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Bayern München: Es brennt lichterloh

Die Bayern sind nach dem enttäuschenden Remis gegen Schalke auf den achten Tabellenplatz abgerutscht. Der Rekordmeister steckt in einer schweren Krise - endgültig. Vor dem Spiel attackierte Philipp Lahm die Club-Führung, Uli Hoeneß kündigte Konsequenzen an. Die Bayern stehen kurz vor der Explosion.

Von Sebastian Gierke, München

Im Spielertunnel, Sekunden vor dem Anpfiff dieses für den FC Bayern so bedeutenden Bundesligaspiels gegen den FC Schalke 04, drängelt Philipp Lahm durch seine Mannschaftskollegen nach vorne. Er drückt sich an seinen Mitspielern vorbei, tätschelte jeden freundschaftlich ab, die meisten tätscheln zurück. Sogar Anatoliy Tymoshchuk. Und auch Mark van Bommel. Alle Augen waren jetzt auf Philipp Lahm gerichtet. Denn Philipp Lahm hatte ein Interview gegeben, das in der Arena in Fröttmaning einschlug, wie eine Bombe. Dieses Interview, es wird die Bayern noch lange beschäftigen.

Dabei hätte es auch andere interessante Geschichten gegeben: Die Rückkehr von Felix Magath nach München, der in der vergangenen Saison, damals noch Trainer beim VfL Wolfsburg, mit einem 5:1 und einem Torwartwechsel den FC Ruhmreich demütigte. Es war der Anfang vom Ende der Ära Jürgen Klinsmann. Das magere 1:1 gegen Schalke könnte der Anfang vom Ende der Regentschaft Louis van Gaals in München sein.

Was Manager Uli Hoeneß nach dem Spiel sagte, muss für van Gaal bedrohlich klingen: "Wir werden in aller Ruhe bis Weihnachten abwarten. Und dann schauen was Sache ist." Im Klartext: Bei Bayern brennt es nach dem Beinahe-Aus in der Champions League und dem nicht gewonnen Heimspiel gegen Schalke lichterloh. Und Philipp Lahm könnte als Brandbeschleuniger fungieren.

Lahm analysiert schonungslos


Wieder einmal. Er hatte sich auch unter Klinsmann als erster mit heftiger Kritik zu Wort gemeldet. So wie jetzt vor dem Spiel gegen Schalke. In der "Süddeutschen Zeitung" zerlegte der Nationalspieler seinen FC Bayern in die Einzelteile, es war eine Generalabrechnung mit dem Verein, mit der Führung, mit seinen Mannschaftskollegen. Lahm schonungslos: "Ich glaube einfach, unser größtes Problem liegt im Mittelfeld. Man macht uns ja den Vorwurf, dass wir zu viel hinten herum spielen. Nur: Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann? Das passiert bei uns kaum." Ein böses Foul gegenüber seinen Mannschaftskollegen, vor allem gegenüber Anatoly Tymoshchuk und Kapitän van Bommel. Solche Sätze direkt vor einem wegweisenden Spiel, das braucht Mut, da muss sich sehr viel Unzufriedenheit, sehr viel Ärger, sehr viel Frust angesammelt haben. Und natürlich ist es eine Binse, dass solchen Worten Taten folgen müssen, sonst steht man schnell als Nestbeschmutzer da - und alleine.

Das Spiel beginnt, der erste Pass Lahms: zum Gegner. In der neunten Minute ließ sich der Nationalspieler auf seiner rechten Seite überlaufen. Doch dann steigerte sich Lahm - wie die gesamte Mannschaft. Der FC Bayern war die bessere Mannschaft, überlegen. Wieder einmal. Schon vor dem Spiel war viel von den Fehlervermeidungs-Bayern die Rede gewesen. Von einer Mannschaft, die jedes Spiel dominiert, die überragende Werte hat, was den Ballbesitz angeht, der aber im Spiel nach vorne der Mut fehlt, nichts gelingen mag. Ein Loch klaffe im Mittelfeld, ein Kreativloch. Van Bommel hatte gescherzt: "Wir spielen schneller als vergangene Saison." Kunstpause. "Schneller quer." Galgenhumor.

Tatsächlich hatte sich die Mannschaft etwas vorgenommen. Man konnte das Bemühen erkennen, schneller nach vorne zu spielen. Dennoch blieb vieles Stückwerk, meist wurden die Bälle einfach hoch vor geschlagen, die zündende Idee fehlte. Und so musste eine Standartsituation helfen. In der 31. Minute fiel Daniel van Buyten nach einem Freistoß der Ball vor die Füße, er musste nur noch einschieben. Die Freude währte nicht lang. Kurz vor der Halbzeit machte der Überraschungscoup Magaths, Joel Matip, ansonsten bei Schalkes A-Junioren am Ball, nach einem Freistoß den Ausgleich. Der 18-jährige Matip, der Mann des Tages auf Schalker Seite, sagte nach dem Spiel, er müsse am Montag wieder in die Schule. Dann schleppte er die Kiste mit den Fußballschuhen zum Bus. Den Bayern bleibt nichts erspart.

Affront von Toni gegen den Trainer


Das restliche Spiel, nichts Neues: Die Bayern waren überlegen, Ballbesitz 61 Prozent, erspielten sich auch ein paar Chancen. Vor allem die Hereinnahme von Arjen Robben brachte Schwung. Wieder einmal. Doch es reichte nicht, um noch ein Tor zu erzielen. Wieder einmal. Luca Toni, der für Robben in der Halbzeit ausgewechselt worden war, verließ gleich nach dem Duschen das Stadion. 51. Minute. Ein Affront gegen den Trainer, gegen den Verein, ein gewaltiger Aufreger. Eigentlich. Wäre da nicht Philip Lahm und dessen Interview gewesen.

Der FC Bayern ist in der Tabelle auf Rang acht abgerutscht. Das ist in München ein großes Problem. Doch auch ein strukturelles Problem wird immer offensichtlicher. Der Verein ist ein Fußballclub ohne Philosophie, ohne eine fußballerische Identität. In der ersten Halbzeit versuchte man es mit der Brechstange und einem 4-4-2-System. In der zweiten mit einem schöner anzuschauenden, aber ebenfalls uneffektiven 4-3-3.

Philipp Lahm hat das erkannt. Für ihn ist das das größte Problem beim FC Bayern. "Wenn man unsere Mannschaft mit anderen Topteams vergleicht, dann sind diese eben auf sieben, acht Positionen strategisch erstklassig besetzt - und das fehlt uns." Bayern fehle eine klare Philosophie. Im Spiel und bei den Transfers. Zwar habe der Verein ordentlich investiert - "aber ich glaube, in der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich. Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor - und dann kauft man Personal für dieses System. Man holt gezielt Spieler - und dann steht die Mannschaft." Deutlicher geht es nicht. Das geht gegen die Oberen. Doch die Oberen scheinen beim FC Bayern unangreifbar. Der Trainer nicht.

Und die Oberen werden das keinesfalls auf sich sitzen lassen. Er werde das Interview am Wochenende mal in aller Ruhe lesen, sagte Uli Hoeneß nach dem Spiel. Er sagte es ganz ruhig. Wenn Uli Hoeneß etwas so ruhig sagt, dann sollte man den Kopf einziehen, dann steht er kurz vor der Explosion. "Wir werden darüber in der nächsten Woche reden, in meinem Büro." Hoeneß lächelte, er lächelte grimmig. Es mache keinen Sinn jetzt Urteilssprüche abzugeben. Und dann: "Sie können sich sicher sein, dass er dieses Interview noch bedauern wird". Philipp Lahm jedenfalls drängelte nach dem Spiel nicht mehr nach vorne. Er tauchte ab.

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