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Worst of Wahlkampfspots - Teil 2: Ganz großes, grausames Kino

Vier Wochen vor der Wahl haben endlich alle großen Parteien ihre offiziellen Wahlspots für Kino und Fernsehen fertig. Neuer Stoff für unsere Liste der Fremdschäm-Favoriten.

Von Timo Brücken

In der letzten Woche haben wir uns die schlimmsten Wahlkampvideos von kleinen Parteien und Einzelkandidaten vorgeknöpft. Diesmal sind die großen Parteien dran, deren offizielle TV- und Kinospots vier Wochen vor der Wahl endlich alle fertig sind. Und die sind ganz großes, grausames Kino.

Auf ein Butterbrot mit Brüderle

Sich über Rainer Brüderles Dialekt lustig zu machen, ist ein billiger Gag. Aber beim offiziellen FDP-Wahlspot muss man ihn gar nicht machen. Der wäre auch in feinstem Hannoveraner Hochdeutsch ein wahres Plattitüden-Feuerwerk. Da darf der Spitzenkandidat allen Ernstes sagen: "Menschen, die hart arbeiten, denen darf man nicht die Butter vom Brot nehmen" - und dabei besagte Butter auf besagtes Brot schmieren. Oder ein Stück Ei auf den Löffel nehmen, nur um zu verkünden: "Rot-Rot-Grün ist nicht das Gelbe vom Ei." Na aber hallo! Wer das nicht verstanden hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Dazu gibt's Klaviermusik und Bilder von glücklichen Menschen. Ein bisschen dumpf vielleicht, aber wenigstens nett anzusehen.

Merkels Wahlspot-Baukasten

Klimpermusik und platte Sätze? Das können wir noch besser! Dachten sich wohl die Werber der CDU und filmten Angela Merkel kurzerhand auf irgendeinem Sofa in einem grauen Raum und auf irgendeinem Berliner Dach vor grauem Himmel. Dort sagt die Bundeskanzlerin dann bahnbrechende Sätze wie: "Es gibt Momente, da steht viel auf dem Spiel." Oder: "Oft betreten wir auch Neuland." Oder auch: "Das Richtige ist, was am Ende den Menschen hilft." Ein verstecktes Kohl-Zitat? Dazu schwenkt die Kamera scheinbar wahllos über Merkels Gesicht, zoomt darauf, wie sie sich sorgenvoll ihre Hände reibt oder verträumt in die Ferne blickt. Und am Ende bleibt das Gefühl, dass das alles wie ein Baukasten wirkt. Dass man einfach die Person und das Parteilogo austauschen könnte - ohne den Text wirklich verändern zu müssen.

Bürger ans Mikro! Und Steinbrück.

Die SPD verzichtet in ihrem Wahlspot weitgehend auf das eigene politische Personal. War ja bisher in dem ein oder anderen Fall auch eher unfreiwillig komisch. Stattdessen haben die Sozialdemokraten nun angeblich "keine Darstellerinnen oder Darsteller gecastet", sondern echte Bürgerinnen und Bürger hinter ein Rednerpult mit Parteilogo gestellt, wo sie ihre Wünsche an die Politik äußern durften. So seien "mehrere Stunden an Filmmaterial entstanden", aus denen es dann natürlich nur die SPD-affine Aussagen in den Spot geschafft haben: kein Steuergeld für Zocker-Banken, nieder mit der Zweiklassenmedizin und her mit dem Mindestlohn! Erst in den letzten 12 Sekunden darf Kanzlerkandidat Steinbrück dann hundsäugig um die Stimme bitten. Ob zumindest die vorher gezeigten Bürger sie ihm geben werden, ist nicht bekannt.

Grün macht Schwarz-Gelb zur Schnecke

Die Grünen wollen dieses Jahr mal ganz besonders witzig sein und haben den Schauspieler William Cohn eingekauft, damit er Schwarz-Gelb mal so richtig zur Schnecke macht. Also, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Ex-Ansager von "Roche & Böhmermann", gibt diesmal den Tiersendungs-Märchenonkel und erklärt dem Zuschauer etwas über die Gastropoda, "auch bekannt als gemeine Schnecke". Ein "äußerst gemächliches Kriechtier" sei sie, das seine "Fühler ganz einfach nach dem Wind dreht" und zu "ausgeprägter Vetternwirtschaft" neige. Dass damit der politische Gegner gemeint ist, unterstreichen die Grünen durch Schwarz-weiß-Filmschnipsel von Merkel, Rösler, Seehofer und Co., die genau an den Stellen eingetreut sind, die wohl die Pointen sein sollen. Quasi als Humor-Hilfestellung.

Keep it simple mit der Linken

Dass die Linke es plakativ mag, ist bekannt. Auch ihr Wahlkampfspot hat eine einfache Botschaft: Keiner hört euch zu - außer uns! Schlimmer noch: Die anderen verbieten euch den Mund! Da wird dem Opa, der ein gerechteres Rentensystem will, der Mund zugeklebt. Der Krankenpfleger, der es satt hat, dass Privatpatienten bevorzugt werden, bekommt einen Eimer Wasser über den Kopf. Und die junge Frau, die in ihrem Callcenter keine Gewerkschaft gründen darf, wird von Demonstranten in den Farben der anderen Parteien niedergebrüllt. Ziemlich einfaches Freund-Feind-Schema. Aber was bitte soll der Ritterhelm am Ende?