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Der Abwasch der Woche: Überall nur Krisenjunkies

Schumi sagt sein Comeback ab, Steinmeier hätte gern eins und Merkel kuschelt mit der Historie - in dieser Woche lieferten sich die Akteure einen harten Unterbietungswettbewerb. Zeit für den Abwasch.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Langsam reicht's ja mit Krise. Überall ist Krise. Erst mal die Krise überhaupt. Dann die SPD-Krise. Und Schumi: kein Comeback, kriseln statt kreiseln. Sogar der deutsche Fußball rumpelt wieder, aber vielleicht haben die Jungs sich einfach nur vom alten Berti am Spielfeldrand irritieren lassen. Und jetzt auch noch: die Wahlkampf-Krise.

Ist einfach nicht in Gang zu kriegen, dieser Wahlkampf. Will partout nicht mit ihm rumstreiten, die Merkel. Sagt der Steinmeier. Macht nichts. Duckt sich weg. Muckst sich nicht. Die feige Natter.

Nein, nein, so sagt der Steinmeier das natürlich nicht. Würde er nie und nimmer. Ist er viel zu anständig für. Statt dessen sagt er andere Sache. Viele andere Sachen. Sehr viele.

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An dieser Stelle müssen wir mal kurz umschalten zu einem Bericht aus Steinmeiers Problemzone: dem öffentlichen Auftritt nebst zugehörigem Vortrag. Man könnte auch sagen: dem Wahlkampf.

Dienstag vor der versammelten Hauptstadtpresse. Nicht viel los sonst an diesem Tag. Eine gute Gelegenheit, für den so gründlich missgedeuteten "Deutschlandplan" zu werben, positive Berichte einzuheimsen. Kann ja wirklich nicht schaden. Das war jedenfalls der "Ja, mach nur einen Plan".

Steinmeier, Urlaubsbräune und gute Laune im Gesicht, beginnt also zu reden - und hört nicht mehr auf. Redet 32 Minuten über "Krisenlamento" und die "Kontinuität dessen, was ich elf Jahre lang gemacht habe", und irgendwann entgleitet sogar seinem neuen Medienhexenmeister Thomas Steg das Pokerface ins leicht Gepeinigte. Als der Kandidat dann doch noch etwas Ähnliches wie einen Angriff reitet, ist es für manchen im Saal schon zu spät. Just in dem Moment, als Steinmeier sagt, die Union wolle die Wähler "einlullen", hat der "Bild"-Kolumnist sehr, sehr schwere Lider. Und auf seine Weise ist das dann doch wieder ein schöner Moment.

Ansonsten: Kein Satz, nirgends, der haften bleibt. Der zitiert werden könnte in der "Tagesschau". Außer einem: "Bessere Umfragen wären mir lieber." Tja. Es genügt eben nicht, keine Chance zu haben. Man muss auch dazu fähig sein, sie zu versemmeln.

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Die CDU macht übrigens wirklich keinen Wahlkampf, sie klebt nur Plakate. Groß. Bunt. Schön. Mit Merkel. Von der Leyen. Schäuble. Sogar mit Guttenberg. Der gehört zwar in die CSU, aber wer will bei dieser Popularität schon kleinlich sein. Sind doch alle eine Familie.

"Wir haben die Kraft", heißt der zu den Plakaten gehörende Slogan. Inhalte? Kriegen wir später. Vielleicht. Außer bei Vera Lengsfeld. Die zeigt ihre jetzt schon freimütig her.

Vera Lengsfeld ist früher von ihrem Mann bei der Stasi verpfiffen worden. So was bleibt nicht ohne Folgen. Lengsfeld ging in die CDU und kämpft nun um ihre Rückkehr in den Bundestag. Sie macht das mit einem selbst kreierten Plakat Marke Manta - etwas tiefer gelegt. Sie und Merkel stark dekolletiert nebeneinander montiert. Daneben der Spruch: "Wir haben mehr zu bieten".

Hölle! Auch so eine versemmelte Chance. Warum nicht: Wir haben die Kraft ... der zwei Herzen. Oder: Doppelt gemoppelt hält besser. Oder: Wir haben nichts zu verlieren als unsere Perlenketten ...

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Weitaus hochgeschlossener und mit Bernstein statt Perle um den Hals saß Angela Merkel am Anfang dieser Woche bei Marlon Brando, äh - Verzeihung, falscher Film! - bei Helmut Kohl in Oggersheim, wo der Altkanzler sich nach seinem schweren Sturz noch immer resozialisiert, ah - pardon! - rehabilitiert, ließ sich Caprese und Kuchen spendieren und endlich mal zwei Stunden lang so richtig erklären, wie Kohl das vor ein paar Jahren gefingert hat mit den schwarzen Kassen, uhm - Mist, schon wieder! - der Einheit.

Himmel! Gab das schöne Bilder in der "Bild" fürs konservative Gemüt. Gemeinsamkeit der Christdemokraten. Alt und jung. Ost und West. Mann und Frau. Gut und ... ach, lassen wir es einfach gut sein.

Kurz nach dem Treffen mit Kohl hat die Kanzlerin dann einen schönen Satz gesagt, einen Satz von nahezu Steinmeierscher Kraft, Brillanz und Luzidität: "Ich glaube, dass die Wahrnehmung der Menschen eine war, wo ein Wort des Bedauerns etwas früher vielleicht hilfreich gewesen wäre."

Gemünzt war das dann aber doch nur auf Dienstwagen-Ulla. Wieder eine Chance versemmelt. Beziehungsweise eben gerade nicht. Denn DAS ist Wahlkampf. Nur versteht Steinmeier das offenbar nicht und sich offensichtlich nicht darauf.

Aber das ist sein Problem.

Andreas Hoidn-Borchers ist Leiter des Berliner stern-Büros. Die Kolumne "Der Abwasch der Woche", die verschiedene Autoren schreiben, kommt immer samstags.