HOME

Brüssel: Jugend, Stil und Himbeerbier

Bürokratenstadt? Schnödes Vorurteil. Wer Brüssel erlebt, findet in Europas Hauptstadt große Architektur, kleine Lokale, junge Kreative und fantasievolle Paraden.

Von Tilman Müller

Von Zimmer 22 mit seinen bis zum Boden reichenden Spros senfenstern ist der Blick besonders schön - rechts überreich mit Gold verziert das "Königshaus", links das abendlich in pastellbunten Farben angeleuchtete Rathaus mit der Figur des Erzengels Michael, hoch oben auf dem pyramidenförmigen 96-Meter-Turm. Unten auf dem Platz Menschengewimmel. Stimmengewirr, das erst lange nach Mitternacht abklingt, wenn das letzte Himbeerbier ausgetrunken ist und sich die oft von weither angereisten Liebespärchen in den Armen liegen.

"Die schönste Bühne der Welt", so pries Jean Cocteau einst Brüssels Grande Place, ein architektonisches Juwel aus Gotik, italienisch-flämischem Barock und Louis-Quatorze-Stil. Nur ein Hotel gibt es dort, die "Auberge St. Michel". Ein unscheinbares Schild hängt über dem Eingang, im Mini-Fahrstuhl geht es hinauf. Sieben Zimmer mit Blick auf den Platz hat die preiswerte Herberge - wie Logen, in denen man staunen darf, wenn Floristen den Platz im August mit 700 000 Begonien in ein Blütenmeer verwandeln. Und die Portiers haben bestimmt nichts dagegen, wenn jemand ein frisch gezapftes Bier aus den angrenzenden Kneipen mit nach oben nimmt.

Im Mittelalter waren im "St. Michel" die Gerber untergebracht; alle Handwerkerzünfte hatten an dem Pflaster-Karree ihre Häuser, von den Böttchern bis zu den Bäckern. In "La Brouette", der alten Innung der Fettmacher auf der anderen Seite des Platzes, bekommen die Hotelgäste ihr Frühstück. Ein Kaminfeuer brutzelt, muntere Kellner in langen weißen Schürzen tragen Toastbrot auf, mit fingerdickem Schinken und Kaffee, so viel man will.

Zwischen Tradition und Lebenslust

Hier, im historischen Zentrum der Hauptstadt Europas, herrscht eine angenehme Balance zwischen guter alter Tradition und frisch-fröhlicher Lebenslust. Brüssel ist gemütlicher und überschaubarer als Berlin, nicht so überteuert wie Paris oder London; ein Ort, in dem Hollywoodfilme oder Dior-Reklamen eine eher untergeordnete Rolle spielen. Eine unkonventionelle Metropole, deren Wahrzeichen nicht eine Kathedrale oder sonst irgendein imposantes Gebäude ist, sondern ein aufmüpfiger Junge, der nahe des Grande Place in hohem Bogen genüsslich aufs Trottoir pinkelt - Manneken Pis.

Seine weibliche Gegenskulptur, Jeanneke Pis, macht ein paar Straßen weiter, an der Rue des Bouchers, auf den Boden. Und damit die Familie komplett ist, hebt nahe der alten Börse Zinneke Pis sein Bein - ein Köter, der sich im neuen Trendviertel der jungen Kreativen nahe der Rue Antoine Dansaert erleichtert.

Im Flämischen ist Zinneke ein Mischlingshund, der in der Zenne (ein überbauter Fluss) gebadet hat, zugleich Symbol für die kulturelle Vielfalt der Millionenstadt, in der 300 000 Nicht-Belgier leben. Seit dem Jahr 2000 gibt es hier auch die Zinneke-Parade, ein farbenfroher Umzug, auf dem der Brüsseler Humor Purzelbäume schlägt. Wer das surrealistische Multikulti-Spektakel einmal miterlebt hat, vergisst wohl auf immer das weit verbreitete Vorurteil, Brüssel sei eine öde Bürokratenstadt, bevölkert von schnöseligen Eurokraten.

Zu Gesicht bekommt man die 20.000 EU-Bediensteten ohnehin kaum, da sie selten ihre Bürotürme verlassen. Allgegenwärtig indes sind die vielen Afrikaner, meist aus dem Kongo, Belgiens ehemaliger Kolonie. Um die Metrostation Porte de Namur haben sie ein ganzes Stadtviertel in ein quirliges Klein-Kinshasa verwandelt, in das ihre Landsleute am Wochenende von überall strömen: aus Holland, der Schweiz, aus Deutschland, sogar aus Dänemark. Bei der hippen Friseurin Maman Jolie lassen sie sich die Haare gelen, genießen in den Shops vertraute Gerüche und Musik aus der Heimat oder flanieren einfach durch das Matongé-Viertel, wo sie sich wohler fühlen als sonstwo in Europa.

"Eine Stadt, wo sich 100 Nationalitäten mischen"

"Bruxelles eza Lola" - Brüssel ist das Paradies, steht an der Chaussee d'Ixelles auf einem riesigen Wandgemälde, von dem glückliche Afrikaner im Freizeit-Look lächeln und das von Chéri Samba stammt, einem Künstler aus Kinshasa. "Ich bin", hat er irgendwo ins Menschengewimmel gepinselt, "auf der ganzen Welt herumgewandert und habe noch nie eine Stadt wie Brüssel gesehen, wo sich 100 Nationalitäten vermischen."

Kunst an den Fassaden gibt es in der Multikulti-Metropole fast in jeder Straße. Lucky Luke, Spirou und Dutzende weitere Comicfiguren kommen einem überlebensgroß auf den Häuserwänden entgegenspaziert - eine Hommage an Belgiens Cartoon-Künstler wie Hergé ("Tim und Struppi"), die das Genre in Europa seit dem Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts salonfähig gemacht haben. "Soll ich Sie auf den Comic-Rundweg mitnehmen, oder wollen Sie lieber die schönsten Jugendstilgebäude sehen?", fragt Chris Bourne, ein professioneller Guide, der schnellen Schritts durch die Altstadt führt. "Um 1900 war Belgien eine der stärksten Industrienationen der Welt, in Brüssel brummte es", sagt er und bleibt in der Rue des Sables vor einem Palais mit enormen Fenstern stehen. Ein ehemaliges Stoffgeschäft, in dem heute das belgische Comic-Museum untergebracht ist.

Eine monumentale Treppe führt in die erste Etage, überall gusseisernes Schnörkeldekor und kunstvoll bemaltes Glas. Ein Meisterwerk von Victor Horta, dem Architekten eines der ersten Jugendstilgebäude der Welt, das 1893 in Brüssel entstand. "Damals wollte man mit allen rigiden Strukturen brechen, mit der Kirche, der Ausbeutung der Arbeiter und der Unterdrückung der Frau", sagt Bourne, "Licht, Erotik und Sinnlichkeit waren gefragt." 1200 Jugendstilhäuser entstanden bis 1914 in Belgiens Hauptstadt, etwa 500 sind noch erhalten und wurden teilweise in den letzten Jahren liebevoll renoviert. Erstaunlich sind immer wieder die kunstvoll verzierten Fassaden; in der Rue Faider mahnt eine rothaarige Muse mit dem Zeigefinger über den Lippen unterhalb des Schlafzimmerfensters zur Stille; in der Rue Royale durchranken pflanzenförmige Mahagoniverstrebungen mit Goldbesatz die Glasfront des Blumenladens von Daniel Ost.

"Fünf verschiedene Jugendstil-Routen gibt es hier, und für jede braucht man einen Tag", sagt Bourne, ein gebürtiger Brite, beim Bier im "Mort Subite" (Plötzlicher Tod). In der Kneipe mit dem nikotingelben Interieur verkehrte bereits der große Surrealist René Magritte, der wohl berühmteste Sohn der Stadt. 50 Biersorten gibt es heute noch in dem so richtig schön morbiden Trinkerparadies. "Bin in Brüssel hängen geblieben", sagt Bourne, der im Hauptberuf bei einer Versicherung arbeitet, und bestellt noch ein "Kriek", das nach Kirschen schmeckt. "Meine 140-Quadratmeter-Wohnung hier kostet 310 Euro, das ist doch nicht schlecht, oder?"

Seit der Krise in den 60er Jahren, als die Einwohnerzahl in der City auf 20 000 sank, sind die Mieten in Brüssel weit niedriger als in anderen Metropolen Westeuropas. Die drei Ks - König, Kirche und Kapital -, lästern die Einheimischen, hätten die Stadt zugrunde gerichtet, doch in den vergangenen Jahren ging es spürbar aufwärts. Längst ist der Grande Place nicht mehr der alleinige Anziehungspunkt für Besucher; ein paar Fußminuten weiter beginnt das Dansaert-Quartier, ein junges Avantgardeviertel, das es durchaus mit Londons Soho oder dem New Yorker East Village aufnehmen kann.

Brüsseler Spitzen

Beste Anlaufstelle ist Stijl, Hochburg der aufstrebenden belgischen Modeszene. In der loftartigen Boutique gibt es Klamotten von Antwerpener Meisterschneidern wie Ann Demeulemeester oder Dries van Noten und außerdem einen praktischen Faltplan mit 100 Downtown-Brussels-Adressen aller Sparten - darunter das Schokoladengeschäft A. M. Sweet, der Dessousladen Underwear, die Piano-Bar L'Archiduc, der Deko-Showroom Usagexterne, das urige Frühstückslokal Le Pain Quotidien, das Herboristerij Desmecht, wo seltene Heilpflanzen verkauft werden, und natürlich der waschmittelweiße Tempel des berühmten belgischen Modezars Martin Margiela.

Im September und Oktober öffnen die Fashion-Stars ihre Ateliers, schließlich ist 2006 Brüssels "Jahr der Mode und des Designs". 2007 folgt das "Jahr Europas", denn kommenden März feiert die EU ihr 50-jähriges Bestehen. Wer dann im St. Michel mit Brüssels schönstem Blick logieren möchte, sollte sich seinen Platz schon sichern.

print

Wissenscommunity