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Obersalzberg: Luxusferien, wo der Führer Entspannung suchte

Auf dem Obersalzberg, dem zweiten Machtzentrum der Nazis, eröffnet am Dienstag ein Fünf-Sterne-Hotel. Der Bau der Anlage auf Hitlers Lieblingsberg ist umstritten.

Der Ort ist landschaftlich spektakulär und deshalb auch historisch belastet: Auf dem Obersalzberg, Hitlers bevorzugtem Urlaubsort und zweitem Regierungssitz hoch über Berchtesgaden, eröffnet in wenigen Tagen ein Luxushotel. Wo die Nazis einst Kriegs- und Vernichtungspläne ausbrüteten, können ab 1. März Urlauber bei Golf und Wellness entspannen. Wenige Tage vor der Eröffnung wurde das Fünf-Sterne-Haus erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.Die Anlage der britischen Intercontinental-Gruppe ist in nüchtern-sachlichem Stil gehalten, die geschwungenen Seitenflügel mit riesigen Fensterfronten geben aus rund 1.000 Metern Höhe einen Traumblick frei auf das Berchtesgadener und Salzburger Land."Nicht protzig und nicht jodlerisch, sondern in vornehmer Weise in die Landschaft eingepasst", lobte denn auch der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser als Vertreter des Freistaats, der das Gelände mit der braunen Vergangenheit besitzt und den Hotelbetrieb in Erbpacht vergeben hat.

"Das Brandmal des Täterortes ist geblieben und wird bleiben", sagte der CSU-Minister und forderte einen "sensiblen Umgang" mit dem "Ort der Täter". Das Hotel werde das Interesse am benachbarten NS-Dokumentationszentrum steigern, das das renommierte Institut für Zeitgeschichte 1999 im Auftrag des Freistaats eröffnete.Die Dauerausstellung dokumentiert die Geschichte des Obersalzbergs, den Hitler ab 1933 zum zweiten Machtzentrum neben Berlin ausbauen ließ. Neben Hitlers "Berghof" residierten die Nazi-Größen Hermann Göring, Martin Bormann und Albert Speer in vornehmen Villen. Auf dem rund 100 Hektar großen Areal wurden außerdem Kasernen und kilometerlange Bunker angelegt, von denen heute noch Teile besichtigt werden können.

Obersalzberg als zweiter Regierungssitz Hitlers

Auf dem Obersalzberg verbrachte Hitler ein Viertel seiner Regierungszeit. Dort schrieb er den zweiten Teil von "Mein Kampf", empfing Staatsgäste und plante offenbar den Überfall auf Polen. Außerdem posierte er mit Schäferhund Blondi oder Kindern und Anhänger für die Kameras. Die Heile-Welt-Propaganda konfrontiert das Dokumentationszentrum mit dem realen Horror von Krieg und Holocaust.Seit der Eröffnung der Dauerausstellung haben "die Wallfahrten von irgendwelchen Idioten massiv nachgelassen", sagte Faltlhauser. Besonders an Hitlers Geburtstag stellten Alt- und Neonazis auf Mauerresten des "Berghofs" oft Kerzen ab. "NS-Orte entmystifiziert man am besten, indem man das normale Leben einziehen lässt", erläuterte Volker Dahm, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte. Der Minister betonte die Bedeutung der Dauerausstellung, die bisher mehr als 600.000 Menschen besucht haben.

Friedman sieht "Enthistorisierung des Ortes"

"Je mehr Leute herkommen, umso mehr werden das Dokumentationszentrum sehen", ist Rabbi Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, überzeugt. Der Vize-Präsident der israelitischen Kultusgemeinde München, Marian Offmann, befürwortete das Projekt grundsätzlich. "Ich selbst möchte dort allerdings niemals wohnen", sagte er der Zeitschrift "Cicero". "Der Ort ist ein Unort."Scharfe Kritik übte dagegen der frühere Vize-Präsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman: "Der Bau eines Luxushotels auf dem Obersalzberg ist geschmacklos und eine Enthistorisierung des Ortes." Rabbi Nachama sah dagegen keinen Grund gegen eine touristische Nutzung, nur "weil die 'Herren der 1.000 Jahre' zwölf Jahre, vier Monate und acht Tage hier gehaust haben". Die Geschichte sei dort gut dokumentiert. Davon könnte sich Friedman persönlich überzeugen, Minister Faltlhauser lud ihn zu einem Besuch auf dem Obersalzberg ein.

Die Region, sicherlich eine der schönsten Gegenden Bayerns, zieht schon seit Ende des 19. Jahrhunderts Touristen an. Zu den prominenten Sommerfrischlern zählten Johannes Brahms, Clara Schumann oder Ludwig Ganghofer. Nach der Zerstörung der Nazi-Anlagen 1945 nutzten die Amerikaner das rund 100 Hektar große Areal bis 1995 als Erholungszentrum für Soldaten.Das Luxushotel will "eine Oase des Wohlfühlens" für die Gäste bieten. Im Innern des Gebäudes dominieren dunkles Holz, heller Stein und warme Farben. Im Foyer flackert ein riesiger offener Kamin, die Bar bietet mit 400 Whiskey-Sorten die größte Auswahl Deutschlands. Der Wellness-Bereich, wie auch die anderen Räume asiatisch angehaucht, erstreckt sich über 1.500 Quadratmeter. Vor dem Haus liegt ein eigener Golfplatz.In den Zimmern ist an alle Luxusdetails gedacht: Panorama-Blick vom Bett aus, schwenkbare Fernseher, selbst abrechnende Minibar oder Stromanschluss für den Laptop auch im Innern des Safes. Außerdem liegt in jedem Raum eine Dokumentation über die NS-Geschichte des Obersalzbergs. Mit der besonderen Vergangenheit werde man sensibel umgehen, versicherte Hotelchef Jörg Böckeler. Die 140 Mitarbeiter wurden deshalb vom Institut für Zeitgeschicht geschult. Die ersten Gäste können die 138 Zimmer und Suiten ab 1. März beziehen. Eine Nacht kostet zwischen rund 200 und 2.500 Euro.

Irene Preisinger / AP / AP

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