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Bundesliga-Kommentar: Die verkehrte Liga

Oben pfui, unten hui: Während die Spitzenvereine um die Wette schwächeln, herrscht Hochspannung im Tabellenkeller. Zehn Teams kämpfen ums Überleben in der ersten Liga - darunter ein Traditionsclub, bei dem desaströse Fehler gemacht wurden.

Von Nico Stankewitz

Neun Spieltage vor dem Ende der Saison scheint alles gerichtet. Vier Mannschaften kämpfen um die Meisterschaft, vier Mannschaften um Uefa- und UI-Cup und zehn Mannschaften gegen den Abstieg. Moment: Zehn? Ja, der Tabellenneunte Aachen liegt nur drei Punkte vor dem 16. aus Frankfurt auf dem ersten Abstiegsrang. Soviel Existenzangst gab es noch nie in der Liga und zur Freude der neutralen Fans gibt es kein Niemandsland in der Tabelle mehr - jetzt geht es für jede Mannschaft der Liga um alles.

Das Abstiegsgespenst ist in dieser Saison zu einer richtig einflussreichen Figur geworden, und das liegt an den vergangenen Wochen. Beim Betrachten der Rückrundentabelle fällt auf, das viele der im Moment erfolgreichen Mannschaften zu den großen Verlierern der Vorrunde gehören. Die Konsequenz: Der Abstiegskampf ist spannend wie nie, nur sechs Punkte trennen den Tabellenletzten von Platz Neun. Mittendrin stecken Vereine mit teuren, aufgeblähten Kadern, die mit ganz anderen Zielen in die Saison gegangen waren, wie der HSV und Wolfsburg.

Der Absturz - Dortmund im freien Fall

Spätestens nach dem 0:2 in Bochum steckt auch ein anderer Traditionsclub mitten im Abstiegskampf. Bei Borussia Dortmund hat nach der Sanierung das Duo Watzke/Zorc nahezu alles falsch gemacht. Trotz des phasenweise erfrischenden Fußballs der Vorsaison zerrüttete sich das Verhältnis zum holländischen Coach Bert van Marwijk in Rekordzeit und führte zu dessen möglicherweise übereilten Ablösung durch Jürgen Röber. Röber soll allerdings nur bis zum Saisonende den Stall bewachen, wenn mit Thomas von Heesen der Wunschkandidat der Dortmunder Führung übernehmen soll - ein Drahtseilakt, der nebenbei auch die Nachbarn aus Bielefeld völlig aus dem Tritt brachte.

Röber ist gescheitert

Jetzt steht Röber im Abstiegskampf vor dem Rauswurf, aber von Heesen wohl nicht mehr zur Verfügung - und der BVB endgültig vor dem Scherbenhaufen seiner Trainerpolitik. Als Nachfolger für Röber werden nun die vor einigen Wochen entlassenen Felix Magath und Thomas Doll gehandelt. Aber ob einer dieser beiden sich den Job beim BVB in dieser Saison antut? Die Fehler der Vergangenheit wird man in dieser Saison nicht mehr nachhaltig korrigieren können.

Die Personalpolitik hat bei dem erheblichen Umbruch im Sommer von den vier namhaften Neuverpflichtungen beim BVB mit dem Schweizer Alexander Frei nur einen Treffer hervorgebracht, der aus Rennes gekommene Stürmer hat sich nach Anlaufproblemen zu einem der profiliertesten Bundesliga-Torjäger entwickelt. Die anderen drei Neuen sind bisher Flops: Der Südafrikaner Steven Pienaar konnte nicht ansatzweise in die Rolle von Tomas Rosicky schlüpfen, der Brasilianer Tinga ist ein reiner Mitläufer und Nelson Valdez bleibt auch nach dem 25. Spieltag torlos (!) in der Liga - eine desaströse Bilanz. Der überbezahlten Truppe fehlen Führungsfiguren, Qualität, Tempo und Ideen - vom UEFA-Cup ist Dortmund derzeit viel weiter entfernt, als es die Tabelle aussagt.

Stagnation an der Spitze

So dramatisch wie die Situation im Tabellenkeller ist, so langweilig ist es an der Tabellenspitze. Keiner der vier Meisterschaftsanwärter konnte gewinnen, die Ausgangsposition ist die gleiche wie vor Wochenfrist. Zudem schwächeln alle vier sich durch die Rückrunde, bisher hat kein Kandidat ernsthafte Ansprüche auf den Titel untermauern können. Die Bundesliga 2007: Oben pfui - unten hui... zumindest bis zum nächsten Spieltag!

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