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Formel-1-Teamchef Ross Brawn: Der Tüftler der Königsklasse

Er gilt seit Langem als Superhirn des Rennsports. Jetzt hat der Brite Ross Brawn sein eigenes Team - und das schnellste Auto. Die alte Hierarchie in der Formel 1 gilt nicht mehr.

Von Elmar Brümmer

Die Revolution in der Formel 1 geht von einem schlichten Pavillon hinter der letzten Box aus, an dem kein stolzes Wappen und kein Sponsorenlogo hängen. Am Eingang steht nur "Brawn Grand Prix". Dahinter eine in kaltes Neon getauchte Rumpelkammer mit Kühlschränken, Ventilatoren, Campingtischen. Ross Brawn, der Boss, hasst Firlefanz.

Für Schmuckelemente war aber einfach auch keine Zeit, das Team gibt es offiziell erst seit sieben Wochen. Doch die haben gereicht, um die Hierarchie der Formel 1 auf den Kopf zu stellen. Brawn ist der Mann der Saison, schon jetzt. Mindestens einer seiner Piloten steht immer auf dem Podium, Brawn GP führt sowohl die Fahrer- als auch die Konstrukteurswertung an. Und auch nach dem Doppelsieg von Red Bull mit Sebastian Vettel und Mark Webber in Shanghai ist Brawns Team beim Grand Prix diesen Sonntag in Bahrain wieder Favorit.

Der Abend vor dem zweiten Rennen, es ist schwül in Kuala Lumpur. Wie ein zu groß geratener Teddy sitzt Brawn an einem Resopaltisch. "Non mollare mai" - auf Italienisch sagt der Engländer, welche Weisheit er aus seinen zehn Jahren bei Ferrari mitgenommen hat: einfach nie aufgeben. "Und glauben Sie mir, es gab einige schwarze Tage im Winter, an denen ich dachte, das ist es doch alles nicht wert."

Kurz vor dem Aus

Am Tag vor Nikolaus 2008 macht Brawns Arbeitgeber Honda wegen der Autokrise seinen Rennstall dicht, es sind noch 114 Tage bis zum Saisonstart in Melbourne. Gut zwei Monate lang wird zwischen Tokio und der Teamzentrale im englischen Brackley um einen Rettungsplan gefeilscht, es geht um rund 160 Millionen Euro, um die Rennfabrik mit ihren 700 Mitarbeitern und darum, die neue Saison irgendwie noch zu retten.

Drei Wochen vor dem Auftaktrennen zerschlägt Brawn, der Teamchef, den Knoten. Honda zahlt Entschädigungen, Brawn tritt mit dem Team unter seinem eigenen Namen an und wahrt dem Konzern so das Gesicht. Eine Woche Testfahrten muss reichen, derweil die Konkurrenz seit Monaten probt. Doch auf Anhieb sind die weißen Boliden ein bis zwei Sekunden schneller als Ferrari, McLaren-Mercedes oder Renault, und das in einer Welt, in der Ingenieure wochenlang um Tausendstel Sekunden ringen. Genauso läuft es bei den ersten Rennen: Brawn GP ist vorn dabei.

Brawn erzählt die Geschichte geduldig. Er ist auch ein guter Zuhörer. In Tausenden Briefings hat er das Lauschen perfektioniert, seine Schlüsse gezogen, Auto und Fahrer aufeinander abgestimmt. Die Handbewegungen sind sparsam, was selten ist für mächtige Männer in diesem Sport.

Der Wiederaufbau

Diesmal ging es nicht nur darum, das cleverste, schnellste Auto für die WM zu entwerfen. Er musste gleich einen ganzen Rennstall neu erfinden. Menschen aufrichten, die um ihre Existenz bangen, sie dazu bringen, trotz aller Ungewissheit über Weihnachten Sonderschichten zu machen. Sie klammerten sich an den Mann, er hat ja auch die passende Statur dazu, ist fast zwei Meter groß, ein Koloss. "Ich habe schätzen gelernt, mit welch feinen Menschen ich da arbeite, ich wollte sie nicht hängen lassen." 15 Monate lang hatten sie sich auf die neue Saison vorbereitet. Im Jahr 2008, als Brawn anheuerte, nahm das Honda- Team zwar an den Rennen teil, in Gedanken aber bastelte es schon an 2009.

"Wir hatten die Zeit, alle Konzepte durchzuspielen. So konnten wir uns in Ruhe die besten Lösungen herauspicken", sagt Brawn. Ein Prinzip, das er Anfang der Neunziger ähnlich erfolgreich bei Benetton betrieben hatte. Brawn stellte einem gewissen Michael Schumacher jenen flotten Dienstwagen hin, der den jungen Deutschen zu seinem ersten WM-Titel tragen sollte.

Seine neueste Konstruktion jedoch ist umstritten, die Konkurrenz zog, vergeblich, gegen den sogenannten Doppel-Diffusor im Heck vor Gericht, der den Rennwagen besser als andere auf den Asphalt saugt und ihn so dramatisch schneller macht. Ross Brawn nimmt es als Kompliment, dass ihn sein Benetton-Weggefährte Flavio Briatore als "Bandit" beschimpft und die alten Freunde von Ferrari ihn anfeinden, nur weil er einen Schlupfwinkel im Reglement ausgemacht hat. Seine Interpretation könnte früh die WM entscheiden. "Wenn es ein neues Reglement gibt, muss man bis an seine Grenzen gehen", sagt Brawn und setzt seinen unschuldigen Blick auf.

Geliebt und gehasst

Honda hatte jahrelang im Konzernduell mit Toyota dreistellige Millionensummen verbrannt, ziemlich erfolglos. In den letzten beiden Jahren wurden ganze 20 WM-Punkte geholt, was die Fahrer Jenson Button und Rubens Barrichello schon in den ersten zwei Rennen dieser Saison um fünf Zähler übertrafen. Der zweifache Sieger Button, 29, ist dankbar: "Auf dieses Auto habe ich mein Leben lang gewartet. Ich fühle mich wie neugeboren." Das Gesicht seines Teamchefs wird nun in den Zeitungen mal ins Konterfei Einsteins, mal auf den Körper von Superman montiert.

Dabei hat Brawn eher den Charme eines tapsigen Bären. Nach einer Trainingsbestzeit gönnt er sich gern ein Stückchen Apfelkuchen, und seine Fantasie jenseits des Rennwagenbaus beschränkt sich auf die Rosenzucht mit Gattin Jean, zu Hause in Henley-on-Thames, England.

1978 tauschte er den Job bei der britischen Atomenergiebehörde gegen den des Renningenieurs bei Williams. Als er später um Jeans Hand anhielt, sagte der Schwiegervater nur: "Geht in Ordnung, Ross, aber wann suchst du dir richtige Arbeit?" Doch wo er anfing - Jaguar, Benetton, Ferrari -, ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Rennfahrer wollte er nie werden, schon als Kart-Knirps schob Brawn schlechte Resultate gern auf seinen sichtbaren Gewichtsnachteil. Dafür bewies Brawn bei Ferraris WM-Feierlichkeiten Stehvermögen - inklusive ausgiebiger Tanzeinlagen, bei denen immer Herrenwahl herrschte, Widerspruch zwecklos.

Strategisches Superhirn

Mit 54 Jahren erlebt er nun das Abenteuer seines Lebens, es scheint, ein genau kalkuliertes. Schlau und still, wie es einem entspricht, den sie seit Jahren das Superhirn nennen. Auf Englisch klingt das viel melodischer, Brawn, the brain. So hat er nicht nur Fahrzeugkonzepte, sondern auch Rennstrategien erdacht, die Michael Schumacher siebenmal zum Weltmeister machten.

"Ross und ich hatten tolle Zeiten zusammen, nicht nur, weil sie so erfolgreich waren", sagt Michael Schumacher, "man kann ihm einfach trauen. Man weiß, dass er die bestmögliche Entscheidung treffen wird. Wir haben uns wirklich blind verstanden." Schumachers Vertrag als Berater von Ferrari läuft zum Saisonende aus. Brawn wäre ein schlechter Stratege, hätte er nicht längst beim Altmeister angeklopft. Einstweilen telefonieren die beiden nur miteinander.

Diese Saison ist finanziell gesichert, die kommende zum Teil, jetzt geht es um die langfristige Zukunft. Nach den ersten Erfolgen dienen sich potenzielle Investoren an. Vielleicht wird das Team nach einem Sponsor umbenannt, der britische Milliardär Richard Branson ist mit Virgin eingestiegen. Brawn hat den Rennstall zwar für ein symbolisches Pfund Sterling übernommen, Honda erfüllt für 2009 aber noch die größten finanziellen Verpflichtungen.

Brawns Entscheidung einzusteigen fiel auf den Malediven - beim Fischen. Mit Anglerstiefeln hüfthoch im Wasser stehend, so findet Brawn seine Ruhe. Ein ganzes Jahr lang, 2007, nach seinem Abschied bei Ferrari, machte er nichts anderes. Zog von den eisigen Fluten der Tierra del Fuego in Argentinien bis nach Nordrussland. "Das Sabbatical hat meine Sichtweise auf den Sport nicht verändert", sagt Brawn, "aber mich daran erinnert, was ihn ausmacht und was ich vermisse. Den Wettbewerb, Teil einer Gruppe zu sein, die etwas erreichen will. Fischen ist etwas sehr Einsames." Und nichts im Vergleich dazu, ein Auto siegen zu sehen, das den eigenen Namen trägt.

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