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1. Bundesliga: Bundesligaanalyse - Schalke im Titelrennen

"Gladbach kann Meister werden. Auch, wenn Bayern und Dortmund bessere Chancen haben", sagte der Sky-Kommentator gestern. Doch was ist mit Schalke? Schließlich ist das Meisterrennen in der Bundesliga ein 04-Kampf. Deshalb hier 04 Faktoren, die Schalke 2012 so stark machen.

Schalke 04 ist die formstärkste Mannschaft der Bundesliga. 15 Punkte aus den letzten fünf Ligaspielen, das sind drei mehr als der FC Bayern holte und vier mehr als Dortmund. Und nebenbei bemerkt 13 mehr als Hertha BSC. Dabei sahen die Knappen in den direkten Duellen gegen Bayern und Dortmund gar nicht gut aus und verloren auch im Pokal in Mönchengladbach verdient. Dennoch kann die Elf von Huub Stevens Meister werden. Was macht sie so stark?

01) Der Kader hat Qualität in der Tiefe

Die Größe des Aufgebots wird immer wieder als Argument dafür genannt, warum der FC Bayern Topfavorit auf den Meistertitel sei. Dabei sind es vor allem die Stammkräfte, die für den Erfolg bei den Münchnern verantwortlich sind. Anders Schalke, das in dieser Bundesligasaison schon 25 verschiedene Spieler einsetzte, gegenüber 20 bei den Bayern, 22 in Dortmund und 21 in Mönchengladbach.

Natürlich ist Schalke abhängig von den Toren Klaas-Jan Huntelaars. Aber nicht nur. Neben dem Goalgetter trafen in dieser Saison noch elf weitere Profis in Bundesligaspielen für die Knappen. Für Gladbach etwa waren es neben Marco Reus nur sechs Spieler. Die Ausfälle der letzten Wochen waren sowohl in der Masse als auch in der Klasse eigentlich Anlass zur Besorgnis. Jermaine Jones gesperrt, Raúl, Peer Kluge, Benedikt Höwedes, Lewis Holtby, Jefferson Farfan und Ralf Fährmann verletzt.

Doch obwohl nominell zwei Drittel der Stammelf fehlten, gewann Schalke mit 4:1 in Köln. Das spricht nicht zuletzt auch für die Arbeit von Huub Stevens, der nicht davon abhängig ist, dass einzelne Stars zur Verfügung stehen, sondern es versteht, in Fällen wie dem Wochenende sogar Ciprian Marica zum Matchwinner zu machen. Es zeigt aber auch die große Qualität, die Schalkes Bankspieler haben.

02) Taktische Flexibilität

Von den ersten 12 Spielen unter Huub Stevens bestritt Schalke zehn in einem relativ klaren 4-2-3-1-System, dann stellte der Coach auf eine Art 4-4-2 mit Raute um, in dem Raúl den vordersten Mittelfeldspieler hinter zwei Spitzen gab. In Hannover, als Teemu Pukki sein Startelfdebüt feierte, sah man ein 4-4-1-1 mit Raúl hinter Pukki in einer Wayne-Rooney-Rolle.

Zuletzt im Pokal in Gladbach und beim Sieg gegen Stuttgart gab es dann wieder ein 4-2-3-1, doch nach der Pause in Köln stellte Stevens wieder auf einen Sechser um, beorderte Marco Höger nach rechts hinten, Ciprian Marica in die Spitze und brachte mit José Manuel Jurado eine weitere Offensivkraft. Marica erzielte daraufhin noch zwei Tore, und sogar Höger traf erstmals für Schalke.

Diese taktischen Möglichkeiten, mit denen der Trainer auf Ausfälle ebenso reagieren kann wie auf ungünstige Spielkonstellationen, zeichnen Schalke aus und machen den Unterschied aus zwischen einer ordentlichen und einer potenziell überragenden Saison.

03) Stevens, der Ronald Reagan der Trainergilde

Ronald Reagan war als "The Great Communicator" bekannt. Das wäre traditionell kein Prädikat, das man Huub Stevens verliehen hätte. Der grummelnde Niederländer erschien nicht wie ein Gute-Laune-Magnet, sondern eher als humorloser Defensivpapst. Doch anders als noch unter Felix Magath ist die Stimmung im Schalker Kader tadellos.

Welche Rolle Schlüsselspieler wie Manuel Neuer und Benedikt Höwedes beim Sturz Magaths im vergangenen Frühjahr gespielt haben, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Dass es um die Laune im Aufgebot nicht zum Besten stand, darf aber wohl angenommen werden. Der Fall Albert Streit mag alles in allem mehr am Spieler als am Trainer liegen, schließlich hatte auch Fred Rutten schon seine Probleme mit dem Profi, der von Magath dann nach wenigen Wochen aus dem Kader gestrichen wurde.

Doch Stevens hat es geschafft, dass sogar Reservisten wie Ciprian Marica hoch motiviert auf ihre Chance warten - wie am Wochenende in Köln demonstriert. Der Trainer ist kein Medienliebling, der wie Ralf Rangnick im Sportstudio die Taktiktafel erläutert oder Werbespots für Autos und Tapetenkleister abdreht. Aber er hat Erfolg und er hat das Vertrauen der Mannschaft. Was will man mehr?

04) Leistungssteigerung von Schlüsselspielern

Die viel bessere Schalker Saison als im Vorjahr (40 Punkte jetzt, 25 Punkte vor einem Jahr) lässt sich auch an der Leistungssteigerung vieler, der Leistungsexplosion einiger Profis festmachen. Raúl, Jefferson Farfan und auch der junge Julian Draxler haben sich im Vergleich zur vorigen Spielzeit klar verbessert. Ebenso hat Kyriakos Papadopoulos ganz offensichtlich den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu einem internationalen Klasseverteidiger gemacht.

Aber es ist die Form von vor allem zwei Spielern, die gar nicht mehr wiederzuerkennen ist. Klaas-Jan Huntelaar erzielte in der gesamten Saison 2010/2011 11 Pflichtspieltore. In der aktuellen Saison sind es im Januar schon 27. Ein Weltklassestürmer von diesem Kaliber ist ein zentraler Faktor in Schalkes Kampf um den Meistertitel und für die Ambitionen in der Europa League.

Genauso gesteigert hat sich aber Joel Matip. Der von Magath entdeckte frühere Innenverteidiger stabilisiert inzwischen das defensive Mittelfeld und hat sich zu einem tollen Bundesligaspieler entwickelt, was die sportal.de-Durchschnittsnote von 3,06 unterstreicht.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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