HOME

Früher Wintereinbruch: Schneechaos legt Deutschland lahm

Tote und Verletzte auf den Straßen, Flugverbindungen werden gestrichen, Züge stehen still. Der frühe Winter trifft Deutschland mit voller Härte. An der Ostseeküste droht eine heftige Sturmflut.

Der Winter hat Deutschland fest im Griff: Nach starken Schneefällen schlittern die Menschen überall im Land über die Gehwege. Auf den Autobahnen staut sich der Verkehr kilometerlang, es kam zu zahlreichen Unfällen, bei denen mindestens drei Menschen starben. An Bahnhöfen und Flughäfen kommt es zu erheblichen Verzögerungen, auch heute mussten wieder viele Flüge gestrichen werden. Inzwischen hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) zwar die Unwetterwarnungen für Niedersachsen, Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Bayern aufgehoben - am Schneechaos in Deutschland ändert dies jedoch nichts.

Auf vielen deutschen Autobahnen ging zeitweise nichts mehr, vor allem der Norden, Osten und Süden des Landes sind betroffen. Die A 72 in Sachsen musste in der Nacht zum Donnerstag wegen querstehender Lastwagen voll gesperrt werden, in der Sächsischen Schweiz fielen stellenweise bis zu 30 Zentimeter Neuschnee. Erhebliche Verkehrsbehinderungen gab es auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen, dort kam es auf den Autobahnen 2, 4 und 9 zu kilometerlangen Staus.

Im Norden Deutschlands führten 15 Zentimeter dicke Schneedecken zu Chaos auf den Straßen. Teilweise kam der Verkehr auf der Autobahn 7 bei Flensburg vollständig zum Erliegen, der Winterdienst konnte den wehenden Schneeflocken trotz Dauereinsatz nicht Herr werden. In Niedersachsen kam der Führer eines Räumfahrzeuges ums Leben, als sein Fahrzeug auf einem Bahnübergang von einem Regionalzug erfasst wurde. In Baden-Württemberg starb am Donnerstag ein 18 Jahre alter Autofahrer, bereits am Mittwochabend waren ein Lastwagenfahrer und eine Autofahrerin ums Leben gekommen.

Eisige Nacht am Bahnhof

Hunderte von Bahnreisenden mussten wegen der starken Schneefälle die Nacht zum Donnerstag auf dem Frankfurter Hauptbahnhof verbringen. Sie wollten nach Angaben eines Bahn-Sprechers nach Ostdeutschland reisen, ihre ICE-Züge endeten aber vorzeitig in Frankfurt. Da wegen einer Messe in der Stadt kaum Hotelzimmer zur Verfügung standen, wurden die Passagiere in Schlafwagenzügen untergebracht. Am Morgen konnten sie ihre Reise fortsetzen.

Zu erheblichen Störungen im Schienenverkehr kommt es vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und im Norden Bayerns. Dort behindern Schnee auf den Gleisen, umgestürzte Bäume oder durch zerstörte Oberleitungen und Weichen immer wieder die Weiterfahrt der Züge. Im thüringischen Saalfeld musste ein ICE seine Fahrt stoppen. Die 165 Fahrgäste wurden von Feuerwehrleuten und Rettungshelfern mit Wolldecken, Essen und Getränken im Zug versorgt. Für Donnerstag verhängte die Bahn aus Sicherheitsgründen für alle ICE ein Tempolimit von maximal 200 Stundenkilometern.

Bundesumweltminister Röttgen muss umsteigen

Das Winterchaos hat auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen einen Strich durch seine Pläne gemacht. Eigentlich wollte er am Donnerstagmorgen per Hubschrauber ins niedersächsische Wendland fliegen, um erstmals das mögliche Atommüll-Endlager Gorleben zu besuchen. Doch Schnee und Eis verhinderten den Flug. Röttgen disponierte um. Der CDU-Politiker stieg zusammen mit Mitarbeitern und Journalisten am Berliner Hauptbahnhof in den Regionalexpress.

Auf den Flughäfen sieht es kaum besser aus. Durch die eisigen Temperaturen und die Schneewinde kommt es vor allem in Frankfurt am Main und München immer wieder zu Flugausfällen. "In München sind bereits einige Annullierungen gemeldet", sagte eine Sprecherin der Flugauskunftzentrale am Donnerstagmorgen. Und auch in Frankfurt kündigten sich erneut mehrere Streichungen an. "Für heute sind bereits 40 Flüge annulliert", sagte die Sprecherin des Flughafenbetreibers Fraport. Grund für die Ausfälle sei vor allem, dass die Ziel-Airports nicht angeflogen werden könnten.

Halb Belgien steht im Stau

Denn nicht nur Deutschland hat mit dem Winter zu kämpfen, ganz Europa ächzt unter den Schneemassen. In ganz Frankreich wurden zahlreiche Bahnverbindungen gestrichen, am Pariser Großflughafen Roissy Charles-de-Gaulle fallen 25 Prozent der Flüge aus. Vor allem im Südwesten des Landes saßen am Morgen Hunderte Autofahrer im dichten Schneetreiben fest. In der Bretagne, wo 25 Zentimeter Neuschnee gemessen wurden. Weitgehend unvorbereitet traf die Schneefront offenbar die belgischen Behörden. Vor allem rund um Brüssel stauten sich die Autos auf kaum oder gar nicht geräumten Straßen auf insgesamt rund 500 Kilometer.

In Polen hat der frühe Winter bereits Todesopfer gefordert. Allein am Mittwoch seien zehn Menschen erfroren, teilte ein Polizeisprecher mit. Am Vortag wurden acht Kältetote gefunden. In der Nacht zum Mittwoch fielen im Osten des Landes die Temperaturen auf minus 26 Grad. In jedem Winter sterben in Polen hunderte Menschen an Unterkühlung. Die meisten Opfer sind Obdachlose und allein stehende ältere Menschen.

Nach all den Schreckensmeldungen aus Deutschland und Europa haben Meteorologen zumindest für Deutschland eine gute Nachricht bereit: "Die Winde werden am Donnerstag schwächer werden", sagte DWD-Fachmann Martin Jonas. Zwar werde der Schnee immer noch locker und pulverig sein und deshalb mit leichten Böen schon wirbeln können. Nur die Ostsee werde von schnellen und stürmenden Winden heimgesucht. Ansonsten werde es ruhiger. Dies gelte auch für Bayern und Baden-Württemberg. Aber: "Die tiefen Temperaturen bleiben weiterhin wirklich extrem" - mit bis zu minus 15 Grad nämlich. Ein Polizeisprecher aus Stuttgart fasste die Lage zusammen: "Hier liegt so viel Schnee. Da dreht sich kein Rädle."

be/dho/DPA/AFP/DAPD / DPA

Wissenscommunity