Nicht jedes Programm ist sinnvoll, mit den Unterrichtsplänen und Materialien hat Software oft nichts zu tun. Aber jetzt sind diese Antworten, trotz aller warmen Worte von der "Krise als Chance" wieder verschoben worden. Das Ergebnis erleben wir dieser Tage, ganz unmaskiert. Nötig wäre ein gemeinsames, einheitliches Vorgehen, bundesweit. Vielleicht könnte man die Strategie "Schule der Zukunft" ja auf einem Schulgipfel diskutieren und beschließen. Und zwar nicht mit einer Schulagenda 2030, sondern mit einer Schulagenda 2021.


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