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CDU: Das verrückteste Wahlplakat

Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld wollte mal auffallen. Sie nahm das Dekolleté der Kanzlerin und einen anzüglichen Spruch. Nun rätseln alle: Ironie oder gaga?

Von Lutz Kinkel

Kurz gesagt: Das Motiv ist frivol. Pikant. Und auch ein bisschen unverschämt - gegenüber der Kanzlerin. Auf dem Plakat der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die im Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg für die CDU antritt, sind zwei tief dekolletierte Frauen zu sehen: Links Angela Merkel, rechts Lengsfeld. Merkel in jenem Abendkleid, mit dem sie bei der Eröffnung der Osloer Oper im April 2008 für Furore sorgte. Lengsfeld in einem me-too-Produkt. Ein halb durchsichtiger Streifen verdeckt notdürftig den tiefsten Punkt des Ausschnitts, darüber steht der doppeldeutige Slogan: "Wir haben mehr zu bieten." Und daneben das Logo der Konservativen: CDU.

Ähem. Wie, um Gottes willen, ist Lengsfeld auf diese Idee gekommen? Was sagt das Kanzleramt?

Vera Lengsfeld, 57, ist bester Laune am Telefon. "Ich weiß, dass ich in diesem speziellen Wahlkreis mit einem normalen Plakat untergehen würde", sagt sie zu stern.de. Und deshalb habe sie sich für diese Idee entschieden - ohne sie mit der CDU oder dem Kanzleramt abzusprechen. Lengsfeld ist überzeugt, dass sie einen "überraschenden und unkonventionellen Wahlkampf" führen muss, um im rot-grünen Friedrichshain-Kreuzberg zu punkten. Und mit dem Ergebnis ist sie durchaus zufrieden. "Der Effekt, den ich mir erhofft habe, ist über die Maßen eingetreten." Bis 14.30 Uhr an diesem Montag habe sie 2000 Zugriffe auf ihrem Wahlblog registriert. Und das wolle sie ja: dass sich die Menschen mit ihren politischen Inhalten auseinandersetzen.

Die Kommentare, die auf ihrem Wahlblog zu dem Plakat eingelaufen sind, sind allerdings nicht durchweg freundlich. "Sind Sie völlig verrückt geworden? Mit solchen Plakaten haben Sie sich [...] politisch disqualifiziert", heißt es. Oder auch: "OH MEIN GOTT! Merkel und Lengsfeld setzen auf puren Sexismus statt auf Inhalte – UNWÄHLBAR!" Andererseits gibt es auch Stimmen wie diese: "Ich finde das Plakat hat Humor!" Lengsfeld selbst sagt, dass sie größtenteils positive Reaktionen erhalten habe. Und die CDU? "Es hat sich jedenfalls noch niemand aus der Partei beschwert." Im übrigen sei die CDU auch gar nicht so "verstaubt und verklemmt", wie das von Außen immer dargestellt werde.

Tatsächlich? Nun, das Bundeskanzleramt ließ auf Nachfrage von stern.de nur verlauten: "Kein Kommentar." Die Sprecher der Parteizentrale der CDU riefen bis zum Montagabend nicht zurück. Was sollen sie auch machen: Lengsfeld hat das Plakat 750 mal drucken lassen und die ersten Exemplare bereits am Sonntag aufgehängt.

So ganz sicher war sie indes nicht, dass es keinen Ärger gibt. Wie Lengsfeld stern.de erzählt, hatte am Montagmorgen ein Mitarbeiter von Thomas de Maziere angerufen, dem Chef des Kanzleramts. Und da habe sie gedacht - "Nun geht's los." Doch die Aufregung war umsonst. Statt einer Gardinenpredigt vernahm sie eine Entschuldigung - dass de Mazière aus Termingründen leider nicht auf ihre nächste Lesung kommen könne.