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Formel 1: Drohender Totalschaden

Vor dem Großen Preis von Italien ist der Tank im Titelrennen zwischen Ferrari und McLaren-Mercedes voller Emotionen - dafür sorgen die neuen Enthüllungen im Spionageskandal. Wenn sich die Indizien bewahrheiten, kann die ganze Saison über Nacht zu einer Farce werden.

Von Elmar Brümmer, Monza

Michael Schumacher hatte vor Jahresfrist das Autodromo Nazionale auserkoren, um seinen Rücktritt zu erklären. Gestern sollte der Aussteiger im Corriere della Sera eine erste Bilanz seines Sabbaticals ziehen. Das große Interview musste vertagt werden, die Schlagzeilen bestimmten einstweilen andere: Der Abschied des Modemachers Valentino, dem Meister der roten Robe; der Tod Luciano Pavarottis, der aus der Ferrari-Heimat Modena stammt, und die Verstrickung von Weltmeister Fernando Alonso in die Affäre um gestohlene Ferrari-Informationen. Die Hoffnung der Ferraristi, den Extremisten unter den Formel-1-Fans, gilt dem Wochenende: Schumacher könnte im Jahr des 60. Geburtstages von Ferrari als Überraschungsgast in Monza auftauchen.

Ein Auftritt des Renn-Rentners würde zur Entspannung im Fahrerlager beitragen. Der Eingang ins Allerheiligste der Formel 1 wird flankiert von zwei gut zehn Meter hohen Trutzburgen: Links die feuerrote Wand des Ferrari-Palastes, rechts die verspiegelte Front der McLaren-Residenz. Dazwischen 30 Schritte geteertes Niemandsland, besetzt und beobachtet von einer Hundertschaft Fotografen. Keine Bewegung oder Regung der Titelkandidaten Lewis Hamilton (84 Punkte), Fernando Alonso (79), Felipe Massa (69) und Kimi Räikkönen (68) bleibt unregistriert. Vier WM-Favoriten bei fünf ausstehenden Rennen, das erinnert an den großen Kampf zwischen Senna, Prost, Mansell und Piquet, aber das ist 20 Jahre her.

Freispruch zweiter Klasse

Die entscheidende Woche der spannendsten Renn-Saison seit Jahren hat begonnen: Damit Ferrari im Jahr eins nach Schumi doch noch die Wende im Titelrennen schaffen kann, ist die Scuderia auf die unfreiwillige Hilfe der Konkurrenz von McLaren-Mercedes angewiesen, nicht nur auf der Strecke. Mehr noch als die Aerodynamiker haben derzeit die Anwälte zu tun, und deren Strategien werden laufend über den Haufen geworfen. Als Fixpunkt galt der nächste Donnerstag, für den in Paris die von Ferrari angestrengte Berufungsverhandlung im Verfahren um den Spionageskandal angesetzt war. Doch der Automobilweltverband FIA hat stattdessen die Wiederaufnahme des Verfahrens verfügt - wegen neuer Beweise.

Zur Erinnerung: Der abtrünnige Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney soll an die 800 Seiten Geheimmaterial aus Maranello hinausgeschmuggelt und seinem Freund Mike Coughlan zugespielt haben - dem Cheftechniker von McLaren-Mercedes. In der ersten Verhandlung vor dem FIA-Motorsportweltrat konnte der Silberpfeilfraktion zwar die Kenntnis, nicht aber die Nutzung des Materials der Konkurrenz nachgewiesen werden. Ein Freispruch zweiter Klasse, verbunden mit der Drohung, im Falle neuer Indizien alle WM-Punkte von 2007 und für 2008 abzuerkennen.

Hamilton mögliches größtes Opfer

Das scheint nach Informationen "auto motor und sport" jetzt der Fall zu sein. Die Fach-Bibel aus Stuttgart liefert den vermeintlichen Grund für die Wende im Verfahren: McLaren-Pilot Fernando Alonso und Testfahrer Pedro de la Rosa hätten von Coughlan früh in der Saison per E-Mail Abstimmungsgeheimnisse von Ferrari erfahren. Das allein beweist zwar immer noch nicht die Nutzung des unfairen Vorteils. Aber es würde die von McLaren-Boss Ron Dennis auf Ehre und Gewissen vertretene Verteidigungsstrategie, von McLaren sei niemand außer Coughlan in den Skandal verwickelt, prominent zunichte machen. Eine Ermessenssache für die Richter. Mit einer Geldstrafe über 50.000 Dollar für den Einsatz eines nicht getesteten Getriebes wie sie am Donnerstagabend verhängt wurde, würde McLaren-Mercedes dann wohl nicht davon kommen. Den Piloten, die von der FIA zur Abgabe der Stellungnahme mehr oder weniger gezwungen worden waren, soll Straffreiheit zugesichert worden sein. Aber für McLaren wäre die drohende Aberkennung der Punkte ein Desaster: Das als so sauber gepflegte Image zerstört, mit null Punkten nicht mehr an der prozentualen Ausschüttung der Vermarktungseinnahmen der Formel 1 beteiligt. Fernando Alonso, der weder heimisch noch glücklich in seiner neuen Heimat ist, könnte sich ob der Ereignisse vielleicht aus seinem Vertrag winden, die Marke Mercedes und andere Großsponsoren müssten die Partnerschaft mit den Briten zumindest überdenken - und die spannendste Saison wäre im Nu zerstört, mit Shooting Star Lewis Hamilton als größtem Opfer.

Skandale, Spekulationen, Verschwörungen und Emotionen

Die ganze Formel 1 hätte ein Imageproblem, auf Jahre hinaus. Risiken, um die auch die 26 Mitglieder der Kommission, zu der auch Zampano Bernie Ecclestone zählt, wissen. Ob das Gemeinschaftsinteresse im Sport der Egoisten ausgerechnet jetzt siegt? Schließlich ist Ferrari-Chef Jean Todt nicht nur davon besessen, dass „die Wahrheit ans Licht kommt“, den Franzosen treibt auch eine seit Jahren innige und stark auf Gegenseitigkeit beruhende Feindschaft mit dem Kontrahenten Dennis. Interessant auch die Allianzen außerhalb der direkt Beteiligten: Renault-Statthalter Flavio Briatore wäre einer der Nutznießer, wenn Alonso McLaren den Rücken kehren und er den Rückkehrer mit offenen Armen würde. Überhaupt würde dann das ganze Fahrerquartett neu gemischt. So wird der 57. Gran Premio di Italia zum Saisonhöhepunkt, auch wenn noch lange nichts entschieden ist: Für Skandale, Spekulationen, Verschwörungen und Emotionen gibt es einfach keinen besseren Platz auf der ganzen Welt.

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