Berti Vogts Eisenmann in heikler Mission


Nigeria, ein Land im Chaos, hat Berti Vogts als Trainer des Nationalteams angeheuert. Er soll Ernsthaftigkeit einführen - ausgerechnet jene Haltung, für die er in Deutschland ein halbes Leben lang gehänselt wurde.
Von Marc Bielefeld

Als Berti Vogts kurz das Hotel verlässt, springt ihm Lagos entgegen, 35 Grad im Schatten. Auf der Straße laufen Frauen, die Maniokblätter, Kerosinkanister und Berge von Wassertüten auf den Köpfen balancieren. Vogts geht schnell, Blick nach unten, ihm rinnt Schweiß von der Stirn. Zwischen rotzenden Autos steht ein Straßenverkäufer und streckt einen Stapel Zeitungen in die Luft. Die Schlagzeilen an diesem 20. März 2007 verkünden die Ankunft eines deutschen Trios in Nigeria, Westafrika; es besteht aus Hans-Hubert Vogts, Thomas Häßler und Uli Stein.

Vogts stellt sich für ein Foto mit der Presse auf. Ein Lächeln arbeitet sich über sein Gesicht, es verschwindet blitzschnell wieder. Vogts sagt: "So, das war’s jetzt aber." Dann geht die neue Hoffnung Nigerias zurück ins Hotel.

Ziegenfleisch über brennenden Fässern

Das Land im Chaos, brennende Pipelines, Bandenkriege, ein Sumpf der Korruption, es träumt von neuen Siegen, wenigstens auf dem Rasen. Nigeria, fußballverrückt, setzt nun auf Berti Vogts, 60, einst Bundestrainer und seit März Coach der "Super Eagles", der Superadler. Die Ziele: Triumphe bei den nächsten beiden Afrika-Cups und die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika. Nigeria will zurück auf die Weltbühne des Fußballs. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, als das Trio nach Abeokuta aufbricht, 150 Kilometer ins Landesinnere, ins tiefe Schwarzafrika. Mit Ex-Nationaltorhüter Stein und Häßler, Weltmeister von 1990, wird Vogts das Team auf ein Spiel gegen Uganda vorbereiten. Das Trio setzt sich in einen grünen Geländewagen, sie fahren im Konvoi, unter Dauer-Warnblinklicht und mit Security- Leuten. Häßler, 1,66 Meter groß, ist ein freundlicher Mensch, der Angst vorm Fliegen hat, beim Frühstück hatte er noch gefragt, ob man in Nigeria mit Englisch durchkomme und ob das Land gefährlich sei. Stein kommentiert so etwas mit fester Stimme. Stein ist ein großer Mann, den wenige bis keine Zweifel zu plagen scheinen, er sagt: "Afrika ist Afrika." Am Sagamu- Highway ziehen Slums vorbei, kilometerweit Müllhalden, in denen Menschen wühlen. Neben der Straße liegen ausgebrannte Tanklastwagen, Händler verkaufen Ziegenfleisch, das über brennenden Ölfässern gegrillt wird.

Nach zwei Stunden Fahrt das "Continental Suites" in Abeokuta. Vor dem Hotel stehen Polizisten der NPF, Nigerian Police Force, sie tragen Schlagstöcke und AK-47- Sturmgewehre. Eine Traube Fans wuselt am Tor, streckt kreischend die Hände durch die Gitterstäbe, "Mister Wogs! Mister Wogs!" Die Hoffnung Nigerias winkt nicht, lacht nicht, scherzt nicht. Ab ins Hotel. Sechs Tage hat er noch vor sich. Am Mittag stellen sich die drei zum ersten Mal den landesweiten Medien. Die Deutschen wirken gerädert, die Fahrt von Lagos war nicht ohne, im Hotel fiel prompt der Strom aus. Häßler inspiziert vorsichtig den kahlen Raum, Stein schreitet mit großem Brustkasten an den Reportern vorbei. In den Gesichtern steht: Hinsetzen. Antworten. Hinter uns bringen.

Das Mikro fiept, krächzt, fällt aus. Vogts redet stoisch weiter, kein Schlenker, kein Zwinkern. Sein Berater Emeka Ezeala, der gut Deutsch kann, ist immer an seiner Seite, über seine Agentur wurde der Trainerdeal eingefädelt. Vogts spricht von Top- Spielern im Team, es sei viel zu tun, und er werde sehr, sehr fordernd sein. Bei der nächsten Frage fliegt ein Lächeln über seinen Mund. "Ja, das afrikanische Essen ist gut. Und das Bier werde ich auch probieren. Aber erst nach dem Spiel gegen Uganda." Einige Reporter lachen bemüht.

"Böörti im Dschungel"

Es soll einfach nicht sein, das mit der Leichtigkeit. Denn da sitzt immer noch er, der Zäheste der Zähen, der Sohn eines Schuhmachers, der im Alter von zwölf Jahren beide Eltern verlor, der sich als Messdiener, Fanfarenbläser und Kegelaufsteller durchbiss, Werkzeugmacher lernte, der Fußball stets arbeitete, 1974 Weltmeister wurde und den Beckenbauer sicherlich den besten Verteidiger der Welt nannte. Die von vielen verlangte Verwandlung zum schmissigen Typ hat nie geklappt. In deutschen Köpfen ist und bleibt Vogts der biedere Bundes-Berti, als sei es ein Manko, sich nicht zum Entertainer verwandeln zu können, verwandeln zu wollen.

Das Kuriose ist, dass Vogts ausgerechnet in Nigeria gelandet ist, einem Land, in dem von ihm exakt das erwartet wird, womit er in Deutschland jüngst mal wieder für Raab’schen Flachsinn herhalten musste, unser "Böörti im Dschungel". Dabei soll Vogts nun in Afrika damit punkten, wofür er ein halbes Leben lang gehänselt wurde: Bodenständigkeit, Ernsthaftigkeit, Ordnungsliebe. Kaum war Vogts nominiert, geriet das Wort "Disziplin" in den lokalen Medien zur Hoffnungsparole: "Die deutsche Legende besteht auf Disziplin und Ordnung."

Beine wie Eisenpoller

Nigeria will keinen telegenen Fußballkasper. Es will harte Arbeit und Siege. Dabei beherrscht Vogts durchaus auch mal ein Späßchen. Nach der Pressekonferenz schiebt sich Bolaji Ojo-Oba, der Generalsekretär des nigerianischen Fußballbunds, an Vogts heran. Bolaji ist ein üppiger Mann, ausladend, mächtig. Vogts legt sich wie ein Stofftier in dessen Arme, lacht sehr laut und sagt: "Dies ist übrigens mein Boss. Dies ist mein neuer Calli Calmund." Die Ähnlichkeit mit dem Ex-Manager von Bayer Leverkusen ist in der Tat da, ansatzweise.

Am nächsten Morgen das erste Training im MKO Abiola Stadium, einem besseren Schotterplatz, Vogts trägt grün-weißes Outfit, Käppi, Schirm im Nacken. Die Spieler stellen sich im Kreis auf, Muslime, Christen, sie beten zusammen. Vogts hält Abstand, er weiß um die Rituale, er respektiert sie. Danach leichtes Training, die Spieler schießen Flanken, dribbeln. Vogts steht mit verschränkten Armen und durchgedrückten O-Beinen auf dem Platz. Er hat sie noch immer, diese Beine wie Eisenpoller. Genauso stand er schon als Bundestrainer auf dem Platz, in Leverkusen und Schottland. Er ist wieder im Geschäft, das erste Mal seit 2004.

Machtgeschiebe und mittdendrin Fußball

Auf dem Platz wird kaum gelacht, und spätestens jetzt stirbt jedes Klischee vom fröhlichen afrikanischen Fußball. Die Spieler sind ernsthaft dabei, allesamt Profis aus den ersten europäischen Ligen. Torwartcoach Stein lässt hüpfen, Assistent Häßler verteilt Hütchen auf dem Rasen und kickt später selbst mit. Gelegentlich klappt Vogts seinen rechten Arm aus - geh da rüber! Da hinten ist die Lücke! -, dann fährt er ihn wieder ein. Sein Gesicht scheint in diesen Tagen wie in Fels gehauen. "Ich habe selten so viele gute Spieler auf einem Haufen gesehen", wird Häßler danach sagen, "die Mannschaft könnte in der deutschen Bundesliga locker auf den ersten drei Plätzen spielen." Da ist der 20-jährige Mikel Obi von Chelsea, Nwankwo Kanu vom FC Portsmouth oder Christian Obodo von Udinese. Hochtalentierte Spieler, kaum einer älter als Mitte zwanzig. Nigerias Nationalteam gilt als eines der besten des schwarzen Kontinents. Vogts soll nun bringen, was zuletzt fehlte: Struktur, geregeltes Training, Zusammenhalt.

Doch nicht immer klappen die Dinge in Afrika, wie man sie plant. Winfried Schäfer, drei Jahre Trainer von Kamerun, sagte, nachdem man ihn 2004 entlassen hatte: "Die Funktionäre tragen ihre Machtkämpfe auf den Rücken der Spieler und Trainer aus." Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und steckt voller Öl. Seit 1960 haben Staatschefs und ihre Vasallen 600 Milliarden Dollar auf ausländische Konten gescheffelt, während ein Großteil der Bevölkerung weniger als einen Dollar am Tag verdient. Ein Massendarben unter sengender Sonne. Im Süden verbreitet die Terrororganisation Mend Angst und Schrecken. Mitarbeiter westlicher Ölfirmen wurden verschleppt, erpresst, getötet. Voriges Wochenende standen die Wahlen an. Zuvor schon war das Machtgeschiebe losgegangen, Präsident Olusegun Obasanjo muss sein Amt nach zwei Perioden abgeben, versucht aber durch die Aufstellung treuer Mitstreiter, um jeden Preis seinen Einfluss zu wahren. Und der Fußball mittendrin.

"Sie werden das Glück brauchen"

Vogts musste beim Präsidenten antreten, Fotos mit dem Trainerstar machten sich gut kurz vor den Wahlen. Das Spiel gegen Uganda wurde kurzerhand nach Abeokuta verlegt, obwohl Vogts dagegen war - Abeokuta ist ein Provinznest mit brüchigem Stadion. Der ansässige Gouverneur, Otuba Gbenga Danie, hatte dem Verband jedoch viel Geld bezahlt. Nicht nur auf großen Plakaten im Stadion, auch auf dem frisch gespritzten Spielerbus steht hinten das Kürzel des Gouverneurs: "OGD Boys". Das wäre in etwa so, als prangte auf dem DFB-Bus "Merkels Jungs". Der Trainer von Uganda, der Deutsch- Ungar Csaba Laszlo, kennt solche Verhältnisse. "Nigeria ist ein hartes Land", sagt er, Fußball komme hier einem Krieg gleich. "Falls wir gewinnen, muss uns Militär außer Landes bringen." Laszlo erzählt von nigerianischen Trainern, denen Waffengewalt angedroht wurde, weil sie bestimmte Spieler nicht aufstellen wollten.

Die Zeitung "Soccer Star" wandte sich schon in einem offenen Brief an Vogts. Er solle sich von den Lobreden nicht täuschen lassen, neun seiner Vorgänger seien auch so empfangen worden. "Lieber Berti", beginnt der Autor, "zu sagen, dass der Job, der Ihnen übertragen wurde, ein giftiger Kelch ist, ist eine Untertreibung. Ich wünsche Ihnen alles Glück in diesem neuen Abenteuer. Sie werden es brauchen."

"Noch chaotischer als Mittelamerika"

Das Spiel gegen Uganda findet an einem Samstag um sechs Uhr abends statt. Um drei ist das Stadion belagert. Vor dem Tor stehen NPF-Polizisten, bewaffnet mit Dachlatten, Schlagstöcken und Peitschen aus geflochtenem Ziegenhaar. Die Menge kommt näher. Zwanzigtausend hungrige schwarze Gesichter, die Fußball wollen und die 200 Naira, 1,20 Euro, für den Eintritt nicht zahlen können. Ein Raunen geht durch die Masse, zwei der Polizisten schlagen zu, um die Fans davon abzuhalten, das Stadion zu stürmen. Sandalen segeln durch die Luft, drei Mann fliegen in den Rinnstein. Dann kommt der Bus mit dem Team und quetscht sich durch die Masse.

Das deutsche Trio sitzt in der ersten Reihe. Regungslose Gesichter. Die Fans hängen sich an die Fenster des Busses, klettern sich gegenseitig auf die Schultern, Büschel von Armen greifen nach den Spielern, schreiend, jubelnd, brüllend. Häßler wird später sagen, dass er selten so eine fanatische Stimmung erlebt habe. Stein, mit New-Wave-Frisur, weltmännisch: "Noch chaotischer als Mittelamerika."

Kämpfe ums Öl

Das Spiel verläuft ruhig, unspektakulär, die Presse wird am nächsten Tag vom Auftritt zweier Schülermannschaften schreiben. Vogts' Superadler gewinnen 1:0. Der Trainer trägt Oberhemd, als er nach dem Spiel vor die Presse tritt. Der Raum ist eng, proppevoll, stehende Luft. Vogts spricht nüchtern von einer mäßigen Leistung, einer etwas besseren zweiten Halbzeit, das übliche Fußballgeplänkel. Danach ab in den Bus. Keine Autogramme, kein Winken zu den Fans. Nur weg. Man muss sich fragen, warum er den Job macht, er, der als Fußballspieler fast alles erreicht hat und als Trainer 1996 Europameister wurde. 50 000 Euro soll Vogts im Monat einstreichen, in diesem Geschäft keine sehr hohe Summe. Da ist gewiss sein Fernweh. Vogts reiste schon immer gern. Weit weg, weg von Deutschland, weg von aller Kleinbürgerlichkeit. Alaska, Neuseeland, Himalaya, USA, mehrfach Afrika, viel mit Zelt und Wohnmobil. Er erzählt von Berggorillas in Ruanda, Safaris, seinen Zeiten in Schottland und Kuwait. Seine Stimme kann dabei gelegentlich weich werden. Aber sie tut es selten. Vogts ist noch immer Defensivspieler. Der Journalist Roger Willemsen schrieb, lange vor der Ära Klinsmann, Vogts sei der "bei weitem kosmopolitischste Bundestrainer der deutschen Fußballgeschichte" und widerspreche völlig dem kleinformatigen Bild, das lange von ihm im Umlauf war. Ein Urteil, das bis heute Spott erntet.

Vogts nun im tiefen Afrika, warum? Zurück in Lagos, sitzt der Trainer im "Sheraton", er redet abgeklärt. "Ich habe fünf Monate nachgedacht und abgewogen, und dann fällt letztlich so eine Entscheidung, weil man fußballverrückt ist." Die Herausforderung, er sagt das dreimal, bestehe darin, mit "diesen tollen Spielern zu arbeiten". Mehr kommt da nicht. Dabei weiß Vogts um die Probleme des Landes, weiß um die verseuchten Regionen, die Kämpfe ums Öl, er kennt die Höhe der veruntreuten Gelder, er sagt: "Ich will hier nicht den Friedensnobelpreis gewinnen. Ich will mit der Mannschaft etwas erreichen."

Fußball, die unendliche Geschichte

Sieben Tage wird er im Land sein. Dann fliegt er zurück, die meisten Trainingscamps werden in Europa stattfinden. Da, wo die Spieler angestellt sind. Vogts hat im Fußball viel gesehen, viel gelitten. Große Erfolge, Schlammschlachten, Hohn. Viele Leute würden zu schnell urteilen, über Menschen, über Afrika, man dürfe nicht alles gleich mit Steinen bewerfen. Was würde man denn schon begreifen, wenn man hier ein, zwei Wochen verbringe? Wenn Vogts von seinem neuen Job spricht, ist es, als dränge ihn ein innerer Kompass immer wieder zu seinem ewigen Thema zurück: Fußball. Er sagt, dass er sich hier um fast alles kümmern müsse, die Essenspläne, wann die Spieler aufstünden, ob genügend Bälle da seien, wie die Trikots aufgehängt würden. Er fühle sich in seine Jugendarbeit zurückversetzt, "wie damals beim DFB".

Vogts, der Mann aus dem kleinen Büttgen, sitzt in einem großen Sofa, und dann, ohne auf eine bestimmte Frage zu antworten, sagt er noch: "Es ist, als wäre ich wieder bei den Wurzeln angelangt. Ich komme vom Straßenfußball. Fußball ist für mich eine unendliche Geschichte." Das Kapitel Nigeria hat gerade erst begonnen.

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