VG-Wort Pixel

Vaccinated Travel Lane Fliegen, testen, warten: So erging es mir an Bord des ersten Korridor-Fluges nur für Geimpfte

Am Frankfurter Flughafen: Zwei Flugbeleiterinnen beobachten gespannt die Ankunft der Boeing 777 für den Flug nach Singapur.
Am Frankfurter Flughafen: Zwei Flugbeleiterinnen beobachten gespannt die Ankunft der Boeing 777 für den Flug nach Singapur.
© Till Bartels
Die Zukunft von Fernreisen liegt in Flügen nur für Geimpfte. Singapur Airlines hat mit der Vaccinated Travel Line am 7. September ab Frankfurt den Anfang gemacht. Nach dem gut 13-stündigen Flug erfolgt die Einreiseprozedur mit PCR-Test – ein Selbstversuch mit Maske.

Gähnende Leere am Frankfurter Flughafen am frühen Abend. Wo sich vor der Pandemie im Terminal 1 an den Check-in-Schaltern für die Nachtflüge nach Südamerika, Südafrika und Asien lange Schlangen bildeten, bin ich sofort an der Reihe. Doch um die Bordkarte für meinen Flug nach Singapur zu erhalten, ist es mit dem Vorzeigen von Pass, Impfnachweis und Buchungsnummer nicht getan.

Denn heute Abend soll in Frankfurt erstmals ein Jet mit der "Vaccinated Travel Lane" (VTL) abheben. An Bord von Flug SQ325 dürfen nur Passagiere, die vollständig geimpft oder genesen sind, in den vergangenen 21 Tagen kein Corona-Risikogebiet bereist haben und ein negatives PCR-Testergebnis vorlegen können. Zu den Voraussetzungen gehört auch ein zuvor online beantragter "Vaccinated Travel Pass" der Behörden in Singapur. Wie aufwändig dieser zu beantragen ist, lesen Sie hier.

Zwei Damen am Counter möchten neben dem Reisepass auch alle für diesen Flug erforderlichen Dokumente sehen: VT-Pass, Covid-Versicherung, PCR-Testergebnis, die Bestätigung weiterer vorausbezahlter PCR-Tests, die Singapore Arrival Card und so weiter. Als Papier oder PDF? Ich jongliere mit den Dateien, mein Handy wandert mit dem jeweils geöffneten Dokument durch den Schlitz der Plexiglasscheibe am Counter hin- und her. Das dürfte das Gegenteil von Kontaktreduzierung sein.

Das Bodenpersonal durchläuft diesen Prozess heute auch zum ersten Mal. Ähnlich wie die Kollegen im Cockpit vor dem Start arbeiten sie Checklisten ab. Am Ende möchten sie noch die Trace Together App sehen, deren Aktivierung mir bereits zu Hause nicht gelang. In ihrer Gegenwart gebe ich wieder alle meine Daten ein und erneut misslingt die Aktivierung. Als ich ihnen die Fehlermeldung "Singapore's immigration does not have your Passport details" auf dem Display zeige, merken sie, dass die App erst nach der Einreise in Singapur funktionieren kann und händigen mir die Bordkarte aus.

Zeitaufwand Check-in: 18 Minuten

Großer Bahnhof für den ersten Korridor-Flug weltweit

Auch für den Flughafen ist der erste VTL-Flug etwas Besonders. Darum lädt man in das kürzlich eröffnete Fraport Vistor Center zu einer Feierstunde ein. Dort werden Reden gehalten, in denen Erleichterung und Hoffnung mitschwingen. Bisher lag der Langstreckenverkehr am Boden. Fernreisen sind nur in Ausnahmefällen möglich und mit wochenlanger Quarantäne auf der einen oder anderen Seite der Reisekette verbunden. Flüge für Touristen in die USA werden nicht vor Weihnachten möglich sein.

Alastair Hay-Campbell von Singapore Airlines während der Feier anlässlich des Eröffnung der Vaccinated Travel Line zwischen Frankfurt und Singapur
Alastair Hay-Campbell von Singapore Airlines während der Feier anlässlich des Eröffnung der Vaccinated Travel Line zwischen Frankfurt und Singapur
© Till Bartels

Mit dem ersten VTL-Flug von Deutschland nach Singapur – und Brunei als zweites Land – geht die eineinhalbjährige Isolation des Stadtstaates zu Ende. Der geplante Reisekorridor zwischen Hongkong und Singapur wurde mehrmals verschoben und dann abgesagt. Nun können auf ausgewählten Flügen immunisierte Geschäftsleute und Touristen wieder ohne lange Quarantäne nach der Ankunft einreisen. "You make history" formuliert es vollmundig Alastair Hay-Campbell, der Deutschland-Chef von Singapore Airlines.

Ähnlich wie die Anschläge vom 11. September 2001 jede Flugreise mit verschärften Sicherheitsstandards mühseliger gemacht haben, hat auch die Pandemie das Fliegen längst verändert. Der Modellversuch einer Vaccinated Travel Lane könnte die Zukunft des Langstreckenfliegens darstellen. Aber ob wir uns an diese neue Normalität gewöhnen werden?

"All doors in flight"

Was ich noch nie am Frankfurter Flughafen erlebt habe: Bei der Security sind fünf Kontrollspuren geöffnet – und kein Mensch vor mir. Wir oft habe ich hier schon warten müssen, und es ging nur schleppend voran. Am Gate 45 wird die Boeing 777-300 von Singapore Airlines sehnsüchtig erwartet. Mit einer Maschine von Ethiopian Airlines sind es die einzigen Langstreckenflugzeuge an den östlichen B-Gates heute Abend. In früheren Zeiten herrschte in den Gängen vor den vielen Nachtflügen dichtes Gedränge.

Für den mit 264 Plätzen ausgestatteten Jet sind 106 Passagiere gebucht. Die Flugbegleiterinnen empfangen uns mit dem obligatorischen Mund-Nasen-Schutz und einer Schutzbrille. Auf jedem Platz liegt ein Care Kit inklusive Desinfektionsgel.

Care Kit von Singapore Airlines
#SIAcares: Care Kits mit Mund-Nasenschutz, Desinfektionsgel und -tüchern liegen an jedem Platz aus.
© Till Bartels

In der Economy Class sind die nur 55 Passagiere mit genügend Abstand und vielen leeren Sitzen zwischen ihnen platziert. In der Tasche der Rückenlehne vor einem steckt nichts Gedrucktes mehr, außer der Notausstiegsanleitung. Auch auf Menükarten wird verzichtet.

Der vereinfachte Service mit dem Austeilen einer Essensbox hat mit dem heutigen Flug ein Ende. Ab sofort soll es nach dem Abheben erst einen Cocktail und später ein Abendessen auf dem Tablett geben, wie mir eine Flugbegleiterin berichtet. Die Erleichterung, ihren Beruf wieder fast wie früher auszuüben können, ist ihr anzumerken.

Nach der Begrüßung kommt die Ansage: "Es ist verpflichtend, während des ganzen Fluges eine Schutzmaske zu tragen" und die interne Durchsage "All doors in flight" – es kann losgehen. Pünktlich gegen 22 Uhr drückt das Pushback-Fahrzeug die Boeing in Richtung Taxiway, die beiden Triebwerke laufen warm und wir rollen zur Startbahn West.

Flug SQ325 fliegt keine 90-Grad-Kurve in ostliche Richtung, wie es für die Routen nach Südostasien entweder über Russland oder via Schwarzes und Kaspisches Meer Richtung Indien üblich ist, sondern nimmt Kurs nach Süden. Später überfliegen wir das Mittelmeer, westlich an Kairo vorbei und über das Rote Meer und in knapp 12.000 Meter Höhe über die Wüsten Saudi-Arabiens und des Oman.

Der Flug SQ325 fliegt auf Nummer sicher und meidet den Überflug von Iran und Afghanistan. Der Umweg über Ägypten und Saudi-Arabien führt zu einer Verspätung von ungefähr einer Stunde.
Der Flug SQ325 fliegt auf Nummer sicher und meidet den Überflug von Iran und Afghanistan. Der Umweg über Ägypten und Saudi-Arabien führt zu einer Verspätung von ungefähr einer Stunde.
© flightradar24.com

Diesen extrem südlichen Kurs und Umweg, der auch durch den Gegenwind zu einer Verspätung von gut einer Stunde führt, haben die Piloten gewählt, weil sie den Luftraum über dem Iran und Afghanistan umgehen. Singapore Airlines geht auf Nummer sicher. Interessanterweise schlägt der nur wenige Minuten vor uns gestartete Airbus A340 von Lufthansa mit der Flugnummer LH778 nach Singapur den nördlichen und viel kürzeren Weg über Afghanistan ein.

Es folgen viele Stunden Dunkelheit und Dösen. Immer mit Mund-Nasen-Schutz, den die Passagiere nur zum Essen und Trinken abnehmen. Aber durch die Bänder meiner FFP2-Maske schmerzt es mir langsam hinter den Ohren. Ich erwache über dem Golf von Bengalen, eine weitere Mahlzeit wird serviert. Über dem Nordzipfel von Sumatra gehen wir in den Sinkflug und landen um 17.38 Uhr Ortszeit auf einer Bahn des Changi Airports in Singapur. Meine Uhr muss ich wegen der Zeitverschiebung um 6 Stunden vorstellen.

Flugzeit: 13 Stunden und 19 Minuten

"Welcome to Singapore"

Nach eine Strecke von 10.284 Kilometern: Die Boeing 777-300 ist am Changi Airport in Singapur gelandet.
Nach eine Strecke von 10.284 Kilometern: Die Boeing 777-300 ist am Changi Airport in Singapur gelandet.
© Till Bartels

Flug SQ325 scheint weit und breit das einzige Flugzeug zu sein, das am Terminal 3 angedockt hat. Dutzende von Helfern in Ganzkörperschutzkleidung aus blauem Plastik weisen freundlich den Weg zur Immigration. Gefühlt gibt es mehr Bodenpersonal als Passagiere.

Am Passschalter findet ein ähnliches Ritual wie beim Check-in Frankfurt statt. Dem in gelben Plastik verhüllten Beamten reiche ich mein Handy mit dem QR-Code für den Vaccinated Travel Pass und weitere Dokumente. Ich werde fotografiert, lege meine beiden Daumen für die digitalen Fingerabdrücke auf den Scanner und erhalten den Pass mit Einreisestempel zurück. Für mein Jacket gibt es einen grünen Sticker. Alles läuft hocheffizient ab.

Zeit am Schalter inklusive Warten: 7 Minuten

Willkommen als einer von wenigen Flügen in Singapur: Helfendes Flughafenpersonal in Schutzkleidung steht an jeder Ecke und weist den Weg zum Testzentrum.
Willkommen als einer von wenigen Flügen in Singapur: Helfendes Flughafenpersonal in Schutzkleidung steht an jeder Ecke und weist den Weg zum Testzentrum.
© Till Bartels

Als nächstes geht es mit allen anderen Passagieren von der Gepäckausgabe zum obligatorischen PCR-Test gleich nach der Ankunft. Am Eingang des provisorischen Zeltes mit den surrenden Ventilatoren entpuppt sich mein Dokument mit dem im Voraus bezahlten Test als Fehlanzeige: Der sei nicht für den ersten, sondern für den dritten Test im Lande, der nach sieben Tagen fällig wird – obwohl ich dann längst wieder abgereist bin. Da hilft auch kein Diskutieren mit dem jungen Mitarbeiter vom Testzentrum.

Es existiert kein Schalter für eine neue Registrierung. Ich muss alles online auf dem Handy in der Warteschlange stehend bewerkstelligen, inklusive Bezahlvorgang per Kreditkarte und Bestätigungs-SMS. Kosten: 160 Singapur-Dollar, umgerechnet ca. 100 Euro. Damit erhöhen sich die Test- und Versicherungskosten für diese Reise auf knapp 300 Euro. Der Nasen- und Rachenabstrich selbst ist in wenigen Minuten ohne große Wartezeit erledigt. Ein Mitarbeiter verpasst mir noch einen roten Sticker. Dem Personal wird damit signalisiert: Ich bin offiziell eingereist und getestet.

Zeit vom Gate bis zum Shuttle-Bus: 49 Minuten

SQ325
Am Gepäckband: Passagiere des ersten VTL-Fluges holen ihre Koffer ab.
© Then Chih Wey / Picture Alliance

Ab geht es ins Hotel, wo ich auf das Testergebnis "innerhalb weniger Stunden" warten soll. Draußen setzt die Dämmerung ein. Das Abendessen kommt wegen der Isolierung per Room-Service.

Um 22.15 Uhr erhalte ich einen Anruf. Kein Testergebnis, sondern es erfolgt der Hinweis, dass ich bei der Trace Together App, der Nachverfolgens-App von Singapur, für die Nacht die Bluetooth-Funktion deaktiviert habe, und mir werden Fragen gestellt: Zu welcher Uhrzeit ich den Test absolviert habe, wie ich ins Hotel gekommen sei. Nein, nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, was nicht gestattet ist.

Vaccinated Travel Lane: Fliegen, testen, warten: So erging es mir an Bord des ersten Korridor-Fluges nur für Geimpfte

Wann genau habe ich in der Unterkunft eingecheckt? Ich muss meine ersten Stunden in Singapur Revue passieren lassen. Da kommen Erinnerungen an die Ausreise aus der DDR bei mir auf, wenn ich als Westberliner die Hauptstadt der DDR für einen Tag besuchen wollte, an der Grenzübergangsstelle rausgewunken und erzählen sollte, wo ich überall gewesen sei und wen ich getroffen hatte.

Auf meine Frage, wann ich endlich das Testergebnis erfahren werde, erhalte ich nur die Antwort: innerhalb der nächsten 24 Stunden.

Kurz vor Mitternacht wird ein zweiter Anruf folgen.

Fortsetzung folgt, am 18. September auf stern.de

Klicken Sie sich auch durch folgende Fotostrecken:

"Gardens by the Bay": Lichtershow in Singapurs Garten Eden

Raffles & Co: So luxuriös sind Asiens legendäre Kolonialhotels

Citytrip nach Südostasien: Zehn Gründe, die für Singapur sprechen


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker