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Riu-Hotels: Der Clan der Teutonengriller

Sie beherbergten die ersten deutschen Touristen auf Mallorca: die spanischen Gemüsehändler Riu. Aus einer Pension am Meer schuf die Familie einen weltweiten Hotelkonzern, der TUI vor einer feindlichen Übernahme rettete. Eine Inspektion.

Im Grunde", sagt Carmen Riu, "verdanken wir unseren Erfolg der deutschen Pingeligkeit." Die Herrin über ein Imperium von 110 Urlauberhotels wischt mit dem Zeigefinger imaginären Staub von der Kante des Konferenztisches: "Deswegen. Verstehen Sie?" Nicht ganz. Klar ist nur: Der Riu-Clan und die Deutschen, das ist ein langes Kapitel. Millionen von Alemanes stiegen im Urlaub schon in Riu-Hotels ab. Das erste wurde vor mehr als 50 Jahren an der Bucht von Palma gebaut. Dort, wo später der größte Teutonengrill aller Zeiten entstand. Wir sitzen im karg möblierten Chefbüro im Riu-Center, dem Verwaltungsgebäude des Konzerns in Playa de Palma. Von der Wand gucken der verstorbene Firmengründer Juan Riu und sein ebenfalls heimgegangener Sohn Luis herab. Carmen und Luis jr. bilden die dritte Generation. Die 49-Jährige ist für die Finanzen zuständig, ihr fünf Jahre jüngerer Bruder für den Hotelbereich. Die resolute Mutter Dona Pilar, 69, kümmert sich um den Innenausbau neuer Hotels. Macht notfalls Terminterror, treibt Handwerkern Angstschweiß auf die Stirn. In einem halben Jahrhundert hat die Familie aus einer Pension an der menschenleeren Bucht von Palma de Mallorca einen Konzern mit 16 000 Mitarbeitern errichtet, der fast eine Milliarde Euro im Jahr umsetzt. Im Dezember 2004 kauften die Rius für 310 Millionen Euro aus der Familienschatulle rund zehn Prozent der Aktien des Reiseriesen Tui, mit dem sie schon lange eng verbandelt sind. Die Aktien stammten aus einem Paket, das die Westdeutsche Landesbank abgestoßen hatte. Damit war die lange diskutierte Gefahr einer feindlichen Übernahme der angeschlagenen Tui gebannt.

Einen besseren Deal hätten die Hannoveraner (ihrerseits mit 50 Prozent an der Riu-Tochtergesellschaft "Riu S.A. II" beteiligt) nicht machen können. Die Rius, als bodenständig und berechenbar bekannt, stellen seit jeher ein riesiges Bettenkontingent für Tui bereit. Daher war der Aktienkauf auch für die Mallorquiner wichtig. Wäre einer anderen Hotelkette der Einstieg bei Tui geglückt, hätten die Rius Probleme bekommen. Der Clan der Katalanen funktioniert nach dem umgekehrten Buddenbrook-Prinzip. Die neue Generation frisst nicht auf, was ihr die vorangegangene hinterlassen hat, sondern mehrt es nach Kräften. Aber wieso waren Deutsche daran schuld? Carmen Riu macht noch mal die Staubwisch-Bewegung: "Unsere ersten Gäste kamen aus Deutschland. Die wollten es pieksauber haben. War man im damaligen Spanien nicht so gewohnt." Bruder Luis, ein Macho-Mannsbild mit schuhbürstenhaftem Schnauzer, lacht kehlig: "Ja, und der Speisesaal musste auf die Minute pünktlich öffnen, sonst meckerten sie." Die Tugenden Disziplin, Fleiß und Bescheidenheit hält die Familie noch heute hoch. Auch die Familienhistorie wird gepflegt. Die Geschwister erzählen mit Begeisterung Geschichten aus der Pionierzeit, beinahe so, als seien sie selbst dabei gewesen. Das Firmenarchiv bewahrt vergilbte Prospekte, Speisepläne, Rechnungen und Fotos auf, die Eselskarren in einer unverbauten Dünenlandschaft zeigen - exakt dort, wo sich heute Bettenburg an Bettenburg reiht. Damals begann der Aufstieg des Aschenputtels Mallorca zum Zentrum der reichsten Region Spaniens - mit den bekannten Nebenwirkungen.Der Reihe nach. Gründer Juan Riu Masmitjá und seine Familie stammen aus einem katalanischen Dorf bei Gerona, das auf kaum einer Landkarte verzeichnet ist. 1950 emigrieren sie nach Venezuela. Juan, eigentlich Obst- und Gemüsegroßhändler, managt dort ein Stadthotel. Der Job macht ihm Spaß. Nach ein paar Jahren zieht es ihn dennoch zurück in die Heimat. Sohn Luis soll unter die Haube, und zwar mit einer waschechten Katalanin. Es ist die Zeit, da die ersten Touristen mit dem Auto nach Spanien kommen, Franzosen zumeist. Juan liebäugelt mit einer Urlaubspension nahe der Grenze zu Frankreich. Doch ein Freund kennt eine zukunftsträchtigere Destination: die sonnenreiche Bucht von Palma. Dorthin pflanzt Juan, den niemand je im Meer schwimmen sehen wird, anno 1953 den Keim des Konzerns, das Hotel San Francisco. Es sieht aus wie ein Schuhkarton und bekommt den Spitznamen Caja, Schachtel.

Katalanen gelten als die Schwaben Spaniens. Folgerichtig ähnelt die Hochzeitsreise des jungen Luis und seiner Frau Pilar im Jahre 1954 nach Frankreich und Deutschland einer Aquisitionstour. Einer der beiden Koffer des Paares steckt voller Prospekte für die Schachtel. In Wuppertal schließt man einen Vertrag mit dem legendären Reiseonkel Dr. Hubert Tigges, Anbieter von "Erholungs-, Sport- und Kulturfahrten". Die ersten Tigges-Gäste fliegen in einer 36-sitzigen, zweipropellerigen Vickers Viking zum alten Flughafen Son Bonet, mit Zwischenlandung in Lyon. Semmeln auch mal in eine Olivenplantage, weil der Pilot zu schnell runtergeht. Wo 40 Jahre später halbnackte Prolls in Sangria-Eimer kotzen werden, tummeln sich damals betuchte Bildungsreisende. So schwärmt der Riu-Gast Prof. Dr. Hermann Weyland in der Tigges-Hauszeitschrift: "Nirgends findest du hier störende Aussichtstürme, Buden mit Andenkenkitsch oder lauernde Berufsfotografen, und den wenigen Autos kannst du leicht aus dem Wege gehen. Du magst deine Seele eintauchen in die ewige, zeitlose Schönheit der Schöpfung, solange es dir gefällt." 14 Tage Schönheit mit Vollpension kosteten Mitte der Fünfziger 438 Mark; zehn Mark Taschengeld und fünf Mark Devisenbeschaffungsgebühren inklusive. Ein Facharbeiter verdiente 1955 ganze 422 Mark - brutto. Organisierte Ausflüge gab es noch nicht, Leihwagen schon gar nicht. "Großvater nahm die Gäste in seinem alten Lieferwagen mit, wenn er nach Palma zum Einkaufen musste", sagt Carmen Riu. Fuhr mit ihnen auch mal nach La Calobra oder Sóller. Da klauten sie Orangen von den Bäumen, wofür er die Bauern hintenrum entschädigte. Weil geklaute Früchte nun mal besser schmecken. Olivenöl boykottierten die Alemanes - zu exotisch. "Gab es zum Essen Auberginen, guckten sie misstrauisch", sagt Luis. "Die Kellner hatten deshalb rohe Auberginen in den Taschen, die sie vorzeigten."

Perfekt auf deutsches Urlaubergut geeicht, expandierte Riu am aufblühenden Teutonenziel. Anfangs sehr langsam, denn spanische Banken gaben Hoteliers keine Kredite. Neue Riu-Häuser wurden mit den Gewinnen der alten bezahlt, keine großen Entnahmen gemacht - bis heute eisernes Familiengesetz. Inzwischen stehen allein um das Riu-Center herum ein halbes Dutzend Riu-Hotels. In den meisten Destinationen liegen mehrere Rius beisammen. Hatte doch schon der alte Juan erkannt, dass sich auf diese Weise Personal, Küche und Wäscherei optimal einsetzen lassen. 1985 ging Riu auf die Kanaren. Mit der Eröffnung des Riu Palmeras auf Gran Canaria begann der Aufstieg zur viertgrößen spanischen Hotelkette. Auf den ganzjährig warmen Kanaren waren bessere Geschäfte zu machen als auf den Balearen. Sechs Jahre später die Eröffnung des Riu Ta’no in der Dominikanischen Republik, der Sprung in die Karibik. Von dort kommt heute schon die Häfte des Konzerngewinns. Allein in diesem Jahr werden neun neue Hotels mit insgesamt 3541 Betten eröffnet.Ortstermin in der Urzelle. Die alte Caja wurde zu Beginn der 70er Jahre abgerissen. An ihrem Platz steht seither das fünfstöckige, 133 Zimmer große San Francisco. Einen Bierdosenwurf entfernt: das Strandcafé Balneario 6, einst als Ballermann berüchtigt. Dreimal lang hinschlagen, und man ist in der so genannten Schinkenstraße mit ihren riesigen Tränken. Ein Liter Sangria 6 Euro, "Megabratwurst" (1Ú2 Meter) 3 Euro. Rülps, würg. In der Nähe liegt der Bumsladen "Oberbayern", wo nachts Unterhaltungsbestien wie Jürgen Drews losgelassen werden. Kurz, Rius Wurzeln liegen, wo für Touri-Hasser das Herz der Finsternis schlägt. Auch die dritte Generation der Dynastie, wiewohl in Palma geboren, ist auf der Insel nicht unumstritten. Längst nicht alle Mallorquiner haben mit der Mutation des Eilandes zu Europas Rummelplatz ihren Frieden gemacht. Das San Francisco mit seinen gepflegten, aber sehr kleinen Zimmern ist in die Jahre gekommen. Wie die Gäste, die hier überwintern. Curt Wallbaum kennt noch die Anfänge des Hotels. "Die Post wurde mit Pferdewagen nach C'an Pastilla gebracht", sagt der kregle 81-Jährige, der es auf 165 Aufenthalte in Riu-Hotels gebracht hat. Auch der Langzeiturlaub zum Billigtarif ist eine Erfindung von Grossvater Riu. Verdient wird dabei nichts, profitiert aber doch. "Die Hotels werden in den feuchten Monaten geheizt, das hält sie in Schuss", sagt Luis Riu. "Und statt das Personal für vier Monate zu entlassen, kann man es durchgehend beschäftigen." Früher mussten viele Kellner winters vom Zigarettenschmuggel leben.

Von Beginn verstanden es die Katalanen, an vielen kleinen Schrauben zu drehen. "Wenn wir heute neue Hotels planen, setze ich mich mit den Architekten zusammen", erzählt Luis Riu. "Die Speisesäle sollen den Kellnern so wenig Laufereien wie möglich machen. Dadurch wird die Atmosphäre ruhiger. Wir versuchen auch, die Räume zimmermädchengerecht zu bauen. Ohne schwer zugängliche Ecken beispielsweise. Wenn jedes Mädchen nur zwei, drei Minuten bei der Reinigung einspart, summiert sich das." Und zwar auf hübsche Summen, bei 33 000 Zimmern und 1,8 Millionen Gästen im Jahr. Luis Riu steigt im Urlaub gern in seinen eigenen Hotels ab, "um die Dinge mal aus der Gästesicht zu erleben". Das jeweils anstehende Domizil ist das heißeste Gerücht unter den Angestellten. Die Schwester, vom Vater mit der Chefin-Rolle eher zwangsbeglückt, segelt und taucht vor der Nachbarinsel Menorca. "Da bin ich schnell zurück im Büro." Als Kind, sagt sie, habe sie ihren Vater dabei beobachtet, wie er stundenlang die ausgefüllten Gästefragebögen studierte, Beschwerden und Anregungen nachhing. Kundenzufriedenheit ist geradezu ein Firmenfetisch. In der Zentrale stehen mannshohe Tafeln mit komplexen Grafiken. Farbige Kolumnen bilden die Hotels ab. Jedes hat ein Gästezufriedenheits-Soll, das je nach Komfort und Lage höher oder niedriger festgelegt wird. Ein Drei-Sterne-Kasten ohne Klimaanlage abseits vom Strand muss keine Begeisterungsstürme wecken, er wird notfalls zum Billigtarif verramscht. Von einem modernen Vier-Sterne-plus-Hotel in bester Lage wird dagegen erwartet, dass die Gäste es sehr positiv bewerten. Liegt das Hotel im Kundenurteil über der Vorgabe, so wird das blau markiert. Ein roter Balken zeigt, wie viel schlechter als erlaubt ein Hotel abschneidet. Eine konzernunabhängige Truppe drückt den Gästen beim Abendbrot Fragebögen mit fünf Punkten aufs Auge. Sorgt sodann mit sanftem psychologischem Druck für fast hundertprozentigen Rücklauf der Antworten. In anderen Hotels liegen die Bögen auf den Zimmern und werden gewöhnlich von höchstens 20 Prozent der Gäste ausgefüllt. Da es auch um Geld geht - das Personal von sehr gut bewerteten Hotels bekommt einen Bonus -, werden Tricksereien streng geahndet. "Fragebögen zu manipulieren ist bei uns einer der ganz wenigen Gründe für fristlose Entlassung", sagt Carmen Riu. "Si", nickt der Bruder finster. Das Gästeurteil wird relativiert. War ein extrem schlecht bewertetes Hotel vielleicht von einer Schlechtwetterperiode gebeutelt? Regen schlägt immer auf die Hotelbewertung durch, wie freundlich sich das Personal auch anstellen mag. Ist die Anlage frisch eröffnet? Dann läuft noch nichts richtig rund, da gibt's ein Handicap. Schließlich schälen sich jene Herbergen heraus, die grundlos unter dem Soll liegen. Denen wird ein touristisches Rollkommando auf die Bude geschickt, intern die "Gruppe der 50" genannt. "Vielleicht unsere wichtigsten Mitarbeiter", meint Luis Riu.

Sparen, sparen, sparen, so lautet die andere Obsession der Rius. Der Konzern, zunehmend auf das Luxussegment (wie beim neuen Palace Hotel im mexikanischen Cabo San Lucas) kapriziert, wird aus Büros gesteuert, die das Flair eines ehemaligen FDGB-Heimes am Strand von Kühlungsborn verströmen. Tui-Boss Michael Frenzel, den daheim ein opulentes Büro umschmeichelt, staunte über die Deckenpanele Marke Sozialamt und die ostzonalen Billigmöbel im Sitzungszimmer, als er mal den Firmensitz der Rius besuchte. Nach dem Gespräch mit dem stern rumpelt die Chefin in einem alten Fünfer-BMW heimwärts zum Mittagessen. Die Häuser der Geschwister stehen ein paar Autominuten von der Zentrale entfernt auf einem gemeinsamen Grundstück. Carmens Sohn Juan, 20, einer der insgesamt sechs Sprößlinge, wird den Konzern vielleicht eines Tages führen. Er studiert Betriebswissenschaft, hat schon in vielen Abteilungen gejobbt. Als er aber jüngst einen Europa-Trip machen wollte, beschied ihm der Onkel: "Leiste erst mal was." Stört ein Fleck auf der Treppe eines neu zu eröffnenden Hotels, und können die Angestellten das Schandmal partout nicht beseitigen, so wird noch lange kein neuer Teppich gekauft. Dann tritt Dona Pilar höchstselbst mit Eimer und Schrubber in Aktion. Und siehe da, weg ist der Fleck. Ganz ohne Rand. Und die Zimmermädels haben rote Köpfe, weil ihnen die Alte selbst beim Putzen was vormacht. Geiz ist geil bei Riu. Wie schwer tat sich die Familie, die lange diskutierte Werbekampagne "I want to go to Riu" abzusegnen! 6,5 Millionen Euro pro Jahr für TV-Spots und Anzeigen, nur um die Markenbekanntschaft in Deutschland zu liften - das schmerzt. Wo man doch Werbung, anders als ein neues Hotel, nicht mal anfassen kann! Über den Spartrieb siegte am Ende die Furcht, andere spanische Hotelketten wie der Marktführer Sol Mel’a könnten den Rius mit einer eigenen Werbekampagne zuvorkommen. Wahr ist, der weit über Europa hinausgewachsene Konzern braucht ein klares Image. "Traumziel wäre, dass der Kunde ins Reisebüro geht und ausdrücklich eine Riu-Reise verlangt", sagt Pressesprecherin Claudia Schunk. Damit man irgendwann die Betten direkt - ohne die Tui - an den Touristen bringen kann? In der Karibik läuft es bereits so. Die Hannoveraner sehen's mit gemischten Gefühlen. Aber in den klassischen Destinationen ist der Partner - noch - treu wie Gold. Es gibt Momente in dieser langen deutsch-iberischen Ehe, die verbinden. Das mit den Orangen. Oder mit den Auberginen. Oder mit dem Staubwischen.

Wolfgang Röhl / print

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