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Reportage

Singapur-New York: 16.600 Kilometer: Wie ich den längsten Nonstop-Flug der Welt überlebt habe

Länger als jeder andere: Mit fast 19 Stunden Flugzeit ist die neue Nonstop-Verbindung Singapur-New York der absolute Marathonflug. Unser Redakteur war an Bord des Airbus 350-900 ULR und hat den Selbstversuch gemacht.

23 Uhr am Gate B9 am Changi Airport Singapur: Ich betrete die Kabine des Airbus A350. Der Jet riecht wie ein neues Auto aus der Fabrik, nach edlen Ledersitzen, der gerade erst an Singapore Airlines ausgeliefert wurde. Dieses Ultra-Langstreckenflugzeug geht tatsächlich heute zum ersten Mal auf einen Marathonflug. Ich habe Glück und einen Fensterplatz erwischt - am Ende des linken Flügels.

Dann erfolgen die Durchsagen: "Boarding completed" und "all doors in flight". Es kann losgehen. Um 23.31 Uhr rollen wir mit abgedunkeltem Kabinenlicht zum Start. Über die Lautsprecher meldet sich der Pilot. "Willkommen an Bord von SQ22, auf unserem ultralangen Flug von Singapur nach New York. Die Flugzeit nach Newark wird 17 Stunden betragen". Das ist wesentlich kürzer als im Flugplan angegeben und reicht locker, um sich im Bordunterhaltungsprogramm zwölf Spielfilme hintereinander anzusehen.

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Am Changi Airport in Singapur: Der Airbus A350-900 ULR parkt am Gate. Die Abkürzung ULR steht für "Ultra Long Range".

Am Changi Airport in Singapur: Der Airbus A350-900 ULR parkt am Gate. Die Abkürzung ULR steht für "Ultra Long Range".

Um 23.52 Uhr heben wir vom Runway Two-Zero mit 120 Tonnen Kerosin in den Tanks ab. Schon nach wenigen Minuten sind die Lichter am Boden verschwunden. Das Display zeigt den Routenverlauf, Entfernungen und Zeiten an. Noch 16 Stunden und 50 Minuten bis New York.

Premium Economy Class

Eine Viertelstunde später wird die Kabinendecke durch indirekte LEDs in ein helles Abendrot versetzt. Die Crew schiebt ihre Trolleys durch die beiden Gänge. Es gibt Drinks und Nüsschen, dann folgen "Fisch in Dill- und Kapernsauce", "Oriental Chicken Rice" oder als vegetarisches Gericht ein "überbackenes Blumenkohl-Steak" in der Premium Economy Class.

Mein Sitznachbar stellt sich als Paul vor. Er arbeitet an einer Außenstelle des Massachusetts Institute of Technology und ist auf dem Weg zurück nach Boston. Er verzichtet auf die erste der drei Mahlzeiten während des Flugs und stülpt nach einem zweiten Gin Tonic die Augenmaske über. Er schaut keinen Film und möchte nur schlafen.

Nach mehr als sechs Stunden Flugzeit wird es draußen hell. Bis zu 165.000 Liter Kerosin fassen die Tanks der zweimotorigen Maschine. Das verschafft dem Airbus A350 eine Reichweite von bis zu 18.000 Kilometern.

Die Airline hat sich einiges einfallen lassen, damit die Fluggäste die lange Reise unbeschadet überstehen: Es gibt keine enge Economy Class. Statt der 253 Sitze wie in einem herkömmlichen Airbus A350 gibt es nur insgesamt 161: 67 Sitze in der Business und 94 in der Premium Economy Class. Das bedeutet für die Fluggäste im hinteren Teil nur eine Anordnung von 2-4-2er-Bestuhlung pro Reihe und 24 Zentimeter mehr Beinfreiheit.

Der Trend geht zu immer längeren Flügen

Dieses neue Flugzeug kann bis zu 20 Stunden in der Luft bleiben und Entfernungen von knapp 18.000 Kilometern zurücklegen: der Airbus A350-900 ULR, wobei der Zusatz für "Ultra Long Range" steht. Das Modell basiert auf dem Airbus A350-900 XWB, dem neuesten Langstreckenflieger des europäischen Flugzeugbauers.

Allerdings sind bei der neuen Ultra-Langstrecken-Variante einige Modifikationen durchgeführt worden, die das Abfluggewicht auf 280 Tonnen erhöhen. Die Winglets an den Flügelenden wurden verlängert und die Aerodynamik optimiert. Als erste Fluggesellschaft hat Singapore Airlines dieses Flugzeug erhalten und kann damit die Strecke zwischen dem Changi Airport in Singapur und dem Newark Liberty International Airport in New York ohne Zwischenstopp bewältigen.

Sechs Stunden bis Japan

Drei Stunden nach dem Start werde ich müde, nicke ein und wache drei Stunden später wieder auf. Ich schiebe die Jalousie hoch. Draußen ist es taghell. Die elegant nach oben gezogene Flügelspitze zeigt in den tiefblauen Himmel, blauer als jeder Herbsthimmel in den Alpen. Unter uns Wolken. Wir schweben auf der Höhe von Japan. Aus europäischer Sicht bin ich verblüfft, wie lange wir über Ostasien fliegen.

Über mein Tablet kann ich mich per internem Wlan mit dem Internet verbinden und unter dem #marathonflug regelmäßig Tweets auf @stern_reise absetzen. Das klappt im Gegensatz zum Erstflug vor einer Woche erstaunlich gut, als viele mitfliegende Blogger gleichzeitig ins Netz wollten und sich beschwerten.

Sprung im Hellen über die Datumsgrenze

Die Zeit vergeht alles andere als wie im Flug. Dieser Flug dauert ungefähr doppelt so lang wie der Trip von Frankfurt nach New York. Dabei fliegen wir der Zeit entgegen, immer weiter nach Nordosten. Allein bis zur russischen Halbinsel Kamtschatka haben wir vier Zeitzonen überflogen. Das Flugzeug scheint am Himmel festgetackert zu sein. Unter uns dreht sich die Erde im Zeitlupentempo. Noch 9 Stunden und 10 Minuten bis New York.

Der Airbus liegt wie ein Brett ruhig in der Luft. Ich sitze in einer Röhre aus Aluminium und Kohlefaserverbundwerkstoffen wie in einer riesigen Thermoskanne. Im Inneren herrscht unter den Passagieren ein polyglottes Schweigen. Nur flimmern unablässig Filme über die Monitore in den Rückenlehnen.

Endlich: 10 Stunden und 45 Minuten nach dem Start haben wir den nordamerikanischen Kontinent in Alaska erreicht. Noch ist es hell, doch wir haben längst die Datumsgrenze überflogen: Zum zweiten Mal beginnt für mich derselbe Tag: erst kurz hinter Singapur im Dunkeln und dann wie ein Rückfall in meine eigene Vergangenheit über dem Beringmeer im Hellen.

Doch langsam wird der Schatten des Flugzeugrumpfes auf dem Flügel neben mir immer länger. Die Sonne geht unter nach nur einem fünf Stunden dauernden Tag. Flug SQ22 wird erneut zum Nachtflug. Im Inneren dieses Flugzeuges herrscht eh permanente Dunkelheit. Die Flugbegleiter wachen darüber, dass alle Fensterblenden heruntergelassen sind. Angeblich damit jeder schlafen und Filme gucken kann.

Wie hält die Crew den Flug durch?

Die Frage lässt sich einfach beantworten. Es sind zwei Crews an Bord, sowohl für das Cockpit mit vier Piloten als auch 13 Flugbegleiter für die Kabine. Für letztere gibt es im Heck einen Ruheraum, der per Leiter aus der Galley erreicht wird. Für die Flugkapitäne liegt der Erholungsraum der Crew vor der Business Class.

Zunächst sitzen Kapitän und First Officer für drei Stunden im Cockpit und machen anschließend drei Stunden Pause. Dann rotieren sie wieder und arbeiten fünf Stunden, ziehen sich anschließend wieder in die Ruheräume zurück. Auf New-York-Flügen müssen die Piloten eine Pausenzeit von mindestens acht Stunden einhalten.

A350-900 ULR und A340-500 im Vergleich

Singapore Airlines können bei den Planungen für die Marathonflüge auf ihre Erfahrungen aus den Jahren 2004 bis 2013 zurückgreifen. Denn den Flug SQ22 gab es schon einmal. Allerdings kam damals ein Airbus A340-500 zum Einsatz, ebenfalls ein spezielles Langstreckenflugzeug. Doch die vier Triebwerke verbrauchten zu viel des immer teurer werdenden Kerosins, und das Eigengewicht war zu schwer. Die Airline konnte die Ultralangstrecke nicht mehr wirtschaftlich betreiben und stellte die Flüge ein.

Mit der Indienststellung des Airbus A350-900 ULR werden die Karten neu gemischt: Statt 380 Tonnen maximales Abfluggewicht sind es bei diesem Flugzeug in fast derselben Größenordnung 100 Tonnen weniger. Das zeigt, welche enormen Fortschritte im Flugzeugbau innerhalb von nur 15 Jahren unter anderem durch die Leichtbauweise erreicht wurden.

Das hat nicht nur Folgen für die Airlines, sondern auch für die Passagiere. 2004 hatte ich schon einmal mit demselben Flug SQ22 den "Thrombosetest" gemacht. Damals stieg ich wie gerädert mit Kopfschmerzen aus dem Airbus A340-500, der mittags in Singapur abgehoben hatte und am späten Nachmittag in New York landete.

Jetzt fühle ich mich wesentlich besser, dank häufiger ausgetauschter Kabinenluft und anderem Luftdruck. Auch wirkt die Geräuschkulisse von Klimaanlage und Turbinensäuseln auf mich gedämpfter. Die angeblich modernste Lichttechnik hat dagegen kaum Auswirkungen, denn die meisten Zeit befinde ich mich in einer komplett abgedunkelten Röhre. Noch immer 4 Stunden und 20 Minuten bis New York.

Wann sind wir endlich da?

Ich ziehe meine Kreise und bewege mich: den einen Gang rauf, den anderen wieder runter. Beim Warten vor einer der Toiletten komme ich mit Lisa ins Gespräch. Der Smalltalk kreist um das Woher und Wohin und um die essenzielle Frage: Wie lange noch dauert dieser ewige Flug? Sie ist Bankerin und pendelt einmal im Monat zwischen dem Stadtstaat und der Wallstreet. "Der neue Nonstop-Flug spart viel Zeit, er ist sechs Stunden schneller als ein Direktflug mit Stopover", erklärt mir die Vielfliegerin.

Eigentlich fühle ich mich wach, ich lese viel in meinem E-Book auf dem Tablet. Nach vielen Wassergläsern bestelle ich mir ein Bier und zwinge mich zum Schlafen, irgendwo über Kanada. Wir werden nicht nur früh, sondern durch die bis zu 275 Stundenkilometer schnellen Jetstream-Rückenwinde noch früher in Newark ankommen. Noch 3 Stunden und 5 Minuten bis New York.

Landeanflug auf New York

Ich schlafe noch einmal zwei Stunden. Nach 16 Stunden und 15 Minuten Flugzeug meldet sich der Kapitän, gibt die Wettervorhersage für New York (3 Grad Celsius) und eine Anweisung durch: "Cabin crew prepare for arrival".

 Unter uns sind wieder Lichter. Die Flugzeugnase senkt sich, wir gleiten parallel zum Hudson an der erleuchteten Skyline von Manhattan vorbei. Landeanflug auf den Newark Airport in Richtung Süden. Nach einer Flugzeit von 16 Stunden und 50 Minuten setzten wir auf.

Hier schläft noch alles. Die über Nacht geparkten Flugzeuge sind von Raureif überzogen und glänzen matt im Scheinwerferlicht. Neben zwei kleinen Propellermaschinen kommen wir am Terminal zum Stehen.

"Welcome to New York, Ladies and Gentlemen", sagt die Purserin und gibt nach einer Pause das Kommando an ihre Kollegin durch: "All doors in park."

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Die Zeiger stehen auf 4:50 Uhr. Ich muss gar nichts verstellen, trotz der alten Singapur-Zeit. Denn zwölf Stunden beträgt der Zeitunterschied. Dort ist es bereits 16.50 Uhr.

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