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1. Bundesliga: 22 Punkte nach neun Spielen - Bayern und BVB im Vergleich

Nach dem neunten Spieltag rechnen viele Experten mit der totalen Langeweile in der Bundesliga. Dabei haben die Bayern nicht mal einen Startrekord aufgestellt, der BVB hatte im vergangenen Jahr exakt die gleiche Punktzahl. Wir vergleichen die beiden Startphasen und sagen, wo die bessere Mannschaft spielt.

War Borussia Dortmund in der vergangenen Saison einer der überraschendsten Deutschen Meister in der Geschichte der Bundesliga und profitierte von der Schwäche der Konkurrenz? Oder war der BVB nur einfach gut und holte sich den Titel völlig verdient? Und rückt der FC Bayern in dieser Spielzeit die Verhältnisse wieder gerade und bestraft die Liga mit der totalen Langeweile?

Diese und andere Fragen bewegen nicht nur viele User von sportal.de, in den Diskussionen werden die Antipathien der beiden Fanlager mit großer Leidenschaft gepflegt. Dabei spaltet vor allem die Frage, wo der bessere Fußball gespielt wird und wer es eher verdient hat, oben zu stehen.

Vergleichen kann man zumindest die beiden Startphasen, denn sowohl die Borussia startete in das Meisterjahr mit einer Niederlage und blieb wie die Münchner aktuell in den folgenden sieben Spielen ungeschlagen. 22 Punkte gibt und gab es dafür in der Tabelle, in der Tordifferenz liegen die Bayern (25:1) allerdings deutlich vor dem BVB (21:7). Wir vergleichen die Mannschaftsteile, die Trainer und die Systeme und sagen, wo das bessere Team spielt.

Zwei Spitzenspiele = zwei Siege

Die Schwäche der Konkurrenz spielt dabei allerdings eher den Bayern in die Karten. Denn während die Dortmunder nach dem 9. Spieltag der vergangenen Saison hinter Mainz 05 nur auf dem zweiten Platz standen, hat sich der Rekordmeister bereits einen Vorsprung von fünf Punkten erarbeitet.

Vergleichbar ist auch das Auftaktprogramm. Nach den Niederlagen am ersten Spieltag mussten sich beide Teams in zwei Spitzenspielen beweisen und sowohl der BVB 2010 (Schalke 3:1 und Bayern 2:0) als auch die Bayern (Schalke 2:0 und Leverkusen 3:0) wussten dabei zu gefallen.

Trainer Jupp Heynckes lässt bei den Bayern gleichwohl etwas mehr rotieren. In der Abwehr haben nur Holger Badstuber und Kapitän Philipp Lahm einen absoluten Stammplatz und im defensiven Mittelfeld teilen sich Luiz Gustavo und Anatoliy Tymoshchuk die Rolle neben Bastian Schweinsteiger. In Dortmund wurde Trainer Jürgen Klopp durch die Verletzungen von Patrick Owomoyela und Sebastian Kehl zur Beförderung von Lukasz Piszczek und Sven Bender gezwungen – ansonsten hatte sich schnell eine Stammelf etabliert.

Aktuell liegen die Bayern sechs Punkte vor dem BVB, für den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge werden die Dortmunder trotzdem der "gefährlichste" Gegner bleiben. "Die sind wieder gut drauf. Wir tun gut daran, Borussia Dortmund auch weiterhin ernst zu nehmen", sagte Rummenigge nach dem 4:0-Sieg gegen Hertha BSC. Am 13. Spieltag kommt es übrigens zum nächsten direkten Duell. Doch nun steigen wir in den konkreten Vergleich ein:

Torhüter

Würde es nur nach dem Notenschnitt gehen, müssten wir Roman Weidenfeller (3,16) vor Bayerns Neuzugang Manuel Neuer (3,4) einstufen. Doch nicht erst seit unserer Auflistung über die besten Torhüter der Bundesliga wissen wir, dass Neuer der beste Keeper der Bundesliga ist, der mit seinem Fehler am ersten Spieltag zwar die bisher einzige Niederlage gegen Mönchengladbach mit verschuldete, ansonsten aber eher über Unterbeschäftigung klagen könnte.

Neuer hat keine Schwächen im klassischen Torwartspiel, ist zudem der bessere Fußballer als Weidenfeller und er kann das Spiel der Bayern mit seinen präzisen Abschlägen und Abwürfen schnell machen. Der Dortmunder Torhüter leistet sich nur bei hohen Bällen mal die eine oder andere Schwäche, ansonsten gehört er aber zu den stärksten Keepern und wäre in vielen anderen Ländern auch Nationalspieler. Trotzdem geht der Punkt an die Bayern.

Abwehr

In München wurden nach der letzten Saison die richtigen Schlüsse gezogen. Die Defensive war im zweiten Jahr unter Louis van Gaal zu anfällig, also wurden neben Neuer mit Rafinha und Jerome Boateng auch zwei neue Abwehrspieler verpflichtet. Beide Maßnahmen erwiesen sich als Volltreffer, Boateng überzeugt sowohl in der Mitte als auch als Rafinha-Vertreter auf rechts, der Brasilianer hat die Außenverteidiger-Lücke neben Philipp Lahm nahezu ausgefüllt.

Insgesamt ähneln sich die beiden Abwehrreihen. In der Regel stehen beide Formationen recht hoch und setzen die Gegner so früh unter Druck. Mit Boateng, Holger Badstuber und Mats Hummels haben beide Trainer moderne Innenverteidiger zur Verfügung, die mit ihren Passqualitäten auch viel für den Spielaufbau machen können. Und auch bei den Außenverteidigern sind kaum Unterschiede zu erkennen, wobei gerade Lahm dem offensiv noch zu ungenauen Marcel Schmelzer vorzuziehen ist.

Letztlich geben nur Kleinigkeiten den Ausschlag für einen weiteren Punkt für den FC Bayern, das ist vor allem an der geringeren Anzahl der Gegentore festzumachen. Bemerkenswert ist, wie schnell sich die Roten eingespielt haben und nur wenig Torchancen zulassen.

Mittelfeld

Die Frage nach den Veränderungen im Bayern-Spiel lassen sich am ehesten im Mittelfeld feststellen. Unter van Gaal war die Bedeutung des eigenen Ballbesitzes per Gesetz festgelegt, dabei wurde lieber quer als steil gespielt und die Spielanlage war viel zu statisch. Obwohl sich personell gar nichts verändert hat, hat Heynckes trotzdem eine bedeutende Verschärfung des Tempos hinbekommen.

Noch etwas besser hat das der BVB in der vergangenen Saison gespielt. Angeführt von Nuri Sahin glänzten die Dortmunder mit überragendem Umschaltverhalten, hoher Laufbereitschaft und guten Kombinationen. Auch hier sind Unterschiede zu den Bayern auszumachen, der Tabellenführer kommt noch mehr über Einzelaktionen, was an der individuellen Klasse von Spielern wie Franck Ribéry, Thomas Müller oder einem gesunden Arjen Robben liegt.

Trotz dieser Namen geht der Punkt in diesem Mannschaftsteil an die Borussia. Denn Sven Bender, Sahin, Mario Götze, Kevin Großkreutz und Shinji Kagawa wussten um ihre Rollen und füllten diese nahezu perfekt aus. Und schon wird auch deutlich, warum die Dortmunder in dieser Saison mit Problemen zu kämpfen hatten. Sahin ist weg und Großkreutz sowie Kagawa stecken in einem Formtief.

Sturm

Mario Gomez hat eine sensationelle Entwicklung genommen. In der vergangenen Saison begann er als Joker, kämpfte sich dann trotz der Missbilligung unter van Gaal in die Mannschaft und beendete das Jahr mit 28 Treffern als Torschützenkönig. Und es ging nahtlos weiter, nach seinen bisherigen acht Einsätzen hat Gomez wieder zehn Tore auf seinem Konto.

Die laufende Spielzeit hat gezeigt, wie wichtig Lucas Barrios für Borussia Dortmund ist. Seine Bilanz im Meisterjahr liest sich mit 16 Toren ebenfalls gut, doch an die Quote von Tormaschine Gomez kam der Paraguayer nicht heran und so haben die Bayern auch im Angriff mehr Qualität vorzuweisen, was sich auch durch die zweiten Reihen (Ivica Olic und Nils Petersen sowie Robert Lewandowski und Mohamed Zidan) nicht widerlegen lässt.

Trainer und Taktik

Beide Coaches lassen ihre Mannschaften im 4-2-3-1 spielen, wobei die Bayern das System etwas dominanter interpretieren. Heynckes stellt sich im Moment aber als idealer Trainer für die erfolgsverwöhnten Münchner dar. Er hat die Fehler des vergangenen Jahres gut analysiert und für die Verbesserung des Spiels die richtigen Entscheidungen getroffen. Zudem hält er sich öffentlich zurück und stellt sein Team in den Vordergrund, zufriedener könnten Rummenigge und Präsident Uli Hoeneß kaum sein.

Klopp hat trotzdem einen größeren Anteil am Höhenflug der Dortmunder. Seit 2008 lenkt er die Geschicke der Gelb-Schwarzen, hat den Jugendstil vorangetrieben und die aktuelle Mannschaft in weiten Zügen zusammengestellt. Der Meistermacher hat die finanziellen Nachteile mit vielen richtungsweisenden Entscheidungen ausgeglichen. Klopp ist auf dem Weg ein großer Trainer zu werden.

Fazit

Wir können die Münchner Fans beruhigen, die derzeitige Bayern-Mannschaft ist höher einzustufen als der BVB im Meisterjahr. Die Mannschaft hat eine höhere Qualität, verfügt über mehr Erfahrung und spielt sich derzeit in einen noch größeren Rausch als es die Dortmunder vor einem Jahr getan haben. Aber die aktuelle Entwicklung der Borussia zeigt, dass die Eintagsfliegen-Vorwürfe unberechtigt sind. Entwickelt Klopp sein Team weiter und verlassen nicht zu viele Leistungsträger den Verein, könnte es in den kommenden Jahren zu einem Zweikampf kommen.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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