HOME

Deutschland: Entspannung und noch viel Meer

Nun strahlt es wieder in schönstem Weiß. Heiligendamm, das älteste deutsche Seebad. Mit Grand Hotel und größtem Luxus sollen anspruchsvolle und zahlungskräftige Gäste an die Ostsee gelockt werden.

Als im Mittelalter der Blanke Hans dem Kloster von Doberan dräute, flehten die Mönche um ein Wunder. Und siehe, ein Wall aus Stein erhob sich am Strand und schied die Flut von der Ostsee. Das Brackwasser vertorfte zum Conventer See. So kam Heiligendamm zu seinem Namen.Ein zweites Wunder steht rund 800 Jahre danach zwei Kilometer westwärts an, auch wenn es diesmal nicht um Tod oder Leben geht, sondern um die Wiedergeburt einer Legende. Auch das ist ja was. Wie ein Phönix soll das Seebad Heiligendamm nahe Rostock aus der Asche des Sozialismus steigen und, pfeif auf Sylt, als Ferien-Resort deutsche Nummer eins des Luxus und der Moden werden. Nicht weniger als eine "Rückkehr ins Paradies" verheißen die Hochglanzbroschüren, die ein König der Adjektive mit Vokabeln wie märchenhaft, atemberaubend oder hochwertig gespickt hat.

Von See her wirkt die "Weiße Stadt am Meer", der Lord Nelson, Blücher, Fontane, Zarenfamilie, Kaiser und "Führer" samt Duce die Ehre erwiesen, wie eine Fata Morgana. Fast makellos flimmert das klassizistische Gebäudeensemble vor der grünen Kulisse des Buchenwaldes. Da aber eine Sandbank größeren Yachten das Anlegen an der Seebrücke verwehrt, muss der Gast mit der profanen Anfahrt von Bad Doberan her vorlieb nehmen, über die auch Gründervater Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin kam. Noch heute wenden sich die meisten Gebäude, schräg zur See, der Allee des Großherzogs entgegen, der dort 1795 nach englischem Vorbild ein Badehaus errichten ließ, denn in die kalte Ostsee stieg er nicht.In des Kaisers herrlichen Zeiten und den goldenen 20er Jahren war das Seebad erste Adresse. Doch vor der NS-Diktatur zerstob die feine Gesellschaft, die Kriegsmarine übernahm Heiligendamm, und dann die DDR. Sie richtete dort ein "Sanatorium der Werktätigen" ein. Es blieb nur ein Sehnsuchtsbild, deshalb muss das "Wohlfühlerlebnis Heiligendamm", so Hoteldirektor Thomas Klippstein, der Vergessenheit entrissen und aufs Neue ins Bewusstsein gepflanzt werden, mit "destination marketing", so heißt das heute.

Mitte des 19. Jahrhunderts kamen in Deutschlands erstes Seebad jährlich gerade mal 1200 Gäste, die würde der Kempinski-Komplex mit seinen 225 Zimmern und Suiten in einer Woche verputzen - und dann? Die Hotel-AG, bisher eher mit Stadtpalais wie dem Adlon Berlin oder dem Atlantic Hamburg präsent, will mit den fünf Traditionshäusern "Ruhe und Entspannung als den wahren Luxus unserer Zeit definieren". Das ist bei Suiten von 355 Euro steil aufwärts natürlich nichts für den preissensiblen Gast, sondern eher für eine Klientel, die auch in klammen Zeiten noch flüssig ist. Die aber hat weltweit freie Auswahl von der Riviera bis zur Karibik und verlangt mehr als Sonnenuntergänge und aerosolgeschwängerte Ostseeluft. Volles Programm also: segeln, golfen, reiten, surfen, gesund essen, dazu Therapien und Massagen im Spa, Wellness mit persönlichem Trainer, Ayurveda und Internetcafé, Jagd- und Führerscheine, Tanzkurse, Fahrrad- und Schiffsausflüge nach dem Immer-etwas-los-Prinzip. Man merkt, Entspannung kann auch anstrengend werden, obwohl Direktor Klippstein in Heiligendamm eher ein Gesamtkunstwerk sieht, das ein neues Lebensgefühl produziere, unterstützt durch ein einzigartiges - und konkurrenzfreies Ambiente. Der Gast, gehetzt in der computerisierten Welt, soll in der Bibliothek schmökern, Kunstgeschichte hören, tanzen oder ein Instrument spielen lernen: Kempinski, nicht allein dem schnöden Erwerbstrieb verhaftet, will laut Klippstein "Sinne beleben und ansprechen".

Für Weltläufigkeit und Eleganz aus der Retorte wurde dennoch geklotzt und nicht gekleckert, die Gebäude mitsamt den alten Holzdecken entkernt, 15 Kilometer Außenstuck, 17800 Quadratmeter Fassaden und 1280 Fenster erneuert. Heiligendamm soll schöner werden als es je gewesen, deshalb glänzt die Belle Époque des zweiten Jahrtausends auf den Zimmern und Suiten mit cremefarbenen Seiden, handbemalten Tapeten, 180 Kilo schweren Kassettentüren und Carrara Bianca in den Bädern. Exotische Souvenirs, ochsenblutrote Keramik, silbergeflochtene Schalen, asiatische Kissen und Teakstühle, Lederkoffer und aus Basaren requirierte Antiquitäten und Murano-Glas-Mosaiken sollen an trüben Tagen trösten. Das ist gut bedacht, 2002 hat es im Raum Rostock-Warnemünde an 171 Tagen geregnet.Die Restaurierung des Seebades war ein Kraftakt. Schon Silvester 2000 sollten in der Hotelanlage die ersten Gäste feiern, aber der totale Umbau mit moderner Technik - ohne Sprinkleranlagen kommen keine amerikanischen Gäste - und Schwamm im maroden Gemäuer haben mehr Zeit gekostet als geplant. Eine Geduldsprobe für den Prinzen, der Heiligendamm nach der Wende aus dem Dornröschenschlaf küsste und 1997 das gesamte Seebad, 26 Immobilien auf 500 Hektar Land, für 12,5 Millionen Mark erwarb. Das gab Zoff bei den Einheimischen, denn der Käufer kam aus dem Westen und war auch kein Märchenprinz, sondern der rheinische Investor Anno August Jagdfeld, der mit seiner Fundus-Gruppe in den letzten drei Jahrzehnten über 800 Projekte realisiert hat.Das Schnäppchen an der Ostseeküste umfasst nicht nur das Kempinski-Areal als Kerngebiet, sondern sieben noch ungenutzte, ramponierte Villen in Traumlage am Strand, die so genannten Logierhäuser des Fürstenhofes, sowie mehrere Gebäude im Cottage- und Landhausstil, das Gut Vorder Bollhagen mit Gestüt, Wald und Weideland, ein kleines Königreich. Ein Kongresszentrum soll gebaut werden, Restaurants, Cafés, Kid's Club und Gartenwirtschaft, Poloplatz und Villenviertel.

Der Investor dreht ein großes Rad, da müssen viele in die Speichen greifen. Für die Beteiligungsgesellschaft Grand Hotel Heiligendamm ist ein geschlossener Immobilienfonds aufgelegt, der über die 40 Millionen Fördergelder von Bund, Land und EU hinaus 192 Millionen Emissionskapital ansammeln will und muss. Zwei Drittel davon sind platziert, für den Rest werden noch unternehmenslustige Anleger gesucht, die ab 25 000 Euro "an den Chancen und Risiken des Hotelbetriebs und der weiteren Einrichtungen in vollem Umfang beteiligt" sind. Auf den GAU eines Totalverlustes der Einlage wird dezent in der Fondsbroschüre hingewiesen, aber Investor Jagdfeld sieht in den Koordinaten Wellness, Gesundheit und Lifestyle eine strahlende Zukunft und verspricht Luxus als pure Medizin auch für das Anlegerkonto. Dass die deutsche Hotellerie im ersten Quartal 2003 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres 8,4 Prozent Miese machte, ficht Jagdfeld nicht an, im Krisenzeitalter von SARS und Terror könne "diese vollkommene Harmonie von Kunst und Natur" am Ostseestrand nur profitieren.Der kleine Landkreis Bad Doberan, derzeit 18 Prozent Arbeitslosigkeit, sieht wegen der über 200 neuen Arbeitsplätze dankbar auf den dicken Brocken, den einzigen. Kaum spürbar die Mauer in Herzen und Köpfen, die nicht mehr Osten und Westen teilt, sondern mitten durch die Heimat geht. Da die einen, denen der auferstandene Mythos Heiligendamm Arbeit gibt, hier die Wendeverlierer, die sich wie die Indianer bei der Kolonisierung Amerikas fühlen. Viel Bitterkeit über den verkauften Boden im letzten einheimischen Café Heiligendamms und der Imbissbude am Strand, aber Schnee von gestern.Auf alten Fotos sieht man, dass Heiligendamm in seinen großen Zeiten eine Insel des Großbürgertums war, die Herren im Leinenanzug und mit Strohhut, die Damen im langen Rock, im Hintergrund dezent Diener und Chauffeur. Diese Vergangenheit lässt sich nicht in die Gegenwart projizieren, nicht einmal simulieren. Heiligendamm setzt deshalb auf Botschafter und Vorstände, Spitzensportler und Rockstars, die sich von der klassizistischen Kulisse verzaubern lassen. Auch das Berliner Adlon ist eine Kopie der Vergangenheit und fand seinen Platz im Heute. Warum nicht Heiligendamm?

Wolf Thieme / print

Wissenscommunity