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1. Bundesliga: Bundesliga-Vorschau - FC Bayern München

Während Manuel Neuer noch eifrig die Zehn Verbote der Ultras büffelt, haben die anderen Bayern-Spieler nur die beiden zentralen Vorgaben der Clubführung zu beachten: Verlieren verboten und möglichst viele Titel einsammeln. Wir prognostizieren, ob die Umsetzung gelingen wird.

"München kommt mir manchmal winzig vor", hatte Bayerns Neuzugang Takashi Usami vor einigen Tagen in der AZ erklärt. Der Japaner meinte zwar nur die Größe der Stadt im Vergleich zu seiner alten Heimat Osaka, doch angesichts der vergangenen zwölf Monate hätte das Zitat auch durchaus auf Bayerns sportlichen Stellenwert in der verkorksten Saison 2010/11 gemünzt sein können.

Sie spielten schlichtweg in keinem Wettbewerb eine Rolle - ein unhaltbarer Zustand im erfolgsverwöhnten München. Und wie immer nach einem Jahr Bedeutungslosigkeit stürmten Uli Hoeneß und Co. in die Festgeldabteilung ihrer Bank, lösten einige Sparverträge auf, hoben ein paar Millionen ab und gingen auf Shopping-Tour.

Denn winzig darf der FC Bayern vom Selbstverständnis her nur erscheinen, wenn die Konkurrenz mit riesigem Punkteabstand hinter ihnen herhechelt und Ferngläser braucht, um die Spitze sehen zu können. Ob das bald wieder so sein wird, verraten wir im Check.

Gute Sommer-Zeiten
Der im Kern erhalten gebliebene Kader ist eingespielt, konnte ohne WM oder EM die Sommerpause in diesem Jahr auch tatsächlich zur Regeneration nutzen und wurde mit Rafinha, und nach fast endlos langen Verhandlungen auch durch Jerome Boateng und Manuel Neuer genau an diesem neuralgischen Punkten für über 40 Millionen Euro erheblich aufgewertet. Das ehemalige Enfant Terrible Rafinha ist nach guten Eindrücken auf der rechten Außenbahn wohl gesetzt und scheint sich endlich auch benehmen zu können - der selbst auferlegte Benimmunterricht bei Giovane Elber hat also gefruchtet.

Philipp Lahm wechselt hinüber auf den linken Flügel, die eigentliche Problemstelle der Bayern, wo er nach Meinung vieler Experten ohnehin wertvoller für die Mannschaft ist. Boateng zeigte als Abwehrchef in der Innenverteidigung ebenfalls bereits, was er kann. Größere Kritik gab es lediglich von ARD-Experte Mehmet Scholl für die extravagante Farbwahl seiner Schnürsenkel. Insgesamt ist zwar noch viel Luft nach oben, doch die klaffenden Abwehr-Lücken (40 Gegentreffer in der Vorsaison) scheinen geschlossen und die seit Oliver Kahns Rücktritt immer wieder gestellte Torwart-Frage dank Manuel Neuer endgültig beantwortet. Seine hohe Ablösesumme dürfte der frischgebackene Fußballer des Jahres mit guten Paraden schnell refinanzieren.

Die als Ergänzungen geholten Usami und Zweitliga-Torschützenkönig Nils Petersen hinterließen einen insgesamt positiven Eindruck, sodass sich Sportdirektor Christian Nerlinger in der AZ selbst auf die Schulter klopfte: "Wir haben einen tollen, ausgewogenen Kader zusammengestellt, mit dem wir sehr zufrieden sind". Auch Franz Beckenbauer bescheinigte der Truppe "der beste Kader seit langem" zu sein. Allerdings spult der Kaiser diese Floskel gebetsmühlenartig vor jedem Saisonstart ab.

Anders als vor einem Jahr herrscht Ruhe bei den Bayern. Denn mittlerweile heißt der Trainer Jupp Heynckes. Der kennt den FC Bayern bestens und wird hier als "Freund" betrachtet, nicht als Aggressor, der die Mächtigen infrage stellen will, der zudem nicht wie Jürgen Klinsmann auf Visionen oder wie der sture Louis van Gaal auf Machtproben mit Hoeneß und Rummenigge aus sein wird. Heynckes ist erfahren genug, um internen Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen und dürfte bei Hoeneß als Wiedergutmachung für den Rausschmiss 1991 sicher Artenschutz genießen. Seine Gelassenheit und die im Alter größer gewordene Souveränität geben ihm auch ein starkes Standing bei den Spielern. Voraussetzung: Erfolg. Sonst kippt sicher auch die gute Stimmung von Freund Uli.

Schlechte Sommer-Zeiten
Noch ist sie gut, daran konnten auch die schon fast obligatorischen Vorbereitungs-Verletzungen von Franck Ribéry und Arjen Robben nichts ändern, die die Flügelzange gleich beim Pflichtspielstart (wahrscheinlich) außer Gefecht setzte. Denn was vor allem Thomas Müller gegen Braunschweig auf rechts zeigte, war im Sky-Jargon schon "mehr als eine Vertretung". Aber: Auch wenn das dynamische Duo im Pokal und in der Bundesliga zu ersetzen ist, für größere Ambitionen in der Champions League wäre deren längerer Ausfall absolut tödlich.

Auch der geplatzte Wechsel von Arturo Vidal ließ Uli Hoeneß nur kurz zu einem Rundumschlag gegen Charakterschwäche, Wortbruch im Allgemeinen und südamerikanische Spielervermittler im Besonderen ausholen. Der Ex-Leverkusener wäre eine schöne Zugabe gewesen, doch auch ohne ihn ist das Mittelfeld brillant besetzt und der mit Abstand stärkste Mannschaftsteil.

Viel mehr Aufregung verursachten da die offen zur Schau gestellten Ressentiments der Ultra-Gruppierungen gegen Neuer, die in einem absurden Forderungskatalog mündeten. Auch in diesem Zusammenhang hätte das Usami-Zitat gepasst - denn viel kleingeistiger geht es ja schon fast nicht mehr. Doch um schnell Ruhe zu bekommen und sich vor Protestaktionen im Stadion fortan zu schützen sowie sich auf seinen eigentlichen Job konzentrieren zu können, unterschrieb der Keeper die Verpflichtung, die Vorgaben der Ultras (unter anderem nicht das Humba-Lied in der Kurve anstimmen, das Vereinswappen nicht zu küssen) zu beachten. Trotz Dementi: Ein bisschen schien er sich bei seinen ersten Auftritten im Bayern-Tor vom Wirbel verunsichern zu lassen.

Dieser Spieler darf sich nicht verletzen
Über die Auswirkungen eines Ausfalls von Robben und Ribéry haben wir schon gesprochen. Doch für die Ambitionen auf nationalem Parkett wäre es noch problematischer, wenn sich Mario Gomez oder Jerome Boateng verletzten. Mit Petersen und Ivica Olic haben die Bayern zwar zwei Stürmer in der Hinterhand, allerdings hinken beide in ihren Vollstreckerqualitäten deutlich hinter denen von Gomez hinterher. Und wenn sich mit Boateng der Abwehrchef verletzen sollte, wäre das alte Abwehrproblem plötzlich wieder akut. Die Personaldecke in der Abwehr ist dünn, Heynckes' Hoffnungen lägen in diesem Worst-Case-Szenario dann wieder auf Daniel van Buyten oder Breno.

Frage an die Experten
"Auf was für einen FC Bayern werden wir uns in der nächsten Saison spielerisch einstellen müssen - viel Dominanz, aber wegen kontrollierter Offensive wenig Glanz?", hat sportal.de zwei Experten gefragt. 

"Nein", meint Oliver Schmidt (breitnigge.de). "Das kommt eben auch immer auf den Gegner an. Gegen die üblichen Verdächtigen wird das erneut ein hartes Brett, gegen die guten Teams könnte es da schon viel besser werden, weil wir defensiv besser stehen als in der letzten Saison. Was nicht schwierig ist." Ähnlich sieht es Patrick Fricke (kaisergrantler.de): "Wir werden unter Heynckes variabler sein. Die Dominanz wird darunter nicht leiden, aber sollte das gewohnte System nicht funktionieren, wird es sicherlich eine Systemumstellung während des Spiels geben. Vielleicht wird auch Robben mal mit Ribéry die Seite tauschen. Auf diese Variante warte ich seit 2 Jahren vergebens."

Auf unsere zweite Frage "Angenommen, Bayern gewinnt im nächsten Jahr im eigenen Stadion die Champions League und Manuel Neuer hält im Finale gegen Barcelona den entscheidenden Elfmeter gegen Messi. Wie werden die Ultras Ihrer Meinung nach reagieren?" meinte Schmidt: "Das weiß niemand. Vielleicht noch nicht einmal die Ultras selbst. Am Ende des Tages werden einige von ihnen auf jeden Fall weiterhin Neuer ablehnen. Selbst in dieser - zugegeben - eher unrealistischen Konstellation. Für mich persönlich ist Neuer seit 01.07. "einer von uns". Einer der Profis, die in unserem Kader alles für den Verein geben. Solange sie einen Vertrag bei uns haben. Das mag nüchtern klingen, schützt aber vor vorhersehbaren Enttäuschungen, wenn diese idealistischen Kartenhäuser (bzgl. Erwartungshaltungen an Spieler) einbrechen."

Fricke ist nicht besonders optimistisch, dass die Ultras Neuer jemals wirklich in ihr Herz schließen werden: "Viele sagen, dass die Ultras nach den ersten gehaltenen Bällen ihre Meinung ändern werden. Daran glaube ich nicht mehr. Das würde alle Ultras bloßstellen. Es geht den Ultras nicht um die Leistung von Neuer, sondern um seine Vorgeschichte. Gute Leistung werden sie honorieren, aber ein Liebling wird er bei den Ultras nie werden. Ganz im Gegenteil zum 99%igen Rest der Bayernfans."

Prognose
In einer dpa-Umfrage unter den Bundesliga-Trainern nach dem kommenden Meister, übte sich Heynckes zwar in Elder-Statesman-Understatement, verzichtete darauf sich wie einst Konrad Adenauer selbst zu wählen und tippte auf Dortmund. Doch wie 16 seiner 17 Kollegen sind wir wie eigentlich jedes Jahr der Meinung, dass an den Bayern kein Weg vorbeiführen wird. Der verstärkte Kader, der erfahrene Trainer und die Tatsache, dass die letzten drei Titel (2006, 2008 und 2010) jeweils in Jahren ohne vorangegangenes großes Turnier geholt wurden, sprechen eindeutig dafür, dass Heynckes am Ende "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" sagen wird und den Titel feiern darf. Und wenn nicht? Dann holen wir wieder die Papiertüten raus und fühlen uns ganz winzig, versprochen!

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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