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Bayern siegt im DFB-Pokalfinale: Die Nagelprobe des Pep Guardiola

Der Sieg der Bayern gegen Dortmund ist für Guardiola auch ein Triumph über die Zweifel im eigenen Klub. Mit einer tollkühnen Taktik zeigt er sich als gewiefter Analytiker - und leitet den Umbruch ein.

Von Mathias Schneider, Berlin

Da saß er nun, in der äußersten Ecke des großen Saals der Berliner Niederlassung der deutschen Telekom, es war natürlich spät geworden, 2:20 Uhr um genau zu sein. Ein Großteil seiner Spieler war bereits verschwunden, doch Pep Guardiola mochte jetzt nicht gehen. Er, der berühmteste Spanier in diesem Land, liebt die Nacht, selten sieht man ihn nach Partien zeitig aufbrechen, schon gar nicht nach Fußballspielen wie jenem im Olympiastadion zuvor, bei dem über nicht viel weniger als seine erste Saison in Deutschland gerichtet wurde.

So musste er das zumindest empfinden.

Nun kauerte er also auf einem Stuhl, die Tischordnung war einem fröhlichen Durcheinander gewichen. Seine älteste Tochter schmiegte sich an ihn. Immer wieder küsste Guardiola sie innig, drückte ihren Kopf an seine Brust. Es war ein berührender Moment. Lang und innig. Von großer Zärtlichkeit. Er, den sie alle Pep nennen und doch eher als Herr Guardiola denken, ist ja zunächst einmal Vater dreier Kinder. Wer ihn in solchen Momenten wie in den frühen Morgenstunden des Montags erlebt, der weiß, wo er einmal Trost finden wird, wenn seine Obsession für den Fußball in München nicht länger auf Gegenliebe stoßen wird.

Ein Trophäen-Trainer

Die Guardiolas haben ja von Anfang an einen Zirkel um sich gezogen in der Fremde. Die Familie und jene, die sie mit sich brachten, Assistenten und Berater, sie sind hier Heimat. Guardiola ist auch in dieser Hinsicht ganz Spanier. Also posierte er mit seinen Liebsten noch einmal gemeinsam zwischen den beiden Trophäen aus Meisterschaft und jenem DFB-Pokal, den seine Männer Stunden zuvor in einem Spiel auf des Messers Schneide errungen hatten. Mit Frauen und Kindern zwängten sie sich zwischen das glitzernde Mega-Service. Er ist ein Trophäen-Trainer, dieser Guardiola, da soll sich mal keiner täuschen von der sanften Hülle.

Sein erstes Jahr bei diesem seltsamen Stamm der Bayern, es ist damit Geschichte, und wie er da zuvor auf der Bühne stand und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge zuhörte, wie der ihn als Trainer mit "genialen Zügen" lobte, durfte man den Eindruck bekommen, dass er noch immer nicht recht weiß, wo er da hineingeraten ist.

Er hat alles mitgemacht, die Weißbierdusche nach der Meisterschaft, die Banketts nach jedem Champions-League-Auswärtsspiel. Er hat im Hoeneß-Prozess öffentlich das Richtige gesagt, den Patron gelobt, obgleich er bloß nicht in die Vereinspolitik hineingezogen werden wollte. Vor allem aber hat er die Stimmungsschwankungen ertragen in einem Verein, der auf Misserfolg noch immer fiebrig reagiert.

Bis zum Schluss hat er warten müssen, bis er sein Zeugnis ausgestellt bekam nach einem Spiel, das man diesmal mit gutem Recht als richtungsweisend bezeichnen kann. Der Widerhall einer Niederlage wäre bis nach Spanien zu hören gewesen. Der Pep, der kann nur Barca. Er will raus aus dieser Falle. Ein Triple-Gewinner ist da nicht der leichteste Start. Er konnte eigentlich nur verlieren. Auch deshalb sprach er danach von seiner bislang schwersten Saison.

Ein tollkühner Schachzug

Nachdem Guardiola auf Schienen durch Dreiviertel seiner ersten Bayern-Saison zu dampfen schien, brachte ihn zuletzt ausgerechnet die zu früh errungene Meisterschaft – auch das gibt es neuerdings – ein wenig aus der Balance. Er ist ja noch ein blutjunger Trainer, man vergisst das gern. Immer mehr Kompromisse ging er mit seinem Personal ein. Er hat seiner Elf viel Raum gelassen in den vergangenen Wochen, sein System drohte zu verwässern. Er gab den Bedenken zahlreicher Führungsspieler Raum, die im Rückspiel des Champions-League-Halbfinales gegen Real Madrid eine sanfte Rückkehr zu den alten Bayern unter Jupp Heynckes anregten. Schnell nach vorn nach Ballgewinn, das wollten Männer wie Schweinsteiger. Es folgte ein 0:4, das sich nach der Partie von Berlin noch als heilsame Investition in Guardiolas Zukunft herausstellen könnte.

Denn Berlin, das war auch ein Spiel gegen die eigene Elf: Diesmal machen wir es wieder auf meine Art, das verriet Guardiolas Taktik und Aufstellung. Mit einer Dreierkette ließ er verteidigen, es war ein tollkühner Schachzug in einem Sport, der gewöhnlich gerade in der Defensive auf eingespielte Abläufe vertraut. Am Ende avancierte Martinez als zentrales Glied zwischen Boateng und Dante zum besten Mann auf dem Platz. Im Mittelfeld spielte Götze zwischenzeitlich einen passablen defensiven Mittelfeldspieler und Toni Kroos kann tatsächlich nicht nur wunderbare Pässe spielen. Er kann auch laufen, bis zur totalen Erschöpfung sogar.

Selten präsentierten sich die Bayern so positionstreu wie gegen Dortmund. Kaum einmal fand der BVB einen Weg durch das Netz, das Guardiola mit seiner Angriffsverteidigung immer wieder über ihn warf. Es war ein großer Sieg. Gerade wegen Guardiolas zahlreicher Rochaden, erzwungen durch Verletzungen. Der Sieg stärkte seine Glaubwürdigkeit ungemein, auch in der eigenen Elf, in der er gegen die Vergangenheit seines Vorgängers noch immer antrainieren muss. Nicht jeder versteht bis heute, dass eine Taktik, die doch so vorzüglich trug im Vorjahr, nicht mehr gut genug sein soll.

Die Transformation ist im Gange

Das Triple, so richtig war es erst gestern Abend Geschichte. Die alten Pfründe, sie zählen ab sofort nicht mehr, und man darf gespannt sein, was das für die Zukunft von Spielern wie Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger oder Dante bedeutet. Ja, selbst der geborene Vertikalspieler Thomas Müller wird sich umstellen müssen. Der Kroate Mario Mandzukic, zuletzt mal wieder durch lustloses Training aufgefallen, darf getrost schon gestrichen werden.

Guardiola wird diesen Kader zu seinem Kader machen. Nur wenn Männer wie Franck Ribery sich noch einmal neu erfinden, werden sie auch in Zukunft ihren Platz finden. Der Stamm der Bayern, er erfindet sich gerade wieder einmal neu. Ein Katalane leitet diesmal die Transformation.

Nicht die schlechteste Voraussetzung.

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