Singapur Langweilig? Von wegen!


Singapur, der Stadtstaat am Südzipfel der malaiischen Halbinsel, möchte sein Image aufpeppen und lockt als erlebnisreicher Zwischenstopp für Asienurlauber.

Er heißt Nina, steht auf der Bühne und trägt ein rückenfreies, rotes Kleid. Wenn er tanzt, fahren seine Hände verführerisch vom Hals über die Brüste zum Bauchnabel. Durch das Publikum geht dann jedesmal ein lustvolles Stöhnen. "Ich bin der Doppelgänger von Jennifer Lopez", haucht Nina mit einer Reibeisenstimme ins Mikrofon. "Falls sie mal eine Nacktszene spielen muss." Die Zuschauer grölen. In den weißen Blitzen der Lichtanlage leuchtet kurz ein viel zu großer Adamsapfel, einige Bartstoppeln sind zu erkennen. Nina ist ein Mann. Ehe Nina den Schönheits-Wettbewerb für Transvestiten eröffnet, reißt er schnell noch einen schmutzigen Witz. Er flirtet mit einem älteren Herrn und ruft in den Saal: "Ich bin unten so gebaut wie Du. Aber es gibt eine Lösung für uns zwei. Wie im Fußballstadion, ein Ausgang kann auch ein Eingang sein, verstehst Du?" Die Zuschauer toben. Dies ist nicht Bangkok, die Welthauptstadt der Sünde, sondern Singapur, der für seinen drakonischen Sauberkeits- und Ordnungswahn berüchtigte Stadtstaat. Vögelfüttern und öffentliches Spucken sind untersagt, Graffiti-Sprayer züchtigt die Regierung mit Stockhieben, Gesetze verbieten selbst Ehepartnern den Oralsex.

Es ist zwanzig Minuten nach Mitternacht im Orange Club in der Mohammed Sultan Road, der schillernsten Barstraße der Hafenstadt. Nina läßt die Transvestiten über den Laufsteg stöckeln. An der Bar legt Mike, ein weizenblonder Student aus Boston, den Arm um die Schultern von Rose. Ihr schwarzes Minikleid liegt eng an. "200 und ich gehöre Dir eine Nacht", flüstert sie ihm ins Ohr. "Aber weißt Du auch, dass ich ein Ladyboy bin?" Mike zuckt zurück, hastet zu seinen Freunden. Ein Mann sollte es nun doch nicht sein. "Wer sagt, dass Singapur zu Tode langweilt, war einfach noch nicht hier", lacht er später. Auf dem Weg nach Bali oder Malaysia, Australien und Neuseeland, Vietnam oder die Philippinen lohnt die Vier-Millionen-Metropole nicht nur für Nachtschärmer einen zwei oder drei Tage langen Zwischenstopp. Singapur will sein steriles Image ablegen und preist sich selbst als "Fun-City" und "ideales Einfallstor" für Asienurlauber.

Meltingpot Asiens

In "Klein-Indien" flanieren Frauen in grellbunten Saris, Wickelgewändern, an Goldschmieden und Schneidern vorbei. Dunkelhäutige Südinder dösen auf Holzbänken, Sikhs laufen in schwarzen Turbanen umher, Moslems tragen Gefiyas, ihre klassischen Kopfbedeckung. Singapur rühmt sich, eine Art asiatisches New York zu sein, ein Schmelztiegel verschiedener Rassen und Kulturen. 75 Prozent der Bevölkerung sind Chinesen, fünfzehn Malaien, sieben Inder. Während der Kolonialzeit drückten die Engländer der Stadt ihren Stempel auf, reiche Armenier bauten Hotels. Heute kommen Gastarbeiter aus Indonesien, Malaysia und von den Philippinen. In der Serangoon Road im Herzen Klein-Indiens hockt ein Wahrsager auf dem Bürgersteig und verkauft das Glück für zwei Singapur-Dollar pro Person. In einem Bastkäfig hält er Burkha und Mina, zwei Papageien, von denen wahlweise einer mit seinem Schnabel eine Karte herauspicken darf, auf der die Zukunft in dicken schwarzen Lettern geschrieben steht. Einem deutschen Touristenpaar bescheidet er "schwindende Sorgen, Genesung von Krankheit, ein Vermögen über Nacht und den glücklichen Ausgang eines Prozesses." Natürlich hat der Wahrsager eine Lizenz - genauso wie die Rikschafahrer und Prostituierten. Singapur gilt als die sauberste, grünste und bestfunkionierendste Großstadt der Welt. Die Pro-Kopf-Einkommen sind hoch wie in Deutschland und für die Passkontrolle am Flughafen Changi brauchen die Beamten gerade dreißig Sekunden. Es gibt keine Müllkippen wie in Manila, keine Luftverschmutzung wie in Peking, keinen Gestank wie in Dehli, keine Bettler wie in Bombay und keine Staus wie in Bangkok. Die Gebühren für Fahrten in die Innenstadt werden mit computergesteuerten Sensoren von einer unter der Windschutzscheibe befestigten Karte abgebucht, die Lizenzen zum Autofahren sind teurer als das Auto selbst. "Singapur ist Asia lite, der schillernde Kontinent ohne seine negativen Begleiterscheinungen", urteilt die Journalistin Katja Wallraffen, die an einem Reiseführer über den Stadtsstaat schreibt. Unweit von Little India ragt das Sim Lim in die Höhe, ein siebenstöckiges Kaufhaus, in dem insbesondere Elektronikwaren günstig zu erstehen sind. Für die sieben Millionen Touristen, die jährlich in die Stadt strömen, zählen die mehr als hundert Einkaufszentren neben dem berühmten Zoo mit seinen Nachtsafaris und den Tempeln, Tee- und Antiquitätenläden von China-Town zu den Hauptattraktionen. An der Bugis Street verhökern Straßenhändler Portemonnaies, T-Shirts und Ledertaschen, nicht immer echt, in der Orchard Road gibt es edle Uhren und Kostüme, alle echt. Die Freude am Einkaufen hat Singapur den Ruf eingetragen, die "einzige Shopping-Mall mit einem Sitz in den Vereinten Nationen zu sein". Außer mit Shoppen vergnügen sich die Singapurer vor alllem mit Essen.

Drei Köstlichkeiten in Little China

Unter dem schmiedeeisernen Dach des Lau Pa Sat, einem Fressmarkt mit mehr als hundert Ständen, dampfen krabbengefüllte Teigtaschen und Laksa, Reis mit Fadennudeln in Kokosmilch mit Garnelen, Hühnchen und Bohnensprossen. Eine runzelige Alte bietet Gerichte aus Indonesien an: chili- gewürztes Nasigoreng für 3,50 Singapor-Dollar, ein Euro. Rechts davon verkaufen Inder Tandori-Huhn, links locken Mangos, Papaya und Ananas. Kantonesen verkaufen "tausendjährige" Eier, Hühnerfüße, Tofu und Fischköpfe mit schwarzer Bohnesauce. Malaien bieten Satay an, auf Holzkohlen gegrille Fleischspießchen mit rohen Zwiebeln, Gurken und Erdnusssauce. Besucher können sich so in drei Tagen durch die Höhepunkte der asiatischen Küche essen. Am Abend hämmern am Boat Quay, der Promenade am Südufer des Singapur-Flusses, Techno-Rhythmen aus den Diskos, Pubs und Karaoke Bars. Die meist zweistöckigen, historischen Häuser sind in leuchtenden Farben restauriert. Von den Terrassen der Restaurants schweift das Auge zu den prächtigen Kolonialbauten am anderen Ufer. Alte Proviantboote gleiten vorbei, vom Band erklärt eine blecherne Stimme Touristen die Geschichte Singapurs, spricht von der Gründung der Löwenstadt durch einen malaiischen Prinzen, von Piraten, Seeungeheuern und Sir Raffles, dem ersten britischen Gouverneur. Im Fullerton-Hotel, einem ehemaligen Postgebäude, sitzen fettgefütterte Raben am Rand des Schwimmingpools und schauen den Badenden zu, die süße Cocktails schlürfen. Lichter aus den turmhohen Wolkenkratzern spiegeln sich hundertfach im Fluss. Am Morgen bestaunen Touristen die Alten, die sich in den Parks in ihre Taichi-Übungen vertiefen. Am Horizont ziehen schwere Tanker vorbei. Alle 15 Sekunden entladen Kräne im größten Hafen der Welt einen 40-Tonnen-Container. Wer genug von der Stadt hat, fährt mit der Seilbahn auf die Tropeninsel Sentosa. Dieter aus Hannover war zwei Wochen in Bali, jetzt hat er drei Nächte Singapur drangehängt. Am Abend geht das Flugzeug nach Deutschland. Am Strand auf Sentosa lässt er sich noch einmal die Mittagssonne auf den Bauch brennen. "Der Sand schmeckt bekannt", sagt Dieter. Er wurde per Schiff aus Indonesien eingeführt.

Matthias Schepp

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