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Politiker im Urlaub: Einfach mal gehen lassen

In der Sommerpause lieben es bundesdeutsche Spitzenpolitiker dieses Jahr rustikal: Viele von ihnen verzichten auf Fernreisen und entspannen in den Ferien betont bürgernah bei klassischen Wanderurlauben.

Von Martin Spiess

Ist das die große Renaissance der Bescheidenheit in der Politik? Eine sympathische Ranschmeiße an die finanzschwachen kleinen Leute - oder doch nur schnöde Körperertüchtigung? Was immer die bundesdeutschen Spitzenpolitiker auch antreibt: In der diesjährigen Sommerpause scheinen sie von einer wahren Wanderwut ergriffen.

Vorbildlich allen voran marschiert Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Im Sommer 2006 wanderte sie durch die Dolomiten, wo sie sich von Bergsteiger Reinhold Messner die Gipfel erklären ließ. 2007 zog es die Kanzlerin nach Südtirol. Wenn das Bundeskanzleramt sich auch bedeckt hält, wohin es in diesem Jahr geht: Es gilt als sicher, dass Merkel wieder in Südtirol Urlaub macht - und dann sicher auch wieder die Wanderschuhe im Gepäck hat.

Statt an ferne Strände zu fliegen, zeigen sich auch zahlreiche Politikerkollegen beim Wanderurlaub volksnah und bescheiden. Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) fährt mit seiner Frau Ende Juli für drei Wochen ebenfalls nach Südtirol, Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) macht sich zum Wandern auf in die Schweiz.

Zu Fuß durch den eigenen Wahlkreis

Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) wandert, wie in den beiden vergangenen Jahren auch, eine Woche lang durch ihren Wahlkreis Darmstadt. Und ist offenbar noch auf der Suche nach Begleitung. Auf ihrer Homepage lädt sie "alle Bürgerinnen und Bürger ein, mit mir ein Stück Weg zurückzulegen, die Natur im Wahlkreis zu genießen und nette Gespräche in angenehmer Umgebung zu führen." Alles ganz im Sinne des verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, der als "Wanderpräsident" durch das Land zog. Zypries suche bei ihren Wanderungen durchaus den Kontakt zu den Bürgern, so ihre Pressesprecherin - sei es in der freien Natur oder bei einem anschließenden Erholungsbier in der Kneipe. Nach dem Wandern wird die Justizministerin sich noch zwei Wochen lang entspannen. Wohin es geht, verriet sie jedoch nicht.

Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck ist im Urlaub zu Fuß unterwegs. Abwechselnd wandert und radelt er in seiner Heimat an der Mosel entlang. Der SPD-Vorsitzende steigt in seinem Lieblingshotel in Cochem ab, wo er gern mit dem Hotelhund Balou Gassi geht und ihm hin und wieder ein Würstchen zusteckt.

Powerwalken am Bodensee

SPD-Fraktionschef Peter Struck ist in seinem Urlaub ebenfalls in Bewegung, wenn auch motorisiert. Er fährt in den kanadischen Rocky Mountains mit Freunden Motorrad und bleibt dabei seiner Linie treu: Im vergangenen Jahr fuhr er mit dem Motorrad durch Deutschland. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil macht einen Roadtrip durch die USA. Und Gregor Gysi (Linke) freut sich darauf, in Südfrankreich mit seiner Familie im Restaurant zu sitzen. Seine Entspannungstaktik ist eventuell noch effektiver als eine ausgedehnte Wandertour. Da er kein Französisch spricht, dürfte er sich auch kaum durch lästige Plappereien vom Nachbartisch gestört fühlen.

Nicht allen Spitzenpolitikern ist in der Sommerpause ein echter Urlaub vergönnt: CSU-Parteichef Erwin Huber und Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein müssen schon das zweite Jahr in Folge komplett auf Ferien verzichten. Im letzten Sommer blieben die beiden Politiker wegen des Kampfes um den CSU-Vorsitz zu Hause, dieses Mal wegen des bevorstehenden Wahlkampfs. Dafür bekommen sie Besuch von Guido Westerwelle (FDP): Nach einem Kurzurlaub auf Mallorca reist er zum Wahlkampf nach Bayern. Auch Forschungsministerin Annette Schavan bleibt im Lande: Sie fährt im August an den Bodensee, wo sie neben schwimmen und Fahrrad fahren auch noch etwas anderes machen will: nicht behäbig wandern, sondern powerwalken. Bei manchen strahlt der Ehrgeiz eben bis in die Urlaubsgestaltung.

FTD

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