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Bremen vs. Bayern: Moral trifft auf Unvermögen

In einem streckenweise hochklassigen Spiel haben sich die beiden schlechtesten Teams der Rückrunde, Werder und Bayern, mit einem torlosen Remis getrennt. Für die Münchner eine gefühlte Niederlage, standen sie doch über 75 Minuten lang mit einem Mann mehr auf dem Platz.

Von Klaus Bellstedt, Bremen

Werder-Trainer Thomas Schaaf vertraute im Duell der beiden schlechtesten Teams der Rückrunde den elf Eurofightern, die unter der Woche im Uefa-Pokal überraschend den AC Milan aus dem Wettbewerb befördert hatten. Kapitän Frank Baumann blieb also zunächst auf der Bank, die Binde trug ein anderer wichtiger Leader der Grün-Weißen - Torsten Frings. Auf der anderen Seite musste Bayern Coach Jürgen Klinsmann eine ganze Reihe von Änderungen in seiner Aufstellung vornehmen, aber auch in taktischer Hinsicht traten die Bayern anders als gewohnt auf. Der verletzte Luca Toni konnte ebenso wenig am Nord-Süd-Schlager teilnehmen wie Außenverteidiger Philipp Lahm. Miroslav Klose wurde überraschend als einzige Spitze aufgestellt - ein deutliches Zeichen für die neue Defensivtaktik beim deutschen Rekordmeister. Außerdem rückten der Ex-Bremer Tim Borowski und auch Hamit Altintop in die Anfangsformation.

Die Partie der Enttäuschten im natürlich ausverkauften Weserstadion begann flott. Nicht einmal zwei Minuten waren gespielt, als Bayern-Stürmer Miroslav Klose nach einem Ballverlust der Bremer im Mittelfeld plötzlich allein auf Torwart Christian Vander zulief, Per Mertesacker aber in letzter Sekunde noch einen Fuß vor den Ball bekam. Die Hausherren hatten praktisch mit dem Gegenzug die passende Antwort parat, als Mesut Özil nach einem Pass von Diego erst Oddo vernaschte, im Abschluss aber an Michael Rensing scheiterte, der die Kugel an den Pfosten lenkte, von wo aus sie parallel zur Torlinie ins Aus trudelte.

Vander wächst über sich hinaus

Das Spiel wog hin und her, beide Teams legten ein hohes Tempo vor. Nach sieben Minuten folgte der nächste Aufreger: Dieses Mal war es Altintop, der im Eins-gegen-Eins-Duell mit Werder-Torwart Vander Nerven zeigte, es blieb beim 0:0. 15 Minuten waren gespielt, als sich die vielleicht entscheidende Szene dieses Matches ereignete. Schweinsteiger wurde auf die Reise geschickt, Naldo - letzter Mann bei den Bremern - foulte den Mittelfeldakteur in höchster Not an der Strafraumgrenze. Schiedsrichter Manuel Gräfe blieb keine andere Wahl, als den Brasilianer vom Platz zu stellen. Thomas Schaaf reagierte sofort und "opferte" Stürmer Almeida für den defensiven Sebastian Boenisch. Die Bayern hatten spätestens zu diesem Zeitpunkt das Kommando an der Weser übernommen, ihre Angriffe wirkten stets brandgefährlich, das 0:0 schmeichelte zu diesem Zeitpunkt den Bremern.

Aber wie so oft im Fußball, wenn eine Mannschaft plötzlich nur noch zu zehnt auf dem Platz steht, man rückte bei Werder zusammen und fand über den Kampf zurück in die Partie. Werder fightete und kam - angetrieben von Diego - sogar zu einigen Entlastungsangriffen, die Bayern rannten an. Ribery und Altintop, aber auch der starke Schweinsteiger lenkten in dieser Phase kurz vor der Halbzeit das Spiel der Gäste, die wegen ihrer deutlicheren Chancen eigentlich längst hätten führen müssen. So vergab vier Minuten vor dem Halbzeitpfiff ausgerechnet der Ex-Bremer Tim Borowski mit einer Direktabnahme das 1:0 für den FCB - Vander klärte im Stile eines Handballtorwarts. So blieb es zur Pause in einem spannenden Match beim torlosen Remis.

Bayern mit müden Beinen

Etwas überraschend brachte Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann nach dem Wechsel mit Lukas Podolski doch noch einen zusätzlichen Stürmer, Schweinsteiger musste für den Bald-Kölner weichen. München drückte in der zweiten Hälfte sofort wieder aufs Tempo uns versuchte wie beim Eishockeyspiel in Überzahl, eine Art Powerplay aufzuziehen. Dreh- und Angelpunkt: Franck Ribery, über den fast ausnahmslos jeder Angriff eingeleitet wurde. Aber noch hielt das grün-weiße Abwehrbollwerk. Der Grieche Alexandros Tsiolis setzte mit einem gefährlichen Distanzschuss in der 59. Minute sogar einen Akzent für Werder in der Offensive.

In der Folgezeit verflachte die Partie, Werder Bremen beschränkte sich verständlicherweise auf Abwehrarbeit und Spielzerstörung, und die Bayern fanden einfach kein probates Mittel, um den massiven grün-weißen Riegel rund um den Strafraum zu knacken. Mitte der zweiten Hälfte merkte man beiden Teams zudem an, dass sie unter der Woche Europapokalauftritte bestritten hatten - die Kräfte ließen nach.

Wie aus dem Nichts dann die Riesen-Chance für Werder auf die Führung, als Claudio Pizarro nach einem Freistoß des eingewechselten Jensen doch tatsächlich das Kunststück fertig brachte und völlig freistehend aus kurzer Distanz den Ball um Zentimeter am linken Pfosten vorbei ins Aus beförderte (72.). Bremen witterte plötzlich Morgenluft, sollte hier und heute in Unterzahl vielleicht doch noch was gehen? Diego schwang sich mehr und mehr dazu auf, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Immer wieder zog der Brasilianer geschickt zwei Leute auf sich und holte Freistöße heraus. Auf der gegen über liegenden Seite war es Bayerns Ze Roberto, der kurze Zeit später den glänzenden Vander zu einer weiteren Glanztat zwang. Das Match ging in die Schlussphase.

Ein Punkt zu wenig für die Bayern

Bei den Bayern ging nun komischerweise nicht mehr viel zusammen, das Team hatte der Bissigkeit der zehn Bremer Kämpfer nichts entgegenzusetzen, und so erspielte sich die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf in den letzten Minuten sogar noch ein kleines optisches Übergewicht, allerdings ohne sich weitere nennenswerte Chancen herauszuarbeiten. Am Ende blieb es in einem phasenweise hochklassigen und jederzeit spannenden Spiel beim 0:0-Unentschieden. Viel zu wenig für den FC Bayern, wenn man bedankt, dass der Meisterschaftsfavorit über 75 Minuten in Bremen mit einem Mann mehr auf dem Platz stand. Für Werder war es trotz des einen Punktes ein Sieg der Moral, der für die kommenden schweren Wochen Auftrieb geben sollte. Die Bayern scheiterten - wie so oft schon in dieser Saison - am eigenen Unvermögen.

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