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stern-Porträt zu Arturo Vidal Plötzlich Bayerns Schlüsselspieler

Arturo Vidal
Die Champions League gewinnen - das ist das große Ziel von Arturo Vidal
© Wolfgang Rattay/Reuters
Gegen Benfica hat er wieder mal ein wichtiges Tor gemacht: Bei den Bayern wird Arturo Vidal dank seiner Härte und eines unbeugsamen Willens zum Schlüsselspieler. Wer ihn verstehen will, muss zu den Wurzeln im Armenviertel von Santiago de Chile.

Am Abend vor dem Champions-League-Hinspiel von Bayern München bei Juventus Turin liegt Arturo Vidal, 28, auf seinem Bett im Hotelzimmer und langweilt sich. Das Spiel wird seinen Status in der Mannschaft, beim Trainer und den Fans verändern, aber das ahnt er in diesem Moment nicht. Die Bayern sind im Hotel Principi di Piemonte im Zentrum abgestiegen. Vidal kennt die Gegend. Er hat vier Jahre in Turin gelebt, ist hier oft ausgegangen. Er spielt mit seinem Handy. Postet ein Selfie auf Instagram. Denkt darüber nach, seinen Freund Marco kommen zu lassen, einen Friseur. Vor großen Spielen lässt Vidal seinen Haarkamm richten, Linien und Sterne in seinen Kopf rasieren, wie ein Krieger vor einer Schlacht, nur: Wird er in diese überhaupt ziehen dürfen?

Zur selben Zeit sitzt eine Gruppe seiner italienischen Freunde nicht weit vom Hotel in einem Restaurant, das Piemonteser Fleischspezialitäten serviert. Vidal liebt Gegrilltes und Geselligkeit, wäre jetzt gern bei ihnen. Die Freunde schreiben sich mit Vidal Whatsapp-Nachrichten. Ob er nicht ein Bier mit ihnen trinken mag, fragen sie. Das dürfe er leider nicht, antwortet Vidal, sie müssten im Hotel bleiben. Ob er morgen spiele? Das wisse er nicht.

Vidal ist genervt. Pep Guardiola lässt ihn zappeln. Die ganze Saison spielt er schon zu selten. Aus dem stolzen "King Arturo", wie er sich nennt, der viermal in Folge mit Turin Italiens Meisterschaft und vergangenen Sommer mit Chile die Copa América gewann, die Meisterschaft des Kontinents, ist in München ein Ergänzungsspieler geworden. Zu allem Übel tauchen gerade Schlagzeilen auf, die seine Position nicht verbessern: Er soll nach der Winterpause zu viel gewogen, seinen Gehaltszettel offen in der Kabine liegen gelassen und es mit der Geselligkeit übertrieben haben. Aber morgen, vor seinen alten Fans, gegen seine alte Mannschaft, da will er unbedingt von Beginn an auf den Platz.

Der geläuterte Musterprofi?

Vidal spielt, und er spielt auch im Rückspiel. Vidal spielt jede der 210 Minuten dieses Duells, das man sich noch in Jahren anschauen wird, weil der Fußball wieder mal die besten Drehbücher schreibt. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Vidal zu einem seiner Helden wird? In der 91. Minute des Rückspiels ergrätscht er am Strafraum von Juventus den Ball, den Thomas Müller Sekunden später nach einer Flanke von Kingsley Coman zum 2 : 2 einköpft. Mit diesem Tackling rettet Vidal Bayern München die Saison und erspart Guardiola einen Abgesang, der einer Beschimpfung geglichen hätte. Vidal ist auf einmal nicht mehr wegzudenken, er ist nun der "aggressive Leader", wie man seit Stefan Effenberg die Anführer nennt, deren Auftreten die Gegner einschüchtert und die Kameraden mitreißt. Nun hat er das wieder gegen Benfica gezeigt. Die Bayerns stehen auch wegen ihm im Halbfinale. Vidal erzielte das wichtige 1:0 im Hinspiel, das fast noch wichtigere 1:1 im Rückspiel.

Mit Effenberg gewann Bayern München 2001 die Champions League. Das Finale fand wie dieses Jahr in Mailand statt. Sollten die Bayern tatsächlich dort gewinnen, Vidal wüsste, wo sie nach dem Spiel feiern können. Sein Einsatz ist bedingungslos, auch nach dem Abpfiff. Er war gern gesehener Gast in der Mailänder Diskothek Hollywood, in der viele italienische Profis das Wochenende ausklingen lassen. Umgeben von Frauen, deren Vorzüge auch Silvio Berlusconi gefallen.

Seit Vidals Ankunft in München im Sommer 2015 versucht der Verein, ihn als geläuterten Musterprofi darzustellen. Vor Interviews mit deutschen Medien wird er beschützt. Gerüchte um seinen Lebenswandel dementiert man schnell und heftig. Im Juni kamen Vidal und seine Frau María während der Copa América fast zu Tode, weil er betrunken mit seinem Ferrari einen Unfall baute. Aus Turin las man von Partys, Schlägereien und jungen Frauen in seiner Entourage. Diese Geschichten wollte man in München vermeiden, man wollte Vidal den King austreiben. Nur geklappt hat das nicht.

Alles begann in San Joaquín

Vidal ist das Gegenstück zu einem Künstler wie Messi oder den Zöglingen aus den deutschen Fußballinternaten. Sein Trainer kann versuchen, ihn in ein taktisches Korsett zu stecken, aber der Reiz besteht darin, ihm zuzusehen, wie er ausbricht. Nicht nur auf dem Platz. Um zu verstehen, warum man Vidal nicht verstehen kann, muss man wissen, wo er herkommt. Er hat es aus dem Ghetto geschafft und es doch nie hinter sich gelassen.

Wann immer er kann, kehrt Vidal zurück nach San Joaquín, in jenes Armenviertel von Santiago de Chile, wo alles begann, wo der Schimmel in den Wänden hing und das Essen oft nicht reichte, wo die Mutter für einen Hungerlohn putzte und der Vater ihn versoff. Wo es vor der Haustür aber einen Fußballplatz gab und einen Plastikball und den Blick auf schneebedeckte Anden.

Vidal veranstaltet Turniere für die Bewohner seines Viertels. Es ist eine Danksagung an den Kiez und seinen ersten Verein Rodelindo Román. Den Kindern erzählt er das Märchen von Arturito, dem kleinen Rebellen, der nur dank der Selbstaufopferung der Mutter überlebte und dank dem Fußball der Drogenwelt und den Schlägen des Vaters entkam. Das Märchen ist wahr, es ist Vidals Leben. Irgendwann konnte Arturito das Essen seiner vier Geschwister bezahlen, die Krebsmedizin der Oma und die Begräbnisse der Nachbarn. Da nannten sie ihn nicht mehr Arturito. Da nannten sie ihn Rey Arturo. König Arturo. Und sie machten ihm das schönste Kompliment: Er sei ganz die Mutter.

Arturo Vidals Vater soll nicht mit den Medien reden

Bei einem seiner letzten Besuche erzählte Vidal noch eine Geschichte. Er sagte den Jugendlichen, dass nicht nur Drogen ins Verderben führten, sondern auch Saufen, Zocken, Zechtouren und Polizistenbeleidigungen. Vidal meinte die Geschichte während der Copa América. Er hatte seinen Ferrari mit 1,21 Promille zu Schrott gefahren und den Polizisten gesagt, sie sollten hier keine Staatsaffäre auslösen. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war: Er war da ganz der Vater.

Erasmo Vidal steht vor dem Elternhaus seines Sohnes, am alten Sportplatz. Es ist ein kalter Abend. Er möge nicht mit Medien reden, hat Vidal ihn gebeten. Es gehe dann immer um Drogen, Alkohol oder Waffen. "Also rede ich nicht", grummelt Erasmo Vidal. "Aber diese letzte Drogen-Story war wirklich eine Lappalie." Die mit dem Kokain? "Alles Lüge", sagt er.

Im Juli war Erasmo Vidal mit Kokain und Fleischermessern gefasst worden. Es war der Tag, als Vidal bei den Bayern präsentiert wurde. "Dabei war es nur eine harmlose Party mit einigen Freunden", sagt er. "Nichts gegen die anderen Sachen." Die anderen Sachen? "Ach, nichts." Er könnte die 424 Beutelchen Kokain meinen, mit denen er mal geschnappt wurde, oder seinen Selbstmordversuch nach einem Streit mit Arturo. Vor zwei Wochen ist er wegen einer Alkoholepisode erneut verhaftet worden. Er steckt sich eine Zigarette an und zieht die Baseballkappe tiefer ins Gesicht. Er ist 56, im Mund fehlen Zähne, in seinem fahlen Gesicht hat der Schnaps gewütet.

"Am liebsten stellt er Typen wie Messi kalt"

Im Klubheim wartet Jorge Fuentes. Er war Arturos Jugendtrainer bei Rodelindo Román und ist heute Vereinspräsident. Eigentlich ist er Lkw-Fahrer, aber er sieht sich vor allem als Zeitzeuge in Sachen Arturito. Nach einigen Tagen hier wirkt es, als bestünde ganz San Joaquín aus Arturo Vidal. Fuentes erzählt, dass keiner so viel Heimatliebe habe wie Arturito. Nach seinen Spielen bei Santiagos Topverein Colo-Colo sei er immer ausgebüxt, um sich bei Rodelindo Román einzuwechseln und das Spiel binnen zehn Minuten zu drehen. Fuentes erzählt, dass er von klein auf ein "Guerrero" war, ein Krieger. "Ja, der Arturito", sagt Fuentes.

"König Arturo", korrigiert ihn der Vater.

"Wollen Sie sein Erfolgsgeheimnis hören?", fragt Fuentes. "Er will es nur mit den Stärksten aufnehmen. Am liebsten stellt er Typen wie Messi kalt." "Fürs Team ist er viel wichtiger als ein Messi" , sagt Vater Vidal.

"Führe ich das Interview oder du?" , sagt der Trainer.

Die beiden Männer verlassen selbstzufrieden das Klubheim. Der Aschenplatz ist noch immer wie zu Vidals Kindertagen – mit Löchern so groß, dass man sich in ihnen verstecken kann. Mit Steinen so gewaltig, dass man Menschen erschlagen könnte. Um den Platz herum stehen Hunderte Kerzen, die Nachbarn in Erinnerung an zwei Bewohner angezündet haben, sie wurden im Drogenkrieg ermordet. "Wir haben uns vier Monate nicht aus dem Haus getraut", erzählt Fuentes. "Jetzt ist es wieder ruhig." Vidal habe sich extra mit der Staatspräsidentin Michelle Bachelet getroffen. Sie war auch auf seiner Hochzeit.

30 Verwandte wohnen mietfrei im Viertel

In Chile ist Arturo Erasmo Vidal Pardo ein Volksheld. Die Menschen beschreiben ihn als einen Mann des Volkes – "Bueno con la pelota. Bueno con los puños". Gut mit dem Ball und den Fäusten. In einem Sport, in dem Profis nur noch Belanglosigkeiten von sich geben, hat er noch den Geruch der Straße. Auf Heimatbesuch lädt Arturo Vidal Freunde und Verwandte nach Hause ein. Er besitzt eine Villa am Hang im noblen Stadtteil Las Pircas. Er hat dort einen Pool und eine Diskothek, die aussieht wie ein Apple-Store. Er erklärt ihnen, warum er unbedingt zu den Bayern wollte: "Weil er diese Saison unbedingt die Champions League gewinnen will, koste es, was es wolle", erzählt sein Cousin Claudio Becerra. "Nach der Niederlage mit Juve gegen Barcelona hat er hemmungslos geheult."

Claudio Becerra war Vidal nah wie ein älterer Bruder. Früher haben sie alles zusammen gemacht, Pilgertouren mit dem klapprigen Fahrrad zum Santuario de lo Vásquez, einer Wallfahrtskirche. Mit dem Bus ins Aluminiumwerk, um das erste eigene Geld zu verdienen. "In jeder freien Minute haben wir gekickt, bis spät in die Nacht. Wir ließen Arturo den Ball hochhalten, barfuß, dreimal um den steinigen Platz herum, bis er blutverschmiert war." Warum? "Abhärtung. Er sagte: 'Eines Tages werde ich der Beste der Welt sein. Und der Härteste.' Also nahmen wir ihn ran."

Claudio Becerra lebt heute in dem Haus, in dem Vidal aufwuchs. Damals bestand es aus nicht viel mehr als morschen Brettern. Vor sechs Jahren hat Vidal es renoviert und Claudio überlassen. Etwa 30 Verwandte wohnen mietfrei im Viertel. Er hat sie alle für drei Monate nach Turin eingeladen, dort mit Schuhen und Kleidung eingedeckt – und wiederholt das in München. Es ist ein Deal: Er gibt ihnen den Einblick in eine neue Welt. Dafür holt er sich ein Stück San Joaquín nach Europa.

Junge ohne Bildung, aber mit großem Herzen

San Joaquins Priester Serafin, ein 84-jähriger Mann mit weißem Bart und Baskenmütze, kennt Vidal sein Leben lang. Er sagt, Arturo sei eine Story für Fußballromantiker. Er beschreibt ihn als Junge ohne Bildung, aber mit großem Herzen. Er erzählt davon, wie er Krebsoperationen bezahlte und die letzten Wünsche kranker Kinder erfüllte. Er nennt ihn einen Humanisten.

In Europa schreiben die Medien die Story anders, schreiben vom Bad Boy, der in einer Turiner Disco einen Faustkampf austrug, in Leverkusen Unfallflucht beging und sich 111 Rennpferde leistet. Da winkt der Priester ab. Man müsse Kerle verstehen, die aus Armut in diese sterile Fußballwelt zögen, ständig unter Druck stünden.

Die 111 Rennpferde stellen sich beim Besuch in Vidals Rennstall "Alvidal" als Mär heraus. Er ist nach seinem Sohn Alonso benannt. Arturos Vater Erasmo ist hier eine Art Stalljunge; er füttert die Tiere. Arturos Brüder Jean Paul und Sandrino waschen sie. Arturos Cousins bringen die Pferde zum Training. Sie machen das, was Arturo früher immer sein wollte – ein Stalljunge. Er hat ihnen seinen Kindheitstraum geschenkt. Ihrer war es nicht. "Es sind 40 Pferde, nicht 111", sagt Gestütsleiter Fredy Hidalgo. "111 klingt besser, ich weiß." Auch Hidalgo wohnt mit seiner Familie in einer Wohnung, die Vidal ihm überlassen hat. "Er hat uns allen ein neues Leben geschenkt", sagt er.

Hidalgo führt durch die Ställe, vorbei an Pferden mit Namen wie Sol de Arabia, Mining Hope, Golden Giant. Sie haben 140 Rennen in Chile gewonnen. Das größte, den Grand Prix, gewann IlCampione, verewigt auf Arturos Bauch als Tattoo. Arturo verfolge die Rennen am Freitag oft übers Internet, wegen der Zeitverzögerung auch nachts, aber das dürfe bei Bayern keiner wissen. Vidal hat hier Millionen investiert. Im Club Hípico an der Rennbahn hat er geheiratet. 700 000 Euro kostete das Fest. Hidalgo sagt: "Arturo ist großzügig, aber er will Erfolge sehen. Er hat gut eingekauft, jetzt müssen wir für ihn die Champions League gewinnen." Und wer kann das schaffen? Da geht Hidalgo in eine Box und zeigt sein bestes Pferd. Es habe die richtige Mischung aus Gier und Eleganz. Es sei hart im Nehmen und ein Vollblüter vor dem Herrn. Sein Name: King Arturo.

Dieser Text ist eine aktualisierte Version des Artikels aus stern Nr 15/2016.


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