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Kanada: Von Bären und Beeren

Weite Wälder, stille Wasser, Elche und Wale, Crêpes und Haute Cuisine - Kanadas Provinz Québec hat alles im Angebot und vereint imposante Natur mit französischer Kultur.

Von Jan Christoph Wiechmann

Für Amerikaner mag Québec ihr Paris ohne Jetlag sein und für Franzosen ein Stück erträgliches Nordamerika. Für Kanadier mag sie eine Provinz von Querulanten sein und für Reisende eine Erinnerung an die Fjorde Norwegens, an die Haute Cuisine der Provence, an belgische Schokolade und amerikanische Wildnis - das ideale Rendezvous von Old Europe und der Neuen Welt. Ein jeder Besucher mag seine eigenen Vergleiche ziehen, wenn er nach Québec reist, aber weit wird er damit nicht kommen, schon gar nicht, wenn er mit jemandem wie Marc Plourde drei Stunden in einer einsamen Hütte in den Wäldern des Nordens verbringt.

"Wir sind Québec", sagt Plourde. "Nichts weiter. Québec. Eine eigene Nation. Wir brauchen keine internationalen Vergleiche." Plourde trägt eine olivgrüne Tarnhose und eine dunkelgrüne Militärjacke und sitzt jeden Tag drei Stunden in seiner frisch gezimmerten Holzhütte am Saguenay Fjord. "Gibt es in der Provence etwa Elche?", fragt er. "Und Wale in Belgien? Gibt es im Rest Kanadas etwa handgefertigte Blaubeerschokolade? Und das hier - gibt es das hier sonst irgendwo auf der Welt?", sagt er und zeigt einen Abhang hinunter. Vor ihm, in der Abenddämmerung, liegt eine kleine Lichtung. Sonst nichts. In einem Wald ohne Namen, weil es so viele Wälder gibt in Québec. An einem See ohne Namen, weil es so viele Seen gibt in Québec. Doch dann taucht aus dem Nichts plötzlich eine schwarze Gestalt auf. Tritt im Zwielicht aus dem dichten Birkenwald. Verjagt ein Rudel Streifenhörnchen, die auf einem Moosbett tollen. Stellt sich auf die Hinterbeine und steckt die Nase in den Wind. Prüft, ob es nach Mensch riecht. Ob da nicht Menschen flüstern. Tapst nervös zwischen zwei Tannen umher und geht schließlich auf eine Blechtonne zu. Findet Äpfel darin, Hundefutter und Blaubeerkuchen und scheint sich zu fragen, was solch ein Mix in einer Tonne mitten in den Wäldern Québecs zu suchen hat.

Bis zu 100 Kilometer wandern Bären pro Tag

Ein zweiter Schwarzbär, angelockt von den süßen Düften, kommt hinzu, etwa drei Jahre alt, 1,50 Meter groß, 70 Kilo schwer, "sie riechen Menschen auf einen Kilometer Entfernung", flüstert Marc. Der junge Bär ist so nervös wie der erste. Braucht einige Umwege, ehe er sich zur Tonne wagt. Leckt neugierig am Rand und blickt sich ängstlich um, als fühlte er sich ertappt beim unrechtmäßigen Naschen. Doch der Hunger nagt, und der Herbst ist nah. An einem einzigen Tag legen die Bären 100 Kilometer zurück auf der Suche nach Kalorienbomben für den langen Winterschlaf, nach Bibern, Lachsen, Blaubeeren. Schließlich klettert er auf die Tonne und stößt sie tollpatschig um. Schleckt sie aus und badet in der Blaubeersoße und legt sich für ein paar Minuten zufrieden ins Moos. In einem Wald ohne Namen. Im Licht des Nordens. In der Einsamkeit Québecs. "Gibt es solche Naturerlebnisse irgendwo anders?", fragt Plourde flüsternd. "Hast du das schon mal gesehen?" Marc Plourde hat aus dem Naturerlebnis eine Attraktion gemacht: Bärenbeobachtung in freier Wildbahn.

Er bringt Großstädter in die Wildnis und geht mit ihnen auf Safari. Er zeigt ihnen, wie Bären tanzen. Wie man Lachse fängt. Wie lange der Sommerabend im Norden bis zur Dunkelheit braucht. Zunächst dachte er an Walexkursionen, aber Walbeobachter gibt es hier so viele wie Wahlbeobachter in Deutschland; erst am Tag zuvor hat er auf dem Sankt-Lorenz-Strom einen Finnwal mit seinem Paddel gestreichelt. Er dachte ferner an Elchjagden, aber auch die sind in Québec wenig originell. So entschied er sich für das scheueste Wesen der kanadischen Wälder, den Eigenbrötler, den Faulpelz, der auf Kinder so kuschelig wirkt und auf Erwachsene so bedrohlich. Mit Glück kann man Schwarzbären auch in anderen Teilen Kanadas beobachten, in Ontario oder Alberta, doch wird man dort nicht gleichzeitig die Fjordwelt erleben können. Und die Wale. Die Elche. Und Haute Cuisine. Und die Québecer. Ihre Sturheit. Ihren Kulturkampf. Ihr Überlebenstraining im anglofonen Nordamerika, das sie von allen Seiten umgibt, von Ontario im Westen, den USA im Süden, Neufundland im Osten.

Hier hören sie französische Chansons

Am besten studieren lässt sich dies auf dem Land, abseits der großen Städte Montréal und Québec City, dort, wo die Bevölkerungsdichte der Bären größer ist als die der Menschen. Am Rand des kleinen Dorfes Saint-Nazaire nahe dem Saguenay Fjord feiern die Bewohner im Sommer ein traditionelles Dorffest. Sie stellen ein großes Festzelt aufs Feld und beschriften alles ausschließlich auf Französisch. Sie verstehen etwas Englisch, aber sprechen es nur ungern. Sie waren durchaus schon im anglofonen Kanada, sprechen aber auch davon nur ungern. Die Bauern der Gegend tragen die gleiche Kleidung wie ihre Landsleute in Ontario, aber sie hören nicht ihre Musik. Sie hören französische Chansons. Sie essen auch keinen Hotdog. Sie essen, an kleinen Ständen: Lachscrêpes mit Koriander und Scampispieße in Dill und Schweinefilet in Blaubeersauce. Und sie nehmen sich Zeit dafür. Sie sagen: Wie kann man ein Fest feiern und dabei schlecht essen wie die Kanadier? Wie kann man dem kulinarischen Genuss jede Kultur entziehen? Selbst das Essen ist ein Akt des Widerstands.

Québec lebt von jeher in diesem Spannungsverhältnis. Besiedelt wurde Kanadas größte Provinz von den Franzosen, 1760 aber von den Briten erobert. Regiert wird sie von Kanadas Hauptstadt Ottawa aus, das bürgerliche Gesetzbuch jedoch basiert auf dem Code Napoléon. Die Nationalflagge mag das rote Ahornblatt sein, doch gehisst wird hier die Fleurdelise, vier weiße Lilien auf lilafarbenem Grund, die den "Spirit des Widerstands" verkündet. Die Sprache wechselte im Lauf der Jahrhunderte zwischen Französisch und Englisch, bis sich die Provinzregierung 1977 auf Französisch als offizielle Sprache festlegte und ungern davon abweicht. Selbst die Hinweisschilder der Nationalparks sind ausschließlich auf Französisch, auch die Speisekarten der Restaurants, und nicht umsonst steht im Landesmuseum der große Schriftzug: "Unsere Sprache ersetzte Religion als Teil der Identität."

Es beginnt schon mit der Morgenlektüre. Die französischsprachigen Zeitungen schreiben täglich von der Sehnsucht nach Souveränität, aber in letzter Zeit schreiben sie auch Sätze wie: "Wir sind wie Frankreich in der EU." Und dann kontern die englischsprachigen Blätter mit wilden Szenarien: "Wir kriegen ein Québecistan." Kanadas Premierminister Stephen Harper hat Québec erstmals als eigene Nation bezeichnet, "aber eine Nation in Kanada, und das wird auch immer so bleiben". Zweimal haben die Québecer in Referenden die Sezessionswünsche getestet und sind knapp gescheitert.

Beim nächsten Mal soll es klappen. Am besten mischen sich beide Welten in Montréal, der 3,4-Millionenstadt am Sankt-Lorenz-Strom: das Alte und das Neue. Wolkenkratzer und Townhäuser. Starbucks und Boulangeries. Das Savoirvivre und der American Way of Life. Fast Food hat es hier schwer, lieber strömen die Geschäftsleute der Altstadt in gemütliche Restaurants. Die Haute Cuisine ist gut vertreten, doch sehr viel zahlreicher sind die asiatischen Läden. Man wird in ganz Nordamerika nirgends so viele Punks und Gothics antreffen wie in Montréal und kaum so viele verschiedene Hautfarben außer in New York und Toronto. In der zweitgrößten französischsprachigen Stadt der Welt kann man schnell mal vergessen, dass es um Sezessionssehnsüchte geht. In Montréal hat die Weltoffenheit gesiegt.

Für Amerikaner wie Paris ohne Jetlag

Anders die romantische Hauptstadt Québec City. In Québec City haben die Straßen noch Kurven. In Québec City sind die Häuser mittelalterlich niedlich und die Fassaden verziert, Begonien schmücken die Balkons. Québec City verstößt gegen jedes Gesetz der Funktionalität. Sie haben hier Platz fürs Leben gelassen, für Parks, Straßencafés, Fahrradwege. Die Stadt ist ein Statement der Selbstständigkeit und Ahnenpflege und wirkt dabei manchmal fast zu clean, zu herausgeputzt. So, als habe ein großer Sandstrahler die Geschichte aus den Mauern gewaschen und ihr einen Disney- Anstrich verpasst. Doch den Massen ist das egal. Sie haben hier Europa in Amerika, eine Flugstunde von New York, und müssen nicht erst über den Atlantik.

Noch idyllischer wird es nach Norden raus, am breiten Sankt-Lorenz-Strom, auf der Fahrt durch die sanft hügelige Landschaft Charlevoix, in der die kanadischen Nationalfarben nur noch auf Stoppschildern erscheinen. Die Strecke führt entlang einer Küste, deren grandiose Ausblicke auf den meergleichen Strom weiter südlich Millionen Dollar wert wären, aber hier oben in der Einsamkeit gibt es sie im Überfluss. Führt durch Dörfer wie Baie-Saint-Paul, in denen der Bäcker mehr Brotsorten anbietet als der amerikanische Discounter Wal-Mart. In denen es mehr Galerien gibt als Supermärkte. Überall riecht es nach Kamille, Blaubeeren und Schafgarbe auf dieser nostalgischen Fahrt durch eine Astrid-Lindgren-Welt, durch eine Zeit, als es noch Kleinbauern gab und keine Agrarindustrie, kleine Meiereien und Bootsbauer statt Fabriken.

Nahe dem Ort La Malbaie nimmt Sebastian Savard Touristen in seinen handgebauten Kanus aus Zedern- und Mahagoniholz mit hinaus auf den legendären Strom entlang einer Steilküste, an der Adler brüten und Künstler malen. 1000 Kilometer stromabwärts mündet er in die Bucht von Sankt-Lorenz und den Atlantik, stromaufwärts landet man nach 2000 Kilometern in den großen Seen, in Chicago und Detroit. Doch hier in Québec trauen sich nur wenige Boote hinaus. Das Wasser ist fünf Grad kalt, auch im Sommer, und birgt Unterströmungen und Geschichten von früher, die mit einem blauen Himmelstag beginnen und irgendwann im Tod enden. Sebastian Savard kennt die ganzen Geschichten, auch die des Untergangs der Empress of Ireland, bei dem 1914 mehr als 1000 Menschen starben. Er hat mal Philosophie studiert und in der Stadt gelebt, er hat das Leben der Kanadier getestet, bis er sich für die Langsamkeit entschied. Fürs Leben, sagt er. An einem der wenigen Orte des Kontinents, so sagt er, wo Agrikultur noch etwas mit Kultur zu tun hat.

Am weltbesten Platz für Walbeobachtung

Sieht man auf seinen Kanutouren keine Wale, so spätestens in Tadoussac. Der kleine Fischerort am Treffpunkt zwischen Saguenay-Fjord und Sankt-Lorenz-Strom gilt als weltbester Platz für Walbeobachtung. Die Tiere kommen zu Tausenden im Mai und verlassen den nährstoffreichen Meeresarm erst wieder im September, und wenn man den Tourführern an Bord zuhört, so klingt es wie eine Fußballreportage: "Und jetzt, meine Damen und Herren, sehen Sie Beluga- Wale, 90 Grad steuerbord, drei Belugas, die Weißen sind schwer zu erkennen zwischen den Schaumkronen, 30 Jahre werden sie alt, 1000 Kilo schwer, und jetzt Backbord 60 Grad, wunderbar zu sehen, eine Finnwalmutter mit ihrem Jungen, 20 Meter etwa ist sie lang, ihre Fontäne steigt fünf Meter in die Höhe, und weiter geht's, schnell achtern der Buckelwal, gleich taucht er wieder auf, majestätisch, mehrere Tonnen Wasser nimmt er mit einem Schluck, und wieder ein Beluga und wieder ein Finnwal ... nach dem Sommer schwimmen sie in die Karibik, auf ihrem langen Weg in den Süden."

Da kommt die Dämmerung und führt den Tag durch einen langen Abend in die Nacht. Die Reisenden verlassen die Boote und verteilen sich auf kleine Hütten in den Bergen und romantische Bed&Breakfasts und widmen sich frischem Fisch mit lokalen Kräutern und gutem Wein, Blaubeerbier und Blaubeerschokolade und werden sicher sein können, dass es keinen anderen Ort auf Erden gibt wie diesen.

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