HOME

Montenegro: Die neue Perle an der Adria

Berge wie in der Schweiz, Fjorde wie in Norwegen, Strände wie in Italien - die junge Republik Montenegro vereint die Schönheiten Europas auf kleinstem Raum.

Von Stéphanie Souron

In seinem ersten Leben hat Hari den Deutschen das Surfen beigebracht. An der Küste vor Ulcinj stand er im türkisblauen Wasser der Adria und zeigte den Landratten aus Bochum und Bielefeld, wie man den Wind liest. Hari machte seinen Job gut, und die Deutschen liebten den kleinen Jugoslawen. Abends luden sie ihn in die Bars an der Promenade ein und brachten ihm ihre Sprache bei. Noch heute beginnen Haris Sätze mit "I mein" und enden mit "weiß du". Hari sagt, es sei die beste Zeit seines Lebens gewesen.

Vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan galt Montenegro unter Urlaubern als günstige Alternative zum teureren Italien. Pizza und Pasta wurden auch in Jugoslawien serviert, aber zum wesentlich geringeren Preis. Und den konnte man sogar mit der D-Mark bezahlen. Doch dann wischte der Krieg die jugoslawische Teilrepublik zwischen Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Albanien von der touristischen Landkarte. Die Montenegriner versuchten es mit Neutralität, trotzdem trafen die Bomben ihren Flughafen, und die Touristen surften zu neuen Zielen. Das war die Zeit, als Hari die Bretter auf den Speicher packte und mit seinem ersten Leben abschloss.

Mitten in Europa ein Land entdecken

Längst ist Frieden auf dem Balkan eingekehrt. Und seit sich Montenegro im vergangenen Jahr von seinem Nachbarn Serbien unabhängig erklärte, kämpft sich die jüngste Republik der Erde langsam ins Gedächtnis der Reisenden zurück. Die können nun mitten in Europa ein Land entdecken, dessen Natur mit Superlativen nicht geizt: Im Durmitor-Gebirge liegt die tiefste Schlucht Europas. Der Fjord vor Kotor ist der südlichste des Kontinents. Und einen längeren Sandstrand als den feinkörnigen Teppich vor Ulcinj gibt es an der gesamten Adriaküste nicht.

Hari Bujatlic ist heute 38 Jahre alt. Seit die Touristen rar geworden sind, schlägt er sich als Fischer durch. Eine Zwischenlösung, sagt er. "Bis die Menschen in mein schönes Land zurückkehren." Dann macht er die Surfschule wieder auf. "Mein Traum. Weiß du." Wenn die Sonne abends ins Meer schmilzt, füllen sich in Ulcinj die Restaurants. Der Ober bringt zur Begrüßung ein Glas Klaren, die Alten am Nebentisch planen den EU-Beitritt und die Verliebten den Familienzuwachs. Die Montenegriner verlassen sich bei Letzterem gern auf den Plaza za zene. An dem kleinen Felsstrand ist Männern der Zutritt verboten. Frauen drängeln sich dort um die Quelle, aus der eine bräunliche Brühe sprudelt. Reibt man die Plörre auf den Unterleib, lässt angeblich der Nachwuchs nicht mehr lange auf sich warten.

Urlaub beim Heiligen

Der Plaza za zene ist in Montenegro nicht der einzige Pilgerort. Den schmalen Pass zum Kloster Ostrog winden sich jedes Wochenende bis zu 30 Reisebusse hinauf. Einmal im Leben sollte jeder halbwegs gläubige Serbisch-Orthodoxe die Gebeine des Heiligen Vasilijes gesehen haben. Die Mönche im Kloster haben sich auf die Massen eingestellt: Der Vorhof ist mit Toiletten, Souvenirläden und Buden ausgestattet. Wer es nach langem Warten bis in die Grotte geschafft hat, darf einen Blick in den Sarg werfen und mit etwas Glück sogar das Bild von Vasilijes küssen. "Wir wechseln uns alle 60 Minuten mit dem Gebetsdienst ab, sonst wird es zu viel", sagt Danilo. Der Mönch trägt das lange Haar offen und sagt, er mache gerade "Urlaub beim Heiligen". Eigentlich lebt er zurückgezogen in den Bergen, aber wie fast alle montenegrinischen Mönche kommt er einmal im Jahr zum Beten nach Ostrog. "Jetzt freue ich mich wieder auf die Ruhe dort oben", sagt er und lacht.

Wer die Küste verlässt und die Berge im Nordosten erklimmt, wird nicht nur mit Ruhe, sondern auch mit einem überwältigenden Panorama belohnt. Drei Autostunden vom Meer entfernt, ragen die Gipfel des Durmitor-Gebirges bis zu 2500 Meter hoch. Skifahren ist dort bis ins Frühjahr möglich, und wenn die Sonne die letzten Schneereste aufgeleckt hat, gibt der Nationalpark seine weitverzweigten Wanderwege frei. Fernab vom Fritten-Tourismus kann man auf schmalen Pfaden die Berge erklimmen und sieht mit etwas Glück neben Gemsen und Hirschen sogar die Spuren von jungen Bären. Oben am Gipfel blühen die Wiesen, unten donnert die Tara stahlblau ins Tal. Dort stehen die Angler und warten, bis eine Forelle, Äsche oder Huche anbeißt. Nur wenn ein Rafting- Boot auftaucht, holen sie kurz ihre Leine ein.

Drei Generationen im Zehnpersonenhaushalt

Vesna, 32, kennt die Tara und die Berge seit ihrer Kindheit. Auf ihrem Hof kann sie den Fluss hören und die Gipfel sehen. Für Ausflüge hat die zierliche Frau allerdings keine Zeit. Sie versorgt drei Generationen in einem Zehnpersonenhaushalt. Dazu noch vier Kühe, drei Pferde, zwei Hunde und diverse Hühner. Ihr Mann Rade, 37, repariert unter der Woche die Straßen in der Umgebung, Schwager Veso treibt die Kühe auf die Weide. Die Kinder Pavle, 6, und Sania, 9, toben nach Schulschluss mit den Tieren, und ständig lungert irgendein Besuch auf der Bank vor dem Haus herum. Ein Schweizer Geschäftsmann wollte neulich Vesnas kleines Paradies für 130 000 Euro kaufen. Vesna und ihr Mann haben geschluckt, doch dann lehnten sie das Angebot ab. Opa Bosco hat zunächst ein bisschen geschimpft, schließlich aber eingesehen, dass Pavle und Sania später nicht als Angestellte eines Schweizer Hotels schuften sollen. Stattdessen hat die Familie nun selbst vier kleine Gästehütten aufgestellt und versucht sich im Tourismus. Sie wollen Rafting-Touren und Wanderungen durch den Nationalpark organisieren. "Wir kriegen das schon hin", sagt Rade.

Hari, der Surflehrer, ist also nicht der Einzige in Montenegro, der von den neuen Zeiten träumt. Auch in Budva an der Küste rüsten sie sich für das 21. Jahrhundert. Noch bekommt man dort jedoch ganz umsonst eine Zeitreise in die 1980er Jahre geschenkt: Tretboote dümpeln über die Adria, die Pizzaschnitte kostet einen Euro, und in der Spielhölle auf dem Marktplatz verflippern Halbstarke ihr Taschengeld. Während sich die Jugend in der Altstadt auf Hollywoodschaukeln den Hochsommer herbeisehnt, entstehen gleich hinter der Strandpromenade riesige Hotels. Budva boomt. Noch vor zehn Jahren traf sich die High Society in Sveti Stefan, jenem ehemaligen Fischerdorf, das ein findiger Manager in den 50er Jahren komplett in eine Luxushotelanlage umwandelte. Doch vor Kurzem habe Ralf Schumacher sich in der Bucht von Budva ein Grundstück gekauft, erzählt man hier. Auch die Yacht des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch will einer gesichtet haben. Und im Juli werden die Rolling Stones hier ihre Fans ins Schwitzen bringen.

Die Häuschen kleben am Hang

Von diesem Trubel bekommt man im Weltkulturerbe Kotor nicht viel mit. Die Stadt hat sich am Zipfel des Fjords hinter alten Steinmauern versteckt. Die Venezianer haben den Wall im 15. Jahrhundert als Bollwerk gegen die Türken errichtet. Heute schützt er die Bewohner vor dem Verkehr: Weil die Straßen schmal und steil sind, dürfen motorisierte Fahrzeuge nicht in die Stadt. So konnten in Kotor die Straßencafés das Pflaster erobern. Auch in Karuc am nordwestlichen Ufer des Skutari-Sees sieht man keine Autos. Die Häuschen der 16 Einwohner kleben am Hang. Bevor es Nacht wird in Karuc, humpelt Ljubica Strugar in den Stall und melkt ihre Ziegen. Die Milch trägt sie ins Schlafzimmer und legt ein feuchtes Tuch darüber. "Irgendwann", so sagt sie, "wird daraus ein feiner Käse." Wie lange das dauert, verrät sie nicht. Auch nicht, wie alt sie ist. "Zeit", sagt sie, "spielt bei uns in Montenegro keine Rolle."

print

Wissenscommunity