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Der Blick von außen: Eine Chinesin im Wahlkampf

Einen Wahlkampf hat sie noch nie erlebt. Jiang Chuanxiu, stern.de-Hospitantin aus China, hat sich in Deutschland ins Getümmel gestürzt - und Wunderliches bei Müntefering und Westerwelle erlebt.

05. September, Wandsbeker Marktplatz, Hamburg

Ich bin aufgeregt. Gleich soll Franz Müntefering kommen. Über diesen politischen Superstar habe ich in China schon viele Berichte gelesen, und nun werde ich ihn gleich in Wirklichkeit sehen. So nah bin ich noch nie einem Spitzenpolitiker gekommen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich auf einer Wahlkampfveranstaltung; in meinem Heimatland China habe ich so etwas noch nie erlebt.

Der Platz ist nicht abgeriegelt, nur ein paar Polizisten stehen am Rand. Das finde ich erstaunlich, dass hier jeder auf die Wahlkampfveranstaltungen gehen kann, auch Ausländer mit schwarzen Haaren und einer Kamera in der Hand so wie ich. Ganz nah an der Bühne stehen Karusselle und Zuckerwattenstände. Politik in Deutschland ist wohl nicht nur eine ernsthafte Angelegenheit. Ich vermute, mit den Ständen will die SPD Kinder anlocken. Das sind ja die zukünftigen Wähler. Aber auf den Bänken sitzen fast nur alte Leute.

Plötzlich kommen viele Menschen in roten T-Shirts und schwenken SPD-Fahnen. Olaf Scholz, der Bundesarbeitsminister, tritt auf. Wenn ich alles richtig verstanden habe, kämpft er eher für die normalen Bürger als für die Reichen. Aber während der Rede schüttelt ein alter Mann neben mir den Kopf. "Arbeitsplätze für alle? Mit 1-Euro-Jobs?" Er ist offenbar unzufrieden mit der SPD-Politik, doch er traut sich nicht, seine Klage öffentlich vor dem Minister vorzubringen.

Um Punkt 13.40 Uhr ist Scholz fertig und übergibt an Müntefering, wie im Programmplan angekündigt. Ich bin beeindruckt: Die Deutschen sind wirklich so super pünktlich, wie es in China immer heißt. Mit kräftig schwingenden Händen hält der SPD-Chef seine Rede; ich finde die Ansprache aufregend und mitreißend. Ich glaube, in Deutschland kann man nur Politiker werden, wenn man die Redekunst beherrscht.

10. September, Bremer Marktplatz

Hunderte Menschen drängen sich auf dem Marktplatz in Bremen. Sie wollen Oskar Lafontaine sehen. Eine Band macht laute Musik auf der Bühne. Es scheint normal zu sein, dass man in Deutschland Politik immer mit Unterhaltung verbindet. Ich kann das wirklich nicht verstehen. Die Band sorgt zwar für eine lebendige Atmosphäre, aber man muss doch in einer ruhigen Stimmung sein, um konzentriert über die Rede nachdenken zu können.

Auf dem Wahlkampfpapier der Linken steht: "Klassenkampf statt Wahlkampf". In China ist der Klassenkampf schon lange vorbei. Kämpfen die deutschen Politiker überhaupt noch für die Rechte der Bürger? Ich habe gehört, dass die meisten Deutschen gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan sind, aber von allen großen Parteien nur die Linke diese Meinung vertritt. Das finde ich seltsam.

Einer meiner chinesischen Kollegen hat gesagt, dass die Linke von allen großen Parteien ihre Argumente am klarsten darstellt. Und tatsächlich: Mit lauter Stimme bringt Lafontaine deutliche und leicht zu verstehende Forderungen vor. Mindestlohn, Banken unter staatliche Kontrolle, keine Atomkraft, raus aus Afghanistan. Ich frage mich, ob das alles realistische Ziele sind.

Zum Beispiel der Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde. Ich rechne schnell im Kopf: Bei acht Arbeitsstunden würde man damit 80 Euro pro Tag verdienen. Was für ein schöner Traum! So viel Geld bekommen in China nur Manager. Die Deutschen sind ständig unzufrieden. Viele Chinesen in den ländlichen Gebieten wären froh, wenn sie ein Monatsgehalt von 100 Euro hätten.

17. September, Curio Haus, Hamburg

Anders als die SPD und die Linke lädt die FDP in ein schönes Gebäude ein: ins Curio Haus im noblen Stadtviertel Rothenbaum. Der große Saal ist rappelvoll, aber hier sind auch viele politische Gegner anwesend. Protestler halten Spruchbänder mit Parolen wie "Profite für unsere Elite", "Kapitalismuskritik abschaffen", "Hartz IV für faule Leute" hoch.

Die Menschen klatschen laut, Guido Westerwelle betritt die Bühne. Besonders interessant wird es für mich, als er die Entwicklungshilfe für China erwähnt. Er meint, Deutschland solle seine Milliardenhilfen einstellen. Dazu muss man wissen: Viele Millionen Chinesen leben immer noch in großer Armut. Und außerdem ist die Entwicklungshilfe auch eine Art Außenpolitik, die deutsche Wirtschaft profitiert davon.

Soweit ich weiß, ist Deutschland ein sehr soziales Land. Ich habe den Eindruck, dass die FDP eher ein System wie in den USA anstrebt. Das verstehe ich nicht, denn in China heißt es, dass die soziale Marktwirtschaft in Deutschland ein Erfolgsmodell ist. Ich frage zwei junge Männer, ob sie die FDP gut finden. "Nein", sagen sie. "Wir sind Studenten. Die FDP wählen nur die reichen Leute, die Anzüge tragen."

24. September, Billstedt, Hamburg

An einem Infostand spreche ich David Erkalp an, einen Direktkandidaten der Hamburger CDU. Er hat nicht viel zu tun und nimmt sich viel Zeit für mich. Ich frage ihn, warum man seine Partei wählen sollte. "Weil wir die größte Wirtschaftskompetenz haben", sagt er. Dann kommen wir auf China zu sprechen.

Er sagt, dass gute Beziehung zwischen Deutschland und China sehr wichtig sind, vor allem auch für Hamburg. "China muss sich noch mehr öffnen und die Menschenrechte beachten", meint Erkalp. "Aber die Regierung ist schon auf dem richtigen Weg." Dann zählt er mir noch mit Feuereifer viele Punkte auf, um die sich die chinesische Politik kümmern sollte: Bildung, Soziales, Forschung, eine gute Infrastruktur. Er redet so leidenschaftlich, als ob er mich als Wählerin gewinnen wollte. Dabei habe ich ihm ja gesagt, dass ich hier nur zu Besuch bin.

25. September, Redaktion

Ich probiere im Internet den Wahl-O-Mat aus. Am meisten Übereinstimmungen habe ich mit der Linken, am wenigsten mit der FDP. Oskar Lafontaine fand ich zwar sehr sympathisch, weil er in Bremen viele witzige Sprüche gebracht hatte. Aber ich würde wohl die SPD wählen. Gerhard Schröder hat die Beziehungen zu meiner Heimat besser gepflegt als die jetzige Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Von Jiang Chuanxiu