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Ausbootung: Ballack vor Chelsea-Aus?

Die sensationelle Streichung von Michael Ballack aus dem Champions-League-Kader des FC Chelsea sorgt für heftige Spekulationen um den ungeklärten Gesundheitszustand und die Zukunft des Nationalmannschafts-Kapitäns in London. Englische Medien werteten Ballacks Degradierung als Indiz für einen vorzeitigen Abschied.

Auch Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff wurden von der im Fußball bislang einmaligen Degradierung ihrer seit April am Knöchel verletzten Führungskraft total überrascht und mussten sich am Dienstag zunächst eilig ein Bild der neuen Lage machen. "Es ist schwer nachvollziehbar, was in England passiert. Wir wollen direkt von ihm wissen, wie die Situation ist", kündigte Bierhoff ein Gespräch mit dem 30 Jahre alten Mittelfeldspieler an.

Noch am Montag hatte Löw von einer voranschreitenden Genesung Ballacks gesprochen und ein Comeback im Nationalteam für die EM-Qualifikationsspiele im Oktober in Irland und gegen Tschechien in Aussicht gestellt. Der FC Chelsea hingegen beurteilt die Lage grundlegend anders und traut Ballack nach zwei Operationen am Sprunggelenk keine Rückkehr bis in den heißen Fußball-Herbst mit ständigen englischen Wochen mehr zu. "Michaels momentane Verletzung bedeutet zum Zeitpunkt der Benennung des Kaders, dass wir sein Mitwirken bei der Mehrzahl der Gruppenspiele nicht garantieren können", teilte der Verein auf seiner Internetseite mit. Dennoch hoffe man "natürlich auf eine schnellere Rückkehr".

Real Madrid hatte Interesse an Ballack bekundet

In England wurde Ballacks Ausbootung aus dem Aufgebot für die Fußball-Königsklasse als klares Indiz für einen Abschied in der Winterpause gewertet. Die Tageszeitung "The Times" schrieb von "wachsenden Zweifeln" an der Zukunft Ballacks in London. Das Boulevardblatt "The Sun" fragte direkt: "Geht er? Ballacks Zukunft auf Messers Schneide." Und "The Star" titelte mit einem Wortspiel: "BALL-AXED" (Ballack hinausgeworfen).

Der Nobelclub aus dem Westen Londons will sich wohl die Möglichkeit offenhalten, den erst im Vorjahr vom FC Bayern München geholten - bei Chelsea aber nie unumstrittenen - Mittelfeldmann in der Winterpause an einen potenten Interessenten abzugeben. Dies ist zu deutlich besseren Konditionen möglich, wenn Ballack bis dahin international noch nicht zum Einsatz gekommen ist, da er nur dann für einen neuen Arbeitgeber auch noch im Europapokal spielen könnte. Vor Ablauf der Sommerwechselperiode Ende August hatte Real Madrid mit seinem deutschen Trainer Bernd Schuster Interesse bekundet. Eventuell könnte auch Ballack ein Interesse haben, nicht mehr für Chelsea in der Champions League zu spielen.

Champions-League-Einsätze Ballacks für Bierhoff "nicht wichtig"

Weder von Ballack noch von seinem Berater Michael Becker kam am Dienstag eine öffentliche Reaktion. Bei seinem Abschied aus München hatte Ballack betont, er habe extra den FC Chelsea ausgesucht, "um die Champions League zu gewinnen". Nun ist er unabhängig von seiner Genesung mindestens bis zum Jahreswechsel in der Königsklasse zum Zuschauen verurteilt - auch in den beiden Spielen gegen Schalke 04.

Bierhoff wollte die Lage Ballacks in London aber zunächst nicht dramatisieren. Für das Nationalteam zähle ohnehin nur die EM. "Für uns ist nicht so wichtig, dass er in der ersten Runde der Champions League spielt, sondern dass er fit wird. Wir sind guter Dinge, dass Michael Richtung EM wieder topfit ist", sagte er.

Comeback-Termin unklar

Der FC Chelsea meldete bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa) sogar nur 23 statt der möglichen 25 Akteure für seine sechs Vorrundenpartien. Der Club hat nur einen Spieler (Kapitän John Terry) statt der in den Uefa-Statuten geforderten drei Akteure in seinem prominent besetzten Kader, der schon zu Jugendzeiten für die "Blues" spielte.

Für Ballack geht die Leidenszeit in jedem Fall vorerst weiter. Durch Reha-Übungen in London und regelmäßigen Besuchen bei Leibarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München will der mit angeblich rund 130 000 Pfund (200 000 Euro) pro Woche entlohnte Profi wieder fit werden. Aussagen über einen Comeback-Termin meidet Ballack mittlerweile. Im Juni hatte er seine Rückkehr bereits für den Trainingsauftakt bei Chelsea vier Wochen später angekündigt, sich dann aber einer zweiten Operation unterziehen müssen und sich davon bis heute noch nicht komplett erholt.

Arne Richter und Klaus Bergmann/DPA

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