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Marseille: Das Tor zum Orient

Paris? Keine Konkurrenz für Frankreichs älteste Metropole Marseille. Mit mediterranem Flair, Sonnenschein und charmant buntem Völkergemisch präsentiert sie sich selbstbewusster denn je.

"Drei Hühnchen, sechs Euro" hat jemand auf einen Schuhkartondeckel gekritzelt, der auf den Kacheln einer fensterlosen Metzgersbude auf dem Marché des Capucins pappt. Vor einer tunesischen Bäckerei hat Ahmed, der Syrer, kunstvoll eine meterhohe Pyramide aus Aprikosen geschichtet, und in der Nähe lockt ein simpler Imbiss, über dessen Durchreiche "Willkommen bei Mama Afrika" steht. Ein paar Schritte weiter feinster Luxus. Im "La Boutique du Glacier", einem wohltemperierten Eistempel, schmeckt das Himbeersorbet himmlisch; "wir haben noch eine Filiale drüben in Aix-en-Provence", flötet die blütenweiß bebluste Kellnerin. Hochstimmung im musealen "OM-Café" von Olympique Marseille, wo Einheimische und Touristen in edlem Ambiente Fußball gucken und wo es derzeit nur ein Thema gibt: Zinédine Zidane, der ruhmreichste Spross der Stadt, kehrt nach seinem Rücktritt nun doch wieder in die Nationalmannschaft zurück. Zwei der drei Tore hat er beim WM-Sieg 1998 über Brasilien geschossen, der große "Zizou", Sohn nicht irgendeines Pariser Arroganzlings, sondern eines aus Algerien eingewanderten Supermarktangestellten. Seit jeher kamen die Menschen übers Mittelmeer in die Hafenstadt. Vor 2600 Jahren waren es die Griechen, die in der felsengeschützten Bucht das antike "Massalia" gründeten, dann kamen Römer und Sarazenen, Ägypter und Armenier, inzwischen sind es Komorer und Kurden, Christen aus dem Irak, Juden aus Djerba, Muslime aus der Elfenbeinküste. Marseille ist einzigartig in Europa. Das bunte Völkergemisch lebt heute in Frankreichs ältester und zweitgrößter Stadt nicht unbedingt konfliktfrei, aber doch relativ friedlich zusammen - in einem Schmelztiegel aus 111 Vierteln, wo man ähnlich wie in New York bald an jeder Straßenecke auf das Erbe einer anderen Kultur stößt und das Wirgefühl insgesamt stärker ist als die Abschottung in Ghettos; die Bewohner beider Metropolen geben sich zudem sehr selbstbewusst, rebellieren gern gegen die Hauptstadtpolitik ihrer Länder.

Zwar hat Marseille keine Wolkenkratzer wie Manhattan, wohl aber mit der Amüsiermeile Canebière eine dem Broadway vergleichbare Hauptschlagader des leichten Lebens entlang altehrwürdigen Prachtbauten. Im 19. Jahrhundert war "Frankreichs Tor zum Orient" mit dem wichtigsten Hafen Europas eine der reichsten Städte der Welt, doch nach dem Verlust der Kolonien ging es bergab. "La Canebière", auf der einst Stars wie Charlie Chaplin flanierten, galt bald als "SŞiş­Kebab-Avenue"; es bröckelte der Putz, Luxushotels machten dicht, Schiebertum, Schießereien und Mafiafilme wie "French Connection" ruinierten den Ruf. Plötzlich hatte die Millionenstadt nur noch 700 000 Einwohner.Heute sind es 800 000, ein Viertel davon Muslime, und seit einigen Jahren geht es wieder langsam aufwärts. Nicht primär der Hafen ist nun das Tor zur Stadt, sondern der Gare Saint-Charles, weil dort der TGV ankommt. Genau drei Stunden braucht der doppelstöckige Hochgeschwindigkeitszug für die 769 Kilometer von Paris, stündlich wandeln neue Ankömmlinge über 104 Stufen die monumentale, von pseudoantiken Skulpturen gesäumte Bahnhofstreppe hinunter, genießen dabei den Traumblick auf Marseille. Links die trutzige Kathedrale Notre-Dame-de-la-Garde, hoch oben in den Felsen. In der Mitte der Alte Hafen mit unzähligen Booten, dahinter im tiefblauen Meer das Ch‰teau d'If, wo Alexandre Dumas seinen Grafen von Monte Christo einkerkern ließ. Und ganz rechts auf dem Hügel das urige Panier-Viertel, dem der Romancier Jean-Claude Izzo mit seinen Marseille-Krimis ein Denkmal setzte. Viele kommen bei der schnellen Verbindung auch nur übers Wochenende. Mit 2593 Sonnenstunden im Jahr (jeden Tag im Schnitt sieben Stunden!) lockt das Mittelmeerparadies mit seinen Badebuchten und Ausflugsmöglichkeiten in die nahe Provence. Manch einer hat sich in Marseille in den vergangenen Jahren eine kleine Wohnung gekauft, noch sind Quadratmeterpreise weit günstiger als in Paris, aber sie steigen schon. Mit drei Milliarden Euro aus Brüssel soll der marode Hafen bis 2010 wieder in Schwung kommen, eine moderne Straßenbahn wird gebaut, neue Modegeschäfte machen auf. Momentan läuft ein Samba-Festival und eine Ausstellung über die Geschichte der HipHop-Bewegung.

"Marseille ist angesagt", jubelt das bunte Stadtmagazin "Mars" und behauptet voller Stolz, hier gäbe es die "mit Abstand besten Pizzen der Welt". Tatsächlich wetteifern mehr als 1000 Pizzerien, dazu reichlich Pizzaiolos - fliegende Bäcker, die in Kleinlastern bis zum frühen Morgen ofenfrische "Pizze a la Marseillaise" servieren, wo immer was los ist. Richtig was los ist vor allem am Panier-Quartier, einst eine Art St. Pauli am Mittelmeer, über das der hier als Nachfahre italienischer und spanischer Immigranten aufgewachsene Krimiautor Izzo schrieb: "Das Viertel der Seeleute und Huren. Das große Bordell. Für die Nazis, die es nur zu gern zerstört hätten, ein Herd der Entartung des Abendlands." Eine Straße hier heißt Rue de Pistoles. Über den verwinkelten Gassen auf dem schon von den alten Griechen bevölkerten Hügel hängt Unterwäsche zum Trocknen. Vor der knallrot gestrichenen "Bar des 13 Coins" sitzen zwei hübsche Frauen, Models aus dem nahen Mailand, die für eine paar Tage herübergekommen sind, weil ihnen die Verfilmung von Izzos "Total Cheops" so gut gefallen hat. In der roten Kneipe, einer von Izzos Schauplätzen, gibt es heute Doraden für zehn Euro, zubereitet in einer winzigen Kombüse von einem Kameruner mit wilden Rastalocken namens Ghandi. Um die Ecke bietet eine "Chocolatière" original Marseillaiser Süßwaren an. Und oben auf der Place des Moulins, wo einmal Windmühlen standen und nun ein paar Platanen rauschen, fühlt man sich ein bisschen wie auf dem Montmartre - einem kleinen Montmartre, ohne Künstler und Touristenströme, aber mit Meerblick auf die Docks und die riesigen Korsika-Fähren. Ein Mann schaut aus seinem Fenster, ein junger Aussteiger, der hierher gezogen ist, weil ihm in Berlin-Kreuzberg "alles zu etabliert" war. Aus Bochum kommt Ines Schumacher, die mit unterwegs ist auf dem kleinen Dampfer, der vom Quai des Belges zum 1524 erbauten Inselgefängnis Château d'If lostuckert. Die Angestellte besucht mit ihrem Mann, einem Polizeihauptkommissar, nun schon zum zweiten Mal Marseille. Die preiswerten Direktflüge ab Köln machen das einfacher. Diesmal wollen sie die Strände erkunden, ein bisschen shoppen gehen und danach ein paar Tage mit dem Mietwagen kreuz und quer durch die Provence fahren.

Gleich hinter der Festung liegt das kleine Frioul-Archipel, mit seinen Kalksteinfelsen und Grotten eine der zahlreichen Inseln im Golfe du Lion, die Taucher aus aller Welt anziehen; die besten Badebuchten liegen weiter östlich an den Steilküsten des Calanques-Massivs. Auf der Rückfahrt zum Alten Hafen zeigt sich Marseille erneut in ganzer Schönheit: Im Westen funkeln die Ziegeldächer von L'Estaque, wo die Avantgarde um den Maler Paul Cézanne zum Kubismus fand; auf der anderen Seite ragen gigantische Wohnsilos in den Abendhimmel. Einer dieser Riesenkästen - 56 Meter hoch und 138 Meter breit - ist die berühmte "Cité radieuse", eine Kleinstadt auf 18 Stockwerken mit 1300 Bewohnern, erbaut vor über 50 Jahren vom Stararchitekten Le Corbusier. Seine "Wohnmaschine" steht auf mächtigen, sieben Meter hohen Betonpfeilern, die Eingangshalle ist hell, der Lift blitzschnell. An einem kleinen Schreibtisch sitzt Dominique Geradin, Juristin, Gelegenheitsschauspielerin in "Total Cheops" und Besitzerin des kleinen Hotels im dritten Geschoss. In den 21 Zimmern ist alles original Corbusier, die Raumaufteilung, die Lampen, sogar die Toilettenspiegel. Die Chefin macht eine Führung. Die Flure sind "Straßen", breit genug zum Rollschuhlaufen, vorbei an einer Bäckerei, einem Supermarkt, einem Buchladen. Oben auf dem Dach, zwischen Fitnessraum und Schwimmbecken für Kinder, fühlt man sich wie an Deck eines Ozeanriesen. Früher sei das Gemeinschaftshaus in der Nachbarschaft als "Maison Du Fada", als Irrenanstalt abgetan worden, erzählt Madame Geradin. Heute steigen die Wohnungen im Wert. Und eine Nacht in einem ihrer Zimmer mit Meeresblick krönt jede Marseille-Reise.

Tilman Müller/print

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