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Kanaren: Entdeckungen auf sieben Inseln

Für viele sind sie seit Jahren das Lieblingsziel. Doch ganz entdeckt sind die sieben kanarischen Inseln unter subtropischer Sonne noch nicht. Jedes Jahr haben sie wieder Überraschungen zu bieten.

Sie planen einen Urlaub auf den Kanaren? "Geo-Saison"-Reporter geben Tipps für Hotels, Bars, Restaurants, Trinkkuren, Foto-Trips, Club-Urlaub und eine Garten-Besichtigung.Für viele sind sie seit Jahren das Lieblingsziel. Doch ganz entdeckt sind die sieben kanarischen Inseln unter subtropischer Sonne noch nicht. Jedes Jahr haben sie wieder Überraschungen zu bieten. "Geo-Saison"-Reporter haben einige davon ausgewählt und getestet. Lesen Sie hier ihre Reiseberichte.

Teneriffa: Die besten Adressen für gute Küche

"Donde" ist das spanische Wort für "wo" oder "wohin". Mario Torres Hernández hat die Grundfrage jedes Gastes - wohin und zu wem man geht - auf den Begriff gebracht. Der Name seines neuen Restaurants "Donde Mario" enthält zugleich die Antwort: "Zu Mario". Rein umgangssprachlich entspräche es etwa unserem "nach Aldi". Auch sonst macht Mario es seinen Gästen einfach: Seine Speisekarte hat auf einer fotokopierten Seite Platz. Das Angebot lässt sich im Gespräch vertiefen, orientiert sich aber an dem, was auf dem Markt frisch zu bekommen war. An den Wänden hängen Weinetiketten in Bilderrahmen. Hinter dem Tresen erlaubt eine große Glasscheibe den Blick in die Küche. Neben dem Herd stehen gut zwei Dutzend verschiedene Olivenöle.

Die neue Devise heißt Verfeinerung

Wir probierten Tunfisch auf Püree: Drei zarte, gebratene Filets lehnten an dem kleinen Kartoffelberg, über den es Petersilie geschneit hatte. Köstlich einfach, einfach köstlich. Ich wollte nie wieder woanders hin als nach Mario. Mario ist nicht nur Autodidakt, sondern auch ein guter Didaktiker. Im Auftrag des "Cabildo", der Inselregierung, hat er für Köche Teneriffas gerade einen Käsekurs abgehalten. Dies gehört zu einer Kampagne, mit der man die überaus einfache, in Riesenmengen aufgetragene Kanarenküche verbessern will: mehr Sinn für die Qualität der Produkte, mehr Mut zur Verfeinerung rustikaler Rezepte. Und man merkt's: Allmählich wird besser gekocht auf Teneriffa.

"Futtern wie bei Muttern"

Das Problem sind leider die Esser. Die Mehrheit des einheimischen Publikums möchte weiter futtern wie bei Muttern. Am bekanntesten und verbreitetsten sind die in Salzwasser gegarten Kartoffeln (papas arrugadas); dazu kommen viel Gegrilltes - Fisch wie Fleisch - sowie rote und grüne Saucen (mojos) auf den Tisch. Und von allem reichlich. Die Canarios sind im besten Sinne große Esser. Restaurants auf Teneriffa können das bei Strafe des Untergangs nur schwer ignorieren. Zum "El Jable" nahmen wir sicherheitshalber ein Taxi. Diese Investition hat den Vorteil, dass man nach dem ersten Blick in die Räumlichkeiten nicht erwägt umzukehren - Taxi ist schon weg -, sondern bleibt.

First-Class-Küche im armen Ambiente

Das "El Jable" legt es eindeutig nicht darauf an, ein Vorbild anheimelnden Interieurs zu liefern. Doch das Unbehagen beim Tritt über die Schwelle ist schnell vergessen, spätestens bei dem gebratenen, auf Mandelschalen geräucherten Ziegenkäse mit der besten grünen Mojosauce überhaupt. Ein zutiefst kanarisches Gericht, aber ungemein verfeinert. Dazu ein aufmerksamer Service: Zum Fisch wurden sogar private Fotos gereicht, damit wir eine Vorstellung von der Größe des Filetspenders bekamen. Bis spät in den Abend trudelten die Gäste ein. Insulare, Peninsulare (also Festlandsspanier) und einige Ausländer. Als Nachtisch gab's Gofio-Eis.

Wer gut kocht, lebt riskant

"El Jable" hätte beinahe das "Tafuriaste" ausgestochen. Das hatten wir nicht mit Marios Hilfe, sondern selber entdeckt. Im "Tafuriaste" versteht man es wahrlich, Schwertfisch auf Orangenreis zu legen - und obendrein noch eine Vertiefung für den flüssigen Ziegenkäse zu lassen. Alles war überdurchschnittlich gelungen, wäre da nur nicht der Eindruck, dass die junge Crew - sehr kreativ und ganz und gar ungewöhnlich - ein wenig am Rande des Ruins wandelte. Sollte dieser sich einstellen und die Türen geschlossen bleiben, dann fahren Sie doch "nach Mario".Andreas Greve

La Gomera: Schraders Obstgarten

Der Weg vom Hafen von Vueltas, wo die asphaltierte Straße aufhört, bis hierher ist nicht weit, aber abenteuerlich. Man rumpelt etwa einen Kilometer zwischen Steilküste und anbrandendem Meer entlang. Dann weist ein Schild mit Pfeil den Berg hinauf: "Fruchtgarten Argaga 333 Meter". Er gehört Rosita und Gerd Schrader. Sie haben sich im engen, abschüssigen Tal den Wunsch vieler Deutscher erfüllt: Sie sind ausgestiegen. Schon früh hatten die Lebensmittelchemikerin und der Mathelehrer beschlossen: "Ab dem vierzigsten Lebensjahr arbeiten wir nicht mehr." Sie hatten eisern gespart, auf Kinder verzichtet, das Leben ganz diesem Ziel untergeordnet.

Liebe auf den ersten Blick

Ihre Heimat fanden sie beim ersten Besuch auf La Gomera - "wir wussten nur, dass die Insel schön und ruhig war" - im Barranco de Argaga. Anfangs begnügten sie sich mit 400 Quadratmetern, auf denen sie mit bescheidenen Mitteln einen Garten anlegten, "einfach, weil wir gern Obst essen". Aber dann kamen immer wieder Wanderer vorbei, "und viele fragten: Dürfen wir mal reinschauen? Das brachte uns auf die Idee, einen Früchtegarten anzulegen". Ab sofort war der Ausstieg mit Arbeit verbunden. Heute, rund 18 Jahre nach den Anfängen, ist der Garten auf 4000 Quadratmeter angewachsen.

Mehr als 160 Obstsorten

Auf gestaffelten Terrassen gedeihen nach neuester Zählung mehr als 160 Obstarten und noch mehr Sorten. Die Pflanzen stammen aus aller Welt. Den Grundstock sammelten die Neugärtner auf fünf großen Reisen ein: nach Florida, Costa Rica, Brasilien, Israel und Thailand. "Seither versorgen uns Freunde auch mit Samen, Stecklingen und Ablegern." Bald war das Projekt der Schraders so gut bekannt, dass auch ein Päckchen aus Europa mit nichts als der Anschrift "Rosita, La Gomera" sie problemlos erreichte.

Obst-Tipps von der Fach-Frau

Zweimal pro Woche öffnen die Schraders ihren Früchtegarten für Besucher. Rosita führt die Gäste anderthalb oder auch mal zwei Stunden über die Terrassen, zeigt ihnen Kirschen, die keine sind, jedoch wie Kirschen schmecken, Nüsse, die man die besten der Welt nennt, aber praktisch nicht aufknacken kann, und Bananensorten, die man an keinem Obststand bekommt. Oder sie klärt auf, dass man in eine Maracuja nicht reinbeißt, sondern sie löffelt, dass wir die Avocado den Azteken verdanken und die Araber den Granatapfel - er stammt aus Mesopotamien - als Aphrodisiakum schätzen.

Ein kleines Wunder

Selbstverständlich ist im Schraderschen Früchteparadies alles bio. "Wir sind für den direkten Draht zur Natur: keine Chemie im Garten." So haben sich mittlerweile etliche Singvogelarten angesiedelt (allerdings auch zur Freude der inseltypischen, dünnen Katzen), und eine Schmetterlingskolonie gehört ebenfalls zu den Kulturfolgern. Es ist schon ein kleines Wunder, was die Schraders an diesem Ort vollbracht haben. Rosita aber winkt ab: "Die Kanaren haben ein ideales Klima, gemäßigt subtropisch, ähnlich wie Hawaii. Der Rest war Versuch und Irrtum und ziemlich viel Arbeit."Bernd Schwer

Gran Canaria: Drei Hotels zum Wohlfühlen

Strandhotel, Landhotel, Ferienwohnung: Wie man sich bettet, damit der Urlaub gelingt:

Palm Beach Hotel in Maspalomas

Alberto Pinto pflegt eine obsessive Liebe zum Detail. Der französische Designer überlässt nicht die kleinste Kleinigkeit dem Zufall. Der Erfolg gibt ihm Recht. Seine Arbeiten werden in den edelsten Architekturmagazinen und in den Katalogen der tonangebenden Kunstmuseen präsentiert. 2002 hat das "Palm Beach" ein halbes Jahr lang seine Tore dichtgemacht. Nach Alberto Pintos Konzept wurde das große Hotel, ein mächtiger, geschwungener Riegel am Leuchtturm von Maspalomas generalüberholt. Das heißt: Es wurde in den Stil der siebziger Jahre zurückversetzt.Das Ergebnis ist überraschend. Einerseits wirkt das Gebäude nüchtern und streng. Materialien wie Chrom, Glas, Travertin und Marmor schaffen Helligkeit, Lichteffekte, Über- und Durchsicht. Andererseits schwelgen die Zimmer in Korallenrot und Blau oder in Malve und Grün. Grelle Muster, satte Farben - Signale aus der Ära, als das Psychedelische in Popmusik, Kunst und Innenarchitektur in Mode war und man das Sehen und Hören neu zu definieren versuchte.

Casa de Los Camellos in Agüimes

Das "Haus der Kamele", so die deutsche Übersetzung, steht mitten in einer kanarischen Kleinstadt. Aus Ställen und Vorratslagern sind schlichte, geschmackvolle Zimmer geworden, man schläft in alten spanischen Betten - keine Bange, die Matratzen sind neu - und lässt sich im schattigen Patio einen Drink servieren. Geführt wird das Haus von "Hecansa". Das steht für "Hotelschulen der Kanarischen Inseln". Die Kellner und Rezeptionisten, Zimmermädchen und Telefonisten - sie alle stecken in der Ausbildung. Wir Gäste sind gewissermaßen Versuchskaninchen. Und wir sind es gern, denn wir profitieren von der Motivation der Hotelschüler. Hausherrin Monica mag Harmonien. Eines ihrer Zimmer ist in Sand- und Gelbtönen gehalten. Das Zimmer im Dachgeschoss hingegen hat sie in kühlen Farbtönen gestrichen - Sonne hat man hier oben schließlich genug. Kräftig und klar ist die Farbgebung. Nur die Außenseiten im traditionellen Weiß von Agaete, dem Fischerstädtchen im Nordwesten Gran Canarias. Monica mag es auch, "wenn Altes und Neues zusammenspielen". Das ist ihr in der kleinen "Casa Rural" so gut gelungen, dass sie bei einem Wettbewerb für Innenarchitektur und Gestaltung gleich ausgezeichnet wurde. Casa Rural - darunter versteht man jede Art von privater Ferienwohnung. Monicas Haus gehört zu den Pilotprojekten einer Kooperative, die rund 40 solcher Unterkünfte anbietet. Mit EU-Mitteln und Unterstützung der kanarischen Regierung hat sie in einem rund 180 Jahre alten Stadthaus drei Fremdenzimmer eingerichtet. Die Auflagen waren streng: Der historische Charakter war zu erhalten, die Wohnfläche durfte um höchstens 25 Prozent erweitert werden - und natürlich mussten Komfort und Ausstattung stimmen, von den Duschen bis zur Qualität der Bettwäsche. "Wir haben viele Originalteile erhalten können", sagt Monica. "Die meisten alten Türen und Fenster haben wir aufgearbeitet und wieder eingebaut."

Casa Rural Luna in Agaete

Hausherrin Monica mag Harmonien. Eines ihrer Zimmer ist in Sand- und Gelbtönen gehalten. Das Zimmer im Dachgeschoss hingegen hat sie in kühlen Farbtönen gestrichen - Sonne hat man hier oben schließlich genug. Kräftig und klar ist die Farbgebung. Nur die Außenseiten im traditionellen Weiß von Agaete, dem Fischerstädtchen im Nordwesten Gran Canarias. Monica mag es auch, "wenn Altes und Neues zusammenspielen". Das ist ihr in der kleinen "Casa Rural" so gut gelungen, dass sie bei einem Wettbewerb für Innenarchitektur und Gestaltung gleich ausgezeichnet wurde. Casa Rural - darunter versteht man jede Art von privater Ferienwohnung. Monicas Haus gehört zu den Pilotprojekten einer Kooperative, die rund 40 solcher Unterkünfte anbietet. Mit EU-Mitteln und Unterstützung der kanarischen Regierung hat sie in einem rund 180 Jahre alten Stadthaus drei Fremdenzimmer eingerichtet. Die Auflagen waren streng: Der historische Charakter war zu erhalten, die Wohnfläche durfte um höchstens 25 Prozent erweitert werden - und natürlich mussten Komfort und Ausstattung stimmen, von den Duschen bis zur Qualität der Bettwäsche. "Wir haben viele Originalteile erhalten können", sagt Monica. "Die meisten alten Türen und Fenster haben wir aufgearbeitet und wieder eingebaut."Bernd Schwer

El Hierro: Trinkkuren für Stressgeplagte

Seit ich das Heilwasser des Pozo de la Salud ("Brunnen der Gesundheit") auf El Hierro genossen habe, ist meine Gelassenheit zurückgekehrt. Vielleicht hat es mir einfach nur behagt, ruhig auf einem weißen Stuhl zu sitzen oder in einem zu kleinen Zimmer im Bett zu liegen und den Geräuschen des Meeres und meines Magens zu lauschen. In beiden Fällen handelte es sich um eine Form von innerer Reinigung. Platz machen für neue Energien. Das Heilwasser verhilft, durch den Abfluss der Abfälle, zu einem neuen, fließenden Körpergefühl. Man könnte fast sagen: zu einem schlüssigen.

Der wohl verlassenste Kurort der Welt

Die Umgebung um das "Hotel Balneario Pozo de la Salud" ist keineswegs unspektakulär. Hinter dem Haus türmt sich das vulkanische Felsmassiv bis über tausend Meter hoch auf. Es streckt seine schwarzen Lavafüße ins Meer, der Verlauf der Küste zickt und zackt, und vielstimmig murmelt und brüllt die Brandung des Atlantiks. Es ist der wohl verlassenste Kurort der Welt. Das Haus könnte ebenso gut die Verwaltung eines Wildparks beherbergen. Es hat trotz stockwerkhoher Palmen im Inneren einen starken Hauch von Institution. Origineller ist das alte Gemäuer daneben, in dem die legendäre Doña Rosa den Gästen bis in die neunziger Jahre Bäder verpasste - bis sie selber nicht mehr konnte.

Ein Gesundbrunnen unter Behördenaufsicht

Ein halbes Dutzend Häuser, eine Bar und drei Hunde bilden den Ort. Ablenkungen sind ausgeschlossen. El Hierro, das kleinste und westlichste Eiland im Archipel, hat nicht nur das oft erwähnte "kleinste Hotel der Welt" - in Las Puntas -, sondern auch das einzige Heilbad der Kanaren. Seit 1996 befindet sich der Gesundbrunnen in der Regie des "Cabildo Insular", der Inselregierung, und wird seitdem von der zierlichen Maite Padron, der vermutlich kleinsten und damals sicherlich jüngsten Kurdirektorin der Welt geführt.

Das Wasser macht den Hausmeister trinkfest

Über den Stand des Heilwassers und seinen Gang vom Brunnen am Meer bis zu den Wannen im Haus wacht Benjamin Perez, der Mann, den keine Feier umwirft. Der Hausmeister nimmt seit Jahren kein anderes Wasser zu sich als das aus dem Brunnen. Vor den Feierlichkeiten zum Fest des Heiligen Simon, das Ende Oktober in Sabinosa, dem Ort oberhalb des Bades am Berghang, stattfindet, gehen alle von Haus zu Haus und verkosten den neuen Wein. Um die fünfzig Gläser müssen an so einem Abend durch den Körper.

Einmal im Monat wird der Brunnen geputzt

Im Jahre 1929 gewann das agua aus dem Pozo de la Salud auf einer iberoamerikanischen Ausstellung in der Kategorie "Medizinische Wässer" eine Goldmedaille. Das Wasser entspringt dem Vulkanmassiv, wird aber erst wenige Meter vor der Küste zu Wundertrank und Allheilmittel: In einem 17 Meter tiefen Brunnen mischt es sich mit salzigem Meerwasser. Über die Zuflüsse wacht ebenfalls Benjamin. Einmal im Monat steigt der Wasserwärter in den Schacht und sticht die zugesetzten, zahnstocherdünnen Öffnungen im Gestein wieder frei. Mehr ist nicht nötig, um die Wirkung zu bewahren.Andreas Greve

La Palma: Bars und Cafés in Santa Cruz

Cafés, Tapas-Bars, Bänke - alles steht reichlich und an den richtigen Stellen in der Altstadt von Santa Cruz de La Palma zur Verfügung. Unter den säulengestützten Eingang zum Rathaus setzen sich Leute, denen beim Behördengang eine Kunstpause verordnet wurde, die diesen schattigen Ort aber sofort wieder verlassen, wenn es weitergeht. Oder fast sofort. Sie sind in kleiner, aber permanenter Bewegung - ein Unterschied wie zwischen einer vollen Mahlzeit und einem Happen im Stehen.

Wer länger sitzen will, verzieht sich schon früh in die "Bodeguita del Medio" in der ruhigen Gasse zwischen der Geschäftsstraße und der verkehrsreichen Avenida Marítima. Aber in der Bodeguita spielt die eigentliche Musik erst abends. Bis in die Mittagsstunden wird der reale Rhythmus der Hauptstadt in und vor den Cafés und Tapas-Bars auf der "Calle Real" vorgegeben. "Calle Real" bedeutet Königstraße, aber so lautet nur ihr Rufname. In Wirklichkeit heißt sie "O'Daly", nach einem irischen Kaufmann. Hier residieren tatsächlich Kaufleute und andere Realisten, haben Anwälte ihre Kanzleien und Bürokraten ihre Büros. In den historischen Mauern der Innenstadt herrscht die reine Gegenwart. Und alle, die hier leben und arbeiten, nutzen diese Infrastruktur von Straße, Cafés und Bars.Andreas Greve

Fuerteventura: Wo Robinson erfunden wurde

Uns lockt der Strand von Jandía. Schön, das tut er fast immer. Doch gestern fegte ein scharfer Wind über den Sand und verabreichte uns eine Nadelstichmassage. Heute weht eine leichte Brise. Der Strand sieht aus wie neu: Dünen und Sandwälle frisch geföhnt, das Wasser glasklar. In der flachen Zone von etwa 20 Metern schimmert es türkis - unwirklich, karibisierend. Erst draußen zeigt sich das Wasser atlantikfarben.

Ein Traumstrand

Er zieht magnetisch an, dieser Strand. Wenn man einmal eine Stunde hin- und zurückgelaufen ist, versteht man vollkommen, weshalb ausgerechnet hier alles anfing. Am abgelegensten Ende der abgelegenen Sand- und Wüsteninsel Fuerteventura. In den sechziger Jahren, als der Flughafen noch aus einer Luftwaffenpiste mit einem Schuppen bestand und die Straße nach Süden nur für Lastwagen problemlos befahrbar war. Er hat damals auch nüchternen Geschäftsleuten den Kopf verdreht, dieser Strand. Sie bauten ein Hotel. Doch es lief nicht wie erwartet. Sie mussten Partner ins Boot nehmen. Und die brachten eine Idee mit: Wenn wir die Leute schon in die Einsamkeit schicken, wo es nichts gibt als Barfußlaufen im gelben Sand - warum nennen wir das Hotel dann nicht "Robinson"?

Die Ur-Zelle aller Robinson-Clubs

Das Hotel steht noch. Heute ist es das "Haupthaus" im Robinson-Club Jandía Playa und bildet das Zentrum einer grünen Oase. Mit Palmen, Schatten spendenden Bäumen und einem großen Pool. Aus dem verrückten Hotel am Ende der Wüsteninsel wurde die Urzelle aller Robinson-Clubs. Heutige Robinsons haben es lieber gesellig. Wir merken es, als wir Olli, den Clubdirektor, treffen. Am Schachbrett ist kaum noch ein Platz zu bekommen. "Am Schachbrett", das ist in allen Robinson-Clubs die Bezeichnung für den Mittelpunkt, das virtuelle Herz. Nur dass ausgerechnet im Ur-Club ein störrischer Innenarchitekt das schwarz-weiße Fliesenmuster entfernen ließ. Seither kämpft Olli dafür, es zurückzubekommen.

Nichts ist unmöglich

Mit Olli - den jeder so nennen darf, weil die alte Clubsitte des Duzens bis heute heilig gehalten wird - verfolgen wir die Parade seiner Mitarbeiter. Neue Gäste sind angereist, der Club stellt sein Angebot vor. Das entwickelt sich zu einer Show, die sich über eine Stunde hinzieht. Da wäre das neue Wellfit-Angebot. Die Katamarane zum Segeln. Die Harleys für die Inseltour. Mountainbikes und Inlineskater. Die Tauchbasis. Tennisplätze, Pool, Aerobic. Aquafitness, Yoga und Fünf Tibeter mit Gerda. Die Beauty-Abteilung. Sauna und Massagen. Sowie spezielle Programme wie "Jekami" ("Jeder kann mitmachen") oder "BMW" (Bauch muss weg).

Aktive Erholung ist gefragt

Voll im Trend dieses Jahr: "Wellfit". In einem hellen Glaskas-ten strampeln sich 30, 40 Gäste auf Fahrrad-Ergometern die letzte Diskonacht aus den Gliedern. Hier muss keiner einsam leiden. Ein Musikteppich, der sich im Verlauf von 50 Minuten von sphärisch zu rhythmisch steigert und beschleunigt, animiert die Trainierenden zu "aktiver Erholung" im Gleichklang. Verschwitzt und lächelnd steigen sie danach von den Maschinen. Wer nicht genug hat, kann sich einen "Personal Trainer" engagieren. Der macht einen Fitness-Check, prüft wie bei einem Radprofi die Laktatwerte und entwirft ein individuell zugeschnittenes Training. Man kann sein Leben ändern im Club. Man muss aber nicht.Bernd Schwer

Lanzarote: Schöne Aussichten für Foto-Freunde

Vorsichtig faltet Sergio das Leporello auseinander. Wie eine Ziehharmonika sind acht kleine, quadratische Fotos mit Tesastreifen zusammengeklebt. Abgegriffen sind sie, die Farben ausgebleicht. Das Werk ist rund 30 Jahre alt und Sergios ganzer Stolz. Aufgereiht zeigen die Fotos in fahlen Umrissen eine hügelige Horizontlinie, Bergkegel mit Sanddünen und sehr viel kahles Land. Damals, als Schüler, hat Juan Sergio Socorro Hernández begonnen, die Kanaren zu erkunden, seine Heimatinseln. Im Gepäck steckte eine einfache Sucherkamera, zu mehr reichte das Geld nicht. Doch was ihm an Technik fehlte, glich er durch Hingabe und pfiffige Einfälle aus. Am meisten zählte ohnehin seine Leidenschaft für die Natur. Ihretwegen wollte Sergio Wissenschaftler werden. Und er wollte fotografieren.

Landschaften im Ziehharmonika-Format

Also marschierte er auf eine Anhöhe beim Dorf Yaiza - das mittlerweile Karriere gemacht hat als eines der schönsten Dörfer ganz Spaniens - bis zu einem der Vulkanschlote, die vor Millionen Jahren erloschen und heute harmlose Hügel sind. Oben positionierte er seinen Fotoapparat und bestimmte die Ausschnitte. Von links nach rechts, immer ein Stück versetzt, fotografierte er die Landschaft, die unter ihm lag. Acht Aufnahmen passten schließlich nahtlos zusammen. Diese Fotos klebte er zu einem Ziehharmonika-Breitwandfoto aneinander. Sein erstes Panorama war entstanden, Winkel: ca. 140 Grad.

Nichts hat sich geändert

Heute sieht Lanzarote von dieser Stelle betrachtet noch fast genauso aus wie damals. Natürlich nicht so blass und ausgebleicht wie auf den Bildern, sondern schwarz. Schwarz ist auf der nordöstlichen Kanareninsel die dominierende Farbe, ihre Grundierung. Das Schwarz der Vulkanerde und der erstarrten Lava. Vor diesem Hintergrund heben sich alle anderen Farben frisch und leuchtend ab, wie von einem Expressionisten aufgetragen: das Grün der Weinstöcke, die weißen Kuben der Häuser, sogar das an manchen Stellen hellere Braun der Erde. Und erst recht die Blumenteppiche an einem der seltenen Tage, wenn es einmal ergiebig geregnet hat. Lanzarote mag karg, nackt, roh und wild erscheinen - wer genauer hinblickt, für den ist die Insel ein Gemälde.

Seit 30 Jahren der Insel verfallen

Man kann der archaischen Natur Lanzarotes verfallen. "So geht es mir", sagt Sergio. "Auf Lanzarote ist die Erde kahl. Es fehlt die Vegetation, das schützende Pflanzenkleid. So kann man die eigentliche Gestalt der Erde sehen. Die Gestalt erzählt die Geschichte der Inseln. Und die ist die Geschichte der ganzen Erde." Nur muss man die Gestalt auch lesen und entziffern können. Man braucht ein Auge dafür. Sergio arbeitet seit 30 Jahren daran, sein Wissen über die Kanaren zu erweitern und zu vertiefen und es dann sichtbar zu machen, es in Bilder zu verwandeln. Sein wichtigstes Werkzeug: die Panoramakamera. Als Kurator am "Museo de la Naturaleza y el Hombre" auf Teneriffa entwirft er im Hauptberuf Ausstellungen, zerbricht sich den Kopf über Museumsdidaktik und denkt sich Multimediaschauen aus, über Vulkanismus, die kanarische Pflanzenwelt oder Landschaftsfotografie.

Auf waghalsigen Wegen durch die Unterwelt

Auf Lanzarote ist es der Vulkanismus, der ihn fasziniert. Die letzten Ausbrüche im 18. und 19. Jahrhundert, die Lanzarote stark geprägt haben, waren eigentlich "verspätete Rülpser" der Erdkruste, erklärt Sergio. Geologische Zufälle. Überraschende Nachzügler, denn nach Fuerteventura ist Lanzarote die geologisch älteste Kanareninsel, ihre Vulkane sollten im Grunde längst zur Ruhe gekommen sein. Auf waghalsigen Touren durch die Lavagänge, -hallen und -höhlen, die hinter der Cueva de los Verdes liegen - außerhalb der Besucherstrecken - erforscht Sergio die Fließwege der Lava. Wer mit der Kamera Lanzarote in vorteilhaftes Licht rücken möchte, für den hat Sergio einen einfachen Tipp: "Man sollte von Norden nach Süden arbeiten. Beginnen Sie am Mirador del Río. Dort hat man gegen zehn Uhr schönes Licht. Für die Weinberge von La Geria ist der spätere Nachmittag eine gute Zeit. Und die Vulkane und der Nationalpark Timanfaya zeigen gegen Abend oft wunderbare Farbspiele." Bernd Schwer

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