HOME

Berlin-München: Wie die Prestigestrecke der Bahn zum Fiasko gerät

Stundenlange Verspätungen und liegengebliebene ICE-Züge: Die milliardenteure Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und München gerät für die Deutsche Bahn zur Blamage. Und das Prestigeobjekt ist nicht das einzige Problem des Staatsunternehmens.

Am Wochenende verlief der Wechsel zum Winterfahrplan alles andere als reibungslos. Nicht nur brachte der wie jedes Jahr völlig überraschende Wintereinbruch den Fahrplan aus dem Takt. Gerade das "Projekt der Superlative", die Inbetriebnahme der neuen Schnellbahntrasse von Berlin nach München, ging für einige Kunden und Ehrengäste nach hinten los. Zuvor hatte die Bahn ihr "Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8" noch selbst gelobt: "Mit der Eröffnung der Strecke Berlin–München ist der größte seit Gründung der DB mit zahlreichen Angebotsverbesserungen verbunden."

Doch der Bahnalltag sieht anders aus. Noch vor den regulären Fahrten auf der Neubaustrecke hatte am Freitag ein Sonderzug auf seiner Rückfahrt mit 200 Ehrengästen zwei Stunden Verspätung. Am Montag und Dienstag fielen auf der neuen zehn Milliarden teuren mehrere ICE-Züge ganz aus und brachten die Bahn in Erklärungsnot.

Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte einen nicht genannten Bahn-Aufsichtsrat, dass der Start der neuen Schnelltrasse nicht peinlicher hätte verlaufen können. Als Grund für die Unregelmäßigkeiten gibt die Bahn unter anderem einen "Personenunfall" und "technische Störungen bei einzelnen Fahrzeugen " an.

Ein Problem mit vier Buchstaben: ETCS

Damit dürfte die neue Leit- und Sicherungstechnik mit dem Namen European Train Control System (ETCS) gemeint sein, mit dem bereits 110 ICE-Züge ausgerüstet sind. Diese Technik für grenzüberschreitende Hochgeschwindigkeitszüge läuft noch nicht rund. Statt durch Signale werden die Züge durch Balisen im Gleisbett geleitet, die Streckeninformationen wie die Geschwindigkeit an die Züge senden. Werden diese Infos nicht einwandfrei verarbeitet, kommt es zu Zwangsbremsungen. Anschließend müssen die Lokführer ihre Rechner neu hochfahren.

Die Bahn kontert und spielt die Vorfälle herunter: "Auch die Beseitigung einzelner ETCS-Störungen an Fahrzeugen macht Fortschritte." Am Dienstag seien die drei täglichen Sprinterverbindungen zwischen und München ohne größere Verspätungen gefahren.

Zu wenige Züge und Neubaustrecke ohne Probebetrieb

Außerdem hapert es am "Rollmaterial", so der Ausdruck der Bahn-Mitarbeiter für Züge. Laut Hessischem Rundfunk fallen seit Sonntag täglich zwischen 20 und 40 Verbindungen im Fernverkehr aus. Grund seien zu geringe Fahrzeugreserven. Angeblich fehlten mindestens zehn ICE-Einheiten, um einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten.

Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft (GDL), kritisiert auch, dass es auf der Neubaustrecke Berlin-München keinen Probebetrieb gegeben habe. Die Lokführer "fahren nur mit Hilfe der Instrukteure, die einen solchen Probebetrieb gefahren sind", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Das neue Zugleitsystem ETCS sei zwar "ein funktionierendes System, aber wie so oft, läuft manches nicht sofort beim Start reibungslos."

Kostenanstieg bei Stuttgart 21

Probleme bereitet der Bahn auch das andere Prestigeobjekt Stuttgart 21. Am Mittwoch trifft sich der Aufsichtsrat des Unternehmens und sieht sich mit weiteren Kostenanstiegen konfrontiert. Laut Gutachten der Wirtschaftsberatungsgesellschaft PwC und der Ingenieurgruppe Emch+Berger dürfte der unterirdische Durchgangsbahnhof 7,6 Milliarden Euro kosten und erst 2024 in Betrieb gehen - also drei Jahre später. Wer zahlt? Das Land, die Region und die Stadt wollen sich nicht an den Mehrkosten beteiligen.

Baustellen gibt es auch andernorts. "Der Investitionsbedarf der Schiene war noch nie so groß wie heute", sagt Philipp Kosok, der Bahnexperte vom Verkehrsclub Deutschland. Er verweist auf andere Engpässe im Streckennetz, die überarbeitet werden müssen. "Die wichtigsten Bahnknoten, wie etwa in Köln oder in Frankfurt, sind überlastet."

Schlechte und perfekte Kommunikation

Kunden ärgern sich täglich über die schlechte Informationspolitik bei Unregelmäßigkeiten der Bahn. Da hilft auch keine App wie der "Navigator" oder "DB Streckenagent". Die Bahn habe nicht genügend Personal, das im Störungsfall eingreifen und informieren kann, meint Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. "Es nützt ihnen ja nichts, wenn jemand, der gleichzeitig im Stellwerk mit der Organisation des Schienenverkehrs beschäftigt ist, auch noch die Information geben muss. Dafür hat er nämlich im Störungsfall gar keine Zeit."

Wie verlässlich das Bahnfahren sein kann, zeigen Länder wie die Schweiz oder Japan. Beschwerden über Unpünktlichkeit sind dort kaum ein Thema. "Wir entschuldigen uns zutiefst für die Umstände, die wir Ihnen, den Kunden bereitet haben", hieß es kürzlich auf der Webseite der Bahngesellschaft Metropolitan Intercity Railway Company in Japan. Was war geschehen?

Kein Fahrgast hatte sich beschwert. Aber eine Vorortbahn von Tokio war nicht zu spät, sondern zu früh abgefahren. Statt wie vorgesehen um 9 Uhr 44 Minuten und 40 Sekunden war der Tsukuba Express schon um 9 Uhr 44 Minuten und 20 Sekunden abgefahren. Also in der richtigen Minute, aber eben um 20 Sekunden zu früh.


Wissenscommunity