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Mittelgebirge: Hang zum Weltmeister

Wo wahre Sportskanonen herkommen, da heißt es in deutschen Mittelgebirgen auch für Freizeitfahrer: "Ski und Rodel gut".

Thüringer WaldAn den Start geht: Monika Dongowski. Und die nimmt's mit Galgenhumor. "Ich bin zum ersten Mal hier - und wahrscheinlich auch zum letzten!" Gleich wird sich die Drogerieangestellte aus dem Vogtland in einen signalgelben Viererbob zwängen und eingepfercht zwischen Ehemann und Schwager den Eiskanal hinabschießen. Mit knapp 100 Sachen. Die Fliehkräfte in der letzten Kurve, dem Kreisel, entsprechen dreifacher Erdbeschleunigung. Da krallen sich Finger in die Haltegriffe des Carbon-Schlittens, und das Denken hört auf. Zweieinhalb Stunden Autofahrt haben die drei für den Kick in Kauf genommen. Und jeder hat 50 Euro gezahlt. Nach 37 Sekunden ist alles vorbei. Frau Dongowski lächelt noch. Gästebobfahren am Bundesleistungszentrum. In Oberhof, der Wiege des Wintersports im Thüringer Wald. Einmal dort runtersausen, wo Weltmeister gemacht werden. Wie Lokalmatador André Lange, der mit seinem Viererbob im vergangenen Winter in Calgary mal wieder Gold holte. Für die Gastfahrer gibt es keine Medaillen, aber Urkunden mit eingetragener Fahrzeit und Polaroidfoto. Ständig ausgebucht sind die Termine; ohne Voranmeldung läuft gar nichts. Das gilt auch für das Jedermann-Schießen am Biathlon-Stadion. "Eben hatten wir Rentner aus Kassel, gleich kommt eine Gruppe von der Commerzbank", erzählt Schießsportleiter Volkmar Arndt. Eine kurze Einführung zur Geschichte des Sports, zu körperlicher Belastung und Pulsfrequenz erhalten alle. Manche Gruppen wollen danach nur an die Gewehre und einen Schützenkönig ermitteln; die Dynamischeren sprinten zusätzlich durch den Schnee. "Das läuft dann mit Strafrunden und allem Drum und Dran", sagt Arndt, der als Kampfrichter auch beim jährlichen Oberhofer Weltcup im Januar mitmacht.Ein Faible für den Leistungssport und seine Helden sollten Oberhofer Winterurlauber schon mitbringen. Auf dem Weg zum Frühstück stehen Ronny Ackermann und Konsorten als Pappfiguren in den Hotelfluren Spalier. Und abends beim Bier sieht man sie wieder, als signierte Porträts an den Kneipenwänden. Dazwischen kann man ihnen - ganz echt und lebendig - beim Sprungtraining an der Schanze am Kanzlersgrund zuschauen. Oder man besucht die Wintersportausstellung, und plötzlich kreuzt die ehemalige Rennrodlerin Margit Schumann auf, die ihre Goldmedaille zurückbringt, gewonnen in Innsbruck 1976. Die habe sie sich übers Wochenende ausgeborgt, erzählt die 53-Jährige. Für einen Fernsehauftritt in der MDR-Show "Musik für Sie". Einmal anfassen? "Aber natürlich, Sie können sie sich auch gerne mal umhängen." Einfach nur entspannt Ski fahren und hinterher ein Glas Glühwein - auch das geht natürlich im Sankt Moritz des Ostens, wie Oberhof noch heute manchmal genannt wird, weil sich hier bis zum Ende des Ersten Weltkriegs der Adel traf. Am Fallbachlift führt eine leichte 800-Meter-Piste zielsicher auf das Jod'l Eck zu. Aber spätestens beim Rauffahren wird man schon wieder an den Kampf um Tausendstelsekunden erinnert. Der Sessellift schwebt direkt über den Serpentinen der Rodelbahn nach oben. Da, wo 2008 wieder die Weltmeisterschaften stattfinden.

Für's Bobfahren gibt's ein Diplom

Skigebiet

31 Orte in Thüringen bieten Wintersportvergnügen. Der bedeutendste: Oberhof, mit Bobbahn, Biathlon-Anlage, Skischanze, Langlaufloipen und der Fallbach-Abfahrt. Das attraktivste Gebiet für Alpin-Fahrer ist die Skiarena Silbersattel in Steinach, mit 4 km Piste und einer schwarzen Abfahrt mit bis zu 80 Prozent Gefälle.

Preisbeispiel

Oberhof, Fallbachlift: Tageskarte Erwachsene 13,30 Euro, Kinder (bis 15 Jahre) 9,70 Euro.

Hotel

Sporthotel Oberhof, Am Harzwald 1, Tel.: 036842/28 60, www.sporthotel-oberhof.de. Am Waldrand gelegen, Langlaufloipe vor dem Haus. Ausrüstungsverleih im Haus. DZ/F ab 78 Euro.

Hütten, Einkehr

Thüringer Hütte, Grenzadler 2, Tel.: 036842/ 523 23. Am Biathlon-Stadion. Hier stärken sich die Langläufer. Mit Thüringer Bratwurst und mariniertem Schweinekamm. Draußen direkt vom Grill.

Ausgehen, Après-Ski

Felix, Dr.-Theodor-Neubauer-Straße 17a, Tel.: 036842/222 20, www.felix-oberhof.de. Musikkneipe. Bier, Cocktails und Baguettes. Ab und zu Live-Musik. Discothek Waldmarie, im Hotel Panorama, Dr.-Theodor-Neubauer-Straße 29, Tel.: 036842/500. Große Tanzfläche, gemischtes Publikum. Freitag und Samstag geöffnet, Eintritt 5 Euro.

Auskunft

Wintersport in Thüringen allgemein: www.aktivin-thueringen.de, Schneetel.: 036870/533 99 Oberhof: Oberhof-Information, Tel.: 036842/269-0, www.oberhof.de

Gästebobfahrten

Sich einmal fühlen wie Bobweltmeister André Lange. Für 50 Euro gibt es am Ende auch ein Diplom mit Polaroidfoto. Info/Anmeldung Tel.: 0173/390 15 64.

Jedermann-Schießen Biathlon

Sprintwettkämpfe, Staffelläufe oder nur mal im Liegen auf die Scheiben zielen. Ab 12 Euro pro Person. Info/AnmeldungTel.: 036842/221 16 und 0171/225 18 26.

Thüringer Wintersport-Ausstellung

Crawinkler Straße 1, Tel.: 036842/522 37. Zeit mitbringen! Der Museumsleiter heißt zwar Jan Knapp, aber seine Geschichten zu den Exponaten sind es nicht. Köstlich, wenn der Berliner alte Stummfilme aus der Pionierzeit des Skisports kommentiert.

Harz

Schmeckt's? Überflüssig, die Frage. Petra und Carsten Habekost sehen rundum zufrieden aus. Sonne. Super Schnee. Und jetzt, zum Abschluss, Wiener Germknödel mit Vanillesauce. So könnten sie es noch eine Weile aushalten auf der Terrasse der Sportlerklause in Sankt Andreasberg. Noch ein bisschen auf die Pisten am Matthias-Schmidt-Berg blinzeln, wo sie den Vormittag verbracht haben. Doch gleich kommen die Kinder aus der Schule. Dann müssen sie zurück in Braunschweig sein, eine Autostunde entfernt. "Eigentlich wollten wir für eine Woche in die Alpen", erzählt Petra. "Aber ich bin noch nicht so sicher auf Skiern, da reicht auch der Harz." Dass bei den Tagesausflügen jede Form von Après-Ski auf der Strecke bleibt, sei nicht tragisch. "Hier ist doch abends eh der Hund begraben." Wenn das Frank Faber hören würde. Der Wirt vom "Blueberry Hill" im nahen Braunlage greift jeden Abend zum Mikro und singt seine Gäste in Stimmung, am Wochenende bis zu 300. Erst die Schmuserunde mit "House Of The Rising Sun", anschließend Einheizer wie "Im Harz wird wieder Holz gehackt". Dann steht alles auf den Bänken. Wer nicht drauf steht, geht tatsächlich besser tagsüber auf die Piste. Am Braunlager Wurmberg zum Beispiel, Niedersachsens höchster Gipfel und nach dem Brocken der zweitgrößte Berg im Harz. Zwölf lange Minuten braucht die Gondel, um Gäste auf 965 Meter zu bringen. Aber wach bleiben lohnt sich. Denn anschließend gibt es fünf Kilometer am Stück zum Hinuntergleiten - wo kann man das sonst im Mittelgebirge? Trotzdem sollte ein Abstecher zum Kaffeehorstlift drin sein. Wegen der breiten Piste dort, und wegen "Kakao mit Geschmack". Das ist heiße Schokolade mit einem Schuss Amaretto. Den verabreicht Sigrid Wagner in ihrer winzigen "Hexenstube" unten am Parkplatz. Der ehemalige Kiosk ist ein lauschiger Platz, um sich kurz aufzuwärmen. Mit Kaminofen, Kissen und der herzlichen Wirtin. Gegen den kleinen Hunger bringt sie "Kutscherpeitschen" - Spaghetti-lange Salami, 1,80 Euro das Stück, inklusive Brot und Gurke. Eines der schneesichersten und vielfältigsten Wintersportgebiete im Harz ist der Sonnenberg. Schöne Loipen, eine Biathlon-Anlage, Wanderrouten. Und ein paar Liebhaber, die eine in Vergessenheit geratene Abfahrtstechnik kultivieren: den Telemark-Stil. Zwischen ulkig und elegant sieht es aus, wenn Rolf Krüger und seine Kumpel den Hang hinunterschwingen - und in jeder Kurve einen Knicks machen, der für Heiratsanträge reichen würde. "Telemark erlebt in den letzten zehn Jahren eine Renaissance", erzählt Krüger, dessen "Bergsport Arena" in Sankt Andreasberg auch Kurse anbietet. Einfach nur Spaß haben, ganz ohne Ausrüstung und Können - darum geht es bei einer Gaudi, die in Sankt Andreasberg immer am ersten Februarwochenende stattfindet. Dann wandern Hunderte von Menschen mit Fackeln zum Rodelhang, stellen die Lichter ab und rutschen gemeinsam auf einer riesigen Bauplane hinunter. Rolf Krüger muss schon lachen, wenn er nur daran denkt: "Die ersten drei Reihen sind immer komplett weiß."

Zum Aufwärmen ein Hexenbier

Skigebiet

Den meisten Skispaß im Harz versprechen Braunlage und Sankt Andreasberg. Vom Braunlager Wurmberg (971 m) kann man bis zu 5 km am Stück abfahren. Am Matthias-Schmidt-Berg in Sankt Andreasberg (drei Schlepplifte, zwei Doppelsesselbahnen) sind die Pisten kürzer, aber schön breit. Für Langläufer finden sich insgesamt 500 km Loipen, z. B. am Sonnenberg. Schneetelefon: 05321/200 24.

Preisbeispiel

Wurmberg: Tageskarte Erwachsene 21 Euro, Kinder (bis 15 Jahre) 10,50 Euro.

Hotel

Romantikhotel Zur Tanne, Herzog-Wilhelm-Straße 8 in Braunlage, Tel.: 05520/931 20, www.tanne-braunlage.de. DZ/F ab 80 Euro. Groß und komfortabel die Zimmer im neuen Trakt.

Hütten, Einkehr

Skihütte Hexenstube, am Kaffeehorstlift in Braunlage, Tel.: 0170/830 49 98. Winzig, mit Kaminofen. Für innere Wärme sorgt "Kakao mit Geschmack", heiße Schokolade mit einem Schuss Amaretto.
Puppe's, Am Brunnen 2 in Braunlage, Tel.: 05520/487, www.puppes.de. Harzer Wurstspezialitäten zum Mitnehmen oder Sofortverzehr. Dazu zapft Inhaber Klaeden ein süffig-dunkles Hexenbier.

Ausgehen, Après-Ski

Tenne Schwof und Schmaus (auch "Blueberry Hill" genannt), Harzburger Straße 19a in Braunlage, Tel.: 05520/21 10. Der singende Wirt Frank Faber holt alle von den Stühlen.

Auskunft

Harz allgemein: Harzer Verkehrsverband, Tel.: 05321/340 40, www.harzinfo.de Braunlage: Tourist-Info, Tel:. 05520/930 70, www.braunlage.de
Sankt Andreasberg: Tourist-Info, Tel.: 05582/ 803 36, www.sankt-andreasberg.de

Erzgebirge

"Prijut 12" heißt die Hütte. "Prijut ist russisch", sagt Wirtin Tatjana, "es bedeutet Schutz, Obdach." Und warum 12? Die Antwort gibt die gebürtige Sankt Petersburgerin auf ihrer Speisekarte. 1927 bauten sich elf russische Bergsteiger im Kaukasusgebirge ein Haus aus Steinen, als Schutz gegen eisige Stürme. Die Hütte, die Jahre später an derselben Stelle entstand, taufte man "Prijut 11". Anders als sein Namensvorbild liegt das Prijut 12 mitten in der Zivilisation, im Kurort Oberwiesenthal, zwischen Skiliften und Zufahrtstraße. Und nicht zwölf, sondern eher das Sechsfache an Gästen drängt sich an diesem Donnerstagabend in der schummrigen Blockhausbar am Fuße des Fichtelbergs. Mit Zuflucht vor Wind und Wetter hat das nichts zu tun. Wohl aber mit der Gewissheit, dass man hier herrlich geschützt ist. Vor der Après-Ski-typischen Mitgrölmusik zum Beispiel. Nicht der alte Holzmichel, der hier im Erzgebirge zu Hause ist, sondern Independent läuft vom Band. Und gleich treten die Jungs von "Bandana" aus Chemnitz auf, spielen Johnny Cash und nichts anderes. Schutz bietet der Laden auch vor der hüttenüblichen Schnitzel/Pommes-Kost. Stattdessen hausgemachte Maultaschen und eine Soljanka, die süchtig macht. Dazu Schwarzbier vom Fass und 22 Sorten Whisky. Nicht mal Kitsch muss man fürchten in der Hochburg des Klöppelns und der Holzschnitzerei. Keine lieblichen Heimatbilder, sondern spektakuläre Fotos von den Vulkanbesteigungen, die Tatjana mit ihrem Mann unternommen hat, bevor sie sich hier niederließ. Einzige Reminiszenz ans Erzgebirge und seine Touristenattraktion: die Fichtelbergbahn, eine Lok von Märklin. Sie schlängelt sich an der Hüttenwand entlang und bringt Ladungen von Williams mit Birne an die Tische. Das Prijut allein wäre Grund für einen Winterurlaub in Oberwiesenthal. Aber Werbung macht der Ort an der tschechischen Grenze lieber mit Superlativen als "höchstgelegene Stadt Deutschlands", 914 Meter über dem Meeresspiegel. Mit "der ältesten Seilschwebebahn" des Landes, die Skiläufer in dreieinhalb Minuten auf den Gipfel des 1214 Meter hohen Fichtelberges befördert. Und mit Jens Weißflog. Der Rekordsieger bei der Vierschanzentournee ist Ehrenbürger, sein Hotel beliebter Halt bei Ausflügen mit dem Pferdeschlitten, sein Lächeln auf Vorder- und Rückseite der Prospekte des Fremdenverkehrsamtes. "Ein ganz wichtiges Marketinginstrument", heißt es. Aber auch die aktiven Sportpromis lassen sich schon mal blicken. Das ist doch René Sommerfeldt, der da über die Loipe saust! Frank und Simone haben den Langlaufstar gar nicht erkannt, so schnell war er vorbei. Macht nichts. Das Paar aus Sachsen-Anhalt, zum ersten Mal hier, ist auch so begeistert. "Leichtes Aufwärmen" für eine Woche Südtirol, mehr hatte der Kurztrip ins Erzgebirge nicht sein sollen. Und nun: "Traumhaft schöne Strecken, hätten wir nicht gedacht." Gestern haben sie den 18 Kilometer langen Tellerhäuser Weg genommen, heute ist die kürzere Höhenloipe dran. Gerade kommen sie von der Einkehr im Hotel Sachsenbaude. Die rustikale Stube dort ist der Langläufer-Treff schlechthin. "Total gemütlich", schwärmen die beiden. "Mit Kachelofen und leckerer Linsensuppe. Und nette Leute haben wir auch kennen gelernt."

Von der Halfpipe zu Neil Young

Skigebiet

Fichtelberg (1214 m) und kleiner Fichtelberg (1206 m) haben zusammen 18 km Piste. Halfpipe und Snowtubing-Bahn. Insgesamt 75 km Langlaufloipen und Skiwanderwege.

Preisbeispiel

Skigebiet Oberwiesenthal: Tageskarte Erwachsene 22 Euro, Kinder (6 bis 16 Jahre 16,50 Euro). Hotel Rotgiesserhaus, Böhmische Straße 8 in Oberwiesenthal, Tel.: 037348/13 10, www.rotgiesserhaus.de. Ältestes Steinhaus des Ortes, 1747 als Gießerei erbaut. Küche mit Spezialitäten aus dem Erzgebirge. DZ/F ab 76 Euro.

Hütten, Einkehr

Prijut 12, Vierenstraße in Oberwiesenthal, Tel.: 037348/83 38, www.prijut12.de. Neil Young statt Ballermann-Musik, Soljanka und Pelmeni statt Leberkäse. Der halbe Liter Apfelschorle kostet 2 Euro.

Ausgehen, Après-Ski

Lo(c)k-Schuppen, Tel.: 037348/233 77. Die Kneipe liegt direkt am Bahnhof, wo die Fichtelberg-Dampflok hält. Freitags ab und zu Live-Musik.

Auskunft

Tourist-Information Oberwiesenthal, Tel.: 037348/12 80, Schneetel.: 037348/127 70, www.oberwiesenthal.de

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