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Großer Preis der Türkei: Rot, schnell, allen vorneweg

Es ist selten, dass sich Mercedes und BMW in der Formel 1 mal einig sind, aber vor Istanbul lautet die nüchterne Prognose aus beiden Lagern übereinstimmend: "Ferrari ist der Maßstab." Die Frage ist jetzt: Was macht die Roten so stark, was machen sie besser als ihre Rivalen?

Von Elmar Brümmer, Istanbul

Die beiden deutschen Konzernteams drückt schon beim fünften von 18 Rennen die Aufgabe, die in Fahrer- und Konstrukteurs-WM deutlich führenden Italiener nicht davoneilen zu lassen. Ein dritter Ferrari-Doppelerfolg in Serie würde die Saison schon vor-entscheiden. Vor allem McLaren-Mercedes muss einen Alleingang des Titelverteidigers verhindern, das sind die Silberpfeile dem eigenen Anspruch und der Sehnsucht von Lewis Hamilton schuldig: "Ich vermisse es, zu gewinnen." Was macht Mercedes falsch, was Ferrari derzeit so richtig macht? Das Duell, aufgeschlüsselt in Pluspunkte.

Der Motor

Vorteil Ferrari

"Ferrari hat in den letzten drei Rennen denn Speed diktiert", stellt Mercedes-Sportchef Norbert Haug schonungslos fest. Wenn sich in der Formel 1 eine Überlegenheit nicht ohne weiteres erklären lässt, hilft - zumindest in der Theorie - immer die Verschwörung. Im Winter hatten die Italiener beim Automobilweltverband Fia den Antrag gestellt, den Kolben und den Ölkreislauf modifizieren zu dürfen, obwohl für die Achtzylinder eigentlich ein Entwicklungsstopp bis 2012 gilt. Die Nachbearbeitung soll etliche PS mehr gebracht haben. Ganz so überraschend kann das für die Konkurrenz nicht gekommen sein - die Fia teilte die Änderungen allen Teams mit, auch Mercedes und Renault nahmen Änderungen am Aggregat vor.

Die Stimmung

Vorteil Ferrari

Schon gemein, was da in der Rennabteilung des Emotions-Präsidenten Luca di Montezemolo geschieht: Die gestione sportiva übt sich in jener eher kühlen Freude, die eigentlich zum Klischee der Silberpfeil-Fraktion gehört. Das passt zur allgemeinen Besonnenheit und ist ein immer noch willkommenes Relikt aus den großen Schumi-Zeiten.

Der Wettbewerb

Vorteil Mercedes

Über den Winter haben sich die meisten Formel-1-Teams einander angenähert, der Wettbewerb war selten so eng - in der Qualifikation sind manchmal zehn und mehr Autos in einer Sekunde. Beim aktuellen Punktestand in Fahrer- und Konstrukteurs-WM kann einer guter Tag schon alles wieder anders aussehen lassen - vorausgesetzt, Ferrari zieht nicht gleich davon. Es ist eng an der Formel-1-Spitze, im Dreikampf entscheidet die Tagesform. "Das ist gut für den Sport", weiß McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh, "aber wir müssen zulegen, um wieder solide Leistungen abzuliefern."

Der Austragungsort

Vorteil Ferrari

Das Otodrom in Istanbul gilt als klares Ferrari-Territorium. Von den bisherigen drei Rennen siegte zweimal in Folge Massa und einmal Räikkönen - der allerdings beim Debüt der Piste noch im Silberpfeil. Mercedes-Sportchef Haug spricht vorsichtshalber schon mal von einem "schwierigen" Rennen.

Die Routine

Vorteil Ferrari

Kimi Räikkönen und Felipe Massa bringen es zusammen auf 215 Grand Prixs (und über 700 WM-Punkte). Lewis Hamilton und Heikki Kovalainen kommen in Istanbul jeder gerade auf 21. Die Frische muss kein Nachteil sein, aber bei der diffizilen Abstimmung des Silberpfeils wäre ein Korrektiv von Fahrer-Seite hilfreicher für die Techniker. Lewis Hamilton widerspricht gebetsmühlenhaft: "Das wir nicht schnell genug sind, hat nichts mit der Erfahrung zu tun..."

Die Geschichte

Vorteil Ferrari

Der von McLaren-Mercedes an Kimi Räikkönen verschenkte WM-Titel im letzten Jahr wirkt immer noch beflügelnd für die Scuderia. Die mentale Schlappe von Sao Paulo mag zwar bei Lewis Hamilton von seiner Festplatte gelöscht sein, aber die wegen der Spionage-Affäre über Wochen eingefrorene technische Entwicklung bei McLaren im letzten Jahr wirkt noch nach.

Die Ausgeglichenheit

Vorteil Ferrari

Technikchef Luca Baldisserri begegnet dem Rennen in Istanbul und dem Rest der Saison mit uneingeschränktem Optimismus: "Solange wir keine Fehler machen, haben wir perfekte Chancen. Wir hoffen, dass wir unser Momentum aus den letzten Siegen behalten können." Bei McLaren-Mercedes patzten mal die Fahrer, mal die Strategen, weshalb Norbert Haug auch folgende Rechnung aufmachen muss: "Wenn wir alle Punkte gesammelt hätten, die wir hätten sammeln können, wären wir besser als Zweiter."

Die Fahrer

Vorteil Ferrari

Kimi Räikkönen hat seine Einstellung zum Beruf und zum Leben keinen Deut verändert, seit er für Ferrari fährt. Der Unterschied ist nur, dass er sich für den Lebenswandel nicht mehr rechtfertigen muss. Eine Freiheit, die Lewis Hamilton, dem Ziehsohn von Ron Dennis, schon in seiner zweiten Saison abhanden kommt. Der Aufsteiger des Vorjahres will vielleicht zu viel, was er aber dementiert: "Ich bin nicht Superman, aber ich bin davon überzeugt, dass ich die Weltmeisterschaft gewinnen kann. Jeder macht Fehler. Ich bin sicher, auch Nelson Mandela macht im Alter von 90 Jahren noch Fehler..."

Die Struktur

Vorteil Ferrari

Ron Dennis gibt nach der Demütigung durch Max Mosley mehr und mehr wieder den Alleinherrscher, vielleicht kostet er auch nur sein vielleicht letztes Jahr an der Spitze richtig aus. Das kostet ihn Freunde, auch nach innen. Sein Ziehsohn und designierter Nachfolger Martin Whitmarsh wurde öffentlich brüskiert, er müsse sich noch etwas gedulden. Bei Ferrari klebt(e) Jean Todt zwar ähnlich am Chefsessel wie Dennis, aber in Maranello wurde vor Jahren bereits die Nachfolgegeneration um den neuen Teamchef Stefano Domenicali aufgebaut und an die Eigenverantwortung herangeführt.

Die Kreativität

Vorteil Ferrari

Die Fahrzeugnase des F2008, die je nach Strecke mal mit oder ohne aerodynamische Löcher eingesetzt werden kann (in der Türkei bleiben die Öffnungen geschlossen), zeigt die technische Finesse der Ingenieurs-Hundertschaft in Maranello. Bei McLaren wirkt immer noch der Aderlass von führenden Technikern in den letzten Jahren nach, dem Kollektiv fehlt es an Geniestreichen.

Das Auto

Vorteil Ferrari

In schwierigen aerodynamischen Zeiten zahlt sich die Gutmütigkeit eines Autos aus. Offenbar gilt das - mit Ausnahme des ersten Rennens - für den F 2008, der vor allem mit den Reifen harmoniert. Beim Silberpfeil MP 4-23 ist es ungleich schwieriger, den optimalen Bereich des in der Fahrzeugabstimmung, das so genannte "Fenster" zu treffen. "Wenn wir alles passend zusammenbringen, dann ist unser Auto genauso stark wie jedes andere auch", sagt Hamilton. Entscheidend für die Pläne von McLaren-Mercedes wird sein, wie die Aufholjagd auf der Teststrecke verläuft.

Der Trotz

Vorteil Mercedes

BMW beschleunigt so sehr in dieser Saison, dass Mercedes schon aus Marketing-Gründen gezwungen ist, eine gewaltige Aufholjagd hinzulegen. Die neue Konkurrenzsituation erhöht natürlich die Empfindlichkeiten. Der Druck wird teamintern weiter gegeben, an den McLaren-Part. Das Deutsche Tourenwagen-Masters, wo es nach zwei Audi-Siegen zum Auftakt nach einem Alleingang der Ingolstädter aussah, macht da Mut - im dritten Anlauf siegte Mercedes.

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