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Pilot im Interview: "Ryanair ist eine Diktatur"

Ein Flugkapitän von Ryanair spricht über die Probleme der irischen Billigfluglinie, den Druck durch Manager, die miesen Arbeitsbedingungen und warum die Flugbegleiter Pfandflaschen sammeln.

Mit über 90 Prozent hatten Ryanair-Piloten in ganz Europa für Streiks gestimmt. "Ryanair muss sich verändern", fordern Mitarbeiter auf einem Transparent in Frankfurt.

Mit über 90 Prozent hatten Ryanair-Piloten in ganz Europa für Streiks gestimmt. "Ryanair muss sich verändern", fordern Mitarbeiter auf einem Transparent in Frankfurt.

DPA

Der Mann ist ein typischer Verkehrspilot: ruhig, kontrolliert, aber entschlossen. Jetzt sitzt er in einem Café in einer deutschen Kleinstadt, isst ein Wurstbrötchen und trinkt eine Cola light. Er will reden. Aber er will seinen Namen nicht nennen – er fürchtet Repressionen. Nachher muss er noch einmal für von Deutschland nach Südeuropa fliegen: zweieinhalb Stunden in der Luft, 30 Minuten am Boden, zweieinhalb Stunden zurück – wenn alles glattgeht. Aber das tut es dieser Tage eher selten. 

Bei Ryanair ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt, und europaweit droht Streikchaos. Er ist ein erfahrener Pilot, mit mehr als 10.000 Flugstunden auf der Boeing 737, dem Arbeitstier der internationalen Luftfahrt, das Ryanair ausschließlich fliegt. Seit mehr als 15 Jahren fliegt er schon, rund fünf davon für Ryanair, den absoluten Preisbrecher unter den Billigfliegern.

stern: Bei Ryanair droht in den nächsten Wochen das Chaos auszubrechen. Überall in Europa gab es schon Urabstimmungen unter den Piloten: Mehr als 90 Prozent sprachen sich dabei regelmäßig für Streiks aus. In Ryanairs Heimat Irland gab es bereits die ersten Arbeitsniederlegungen. Was ist da los? 

Pilot: Ryanair ist nicht die erste Airline, für die ich arbeite. Ich habe schon einiges erlebt. Aber ich habe noch nie für eine Fluggesellschaft gearbeitet, die ihre Mitarbeiter dermaßen schlecht behandelt. Ryanair ist eine mit Michael O'Leary an der Spitze.

Wieso arbeiten Sie dann überhaupt noch für so eine Firma?

Vor allem wegen der bisher verlässlichen Arbeitszeit: Auf fünf Tage Arbeit folgen vier freie Tage. Das ist sehr familienfreundlich. Aber inzwischen merkt man, dass Personal fehlt. Oft muss ich irgendwo einspringen, morgens von einer anderen Basis aus starten oder abends von irgendwo anders wieder nach Hause kommen. Und selbst das klappt nicht immer: Nächste Woche bin ich zum Beispiel an vier von fünf Flugtagen abends nicht zu Hause.

Sind nicht nach der -Pleite viele Piloten von dort zu Ryanair gewechselt?

Nur ein paar. Und etwa die Hälfte war nach wenigen Monaten wieder weg. Man hatte ihnen viel versprochen, geschwärmt, wie toll Ryanair sei. Stattdessen werden wir gegängelt. (Er zeigt seinen Tablet- mit einer Übersicht, die seine Leistung in verschiedenen Kategorien im Vergleich mit den Kollegen zeigt.) Hier, es wird sogar erfasst, ob ich das Fahrwerk weniger als vier Meilen vor dem Flughafen ausgefahren habe. Das soll Sprit sparen.

Hat Ryanair noch genug Piloten?

Es gibt zu wenig fliegendes Personal. Neue Piloten und Copiloten werden hektisch eingestellt. Zuletzt wurde in , Brasilien und dem Nahen Osten gesucht. Früher schaffte nur jeder zweite Bewerber die Einstellungstests, heute werden fast alle durchgewinkt und ins Flugtraining geschickt.

Fliegen Sie selbst oft mit unerfahrenen Copiloten?

Ja, manchmal hat man schon Kollegen mit sehr geringer Erfahrung. Manche haben weniger als 500 Flugstunden und sind dann für 195 Menschen verantwortlich. Man merkt als erfahrener Pilot schnell, wie es mit einer Crew läuft und ob man besonders aufpassen muss. Das gilt übrigens auch für die Kabinenmannschaft. Denn auch da gibt es viel Fluktuation.

Ich dachte, die Kabinencrew verkauft vor allem Essen und Getränke?

Im Ernstfall sind die Kollegen hinten extrem wichtig für die Sicherheit. Es gab gerade einen Fall in Spanien, wo ein Handyakku zu brennen anfing und es stark qualmte. Die Passagiere sind auf der Rollbahn über die Notrutschen raus. Auf einem Video kann man sehen, dass Passagiere panisch mit ihrem ganzen Handgepäck rutschen und sich ineinander verkeilen. Manche springen mit zwei Koffern in der Hand aus dem Flieger. Das muss die Kabinenmannschaft verhindern, weil Gepäck im Notfall die Fluchtwege versperrt und Menschen verletzt. Wenn es doch passiert, ist das ein Zeichen von Unerfahrenheit.

Laut der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo verdienen Stewardessen bei Ryanair um die 1200 Euro brutto.

Eben: Das ist doch wirklich ein Witz. Und bis vor Kurzem mussten sie auch noch die Schulden ihrer Ausbildung, etwa 3000 Euro, abarbeiten. Das wurde erst im Februar gestoppt. Aber der neueste Trend ist jetzt, Leute aus Griechenland, Bulgarien und Rumänien anzuheuern und ihnen einen polnischen Vertrag zu geben. Für die klingt es erst mal gut, wenn sie 1200 Euro verdienen. Aber da kann man in Deutschland doch nicht von leben. 

Im Winter müssen viele unbezahlten Urlaub nehmen, und manche beziehen dann Sozialhilfe. Ich habe Flugbegleiter hier in Deutschland erlebt, die sammeln nach den Flügen Pfandflaschen von den Sitzen, um sie einzulösen. Ich schäme mich fast, so etwas zu erzählen. Viele können sich nicht mal das Busticket zum Flughafen leisten und fahren morgens über eine Stunde mit dem Fahrrad. Nachts nehme ich oft die halbe Mannschaft im Auto mit in die Stadt.

Sie meinen also, dass durch die vielen neuen und schlecht bezahlten Mitarbeiter die Gefahr zunimmt, dass bei Ryanair Fehler gemacht werden?

Auf jeden Fall. Besonders wenn mal zwei unerfahrene Piloten zusammen unterwegs sind. Es gab im Winter einen Zwischenfall mit schweren Turbulenzen bei einem Flug über die Alpen. Beim Versuch, diese auszugleichen, haben die Piloten den Flieger wohl in eine dramatische Schräglage gebracht. Sie haben ziemlich viel Höhe verloren. Da sind im Cockpit alle möglichen Alarmsignale losgegangen. Bei allem über 30 Grad Neigung fängt der Flieger an, die Piloten geradezu anzubrüllen.

Gibt es weitere Beispiele? Ja, in einem anderen Fall löste sich ein Kabinentrolley und verletzte einen Flugbegleiter, der auf dem falschen Platz saß. Und es gab häufiger Probleme mit der Kommunikation. Wenn der Funkkontakt verloren geht, wird man von Kampfjets besucht, um eine Entführung auszuschließen. Erst kürzlich ist das einer Ryanair- Maschine an der Nordseeküste passiert, zu der belgische und britische Kampfflugzeuge aufgestiegen sind.

Woran liegt so etwas? Oft daran, dass jemand den Funkkanal nicht entsprechend den Vorgaben wechselt oder ein Pilot zur Toilette geht und seinen Kopfhörer absetzt, ohne den Funk auf den Kollegen umzuschalten. Dann herrscht für die Fluglotsen verdächtige Stille im Cockpit.

Wie steht es denn mit der Wartung der Maschinen?

Kollegen aus der Technik erzählen uns Piloten, sie müssten mit Ressourcen für 200 Flugzeuge die aktuell rund 400 Maschinen betreuen. Im Sommer war es früher normal, einen Techniker an jeder Basis zu haben, der sich vor Ort um technische Probleme kümmert. Aber tagsüber ist da jetzt meist niemand mehr.

Was macht man dann bei Problemen?

Wir rufen in Dublin an. Und die versuchen, jemanden zu finden. In Memmingen musste kürzlich ein Flug gestrichen werden, weil ein Vogel im Fahrwerk klemmte. Es gab niemanden, der ihn entfernen konnte. Ryanair hat drei Learjets, die herumfliegen und Techniker zu den Stationen bringen, wo es Probleme gibt.

Sind die Maschinen von Ryanair unsicher?

Das würde ich noch nicht sagen. Aber die Wartung ist am legalen Minimum. Und Piloten müssen oft entscheiden, ob sie mit der Maschine noch fliegen wollen. Da gibt es schon Druck aus Dublin.

Druck?

Ich habe kürzlich einen Schaden im Logbuch eingetragen und dann in Dublin angerufen, so wie es vorgeschrieben ist. Ich wurde mit einem Techniker verbunden, weil die Maschine mit dem dokumentierten Problem nicht mehr fliegen durfte. Er sagte: Du hättest mich zuerst anrufen sollen, bevor du was aufschreibst. Ich habe ihn gefragt, ob ich etwa mit einem kaputten Jet hätte fliegen sollen. Da hat er aufgelegt.

Ihr Chef Michael O'Leary ist berüchtigt für seine Attacken auf die Lufthansa und andere Konkurrenten. Wie geht er mit Mitarbeitern um?

Er nennt uns Piloten gerne "überbewertete Taxifahrer", bezeichnet uns als "gelangweilt" oder "Busfahrer". Er hat vorgerechnet, dass wir nur 18 Stunden pro Woche arbeiten. Dazu hat er einfach die erlaubte Flugstundenzahl durch 50 Wochen geteilt. Wartezeiten, Flugvorbereitung oder das regelmäßige Training zählen für ihn nicht. Wenn der Chef von Mitarbeitern Kim Jong O'Leary genannt wird, sagt das doch alles.

Kollegen vergleichen Ihren CEO mit dem nordkoreanischen Machthaber?

Ja, man nennt ihn auch Kim Jong Mike – da gibt es verschiedene Versionen. Aber jeder weiß, wer gemeint ist.

Das heißt, Sie würden für bessere Bedingungen auch selbst streiken?

Ja, jetzt ist die Zeit dafür: Jetzt ist die Auslastung am größten und damit auch der Druck auf Ryanair. Bisher war die Moral bei Ryanair immer ziemlich gut: Wir kriegen den Flug schnell und reibungslos über die Bühne. Diese Einstellung ist Geschichte. Viele haben den Eindruck, dass O'Leary uns nur dazu benutzt hat, selbst sehr, sehr reich zu werden.

Was verdienen Sie denn?

Mein Grundgehalt lag im letzten Jahr bei rund 70.000 Euro. Dazu kommen etwa 50 Euro je geflogene Stunde für Piloten und etwa 30 Euro für Copiloten. Ich komme so auf etwa 110.000 Euro im Jahr. Aber wenn ich nicht fliege, verdiene ich eben weniger. Und Ryanair kann das jederzeit verfügen.

Trotzdem gutes Geld.

Ja, aber davon müssen wir auch Reisekosten bezahlen, etwa, wenn unser Arbeitstag mal irgendwo anders endet. Ryanair kommt für so gut wie nichts auf, kümmert sich weder um Transfers noch um Hotels an den Zielorten. Auch Uniform, Verpflegung und sogar die Anreise zum Pilotentraining bezahlen wir selber: Ich musste für die Teilnahme an einem Evakuierungstraining in einem Schwimmbad in England sogar mal den Eintritt an der Kasse selbst lösen.

Wollen Sie auch mehr Geld?

Das Gehalt ist nicht der Hauptgrund, unzufrieden zu sein. Es geht um Fairness. Zum Beispiel ist es Ryanair egal, wie viel wir wirklich fliegen: Es wird immer nur die planmäßige Zeit bezahlt. Wenn wir fünf Stunden auf dem Rollfeld auf einen Slot warten, dann ist das Freizeit, die wir Ryanair schenken.

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Der erste Flug startet meist irgendwann zwischen 6 und 6.30 Uhr. Das heißt, ich stehe um 3.30 Uhr auf. Ich muss ja noch mindestens eine Stunde die Flüge vorbereiten, den Papierkram erledigen. Dafür sind eigentlich nur 45 Minuten vorgesehen – aber die reichen nie. Anschließend folgen meist vier Flüge von zwei bis zweieinhalb Stunden, dazwischen jeweils etwa 25 Minuten am Boden.

Ist das zu viel? Sind die Besatzungen überlastet?

Man drängt uns bis hart an die legale Grenze von 900 Flugstunden innerhalb von zwölf Monaten. Viele von uns werden diese Grenze 2018 wohl schon im November erreichen. Die Lage wird sich also noch verschlechtern. Noch schlimmer ist es bei den Ausbildungspiloten. Viele von denen werden ihre maximale Flugzeit schon im Oktober erreicht haben.

Worauf müssen Passagiere sich bei Ryanair in den kommenden Wochen einstellen?

Die Mitarbeiter sind bereit zu kämpfen. Es ist Zeit, die Muskeln spielen zu lassen. Ryanair könnte eine extrem effiziente Fluggesellschaft mit sehr hohen Gewinnen sein. Mit guten Gehältern und Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter und trotzdem mit guten Preisen für die Kunden. Aber das Management steckt zu tief in der Low-Cost-Falle, will nur immer weiter drücken, drücken, drücken.

Interview: Jan Boris Wintzenburg

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